Als Mädchen auf einer Eliteschule für Jungen
Photo by Julie Rideout via Stocksy
essay

Als Mädchen auf einer Eliteschule für Jungen

"'Warum brauchen Frauen keine Uhr?', fragte ein Junge in einer meiner ersten Spanischstunden. 'Weil schon eine im Herd eingebaut ist!', antwortete ein anderer."
27.3.17

Als ich 15 war, wurde bei meiner Mutter und bei meinem Bruder ME diagnostiziert, auch bekannt als chronisches Erschöpfungssyndrom. Glücklicherweise erholten sich beide wieder, doch ihre Genesung fiel genau genau mit der Zeit zusammen, als mein Schulabschluss immer näherrückte. Ich wartete sehnlichst darauf, die schlimmsten Jahre meines Lebens hinter mir lassen zu können, was letztendlich auch zu meinem Entschluss beigetragen hat, die Schule zu wechseln.

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An meiner alten Schule hatte ich immer Freunde, fühlte mich in der Welt der Cliquen und Beliebtheitsskalen aber nie besonders wohl. Bei der Wahl meiner neuen Schule habe ich deshalb nur auf eines geachtet: den akademischen Ruf. Dass es sich dabei allerdings um eine reine Jungenschule handelte, hatte ich irgendwie überlesen. Ich war mein Leben lang auf Gemeinschaftsschulen gegangen, deswegen kam es mir wahrscheinlich nicht mal in den Sinn, dass es auch im 21. Jahrhundert noch nach Geschlechtern getrennte Schulen geben könnte. Während meine alte akademische Heimat eher "unkonventionell" war, wurde meine neue Schule zur Zeit von Elizabeth I. gegründet. Der absolute Kulturschock also.

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Ich wechselte von einer Schule mit 400 Schülern auf eine Schule mit 1.500 Schülern und riesigen Eingangstoren, die – wie die des Buckingham Palace – nur zu feierlichen Anlässen geöffnet wurden. In meiner alten Schule fand man nur die eigetretenen Überreste von Butterkeksen im Eingangsbereich. Meine neue Schule hatte stattdessen große Gedenktafeln an den Wänden, die zeigten, an welchen großen Universitäten die ehemaligen Schüler über die vergangenen Jahrhunderte studiert haben.

Über vier Jahrhunderte lang hatte die Schule nur männliche Schüler im Alter zwischen 4 und 18 Jahren angenommen. Nun sollten zum ersten Mal auch junge Frauen die Oberstufe besuchen können, also die letzten beiden Jahre vor dem Abschluss. Außerdem gab es bereits Pläne, die Schule komplett in eine Gemeinschaftsschule zu verwandeln. Im Januar 2017 lobte der Rektor einer anderen Schule die Vorteile einer gemeinsamen Ausbildung von Mädchen und Jungen und die Vorzüge eines "heterogenen Umfelds, in dem die emotionale Intensität der Mädchen durch die Jungen abgeschwächt wird."

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Ich war also nicht das einzige Mädchen, dass in diesem Jahr zum ersten Mal durch die Gänge wandelte. Allerdings begann ich erst am Einführungstag zu verstehen, dass es nun zwar Damentoiletten und -umkleiden gab, es ansonsten aber noch ziemlich viel Nachholbedarf gab. Die Mädchen waren schon allein zahlenmäßig unterlegen – es gab doppelt so viele Jungen wie Mädchen – und das Gefühl der Entfremdung, das mich als 16-jähriges Mädchen mit Zahnspange und Akne verfolgte, wurde durch das unausgesprochene beziehungsweise nur selten formulierte Gefühl, in einen Bereich eingedrungen zu sein, der bisher immer nur von Männern beherrscht worden war, zusätzlich verstärkt.

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An meinem ersten Schultag habe ich erfahren, dass eines der anderen beiden Mädchen in meiner Klasse die Schule verlassen und wieder an ihre alte Schule zurückgegangen war. Eine Woche später verschwand dann auch noch das andere Mädchen. Somit war ich das einzige weibliche Wesen in meiner Klasse. Alleine unter zehn Jungen.

Die Schule selbst schien mit der Situation hoffnungslos überfordert. Die Regeln hinsichtlich der Schuluniformen änderten sich nahezu täglich, weil sich die Jungs regelmäßig beschwerten, dass mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde. Wegen eines ungebügelten Hemds oder einem offenen Knopf am Kragen angesprochen zu werden, ist zwar etwas anderes, als wegen eines zu kurzen Rocks oder eines sichtbaren BHs zur Rechenschaft gezogen zu werden, aber versuch das mal einem 17-jährigen Jungen zu erklären. Nach und nach wurde mir klar, dass die Schule durch die Vereinheitlichung der Regelungen genauso auf die Probe gestellt wurde wie wir. Niemand schien sich mehr sicher zu sein, was nun politisch korrekt und was in jedem Fall falsch war. Sollten die Kleidungsvorschriften der Mädchen durch einen Lehrer oder eine Lehrerin kontrolliert werden? Spielte das überhaupt keine Rolle?

