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Schokolade

Erwachsene und Süßigkeiten

Als Erwachsener weißt du, dass Süßigkeiten keine optimale Nahrungsquelle sind. Wenn du dich nicht zügeln kannst, dann sind Diabetes und löchrige Zähne auch gerechtfertigt. Aber trotzdem sind Süßigkeiten die erwachsenste Sache der Welt.
30.6.14
Foto: Chris van Dyck | Flickr | CC BY 2.0

Seit über einem Jahrzehnt habe ich keine Süßigkeiten mehr gegessen. Als ich 18 Jahre alt war, traf ich diese Entscheidung, nachdem ich dem Zahnarzt aus meiner Kindheit in den Semesterferien meines ersten College-Jahres mal wieder einen Besuch abgestattet hatte. Ich hatte Löcher in beunruhigend vielen Zähnen—neun, um genau zu sein—und bekam schon fast Kieferstarre, als ich die ganze Zeit den perfekt gekämmten Haaransatz des Doktors ansah, der meinen Mund mit einer Art Gummiknebel offen hielt. Er versuchte, meine strahlend weiß-gelben Zähne zu retten. Ich putzte sie ja sogar, einmal morgens und einmal abends. Aber vielleicht habe ich unterschätzt, welche schlimmen Folgen eine tägliche Packung Skittles auf meinen Zahnschmelz hatte. Entweder das oder ich musste damit aufhören, meine Zähne mit Brausepulver zu putzen.

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Es ist nicht unüblich, dass junge Leute in ihrem ersten College-Jahr ihre Grenzen austesten: Saufen ohne Sinn, Essen ohne Kalorien zählen und Ficken ohne Bedeutung. Und mein erstes Semester war gut, fast ohne Konsequenzen für meinen Körper, der dieses Leben mit Superheld-ähnlichen Fähigkeiten zu verkraften schien, obwohl ich meine neu gewonnene Freiheit wirklich auskostete. Auf durch Alkohol verursachte Blackouts folgten nie derbe Hangover. Die 10 Kilo, die man im ersten Jahr angeblich zunimmt, waren auch nur ein Mythos. Und auch bei den ganzen Schäferstündchen (auch mit meiner jetzigen Frau) fing ich mir keine Geschlechtskrankheit ein.

Aber dann kamen die Löcher.

In Donald Antrims Buch The Hundred Brothers lehrt der mit 93 Jahren Älteste der Brüder, Hiram, einem seiner jüngeren Geschwister Folgendes: „Deine Zähne sind dein wertvollster Besitz. Du denkst wahrscheinlich, dass dein wertvollster Besitz dein Schniedel ist. Es ist aber nicht dein Schniedel, es sind deine Zähne, vor allem deine zwei vorderen Schneidezähne."

Ich war 75 Jahre jünger und verstand sofort, was Hiram meinte. Meine zwei vorderen Schneidezähne hatten schon Einiges mitgemacht. Der rechte musste dran glauben, als ich als kleiner Junge einen Baseball mit voller Wucht ins Gesicht bekam. Der linke wurde unten angebrochen, als sich irgendein muskelbepackter, MMA-ähnlicher Typ bei einer Punkrock-Show dazu entschloss, mich in den Schwitzkasten zu nehmen und ich mir dachte, dass nur Pussys aufgeben. Die Löcher waren wie ein Weckruf. Ich schwor mir, von da an meine Molaren zu schützen. Und meinen Penis auch.

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In den Jahren danach blieb ich meinem Schwur aus den Semesterferien fast komplett treu. Meine neue Ernährungsweise und mein neuer Lifestyle waren vom Katholizismus inspiriert und basierten auf Schuldgefühlen und dem Unterdrücken von Begierden. Aber in den letzten Wochen merkte ich, wie ich immer mehr bei der Kasse meines Kiosks abhing, wo sich die Schokoriegel und Fruchtgummis nur so stapeln. Das Angebot hat sich in der ganzen Zeit scheinbar kaum verändert.

