‚Lantern‘ von Hudson Mohawke ist so großartig wie ein hyperaktives Kind

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Hudson Mohawke

‚Lantern‘ von Hudson Mohawke ist so großartig wie ein hyperaktives Kind

Wir haben uns mit dem britischen Producer über sein explosives neues Album, ‚Lantern', unterhalten.
02 Juni 2015, 1:41pm

Ross Birchards' Geschichte ist langsam bekannt. Der junge Produzent aus Glasgow streifte alles ab, was seine bisherige Existenz prägte und stürzte sich direkt in ein neues Leben: Aus dem Sub Club-Resident wurde jemand, der mit Leuten wie Kanye West, Drake und Pusha T zusammenarbeitete. Sein Telefonbuch liest sich wahrscheinlich wie der Kalender von Hot 97, aber nichtsdestotrotz deutet die Liste an ausgewählten Gastkünstlern für sein zweites Solo-Album, Lantern, darauf hin, dass er eine andere Richtung eingeschlagen hat. „Es ist jetzt nicht so, dass die Leute auf der Platte nicht alle großartig wären, aber es sind keine Namen dabei, die von dem Album ablenken. Wenn ich einen richtig großen Künstler an Bord geholt hätte, dann hätte das alles andere überschattet. Es ist immer noch ein Hudson Mohawke-Album.

Ich bekam Lantern ein paar Wochen vor unserem Interviewtermin zugeschickt und es ist schon eine merkwürdige Platte. Aber auf eine gute Art merkwürdig. Nein, sogar auf eine großartige Art merkwürdig. Einzigartig und geradezu genial merkwürdig. Einmal freigelassen, entwickelt das Album sich schnell zu einem hyperaktiven Kind, aggressiv, unbändig und keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Ich habe sie mit Freunden zum Vorglühen gehört, aber sie wütete auch über meine Kopfhörer, wenn ich morgens verpennt auf dem Weg zu Arbeit war.

Die frühen Arbeiten von Birchard und Zeitgenossen wie Rustie haben den Weg für die anhaltende Liebesbeziehung zwischen elektronischer Musik, Pop und HipHop geebnet. Inzwischen sind wir aber im Zeitalter der PC Music angekommen—der Hochglanz-Exzess ist durchtränkt von Ironie, was uns vor der Verletzlichkeit schützt, die emotionale Ehrlichkeit nun mal mit sich bringt. Lantern weigert sich aber, nach diesen Regeln zu spielen, und entledigt sich dem Ballast der Meta-Dynamiken zugunsten von explosivem und unverblümtem Optimismus. Die Platte stellt genau wie ihr Erschaffer eine fröhlich gestimmte Ausnahme dar.

Was das unablässige Streben nach Glück angeht, versichert mir der 29-Jährige, während er mir am Fenstertisch eines sonst leeren Restaurants gegenüber sitzt, dass sein Ziel, sich die Euphorie zu Nutze zu machen, keineswegs etwas Neues ist. „Das ist etwas, das mich schon immer interessiert hat. Es kommt daher, dass ich ein großer Fan von Happy Hardcore bin—und zwar komplett ironiefrei. Ich habe diese Musik wirklich ernsthaft gehört, ohne den größeren Kontext oder die Szene dahinter zu kennen."

Seit dieser frühen musikalischen Prägung hat Birchards Streben danach, Freude und gute Laune einzufangen, seinen kometenhaften Aufstieg bis zum heutigen Tag überlebt. Der junge Glasgower Produzent hat nun einige Jahre mit lauter weltbewegenden Begegnungen und Projekten hinter sich. Eine derartige Laufbahn, so dachte ich mir, muss seine Perspektive auf so ziemlich alles verändert haben. „Alles, was ich erlebt habe, hat mich vorsichtiger gemacht. Ich passe jetzt besser auf die Dinge auf, die ich zum Beispiel in Interviews sage, oder besser nicht sage", erzählt mir Birchard, während seine Augen in einem vielsagendem Grinsen verschwinden.

