Warum wir so gern traurige Songs hören

Ein Haufen Experten hat uns erklärt, warum Popmusik und Trennungen in unserem Hirn so gut zusammengehen.

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02 Juni 2017, 10:07am

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Sinead o' Connor - Nothing Compares to You (Best Quality)" von George James

Wahrscheinlich das immer noch perfekte Beispiel für den traurigen Trennungssong: "Nothing Compares To You" von Prince in der Version von Sinead O'Connor (1990)

Ich war 11, als mir zum ersten Mal das Herz gebrochen wurde. Sein Name war Jordan und es war um mich geschehen, als ich ihn bei der Talentshow der fünften Klasse zu Bomfunk MCs hatte breakdancen sehen. Unsere Liebe sollte aber nicht lange halten – zwei Wochen und vier Tage steht in meinem Tagebuch. Trotzdem tat es extrem weh, als er mit mir Schluss machte, nachdem er einmal nicht zu unserem Treffpunkt im Park aufgetaucht war. Das Ende meiner Beziehung mit dem "besten Jungen der Welt" (siehe Tagebuch) traf mich hart. Mein ganzes Leben lag in Trümmern. Aber dann zeigte mir eine silberfunkelnde CD in der Sammlung meiner Mutter den Weg in eine Welt jenseits von Jordan: Jagged Little Pill von Alanis Morissette.

Alanis half mir besser durch meinen Liebeskummer, als es jede Freundin hätte tun können. Die selbstgerechte Fassungslosigkeit von "All I Really Want" war für mich da, als ich Jordan mit seiner neuen Freundin Jodie sah; das tröstende "everything's gonna be fine, fine, fiiine" von "Hand In My Pocket" behütete mich, wenn ich mich in der großen Pause nicht mehr dazu überwinden konnte, auf den Spielplatz zu gehen. Wenn Alanis Morrissette mit knirschenden Zähnen "You Oughta Know" sang, stellte ich mir vor, ich wäre sie, dachte an alle Menschen vor, die mir jemals Unrecht getan hatten, und stampfte und wirbelte wie ein Tornado durch mein Zimmer. Das Album gab mir das Gefühl unverletzlich zu sein. Es verstand mich, wenn ich mich angreifbar fühlte und erlaubte es mir, mit erhobenem Haupt durch das Schultor zu laufen, erholt und bereit, es mit der Welt aufzunehmen – Jordan für Jordan.


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Es ist kein Zufall, dass viele der erfolgreichsten Pophits – wie "Believe" von Cher, "I Will Survive" von Gloria Gaynor, "I Will Always Love You" von Whitney Houston und "Somebody That I Used To Know" von Gotye – von Liebeskummer und Herzschmerz handeln. Das Thema ist so universal und grundlegend menschlich (nenn bitte eine Person über 21, mit der noch nie schlussgemacht wurde – außer Béyonce), dass wir das Gefühl haben, die Künstler würden über unsere Erfahrungen singen. Diese Art von Gemeinplatz-Lyrik – in der Regel gepaart mit einer leidenschaftlichen, sich zuspitzenden Darbietung oder einem Mitsing-Refrain – nimmt uns Last von den Schultern. Sie zeigt uns, dass wir nicht allein sind – dass jemand anderes versteht, was wir gerade durchmachen. Aber warum suchen wir uns in unseren dunkelsten Stunden gerade Lieder aus, die von Verlust und Verzweiflung handeln, anstatt etwas Fröhliches wie "Happy" von Pharrell in Dauerschleife zu hören?

"Grundgefühle des Verlusts tragen wir immer in uns, aber wir wehren uns oft gegen sie, um zu überleben. Wir denken, dass sie uns schwach oder zu einer schlechten Gesellschaft machen", erklärt Psychotherapeut Mark O'Connell. "Aber Musik erlaubt uns allen, unseren kollektiven Herzschmerz auszuleben, unser kollektives Gefühl von Trennung und Verlust – und das in einer Art, die sicher, klar eingegrenzt und gemeinsam geteilt ist. Die Musik erreicht unsere Emotionen tief in unseren Körpern und nicht unseren Köpfen. Musik bewegt und bewegt uns mit ihr, damit wir uns von unseren Gefühlen an einen Ort leiten lassen, anstatt mit ihnen festzuhängen." In anderen Worten: Indem wir die kollektive Katharsis von Songs wie Mileys "Wrecking Ball" spüren, fühlen wir uns nicht nur weniger allein, sondern können auch mit unserem Leben weitermachen und diese Gefühle in einem angenehmen und lustigen Umfeld verarbeiten.

