Österreich

Wir haben uns nach Werner Faymann erkundigt und Parallelen zu Christian Kern gefunden

Wer die Zukunft kennen will, tut gut daran, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Deswegen blicken wir zurück auf die Ära Faymann und fragen uns, was das über Christian Kern aussagt.
18.5.17
Foto von Faymann: Bildagentur Zolles KG / Martin Steiger; Foto von Kern: BKA / Andy Wenzel

Werner Faymann war ein sehr österreichischer Kanzler. Zu Weihnachten tischte er Karpfen auf. Sein Amt verdankte er einem Leserbrief, guten Verbindungen und einem Need for Speed-artigen U-Turn in Sachen EU – eine Schöpfung der Krone quasi.

Wenn wir heute auf seine Kanzlerschaft zurücksehen, dann sind wir hauptsächlich froh, dass die Sache vorbei ist. So geht es wahrscheinlich sogar einem Großteil seiner Partei. (Bis auf die zwei Leute, die für ihn vor gut einem Jahr vor der SPÖ-Zentrale demonstrierten.)

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Aber auch, wenn es aus heutiger Sicht fast unvorstellbar wirkt: Am Anfang war das alles anders. Es hat sich anders angefühlt, wenn er uns die Hand schüttelte, anders ausgeschaut, wenn er lächelte, und anders angehört, wenn er redete. Nur so lässt sich die viel zu lange Double-binding-Beziehung zwischen Österreich und Werner F. erklären. Ihr fragt euch jetzt sicher, wie es dann so weit kam, dass Werner aus dem Bundeskanzleramt gemobbt wurde.

Wie alle großen Dinge Österreichs beginnt auch die Geschichte der Kanzlerschaft Werner Faymanns mit einem Leserbrief

Nun. Wie alle großen Dinge Österreichs beginnt auch die Geschichte der Kanzlerschaft Werner Faymanns mit einem Leserbrief (EU-Gurken, Gentechnik, Zwentendorf etc.): "Sehr geehrter Herr Herausgeber", verneigt er sich am 26. Juni 2008 in der Krone zusammen mit dem unbeliebten Noch-Kanzler Alfred Gusenbauer vor Hans Dichand. Von nun an werde man das Volk in EU-Fragen befragen. Wer so etwas in der größten Boulevardzeitung verkündet, war die längste Zeit Kanzler – oder ist gerade am Weg ins Amt. Das fand auch der damalige ÖVP-Parteiobmann und Vizekanzler Willi Molterer und verkündete nur wenige Wochen später: "Es reicht." Rot-Schwarz war Geschichte. Kommt euch bekannt vor? Wartet ab.

Zwei Monate später ist Wahlkampfauftakt. Michael Häupl rühmt Faymann und ist sich sicher, dass er Kanzler wird. Der Gerühmte bedankt sich artig mit einer Rede zu allem, was in Österreich wichtig ist: Pensionen, leistbare Gesundheitsversorgung und freier Hochschulzugang. Luttenberger*Klug singen altklug: "Es wird viel passieren, weil wir nicht viel erwarten." (Vielleicht sollten wir die prophetischen Kräfte der beiden für Wahlprognosen heranziehen – die sind wahrscheinlich genauer als einige Meinungsumfragen.) Die SPÖ wirkt nach den Gusenbauer-Jahren überglücklich und vereint, weil es da noch jemanden gibt, der sie bei der Hand nehmen und durch die kleine Welt Österreichs führen will.

Parallelen drängen sich auf: Die Partei freut sich, blickt hoffnungsfroh in die Zukunft und weint dem Vorgänger keine Träne nach.

Christian Kern fährt währenddessen noch nicht mal Bahn. Er ist bis 2010 Vorstandsmitglied der Verbund AG. Als Werner Faymann am 9. Mai 2016 zurücktritt, wird der mittlerweile zum Vorsitzende der Gemeinschaft Europäischer Bahnen Aufgestiegene neben Gerhard Zeiler und Brigitte Ederer als möglicher Nachfolger genannt – und ist drei Tage später Bundeskanzler.

Kern fliegen, wie der Standard schreibt, wenn schon nicht die Herzen dann zumindest "die Sympathien zu". Gewisse Parallelen zwischen Faymann und Kern drängen sich auf: Die Partei freut sich, man blickt hoffnungsfroh in die Zukunft und weint dem Vorgänger keine Träne nach. Ein kleiner, feiner Nebenschauplatz: Kern setzte sich übrigens auch gegen den Häupl-Favoriten Zeiler durch und schließt damit einen Kreis: Nur, weil Häupl Gusenbauer fallen ließ, wurde Faymann möglich.

