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Purity Ring wollen nicht in Klammern stehen

Purity Ring haben keine Zeit für Remixe und kein Bock auf bloggen. Das widerspricht all unseren Annahmen.
25.7.12

Megan und Corin sind Purity Ring. (Foto: Aljoscha Redenius)

Purity Ring ist keine Schülerverbindung von Teenagern aus den USA, die ihren Tiefpunkt im Leben zusammen mit Britney Spears erlebt haben, sondern die neue Band von Megan James and Corin Roddick aus Kanada. Purity Ring gibt es erst seit Anfang letzten Jahres, bis vor kurzem gab es kaum Song von ihnen zu hören, am letzten Freitag ist nun ihr Debütalbum Shrines erschienen. Und trotzdem sind die Konzerte der beiden bereits ausverkauft, trotzdem werden sie als „the next big thing“ in der Bloggerwelt gehandelt und trotzdem oder genau deswegen hetzen sie von einem Interviewtermin zum nächsten. Um die Musik von Purity Ring zu beschreiben, haben wir uns mit ihnen auf den Ausdruck Daymare Pop verständigt, als wir in ihren überquellenden Terminkalender für ein Interview gestopft wurden.

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Noisey: Ich hab auf einem Blog gelesen, dass ihr keine Interviews gebt.
Megan: Nicht besonders oft.
Corin: Jetzt müssen wir ja. Aber wir haben ungefähr ein Jahr lang keine gemacht. Höchstens mal eins. Wir haben das, so lange es ging, vermieden.
Megan: Und jetzt sind wir auf einer Promo-Tour und machen ungefähr zehn am Tag.

Hattet ihr einfach keine Lust darauf oder wie?
Megan: Wir sind ziemlich neu. Wir haben irgendwie gedacht, es gibt nicht genug zu sagen.

Ich kann auch einfach keine Fragen stellen und wir reden über irgendwas.
Corin: Nein, nein. Du kannst schon Fragen stellen.
Megan: Wir sind absolut auf ein Interview vorbereitet. Das war nur damals der Grund, warum wir keine Interviews gegeben haben. Es war uns einfach unangenehm.
Corin: Wir haben immer versucht sie zu vermeiden, aber jetzt kommt bald unser erstes Album raus und dann muss man das ja machen. Und es stört uns auch jetzt nicht mehr.

Ok, dann die erste Frage: Dream Pop oder Nightmare Pop?
Megan: Nightmare… Dream Pop… beides. Ich mag beide Ausdrücke gerne. Der Ausdruck Nightmare Pop gefällt mir sehr. Als er aufkam, dachte ich nur „Oh ja, das ist gut.“ Das hat mich sogar gefreut.
Corin: Vielleicht Daydream Pop.
Megan: Oder Daymare Pop. Das ist gut.

Ja, das passt gut. Ich habe mir euer Album angehört und mir ist auf eurer Tracklist aufgefallen, dass alle Titel nur aus einem Wort bestehen, weil ihr alle Wörter einfach zusammen geschoben habt. Und außerdem habt ihr immer das y mit einem i ersetzt. Habt ihr Angst vor dem Buchstaben oder was hat es damit auf sich?
Megan: Nein, nein. Wir könnten auch den Buchstaben ‘y’ statt ‘i’ benutzen. Aber mit dem ‘i’ ist der Flow besser. Wir kombinieren die Wörter nur, um sie flüssiger zu machen.
Corin: Und ein ‘y’ macht dann irgendwie keinen Sinn mitten im Wort.
Megan: Mit dem ‘y’ würde man das ja auch ganz anders aussprechen.
Corin: Ich bin sehr froh, dass du überhaupt gecheckt hast, dass die Wörter kombiniert sind. Die meisten Leute fragen immer, was das sein soll, ein „Belispeak” oder ein „Lofticries”. Was sollen das für Wörter sein?

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Eins habe ich aber nicht verstanden. Was bedeutet „Obedear”?
Megan: Das ist ein bisschen schwieriger. Das ist „Oh but dear“.

Belispeak- Purity Ring from Tallulah Fontaine on Vimeo.

Ihr steht schon sehr auf Fantasie-Wörter, oder?
Megan: Ja, das hilft bei den Titeln. Ich mag das. Das ist so, als ob man sich eine eigene Welt schafft.