Einen Großteil seines Erfolgs hat er TNGHT zu verdanken, seinem Super-Trap-Projekt mit dem kanadischen Produzenten Lunice. Ihre selbstbetitelte EP bescherte ihnen einen schwindelerregenden Aufstieg, ständige Auftritte auf der ganzen Welt und eine Menge Interesse von wichtigen Industriegrößen. „Wir bekamen Angebote von riesigen amerikanischen Labels, die mehr oder weniger sagten ‚Hier ist ein Haufen Geld, nehmt es und macht eine Platte.' Ich glaube, dass wir das jederzeit tun könnten. Das wäre dann vielleicht ein Jahr lang super, aber würde ziemlich schnell versanden." Für jemanden, der so aus der breiten Masse hervorsticht wie Birchard, ist die Vorstellung, dass er als Hitmaschinerie an einen langfristigen Plattenvertrag gebunden wird, etwas erschreckend. „Wir hätten ein richtiges TNGHT-Album machen können, aber dann hätte auch jede danach folgende Soloveröffentlichung in großen Lettern TNGHT drauf stehen gehabt."

„Als ich anfing, mich in dieser Welt zu bewegen, ergaben sich eine Menge Gelegenheiten für mich. Ich dachte mir nur noch, ‚Verdammt, ich bin total fertig', aber sie waren alle einfach zu gut, um sie auszuschlagen. Ich musste anfangen, Prioritäten zu setzen—ich konnte nicht einfach immer weiter zu allem ‚Ja' sagen, nur weil ich Angst hatte, keine zweite derartige Gelegenheit zu bekommen." Dieser Strudel aus plötzlichem Interesse an seinen Produktionen zwang Birchard zu eigentlich unmöglichen Kompromissen und einer noch unmöglicheren Zeiteinteilung. „Irgendwann war ich dann so weit, dass ich zu mir meinte, ‚Ich muss anfangen, ‚Nein' zu sagen, oder ich werde kein neues Album machen können. Wenn ich jetzt nichts ändere, wird es bald keinen Hudson Mohawke mehr geben.'"

Wir unterhalten uns noch eine Weile über den Burn-Out, den diese intensive Zeit zur Folge hatte. Monate über Monate mit Live-Auftritten, lediglich unterbrochen von Produktionsarbeiten für andere Künstler—während er gleichzeitig „mit einem Haufen Leute tourte, die sich alle nur ständig abschießen wollten"—gipfelte dann schließlich in einem untragbaren Zustand. Birchard achtet darauf, dass wir nicht zu viel Zeit damit verbringen, über diese Phase zu sprechen. Er scheint dabei aber nichts geheim halten zu wollen oder sich für etwas zu schämen, es ist schlicht und einfach irrelevant für ihn geworden. Als ich mir beim weiteren Nachhaken zu dem Thema plötzlich sehr niveaulos vorkomme, entschuldige ich mich und versichere ihm, dass ich nicht nur an seinen ausschweifenden Exzessen interessiert bin, um mehr Leser anzulocken. Er zuckt nur mit den Schultern und grinst mich wieder an, „Dinge passieren, aber ich habe nicht gerade das Bedürfnis, darüber zu reden."

Dinge passieren in der Tat, aber ich bin doch ziemlich beeindruckt davon, wie hoch Birchard hier die eigene Messlatte für „Dinge" gesetzt hat. Er spricht immerhin von einer Tätigkeit, die ihn kreuz und quer über unseren Planeten reisen und ihn hinter verschlossenen Türen mit der absoluten Elite an der lukrativsten und fortschrittlichsten Popmusik unserer Zeit arbeiten lässt. „Dinge passieren", bezieht sich in meiner Vorstellung dann doch eher auf belanglose Alltäglichkeiten wie zum Beispiel, dass meinem Handy-Akku nachts im Club der Saft ausgeht, eine unbeabsichtigt große Portion Ketchup aus der Tube spritzt oder ich in der U-Bahn einen fahren lasse. Vielleicht sagt uns das aber auch einiges über die letzten paar Jahre, die Birchard durchlebt hat—eine Zeit geprägt von Erfolgsübersättigung; eine Zeit, die so intensiv war, dass sie in einem kräftezehrenden aber lebensverändernden Mischmasch aus „Dingen" verschwommen erscheint.

Wenn Lantern das Nachspiel dieses Mischmaschs ist, dann beweist das auf jeden Fall die Theorie, dass Äußerungen der Freude ein wenig Dunkelheit brauchen, um an die Oberfläche treten zu können. „Das hier bin ich als Producer, nicht als Beattüftler. Es umfasst eine Menge Sachen, die ich schon seit Jahren machen wollte. Ich habe mehr versucht, richtige Songs zu produzieren, nicht bloße Beats." Ich frage ihn, ob er mit seinem Versuch, die reine Beatarbeit aufzugeben, dem Partyzirkus komplett den Rücken zukehren möchte. „Es gibt schon einen Grund, warum wir „Chimes" als Single veröffentlicht haben. Natürlich möchte ich noch weiter Partymusik machen, weil es Spaß macht, damit aufzulegen—aber es ist nicht das, was ich auf einem Album machen möchte. Ich habe mich von großen Buildups und Drops ferngehalten."