Als ich endlich eine Entscheidung traf, der Snickers-Erdnussbutter-Riegel sollte es sein—und das war ungefähr so schwer, wie sich auf einen Netflix-Film oder ein Tattoo-Motiv festzulegen—, wusste sogar der Verkäufer, das da gerade etwas Bedeutsames geschieht. Er nickte mir zu und wollte mir eine braune Papiertüte für den Schokoriegel geben, fast so, als würde ich ein paar Dosen Bier zurück zur Arbeit schleppen.

Als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, öffnete ich die Verpackung und biss ab. Es war trocken, so wie schlimme Pappfresse. In meinem Mund fühlt sich der Riegel wie Dichtungsmasse an und der Geschmack der hochgejubelten Erdnussbutter-Substanz überdeckte alle anderen verarbeiteten Zutaten—Nougat, Erdnüsse und Karamell. Das habe ich also verpasst?

Eigentlich liebe ich Erdnussbutter. Aber das hier war etwas anderes, eine trockenes Etwas. Ich machte trotzdem weiter und aß den ersten der zwei Quadrate auf. (Und nur zum mitschreiben, das ist wohl die größte Ungerechtigkeit in der Geschichte der Süßigkeiten: zwei separate Teile anstelle eines einzelnen, durchgehenden Riegels. Denk mal an die Süßwaren „100 Grand" oder „Take 5", beide ganz oben auf der Liste meiner Favoriten—und das nicht nur, weil sie Buchstaben und Zahlen im Namen kombinieren. Und jetzt denk daran, wie viel besser sie wären, wenn durch die Trennung in mehrere Stücke nicht so viel Masse verloren gehen würde! Oder wenn sie noch ein Ausrufezeichen im Namen hätten!)

Snickers (Foto: Bodo | Flickr | CC BY 2.0)

Beim ersten Biss in den zweiten Teil des Riegels hielt ich diesen aus Versehen auf dem Kopf. Dies sollte sich als Glücksfall herausstellen. Plötzlich war das Ganze keine zerbröselnde Sandburg mehr. Als meine Zunge die oberste Schicht Karamell berührte, wurde das komplette Geschmackserlebnis stattdessen mit einem zuckrigen Schmiermittel überzogen. Eigentlich wollte ich den zweiten Teil ehrlich gesagt gar nicht mehr essen. Ich war quasi satt und der erste hatte in mir kein Verlangen nach mehr geweckt. Aber als ich fertig war, erwachte in mir drin ein lange schlummernder Glucosesirup-Dämon. Die offensichtlichen Geschmacks- und Beschaffenheitsschwächen des Riegels wurden von der Mischung aus Fett und Zucker verdrängt, die sich jetzt durch meinen Verdauungstrakt arbeitete. Ich spürte, wie ich die Kontrolle verlor, als ich etwas zu angestrengt darüber nachdachte, ob es meine Kollegen jetzt komisch finden würden, wenn ich die Schokoladenreste von der Verpackung ablecke. Es war genau so, wie damals in meinen jungen Jahren—mein Gedankengang reduzierte sich auf die simpelste mathematische Gleichung der Welt: Vorhandene Süßigkeiten = verputzte Süßigkeiten, denn es sind verdammt noch mal Süßigkeiten!

Aber das war meine Schuld und ich will die ganzen Willy Wonkas der Welt jetzt nicht schlecht machen, nachdem ich nur ein halbtrockenes Erdnussbutter-Snickers gegessen habe. Der Ruf von Süßigkeiten ist schon schlecht genug.

Wenn du Süßigkeiten isst, dann weißt du auch, dass diese keine optimale Nahrungsquelle sind. Wenn du dich nicht zügeln kannst, dann hast du dein selbstverschuldetes Diabetes und deine Zähne voller Löcher vielleicht sogar verdient. Aber wenn du es schaffst, den Verzehr zu beschränken, dann ist Süßigkeiten essen vielleicht–aber wirklich nur vielleicht—die erwachsenste Sache, die du nur machen kannst … so lange du nicht die Verpackung ableckst.

Oberstes Bild: Chris van Dyck | Flickr | CC BY 2.0