Wie viel in eurer Musik kommt denn aus dieser Fantasie-Welt und wie viel ist Realität?
Megan: Es ist eine totale Mischung. Ganz viele Sachen sind sehr symbolisch und ganz viele Dinge sind aber auch wirklich passiert. Ob ich mir etwas ausgedacht habe oder etwas real ist, kann man eigentlich gar nicht mehr auseinanderhalten, weil es sich zu sehr vermischt. Aber im Großen und Ganzen ist es eine Fantasiewelt, bestehend aus Wunschdenken und Daymares. (lacht)

Habt ihr Angst vor anderen komischen Sachen?
Megan: Angst? Nein, ich bin bei Angst sehr unempfindlich. (zu Corin) Und du? Du schaust doch so viele Horrorfilme.
Corin: Mir fällt nichts ein.
Megan: Ich hab mir The Ring angeschaut, als ich klein war. Ich hab mir fast in die Hose gemacht.

Ich auch. Horrorfilme gehen gar nicht.
Megan: Ja, ich gucke auch nicht besonders viele.

In eurer Musik sind aber schon viele düstere und unheimliche Bilder und gleichzeitig arbeitet ihr mit vielen religiösen Referenzen, Unschuld und Sinnlichkeit. Generell habt ihr viele Kontraste in euren Songs.
Megan: Das machen wir nicht unbedingt absichtlich. Das kommt durch die Kombination aller uns ausmachenden Faktoren. Es war auch nicht meine Absicht irgendwie unschuldig oder naiv zu klingen. Ich wollte genauso wenig eine Dynamik zwischen den Texten und der Musik herstellen. Es war ein Experiment, das einfach so geworden ist und jetzt wird es voller Kontraste wahrgenommen. Wir freuen uns wirklich sehr darüber. Und wir fühlen uns total geschmeichelt, wenn die Leute sowas in unserer Musik sehen. Diese Dinge sind einfach in uns drin und es ist schwer zu beschreiben, wie sie zustande kommen oder warum sie da sind. Das ist wie sich zu überlegen, warum man seine Persönlichkeit und seine Charakterzüge hat.
Corin: Es war nie eine bewusste Entscheidung diese Elemente zu benutzen und sie zu kombinieren.
Megan: Aber ich bin total zufrieden. Es ist ein Stück Kunst, das uns repräsentiert. Es ist genau so, wie ich mich selbst darstellen will. Ich schätze es sehr, so wahrgenommen zu werden.

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Warum heißt das Album denn Shrines?
Megan: Was man selbst macht, ist einem heilig. Das Album ist uns einfach sehr viel wert. Wir haben sehr lange und sehr hart dafür gearbeitet. Es war ein sehr inniger Prozess.
Corin: Und jedes Lied ist wie ein Heiligtum für uns.
Megan: Es ist eine Sammlung von Heiligtümern.

Woher kommen die ganzen religiösen Referenzen?
Megan: Ich bin sehr religiös aufgewachsen. Ich habe immer die Bibel gelesen und bin sehr vertraut mit dem Symbolismus und dieser Ausdrucksweise. Ich mag den Symbolismus, der in religiösen Schriften verwendet wird. Er fasziniert mich irgendwie. Aber das ist nicht nur bei Purity Ring so, ich schreibe immer so. Das ist einfach ein Teil von mir und deswegen ist er auch in der Musik präsent.

Schreibst du auch neue Texte oder nimmst du alles aus Tagebüchern?
Megan: Fast alles ist aus Tagebüchern. Ich behalte meine Tagebücher immer Jahre lang und ich schreibe Gedichte und solches Zeug rein. Eigentlich kommt wirklich alles aus alten Tagebüchern.

Ihr werdet oft als Blogband bezeichnet. Wie steht ihr dazu?
Megan: Wir sind sehr froh, dass wir so angefangen haben.
Corin: Ja und jetzt versuchen wir das in etwas Handfesteres zu wandeln, in etwas in der echten Welt, indem wir Konzerte spielen, ein Album herausbringen und all das. Aber die Blogs haben viel für uns getan. Sie haben uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind.

Ihr habt ja auch ein Tumblr.
Corin: Ja, wir haben unsere Musik immer darauf gepostet, aber wir bloggen nicht. Wir twittern auch nicht oder das ganze andere Zeug.
Megan: Nein, wir pflegen keine Blogs. Wir kennen aber viele, die das tun. Ich meine fast alle tun es. Es ist auf jeden Fall eine coole Sache.