Während wir uns mehr und mehr über Lantern unterhalten, wird Brichard immer lebendiger und ist schon bald von einem kindlichen Enthusiasmus erfüllt, als hätte gar nicht er sondern ein anderer dieses Album gemacht und er selbst sei nur Fan. „Ich mag den Song mit Miguel richtig gerne. Diese Idee mit dem abartigen Gitarrensolo am Ende finde ich einfach super!" Sein Stolz basiert weniger auf Arroganz als auf überschwänglicher Begeisterung—es ist sein überbordender Charakter, der dieses Album prägt. Von der glitzernden Erhabenheit bei „Kettles" bis hin zum Gabber-Breakdown von „System"—einem Track, den Birchard als „harten, Jeff Mills tritt in die Eier nach dem ganzen R'n'B"-Song beschreibt—stellt dieses Album eine Kristallisation der ganzen Einflüsse, Eigenarten und Experimente dar, die er bis heute gesammelt und ausprobiert hat.

„Ich habe das Gefühl, dass eine Menge Menschen erst nach dem ganzen TNGHT-Zeug auf mich aufmerksam geworden sind. Also habe ich es mir mit dem Album zum Ziel gesetzt, meinen Fans zu zeigen, auf was ich wirklich stehe." Und die können sich auf etwas gefasst machen: Jeder, der hier astreine Club-Banger erwartet, wird nicht enttäuscht werden, sondern obendrein noch sein blaues Wunder erleben—wahrscheinlich sogar komplett umgehauen werden.

Seine eigene, vielleicht sogar eigenartige Sicht der Dinge scheint auch später durch, als ich ihn zum Album-Artwork befrage. „Wir hatten ursprünglich eine andere Idee für das Cover. Eigentlich sollte mein Vater in einem Ronald McDonald-Kostüm zu sehen sein, der ein Grab buddelt. Aber dann stand uns mein Vater doch nicht zur Verfügung." Ich frage mich kurz, wie viel ich in dieses Bild eines morbiden Clowns hineinlesen soll, aber komme dann zu dem Schluss, dass diese Information wahrscheinlich besser in Birchards verwinkeltem Gedankenapparat aufgehoben ist.

Die auf dem Album vertretenen Künstler weisen selbst auch auf eine interessante Entwicklung des Producers auf. Für das bislang wohl wichtigste Hudson Mohawke-Soloalbum sind die neben ihm stehenden Namen doch ziemlich unbekannt. Abgesehen von Antony Hegarty und Miguel ist das Album mit Beiträgen von Sängern durchzogen, denen Birchard irgendwie über den Weg gelaufen ist, und zu denen er „persönliche Beziehungen aufgebaut" hat, um sich diesen „riesen Aufriss" zu sparen, irgendwelchen A&R-Typen ordnerweise Musik zukommen lassen zu müssen.

Birchard scheint dabei sehr selbstbewusst vorzugehen und macht sich selbst zum Hauptdarsteller dieser Platte—nicht bloß zu einem Element, das sich bei größeren Namen bedient. Trotzdem bleibt er vorsichtig, „Ich befinde mich momentan in einer ganz guten Position, aber sobald man anfängt, zu sagen, ‚Ich bin genau da, wo ich immer sein wollte', ist das der Anfang vom Ende. Wenn es etwas gibt, das ich machen will, und ich das dann bewältige, dann bin ich sofort wieder auf der Suche nach dem nächsten Schritt."

Da mir vor Kurzem eine Curb Your Enthusiasm_-Anspielung in seiner Twitter-Bio aufgefallen ist (wir sind beides große Fans der Serie), wende ich ein, dass vielleicht Larry David jemand ist, der sich genau dort befindet, wo er immer sein wollte—und dem es mit diesem Erfolg durchaus gut geht. Birchard wägt den Vergleich ab, „Ja, aber er ist hunderte Millionen Dollar schwer—er hat _Seinfeld gemacht und kann jetzt tun, was er will!" Ich wende ein, dass diese TNGHT-Albumdeals vielleicht, ja ganz vielleicht, zu seinem persönlichen Seinfeld hätten werden können. Hudson Mohawke muss laut lachen.

Lantern erscheint am 16.06.2015. Hudson Mohawke ist bei Twitter/Facebook/Soundcloud.

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