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Wie konnte es so weit kommen? Leider verlor Grinse-Werner in irgendeiner Phase seines ideenlosen Lächelns das Vertrauen seiner Partei und irgendwann lief ihm auch noch Josef Pröll den Rang als BFF von "Onkel Hans" Dichand ab – was für ihn wahrscheinlich schlimmer war. Alles natürlich kein Grund, gleich abzutreten. Aber die ziemlich beeindruckende Serie von 18 Wahlniederlagen wurde mit dem Bundespräsidentenwahl-Desaster dann sogar der SPÖ zu viel: Am 9. Mai 2016 tauchte er nach langen Jahren dann doch endlich ab.

Seitdem dürfen wir uns fragen: Was macht eigentlich Werner F.? In Brüssel Taxi fahren? Twittern? Da es auf Twitter mittlerweile ausschließlich Satire-Faymanns gibt wohl eher nicht. Was macht er ohne die Leute, die ihn auf Facebook so gut fanden? Seine "falschen Freunde" ist er wohl losgeworden (das passiert, wenn man die Leute bezahlen muss und die Sache plötzlich nicht mehr läuft).

Wie jeder gute Ex-Politiker bleibt auch Werner Faymann nach seiner Regierungszeit wahnsinnig produktiv. Wenn man sich einmal eine derartige Expertise (also: Netzwerke) erarbeitet hat, dann will man die auch weiterhin gewinnbringend einsetzen. Deshalb gibt's 4pro – die Firma, die er mit seinem ehemaligen Kommunikationschef Matthias Euler-Rolle gegründet hat. Zusammen "konzipieren, planen und begleiten" sie "Projekte". Außerdem hat sich der Bundeskanzler a. D. als Lobbyist eintragen lassen. Wahrscheinlich sind diese „Projekte" und der Eintrag ins Lobbyisten-Register nicht ganz unabhängig voneinander. Und UN-Sonderbeauftragter zur Verhinderung von Jugendarbeitslosigkeit ist Werner Faymann jetzt auch.

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Das klärt aber alles nicht so wirklich, was der Ex-Bundeskanzler so mit seiner Zeit treibt. Wenn man versucht, ihn zu fragen, wird man auch nicht viel schlauer: Keine Interviews. Sorgen muss man sich trotzdem keine machen. Es läuft vermutlich ziemlich gut bei ihm: Er berät den Tiroler Immobilien-Entwickler Markus Schafferer in Sachen Österreich und Umliegendes.

Das ist naheliegend, weil der BK a. D. früher einmal Wiener Wohnbaustadtrat. Vielleicht arbeitet Faymann in dieser Funktion sogar am nächsten 18-Millionen-Projekt mit, das zwar bezahlt, aber nicht gebaut wird:

Daran war PEMA, die Firma von Schafferer, nämlich auch beteiligt.

Wenn man bei solchen Dingen mitspielen darf, dann kann man nebenher auch ein wenig ehrenamtlich arbeiten. Und um nicht nur unversöhnlich zu klingen: Werner Faymann lacht gewiss immer noch so viel wie früher als "Sondergesandter des Generalsekretärs für Jugendbeschäftigung" und in der Kommission des Österreichischen Zukunftsfonds. Auch wenn er dabei nur Personal und Büro gestellt bekommt.

Beim Zukunftsfonds darf Faymann darüber mitentscheiden, welche Projekte gefördert werden und welche nicht. 2015 wurden 375 eingereicht, 260 davon genehmigt und mit insgesamt 2.122.321,00 Euro gefördert. Klingt nach sehr viel, sind aber durchschnittlich nur 8.100 Euro pro Projekt. Wer sich fragt, welche Projekte das sind, findet hier alle weiteren Infos. Kurz zusammengefasst, sind die Themen unter anderem Zeitgeschichte, Exil, Migration und Vergangenheitsbewältigung.

Wer sich wie der Fonds mit der Zukunft beschäftigen will, sollte eben ganz klassisch erst mal seine Vergangenheit aufgearbeitet haben. Könnte man auch der SPÖ raten, wenn die ihren neuen Messias Kern feiert: Denkt an eure alten Zukunftshoffnungen, denkt an Werner F. und nehmt auch vor, mit Christian Kern besser umzugehen. Seid lieb zu eurem Neuen, haltet ihn von Briefpapier fern, lasst ihn in Ruhe Pizza essen. Sonst könnt es dem "neuen Lenin", den Teile der ÖVP ja anscheinend in ihm sehen, bald wie seinem Vorgänger gehen. In der Zwischenzeit suche ich nach Weissagungen in Luttenberger*Klug-Songs.

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