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Ich habe neun Monate mit einem Junkie zusammengewohnt

In dem Moment, in dem sein Vater seinen Kram zusammenpackt, verstehe ich vielleicht zum ersten Mal das wahre Ausmaß der Krankheit meines Mitbewohners und vermeintlichen Freundes. Ich hätte ihm besser helfen können.
27.9.12

DER EINZUG

Ich wusste nicht, dass Clark heroinsüchtig war, als er zu mir zog. Ich hatte ihn eigentlich nur einmal vorher persönlich getroffen. Wir hatten eine Online-Freundschaft—er fügte mich bei Facebook als Freund hinzu und jeden Monat oder so schickten wir uns ein paar dumme Videos hin und her. So findet man im 21. Jahrhundert Mitbewohner. Ich brauchte jemanden, der einen Teil der Miete übernimmt, er wollte nicht mehr in seiner alten Wohnung wohnen und so kam eins zum anderen. Bevor ich mich versah, packte er mehrere Wagenladungen Kleidung, Schmuck, Nippes und Haushalt willkürlich in mein Wohnzimmer. Er hat diese tollen Lederkoffer, die Art, die Humphrey Bogart auf langen Zugfahrten benutzen würde. Das Haus sieht jetzt schon besser aus. Er versteht es um Längen besser als ich, ein Haus wohnlich zu machen.

ERSTER MONAT

Er mag einen guten Geschmack haben, was das Gepäck angeht, aber Clark ist ein Typ mit merkwürdigen Angewohnheiten. Er hört bizarre Noise-Musik, hat eine seltsame Fixierung auf Drahtkleiderbügel, spaziert gern durch die Innenstadt und nimmt mit seinem Diktiergerät die Gespräche Anderer auf. Er macht in der ganzen Stadt eine Art banksyesker Street-Art. Das ist in Ordnung, es gibt dem Haus irgendwie Charakter, aber ich merke langsam, dass Clark andere Grenzen hat als ich, wenn es um Drogenkonsum geht. Er erzählt mir ganz locker, dass er noch „ein bisschen übrig H" hätte, und das nun loswerden müsse. Er sagt, Heroin sei lahm, und dass es seiner Meinung nach idealisiert wird. Ich kenne niemanden, der jemals Heroin idealisiert hätte, was mir irgendwie das Gefühl gibt, uncool zu sein. Clark sagt, dass er sich von dem Zeug verabschieden muss und dass er jetzt damit durch ist. Ich weiß nicht, wie man über diese Dinge sprechen soll, also lächle ich und sage: „Ja, ich kenne dieses Gefühl." Das tue ich nicht. Überhaupt nicht.

ZWEITER MONAT

Um 4 Uhr morgens kommen merkwürdige, scheppernde und irgendwie musikalische Geräusche aus Clarks Zimmer, es wird auch viel gekichert. Ich habe bisher keinen von Clarks Freunden richtig kennengelernt, aber sie sind alle sehr esoterisch. Einem Typen, Jeremy, fehlen z.B. die meisten seiner Zähne und er trägt eine Businesskrawatte über seinem Tank-Top. Ich sehe Clark auch fast nie tagsüber—ich weiß nur, dass er in seinem Zimmer ist, weil ich manchmal ein raues, lautes Husten höre. Irgendwas läuft hier eindeutig falsch, aber ich will nicht darüber nachdenken. Ich fange an, mein Schlafzimmer abzuschließen.