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Die, die nicht bloggen, lesen aber dafür die Blogs.
Megan: Das tun wir tatsächlich auch nicht. (zu Corin) Ich glaube, du hattest mal eine Zeit, in der du ständig auf Blogs rumgehangen bist. Ich hab das nie gemacht. Es ist wie eine andere Welt. Ich bin dankbar, dass es sie gibt, aber ich komme ihr nicht näher. Ich bin nur in dieser Welt wegen der Band. Wir haben auch keinen Überblick mehr, weil wir sehr beschäftigt sind.
Corin: Aber wir freuen uns wirklich immer sehr, wenn ein Blog unsere Musik postet.
Megan: Ja, wir sind dann immer sehr aufgeregt. Guck mal, der Blog…

Du entwirfst die Outfits für die Show?
Megan: Nicht unbedingt für die Show. Ich nähe einfach sehr viele Klamotten.
Corin: Viele davon sind aber für die Show.
Megan: Ja, ich ziehe sie an, wenn wir spielen. Aber ich mache sie nicht extra für die Show. Ich trage sie dann auch woanders.
Corin: Das Shirt, das ich anhabe, hat sie auch gemacht.

Ihr macht schon viel selbst. Gibt es irgendwas, das ihr nicht selbst machen wollt, das ihr auch gar nicht könnt?
Corin: Noch nicht. Bis jetzt machen wir alles selber. Aber für die Live-Show werden wir in Zukunft ein paar Leute haben, die uns beim Design helfen. Wir haben jetzt auch nicht mehr so viel Zeit.
Megan: Und die können das auch besser. Das geht über unsere Fähigkeiten hinaus. Wir wollen jetzt was Größeres und dafür brauchen wir Hilfe.
Corin: Alles was wir bis jetzt gemacht haben ist sehr D.I.Y. Es war alles sehr improvisiert. Und wir wollen etwas, das auch jedes Mal funktioniert, etwas Verlässliches.

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Ich hab ein paar Remixe von dir gehört. Gibt es jemanden, den du unbedingt remixen willst?
Corin: Ehrlich gesagt will ich überhaupt niemanden remixen.
Megan: Das hast du auch schon lange nicht mehr gemacht.
Corin: Vor einem Jahr oder so habe ich ein paar Remixes gemacht, kurz nachdem wir mit Purity Ring angefangen haben. Ich nahm ein paar an, weil das eine Chance war mehr Musik zu machen und das Produzieren zu üben. Vielleicht mache ich irgendwann mal wieder ein Remix, aber ich beabsichtige das gerade wirklich überhaupt nicht.

Hast du dir die Lieder, die du bearbeitet hast, selbst ausgesucht oder wurdest du angefragt?
Corin: Die habe ich mir selber ausgesucht. Und seitdem habe ich viele Remix-Anfragen abgelehnt, eigentlich jede einzelne Anfrage. Ich denke, weil ich bemerkt habe, wie lange ich an einem einzigen Remix arbeite. Wir verbringen schon sehr viel Zeit damit, unsere Musik zu machen und ich würde sagen für einen Remix brauche ich ungefähr genauso lange wie für einen eigenen Song.
Megan: Es ist wertvoller für uns, die Zeit in unser Projekt zu investieren.
Corin: Wenn man einen Remix veröffentlicht, wird das von den Leuten auch nicht so ernst genommen. Dein Name steht nur in Klammern. Der Track ist dann ein cooler Sound für eine Woche und danach verschwindet er auch wieder. Und bis jetzt haben sich die Leute bei jedem Remix, der raus kam, nicht mal annähernd so gefreut, wie bei einem neuen Track, den wir gemacht haben. Deswegen ist es nicht so lohnenswert so viel Zeit und Arbeit da rein zu stecken. Ich will viel lieber unsere eigene Musik machen.

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Das ist sehr schade. Ich mochte deine Remixe nämlich wirklich gerne.
Megan: Ja, da waren ein paar echt gute dabei. Immer wenn er mir einen fertigen Remix gezeigt hat, hab ich gesagt: „Toll, ich will darauf singen.“

Auf YouTube gibt es ein Video zu „Lofticries“ von euch, indem die Szenen aus dem Film Thriller: ein unbarmherziger Film verwendet werden. Ist das offiziell?
Megan: Nein, das war ein Fan-Video. Das war verwirrend, weil wir das Lied veröffentlicht haben und gleich am nächsten Tag hat jemand das Video online gestellt. Deswegen denken ganz viele Leute, dass es das Video für „Lofticries“ ist, aber das ist es nicht. Wir finden es aber großartig.
Corin: Ja, es ist wirklich toll.

Die allgemeine Meinung war auch, dass die Musik perfekt zu den Bildern passt.
Corin: Daran habe ich zwar nicht gedacht, als ich das Lied geschrieben habe, aber der Klang der Musik passt gut zu den Bildern. Es funktioniert gut.
Megan: Das Video ist auch nicht an das Lied angelehnt, aber es ist wirklich gut abgestimmt.

(Der Promoter unterbricht uns, weil die beiden noch zu ihren anderen zehn Interviewterminen müssen.)

Ok, dann war das wohl die letzte Frage. Danke euch.

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Purity Rings Shrines ist auf 4AD erschienen.