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Wild Beasts haben viele harte Entscheidungen getroffen

Wild Beasts haben sich für ihr neues Album richtig viel Zeit genommen, vor allem fürs Aussortieren. Der Aufwand hat sich gelohnt, ‚Present Tense‘ ist schon früh ein Highlight des Jahres.
21.2.14

Bei den Wild Beasts läuft einiges irgendwie andersherum und gerade deswegen offensichtlich richtig. Hinter dem aggressiven Bandnamen versteckt sich nichts Hartes, sondern schlichter und schöner Falsetto Gesang. Was die Wild Beasts als Grenze zwischen Scheiße und genial wahrnehmen, ist im Grunde nur die perfekte Balance auf dem schmalen Grat zwischen Pop und Indierock und wo andere Bands, die lange im Geschäft sind, nur noch von früher schwärmen und den baldigen Untergang der kompletten Musikindustrie entgegenblicken, gibt es für die englische Band keinen besseren Zeitpunkt für Musiker als jetzt, Present Tense eben.

Und auch die Zukunft sieht rosig aus. Zum Beispiel erscheint heute nach drei Jahren, das neue Album der Wild Beasts, Present Tense eben. Wir haben mit Tom Fleming und Hayden Thorpe über den langwierigen Entstehungsprozess von Present Tense gesprochen, aber auch über die Verschiebungen der Aufgaben, denen Künstler in einer Geschäftswelt, die die Musikindustrie nun einmal ist, gegenüberstehen. Das Gespräch entspricht so ziemlich dem musikalischen Output der Jungs: nüchtern, intelligent und trotzdem optimistisch. Deswegen haben wir das Interview auch einfach mal kein bisschen gekürzt.

Noisey: Euer neues Album kommt heute raus. Ihr habt euch dafür länger Zeit genommen als für eure anderen Alben.
Tom: Wir haben insgesamt 18 Monate daran gearbeitet. Das ist viel länger als sonst bei uns üblich. An Smoother haben wir 6 Wochen geschrieben und es in 2 Wochen aufgenommen. Wenn man so lange an etwas arbeitet, läuft man Gefahr zu viel zu denken, man wird befangen, und befangen zu sein ist der größte Feind der kreativen Arbeit.

War das so geplant, dass ihr euch lange Zeit nehmt?
Hayden: Eigentlich wollten wir uns nur ein halbes Jahr Zeit nehmen. Wir brauchten unbedingt eine Auszeit. Davor waren wir ungefähr 4 Jahre auf Tour und wären beinahe durchgedreht. Es hat dann aber doch länger gedauert als wir gedacht haben. Wir hatten so viele Ideen, so viel Stoff. Wir sind eine Band, die eher Sachen aussortiert, als sie hinzuzufügen. Das hat am längsten gedauert. Alles sollte so simpel wie möglich sein.
Tom: Wir haben das Album auch langsam angefangen und was man langsam anfängt, muss man auch langsam zu Ende bringen. Es ergibt keinen Sinn am Ende zu hetzen.

Ich finde, man kann das hören. Euer neues Album bringt es mehr auf den Punkt, es ist schlichter.
Tom: Danke. Das ist genau wo wir hinwollen. Das letzte Album hatte viele Texturen und Schichten. Es war ein sehr weiches Album.
Hayden: Ja, Smoother war sehr nebelig und fragil, jetzt ist alles klarer.

Wenn ihr euch mehr Zeit nehmt, bleibt am Ende weniger, und wenn ihr weniger Zeit habt, kommt dabei quantitativ mehr heraus.
Tom: Ja, das ist seltsam, aber je mehr Zeit man hat, desto eher merkt man, was überflüssig ist. Vieles ist nur dekorativ und lenkt von dem, was du eigentlich aussagen willst, ab. Gerade wenn man zu viert arbeitet, muss man viele Entscheidungen treffen. Dabei muss man höllisch aufpassen. Der Grat zwischen genial und beschissen ist schmal.

Also seid ihr alle im gleichen Maße an der Entstehung beteiligt.
Hayden: Man muss seine Fähigkeiten ständig ausbauen. Es gab vielleicht mal eine Zeit, in der man einfach nur der Bassist sein konnte, aber das ist vorbei. Wenn du professioneller Musiker bist, musst du ein paar Instrumente spielen, schreiben, produzieren und mit Videos und dem Artwork umgehen können. Du musst überall mit anpacken. Das ist absolut notwendig, vor allem wenn man noch nicht in der Lage ist, andere für so etwas zu bezahlen.

Ich finde es gut, wenn Bands ihr Konzept selbst umsetzen, das ja weit mehr Output als CDs und Konzerte umfasst. Wer alles aus der Hand gibt setzt seine Authentizität aufs Spiel.
Hayden: Ja, es ist nicht leicht die Kontrolle über alles zu behalten, man muss die Sachen manchmal einfach so hinnehmen, wie sie sind. Nur bei unseren Live Gigs haben wir die absolute Kontrolle. Wir wollen unbedingt, dass die richtig, richtig gut sind und das liegt auch in unserer Kraft. Anders als die Anzahl der Twitter-Follower oder so.