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Eigentlich bin ich kein besonders rebellischer Mensch, doch mein Widerstand wurde immer stärker, während mein Rock immer kürzer wurde. Dazu trug ich pinken Lippenstift, gemusterte Strumpfhosen und alles, was mir das Gefühl gab, dass ich es den Jungs heimzahlen konnte – egal ob sie es nun bemerkten oder nicht. Ich nahm es ihnen übel, wenn sie sich wegen unserer Uniformen beschwerten. Verstanden sie denn nicht, dass das Leben als Mädchen an dieser Schule auch so schon hart genug war? Die ganze Debatte hetzte uns gegeneinander auf und verschärfte das Gefühl, gegnerischen Lagern anzugehören. Einige schienen Schwierigkeiten damit zu haben, sich daran zu gewöhnen, dass von nun an auch Mädchen auf ihre Schule gingen; andere schienen es komplett abzulehnen.

In meinen ersten Weihnachtsferien färbte ich meine braunen Haare blond. Das mag sich nach einer seltsamen Wahl für jemanden anhören, der eigentlich versuchte, sich unauffällig durch eine männerdominierten Welt zu bewegen. Aber ich bin mir auch selbst nach wie vor nicht sicher, ob ich versucht habe, mich attraktiver zu machen oder einfach nur meine Identität wegbleichen wollte.

"Warum brauchen Frauen keine Uhr?", fragte ein Junge in einer meiner ersten Spanischstunden. "Weil schon eine im Herd eingebaut ist!", antwortete ein anderer. Zuvor kannte ich Sexismus nur aus bösen Ammenmärchen und nun saß ich dort; vor einem Jungen, der sich wahnsinnig lustig fand. Allerdings fand ich damals weder die Worte noch den Mut, etwas zu sagen.

In einer anderen Stunde sagte unser Spanischlehrer: "Ich weiß, dass die Mädchen die Frage sicher nicht beantworten können, aber die Jungs vielleicht?" Neben mir gab es noch zwei andere Frauen in dem Kurs. Wir waren damals so schockiert, dass wir nicht wussten, was wir sagen sollten und einfach so taten, als hätten wir es überhört. Als ich am Ende des Jahres eine Auszeichnung bekam, weil ich die Beste in Spanisch war, gratulierten mir die Jungs nur widerwillig. Sie waren der Meinung, dass ich es nicht verdient hätte – immerhin waren sie schon fünf oder sogar 13 Jahre an der Schule und ich gerade mal ein Jahr.

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Ein andermal hat mir jemand an den Hintern gefasst, als ich in den Gemeinschaftsraum kam. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine Gruppe schallend lachender Jungs, die ihre Unschuld beteuerten und dazu ihre Hände in die Luft hielten. Einige Jungs hatten ganz offensichtlich keine Erfahrungen mit Mädchen – zumindest außerhalb der dunklen Ecken von Partys, wo Mädchen anhand ihrer Brüste und nicht anhand ihres Verstands beurteilt wurden. Ich lachte unbeholfen mit den anderen mit. Lehrer kamen nicht in den Raum, also gab es auch niemanden, der das Ganze gesehen haben könnte. Ich spiele diesen Moment auch heute noch häufig in meinem Kopf durch. Manchmal gehe ich die Geschichte durch und ohrfeige den Jungen am Ende oder erzähle es zumindest einem Lehrer. Damals habe ich nichts unternommen.

Letztendlich habe ich zwei Jahre hinter den großen Eingangstoren verbracht. Ich habe einige großartige Freunde gefunden und wurde von einigen bemerkenswerten Lehrer unterrichtet. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, welchen Einfluss diese Jahre auf mich hatten. Die Erinnerungen an die Schülerinnen, die wegen ihrer sexuellen Aktivität verurteilt wurden, haben mich am längsten verfolgt: In unserem ersten Schuljahr wurde einem Mädchen Kleingeld nachgeworfen, weil sie einem anderen Schüler einen geblasen hatte.

Es hat nach der Schule mehrere Jahre gedauert, bis ich Menschen wieder genug vertrauen konnte, um mit ihnen zu schlafen. Ich werde allerdings immer noch von dem Gedanken verfolgt, dass mein Sexleben am nächsten Tag im Gemeinschaftsraum diskutiert werden könnte und dass der Mann, mit dem ich geschlafen habe, lachend mit seinen Kumpels in der Ecke stehen könnte.

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Ich habe meine ehemalige Schule im vergangenen Jahr besucht und war überrascht, wie viel sich dort verändert hat. Die Schule ist mittlerweile eine normale Gemeinschaftsschule und auch das Gefühl der Entfremdung ist verschwunden: Mädchen sind mittlerweile genauso Teil der alten Mauern wie die Jungs. Es gibt sogar eine feministische Verbindung. Eine der Schülerinnen hat mir erzählt, dass die ersten Schülerinnen, die dort die Oberstufe besucht haben, von anderen Mädchen als "Wegbereiterinnen" gesehen werden.

Das war ein Wort, das ich selbst nie mit mir in Verbindung gebracht hätte. In gewisser Weise nimmt es mir aber die Verbitterung, die ich verspürt habe, als ich die Schule mit 18 Jahren verlassen habe und die mich auch heute, mit 25 Jahren, noch immer verfolgt. Dass sich dieses 17-jährige Mädchen heute an einem Ort wohlfühlen kann, an dem ich mich selbst nie wohlgefühlt habe, scheint alles ein wenig besser und sinnvoller zu machen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass unsere Erfolge und Anstrengungen dazu beitragen konnten, zumindest einen schmalen Pfad für die Mädchen zu bereiten, die nach uns kamen.


Foto: Beryl_snw | Flickr | Public Domain (bearbeitet)