Auf diese Art funktioniert das Hören von Songs über Liebeskummer, wenn wir selber traurig sind, ähnlich wie eine Konfrontationstherapie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ja, das klingt komisch, aber warte kurz. "Wenn wir eine Trennung durchmachen, werden die Schmerz- und Suchtzentren im Gehirn aktiv", sagt Dr. Mike Dow, Psychotherapeut und Autor von Healing the Broken Brain . "Eine kathartische Erfahrung kann dabei helfen, das Gehirn umzupolen, indem sie uns hilft, selbst in dieses Gefühl einzutauchen. In gewisser Weise ist das ähnlich wie eine Konfrontationstherapie, mit der ich Kriegsveteranen mit PTBS behandle. Indem man sich an ein schmerzvolles oder traumatisches Erlebnis erinnert, hilft man dem Gehirn dabei, diese Erinnerung zu verarbeiten. Manchmal kann einem das dabei helfen, etwas durchzumachen, anstatt es zu umschiffen."

Aber es macht doch garantiert einen Riesenunterschied, ob ihr einsam und im ungewaschnen Pyjama mit einer Flasche Rotwein zu "Unbreak My Heart" vor euch hinschluchzt oder kopfüber mit euren besten Freunden zu "Since U Been Gone" auf die Tanzfläche stürzt? Für Psychotherapeutin Abigail Burd haben beide Methoden im Grunde den selben Effekt, wenn es um das Überwinden einer Beziehung geht. Es geht immer um "Emotionsregulierung" – bzw. darum, dass du, indem du jemand anderen hörst, der traurig oder wütend ist, deine eigenen Gefühle verstehen kannst, ohne sie direkt an dich heranzulassen. "Wir fühlen uns durch traurige Musik besser, weil sie unsere Gefühle 'normalisiert'", sagt sie. "Man merkt dann: 'Wenn das eine normale menschliche Erfahrung ist, dann bin ich damit nicht allein und es wird irgendwann wieder besser'. Traurige Musik ist außerdem eine sichere Methode, um die emotionale Komplexität des Lebens wertzuschätzen. Ohne die Tiefen sind die Höhen nicht so schön."

Soweit so schlüssig, aber gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür? Anscheinend wollen wir Menschen uns instinktiv mit Leuten umgeben, die uns ähnlich sind. Das steigert unsere Überlebenschancen. Songs über Herzschmerz sprechen bestimmte Chemikalien in unseren Gehirnen an, die es uns erlauben, ein Gefühl der Gemeinschaft zu erfahren. Deswegen hören wir sie so gerne. Wie der klinische Psychologe Dr. Dathan Paterno erklärt: "Kraftvolle Musik löst Dopamin und Oxytocin aus. Dopamin ist der energetische Neurotransmitter – ein Dopaminschub ist wie ein High." Und weiter: "Oxytocin ist ein Neuropeptid, das dabei hilft, Stress und Angst zu regulieren. Es wird oft als 'warme und flauschige' Biochemikalie beschrieben, die Mütter ausschütten, wenn sie mit ihrem Neugeborenen kuscheln oder stillen. Es löst ein Gefühl der Nähe und Verbindung aus, ein stark belohnendes Gefühl."

So unpassend wie es auch klingt, die Katharsis, die ihr beim Hören eurer Lieblingsmusik verspürt – selbst, wenn es etwas ist, bei dem sich euer Magen zusammenzieht oder es das Herz zerreißt –, kann ein Gefühl wie einen Rausch auslösen. In Bezug auf das, was Dr. Parterno sagt, könnt ihr das auf unterschiedlichste Art und Weise erleben. Zuerst einmal ist da dieser Sog, der euch in den gewaltigen Refrain hineinzieht, in dem sich eure Anspannung entlädt – ähnlich wie ein lauter Schrei, wenn man frustriert ist. Dann gibt es auch noch die wohltuende Struktur des Liedes selbst, die den wohltuenden Dopaminschub auslösen kann – bei Gloria Gaynors "I Will Survive" zum Beispiel bewegen sich die Töne vom Grundton aus in Quartschritten aufwärts und in Quintschritten abwärts. Wenn der Text dann auch noch einen Bezug zu euren eigenen Gefühlen hat und zusätzlich auf jene Notenfolgen trifft, die Pophits besonders "klebrig" machen, dann habt ihr es mit der perfekten Powerballade zu tun.

Vielleicht mutet es etwas ungenügend an, die Macht eines Popsongs wissenschaftlich zu erklären zu versuchen. Es steht aber fest, dass unsere Obsession mit Songs über Liebeskummer existiert, weil sie uns dabei helfen, diese Gefühle zu verdauen, zu verarbeiten und schließlich weiterzugehen. Sie erlauben es uns, mit unserer Trennung auf eine schöne – anstatt traumatisierenden – Art umzugehen und uns unseren Dämonen zu stellen, indem wir unsere Gliedmaßen auf der Tanzfläche eines vollbepackten Clubs durch die Gegend schwingen, uns den Song im Badezimmerspiegel vorzusingbrüllen oder uns von den kreischenden Gitarren einer Noise-Platte den drückenden Schmerz von unserer Brust nehmen lassen. Die Whitneys, Béyonces, Björks, Drakes und Bon Ivers dieser Welt sagen uns, was wir hören wollen, wenn wir es brauchen und setzen dadurch die Sorte Chemikalien frei, die uns uns wieder gut und stark fühlen lassen. Kein wunder also, dass wir wieder und wieder zu ihnen zurückkehren.

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