Euer Twitter Account ist ziemlich witzig.
Tom: Twitter ist der einzige Social Media Kanal, der direkt zu uns führt. Er zeigt wirklich, was uns gerade beschäftigt.
Hayden: Twitter ist sehr stark, weil es auf Humor und Intelligenz ankommt, anders als beispielsweise Fotos.
Tom: Ich würde niemandem folgen, der versucht, mir etwas zu verkaufen. Es gibt genügend Kanäle um Werbung zu machen, aber Twitter ist definitiv der falsche.

My memoirs on sale NOW. H pic.twitter.com/EMlQlaeTMk

— Wild Beasts (@WildBeasts) 4. Februar 2014

Ihr arbeitet gerade auch mit der Red Bull Music Academy zusammen.
Hayden: Ja, die sind auf uns zugekommen und das an einem Punkt, an dem die Musikindustrie an einem Wendepunkt steht. Es gibt nicht mehr so viel Geld für Musik wie früher. Aber es geht trotzdem weiter, und wir mussten langsam akzeptieren, dass es viel wichtiger ist, Dinge einfach zu tun und Interessantes zu schaffen, als gar nichts zu tun—egal mit welchen Mitteln. Red Bull hat diese Lücke gesehen und gefüllt. Es ist ein Show in der Art Gallery in Istanbul, am Rande des Bosporus. Und wenn die von Katzenstreu gesponsert würde, wir würden sie trotzdem spielen.
Tom: Wichtig ist, dass man überhaupt erst mal die Möglichkeit bekommt, rausgehen zu können.
Hayden: Wir müssen uns noch daran gewöhnen. Wir sind eigentlich eher altmodisch und haben schon viele Angebote von großen Firmen abgelehnt. Aber wir versuchen gerade uns da zu lockern. Man kann in dieser Zeit niemandem mehr seinen Werbevertrag vorhalten.

Sogar David Bowie macht Werbung für Louis Vuitton.
Tom: Ja, darüber war ich sehr überrascht.

Hat es euch gefallen?
Hayden: Nein
Tom: Nein. Er muss das auch nicht tun, aber das ist egal. Wenn er als Legende so etwas machen kann, dann kann es jetzt jeder tun.
Hayden: Die letztliche Schlussfolgerung ist, dass Kunst niemals nur Kunst ist, sondern immer auch ein Produkt.
Tom: Wir sind nicht dumm. Uns ist klar, dass das Musikbusiness letzten Endes ein Business ist, aber darum geht es uns nicht. Es geht um Musik. Die Leute lieben Musik und es wird immer Möglichkeiten geben, Musik zu produzieren. Die Leute wollen vielleicht, dass Musik umsonst ist, aber vor allem wollen sie, dass es sie überhaupt gibt. Die Parameter verschieben sich und ich bin der festen Überzeugung, dass es gerade ein sehr guter Zeitpunkt ist, um Musiker zu sein. Es gibt so viele neue Ansätze, in allen Bereichen. Das ist extrem interessant.

Für unbekannte Musiker ist es aber schon sehr schwierig. Ihr habt selbst zugegeben, wie wichtig es ist, Zeit für die Produktion zu haben. Wer allerdings kein Geld hat, der kann sich das schlichtweg nicht leisten. Auch die Labels treten immer weniger in Vorleistung.
Hayden: Ich glaube das ist genau der Punkt, an dem interessante Sachen passieren. Die Diskrepanz zwischen einer Zielvorstellung und den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Es ist genau in dieser Lücke, wo die richtig interessanten Dinge geschehen. Ich bin immer sehr misstrauisch, wenn ein Major Label Unmengen Geld in eine junge Band steckt und ihnen tolle Songwriter und Co schickt. Ich will doch hören, wie sie es selbst getan hätten. Es geht um die Fehler, die Dysfunktion und das Chaos—nur die menschliche Komponente kann diese Lücke schließen. So entsteht wahre Schönheit
Tom: Wir sollten eine alternative Stimme sein und uns nicht mit denen verbinden, die schon die Macht und das Geld besitzen.

Was sind denn eure Ziele und mit welchen Mitteln wollte ihr sie erreichen?
Tom: Es ist schon lustig. Wenn man gerade ein Album fertig hat, steht man irgendwie mit mehr Fragen als Antworten da. Da sind mehr offene Türen als geschlossene. Der Prozess an sich offenbart einem viele neue Möglichkeiten, die man vorher nicht kannte oder die man einfach nicht gewählt hat. Das beste Resultat eines Albums ist, wenn du danach ein weiteres machen kannst.

Vor dem Album ist nach dem Album.
Tom: Es ist komisch, aber dieses Album wird unsere Existenz in den nächsten Jahren definieren. Je nachdem wie es aufgenommen wird, hat es Einfluss auf unsere Lebensqualität und unsere Möglichkeiten. Das ist schon irgendwie beängstigend.
Hayden: Ich finde das okay. Es ist eben der Ausdruck für das, was wir gerade sind oder darstellen. Man kann eben keinen konstanten Fluss an Musik haben, es muss irgendwie abgesteckt werden, obwohl Musik kein endlicher Prozess ist.
Tom: Es liegt in der Natur von Songs, dass sie ein Datum haben. Ein Song, der vor zwei Jahren geschrieben wurde, hat heute mit Sicherheit eine ganz andere Bedeutung. Was ich sagen will ist, dass man immer im Präteritum arbeitet.

Texte können gar nicht anders als zeitgebunden sein. Sie sind immer eine Art Momentaufnahme.
Tom: Genau! Deswegen heißt das neue Album auch Present Tense.

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