Kadebostan hat seine eigene Republik gegründet, um frei zu sein
Alle Fotos von Micha Freutel

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#untaggable

Kadebostan hat seine eigene Republik gegründet, um frei zu sein

Kadebostan hat sich zwei Dinge vorgenommen: Frei von allen Konventionen zu leben und jeden Tag wie seinen Letzten zu gestalten. Seit acht Jahren ist er deshalb Präsident der eigenen Republik.
4.7.16

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"Die kleine Republik Kadebostany liegt irgendwo im Norden Italiens, östlich der Schweiz und im Westen der Türkei", sagt der selbsternannte Präsident und bleibt dabei selber nicht ganz ernst. Mit Sonnenbrille, aber noch ohne typische Uniform, dafür braungebrannt in Muskel-Shirt und Shorts erscheint Kadebostan zum Interview in Lausanne. Ziemlich entspannt für den Vorsitzenden eines ganzen Landes. Ist in der Republik Kadebostany etwa gerade Sommerpause? "Natürlich nicht, es gibt viel zu tun! Alles, was ich mache, jede Entscheidung, die ich treffe, dient der Umsetzung meiner Vision."

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Ein eigenes Land zu haben, gebe ihm die Freiheit, nur das zu machen, was er will. "Es gibt so viele Künstler, die Opfer ihrer eigenen Karrieren sind. Mir kann niemand vorschreiben, was ich darf und was nicht. Wenn ich ein Buch schreiben will oder für zwei Jahre eine Pause einlegen möchte, dann kann ich das ohne Probleme tun. Ich habe mir meine eigene Freiheit geschaffen."

Was egoistisch klingt, ist für Präsident Kadebostan seit mehr als acht Jahren Realität: "Wenn du jung bist, trägst du Kleider, die dich von anderen abgrenzen. Mit der Musik ist das nicht anders. Ich wollte keine Band gründen, wie es schon Tausende vor mir gemacht haben. Ein eigenes Land zu haben, das war etwas völlig Neues." Deshalb gründet er Kadebostany—ein Künstlerkollektiv, das keinen Bock auf lokale Assoziation hat und deshalb in einer eignen, fiktiven Republik lebt.

Er erinnert sich genau an den Moment, an dem alles zusammenkam: "Es war Morgen und es regnete, ich stand vor dem Küchenfenster und habe gerade meinen ersten Kaffee getrunken, als sich plötzlich alle diese Ideen zusammenbrauten. 15 Minuten später war die Republik gegründet." Natürlich ist das alles nicht ganz ernst gemeint und die geografische Lage dieses Landes oder das Ein- und Ausreisen mit fiktiven Pässen äusserst zweifelhaft. Doch genau diese Illusion treibt den Präsidenten weiter in seinem künstlerischen Schaffen.

Bevor das alles Realität wurde, tourte Kadebostan bereits erfolgreich als Solokünstler und spielte live elektronische Musik. Er weiss, worauf es ankommt. Für ihn sind Selbstbewusstsein und Passion die wichtigsten Attribute für Erfolg. Und je mehr Erfolg er habe, desto freier sei er. "Es ist doch eigentlich ganz einfach: Man muss sich fragen, was man tun würde, hätte man nur noch einen Tag zu leben. Nur so entdeckt man seine Leidenschaft. Wäre also heute dein letzter Tag auf Erden, würdest du dann wirklich hier mit mir sitzen wollen und dieses Interview führen, oder wärst du lieber woanders?" Auf meine Antwort verzichtet er allerdings gerne.

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Dinge mit Leidenschaft zu machen, das hat er von seinen Eltern gelernt. "Sie standen jeden Tag ganz früh auf und gingen spazieren. Als sie zurückkamen, hatten sie jedes Mal ein Lächeln im Gesicht. Sie beschwerten sich nie über etwas und das beeindruckte mich nachhaltig. Sie waren immer sehr leidenschaftlich, egal was sie gemacht haben. Wenn du deine Passion gefunden hast, dann bist du gerettet." Nostalgie kennt der Präsident nicht, er schaut stets nur in die Zukunft. Als seine langjährige Partnerin Amina Ende letzten Jahres die Band verliess, liess er sie ziehen und orientierte sich neu.

Mit Kristina an seiner Seite hat er jemand neues gefunden und die beiden harmonieren perfekt miteinander: "Sie ist nicht nur sehr musikalisch, sondern designt und schneidert auch unsere aufwendigen Bühnenoutfits selber. Bei uns fühlt sich kein Tag wie Arbeit an. Wir machen genau das, was wir wollen. Und das empfehle ich jedem da draussen." Er weiss, dass er vielleicht nicht der beste Musiker der Welt ist. Aber durch seine Vision komme er viel weiter als manch anderer Künstler. "Ich wähle immer den radikalsten Weg, vielleicht ist das verrückt, aber für mich geht es nicht anders."

Es erfordert viel Mut, so zu handeln. Das erste Album Songs from Kadebostany war sehr folkloristisch angehaucht. Der Nachfolger Pop Collection ist eine Sammlung aller Hits, die auf dem kadebostanischen Staatssender gespielt werden. "Auf dem neuen Album werden wir aber wieder etwas ganz anderes machen und natürlich wird es gewisse Leute vor den Kopf stossen, dafür gibt es neue Zuhörer, die es lieben werden."

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Einfach an alte Erfolge anzuknüpfen, wäre das Schlimmste, was er sich vorstellen könnte: "Nur weil Pop Collection kommerziell erfolgreich war, werde ich bestimmt nicht nochmal so ein Album produzieren. Ich muss mich weiterentwickeln. Und entweder das Publikum versteht es oder eben nicht, das ist mir dann auch egal. Ich wünsche mir, dass sie uns folgen und uns vertrauen. Wir wissen ja, was wir machen." Das grösste Kompliment sei es, wenn die Leute sich nicht ganz sicher sind, ob sie das nun mögen sollen oder nicht. Er mag es, wenn die Leute nicht genau wissen, worum es geht.

Inspiration findet er im täglichen Leben. Die letzten Jahre war er ständig unterwegs und konnte sich voll und ganz ausleben. "Ich treffe jeden Tag Menschen, es gibt nichts Spannenderes. Ich war gerade vor kurzem an der Art Basel, so viele Menschen und Kunst auf engstem Raum, das ist für mich Inspiration pur." Gleichzeitig will er nicht, dass andere Leute sein Schaffen negativ beeinflussen: "Sobald du eine öffentliche Figur bist, reden zu viele Leute schlecht über dich. Ich höre nicht darauf, denn ich bestimme selber, was mich beeinflusst."

Aus diesem Grund sage er auch oft genug Nein zu Sachen, bei denen andere Künstler sofort zusagen würden: "Es gibt immer wieder Leute, die mich als Diktator bezeichnen, dann sollen sie. Ich verurteile ja auch niemanden für seinen spiessigen Lifestyle."

Sein ultimatives Ziel sei es, alles Negative in etwas Positives umzuwandeln. Und das macht er über seine Ausdrucksform. "Ich fokussiere mein gesamtes Dasein auf Kadebostany. Es gibt noch so viel zu tun und ich gehöre nunmal nicht zu den Menschen, die sich zurücklehnen. Ich bin gerne beschäftigt und habe noch lange nicht vor, aufzuhören."