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Interviews

Videopremiere und Interview: Matula fragen sich, wo sie hinwollen

Matula sind irgendwo Punk, irgendwo Indie und auf jeden Fall ziemlich rockig. Nach vier Jahren kommt ihr neues Album, wir haben mit Sänger Thorben gesprochen und ihr neues Video.

von Miles Zornig
27 Februar 2014, 12:00pm

Zu welchem Musikgenre Matula gehört, weiß Frontmann Thorben selber nicht so genau. Irgendwo Punk, irgendwo Indie, auf jeden Fall ziemlich rockig. Egal, was Matula für Musik macht, Sänger und Gitarrist Thorben, Gitarrist Sebastian, Bassist Stefan und Drummer Robert versorgen Fans und Musikfreunde schon seit über zehn Jahren mit nordischer Rockmusik. 2004 ziehen Thorben, Stefan und Sebastian von Neumünster nach Hamburg, Robert zieht nach Kiel. Seitdem haben sie zwei Alben released, das letzte, Blinker, 2010.

Vier Jahre später melden sich die Jungs zurück—mit ihrer neuen Platte Auf allen Festen stellt die Band nicht nur eine musikalische Entwicklung unter Beweis, sie zeigen auch, dass sie anders können. Über diese Entwicklung habe ich am Telefon mit Thorben gesprochen.

Noisey: Warum mussten Fans vier Jahre warten, um ein neues Album zu bekommen?
Thorben: Das hat mehrere Gründe. Erst mal braucht der Prozess des Songschreibens einfach seine Zeit. Wir hatten uns vorgenommen, für das neue Album richtig viel Zeit in Anspruch zu nehmen und lieber ganz viele Songs zu schreiben, und von denen welche wegzuschmeißen, als zehn Songs zusammenzukratzen und die einfach aufzunehmen. Wenn so ein Album fertig ist braucht es natürlich auch vernünftige Promo und den ganzen Quatsch. Also haben wir den Release noch mal nach hinten geschoben, um uns Zeit für Telefonate zu nehmen (lacht).

Was macht man bei der dritten Platte anders, wenn man schon zwei veröffentlicht hat?
Vieles. Man muss sich natürlich bemühen, den Fans nicht immer die gleichen Geschichten zu erzählen. Dann muss man natürlich auch seinem eigenen Anspruch gerecht werden, der mit der Zeit natürlich wächst. Wir haben uns alte Songs angehört und uns gesagt, dass man Dinge hier und da mal anders gestalten könnte. Wir wollten auf jeden Fall Songs machen, die reinknallen.

Haben eure früheren Songs nicht so reingeknallt?
Doch klar, aber nicht so bewusst. Auf unserer ersten Platte hat der Sound auch ordentlich reingeknallt, das lag aber daran, dass wir so lange darauf gewartet haben, endlich mal in einem Studio zu stehen. Als es dann soweit war, haben wir einfach alles rausgehauen. Wenn man dann aber routiniert im Studio ist, will man dann aber auch diese Dynamik haben. Da ist alles viel kontrollierter.

Du sprichst von einem Sound der „reinknallt“. Wenn man euer neues Album anmacht, kommt aber erst mal „Tapete“, ein ziemlich melodischer und ruhiger Track. Ist eigentlich untypisch für eine Punk-Band.
Da hast du komplett Recht. Aber das war schon so gedacht. Andere Bands hätten den ruhigen Track eher in die Mitte oder ans Ende ihres Albums platziert. Wir wollten damit einfach polarisieren, gegen dieses „in die Schublade stecken“ ankämpfen und zeigen, dass wir auch so einen Sound draufhaben. Wir eifern keinem deutschen Klischee-Indie nach. Wir machen unser Ding und das kann halt auch so klingen.

Im Video zu eurer letzten Single „Schwarzweißfotos“ spielt ihr Leichen, die von ein paar Mädchen nach Hause gebracht und dort neu eingekleidet werden. Irgendwie morbide...
Der Regisseur Kay Otto hat ein Skript zum Song geschrieben und das hat uns von allen Ideen am besten gefallen. Als Tote aufzutreten ist nicht so performance-geladen und sorgt im Video für eine richtige Story. Das Skelett von „Schwarzweißfotos“ besteht aus verschiedenen Zitaten, zum Beispiel diesem „Da Da Da“ von Trio. Wir haben diese Zitate für unsere Zwecke benutzt um den Song zu schreiben und spielen im Video im übertragenen Sinne die toten Zitate, die wiederrum von den Mädels für ihren Zweck benutzt werden.

Das ist ja echt kompliziert. Genauso wie der Versuch, euren Sound zu kategorisieren. Ist das was ihr macht wirklich Punk-Rock?
Weiß ich auch nicht—vielleicht Indie-Punk? Obwohl das Schlagzeug schon echt punkig rüberkommt.

Was für eine Bedeutung hat Punk denn für dich?
Auf jeden Fall nicht die von den Punks mit grünen Haaren aus England, die unter Jugendarbeitslosigkeit gelitten und sich ein Ventil dafür gesucht haben. Punk steht für die Sehnsucht nach Alternativen und ist meiner Meinung nach total an diesen DIY-Gedanken gekoppelt: Du kannst dir mit deinen Freunden auf jeden Fall was aufbauen, was cool ist, was neu ist, worüber ihr euch definieren könnt und euren Weg alleine oder gemeinsam bestimmen könnt. Und das losgelöst von jeglichen Konventionen.

Stefan, Sebastian und du lebt seit 2004 in Hamburg. Wie habt ihr die Protest-Phase um das Erhalten der Roten Flora erlebt?
Es gibt die politische und die persönliche Ebene. Ich fand es einfach total krass aus erster Hand mitzubekommen, wie die politische Ebene einer Diskussion sich so stark auf das persönliche Dasein auswirken kann. Man will uns nicht nur die Flora wegnehmen, wo unglaublich viel passiert und wächst in dieser Stadt, sondern schikaniert die Menschen auch noch auf Schritt und Tritt mit einer Gefahrenzone. Das ist krass.

Habt ihr schon mal in der Flora gespielt?
Ja, bestimmt fünf Mal. Wir hängen da auch sonst viel rum—unter der Woche und am Wochenende ist da immer einer von uns anzutreffen. Für unsere Band ist die Flora enorm wichtig.

Ihr beschäftigt euch in euren Text nicht direkt Politik, sondern häufig mit existentiellen Fragen, wie auch auf dem Song „Für ein Leben“. Hast du das Gefühl, noch nicht am Punkt im Leben angekommen zu sein, an dem du gerne sein würdest?
Der Song hat unser Bassist Stefan geschrieben. Wir teilen uns die Schreiberei. Der Song spiegelt Momente aus unserer Zeit in Neumünster wieder. Und diese Frage aus dem Refrain, „Was ist das für ein Leben?“, die stellen wir uns öfter. Ich würde nicht sagen, dass man nicht da ist, wo man hinwill, sondern sich eher die Frage stellt „Was ist der nächste Schritt?“. Wer sich die Frage nicht stellt, ist entweder total glücklich, oder total unglücklich. Gerade für uns ist die Frage wichtig, wir stecken ja alle zwischen Studium, Job, Band und so vielen Dingen die an einem zerren. Da muss man sich diese Frage stellen. Am liebsten geht’s in alle Richtungen, aber du hast ja nur zwei Beine, nä?

Matulas neues Album Auf Allen Festen könnt ihr bei Amazon oder iTunes kaufen.

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