DRITTER MONAT

Ich komme in mein Wohnzimmer und muss feststellen, dass Clark Dutzende alter Schwarz-Weiß-Fotos an die Wände geheftet hat. Es sind Bilder von ernst dreinblickenden alten Menschen, die ohne den geringsten Anflug von Humor in die Kamera starren. Ich frage Clark, wo er all dies gefunden hat, und er sagt mir, er sei früher containern gegangen und zeigt auf einen Stapel verschimmelter alter Bücher. Er kaufte auch eine große schwarze Box, die angeblich dazu dient, Pilze zu züchten. Wieder einmal stelle ich keine Fragen. Er und seine Freunde haben begonnen, bis 6 Uhr morgens fast kultähnliche Beschwörungsformeln („BORG-BORG") zu schreien. Manchmal sehe ich sie, wie sie mit den Pennern in der Nachbarschaft abhängen. Ich glaube, sie leben alle in dem großen, alten verlassenen Herrenhaus ein paar Blocks die Straße runter. Sie gehen rein, setzen sich einen Schuss und kotzen hinter die große Eiche im Vorgarten.

VIERTER MONAT

Mir fällt auf, dass Clark nicht gesund aussieht. Er ist blass, seine Pupillen wirken vernebelt und er ist ständig ungewaschen. Er erzählt mir die gleichen Geschichten immer und immer und immer wieder. Ich weiß nicht genau, was ich als sein Freund und Mitbewohner tun soll. Ich fühle mich irgendwie schlecht. Ich hätte das alles nicht geschehen lassen dürfen. Freunde lassen Freunde nicht im Stich, oder? Ich entscheide mich, minimal einzuschreiten. Es gibt wirklich keine angemessene Art, die Heroinabhängigkeit von jemanden zu thematisieren, also muss ich mich wohl glücklich schätzen, weil Clark es zuerst anspricht:

„Hör mal, Alter, ich bin ziemlich heroinabhängig."

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„Ich weiß." Schon wieder bin ich dem nicht gewachsen.

„Aber ich werde clean, tut mir leid für den Stress, den ich dir verursacht habe."

„Danke, Mann, ich schätze es wirklich, dass du so ehrlich zu mir bist."

Wir stoßen auf bessere Zeiten an.

FÜNFTER MONAT

Die Dinge haben sich verbessert. Ich habe versucht, mehr Zeit mit Clark zu verbringen. Wir haben zusammen gegessen, zusammen gelernt, sind zusammen ausgegangen—ich versuche, ein Puffer zwischen ihm und der Sucht zu werden. Ich war noch nie nach irgendwas süchtig, so dass ich nicht weiß, wie das abläuft, aber er scheint glücklicher zu sein. Ihn zu einer Wu-Tang-Show mitzunehmen, ist das Mindeste, was ich tun kann. Die Lage im Haus wird langsam erträglicher.

SECHSTER MONAT

Clark hat angefangen, eine Menge Zeit mit einem Jungen namens Evan zu verbringen. Ich sage „Junge", weil er ehrlich gesagt aussieht, als könnte er 16 sein. Er ist schmutzig, in Gegenwart von Menschen komisch und auf seltsame Art sanft. Er wirkt wie der totale Junkie, aber nicht wie ein gewalttätiger Typ. Er schläft öfter hier, als mir lieb ist. Er hat sein Bestes getan, um eine Freundschaft mit mir aufzubauen, aber er ist nicht wirklich mein Typ. Clark schwört mir, dass er nur versucht, sich um ihn zu kümmern, um ihm durch seine Sucht zu helfen. Er macht deutlich, dass er „definitiv weg davon" ist. OK. Ein paar Wochen später kommen Clarks fragwürdigen Freunde noch einmal vorbei. Sie haben die beunruhigende Angewohnheit entwickelt, mein Haus durch die Balkontür zu betreten. Sie sind alle in Lumpen gekleidet und haben Streichinstrumente dabei. Ich bin mir nicht sicher, ob diese ganzen Kids noch woanders ein Bett haben, und langsam wird mir klar, dass mein Haus zu einer lokalen Anlaufstelle für die Jungen und Hoffnungslosen wird.

SIEBTER MONAT

Ich komme eines Tages nach Hause, um einen alten, ungepflegten Kerl vorzufinden, der wie ein arbeitsloser Hausmeister aussieht und auf meiner Couch ein intensives Gespräch mit Clark führt. Das Erste, was er mich fragt, ist, ob ich Gras dabei habe. Er beendet Sätze nicht und hat sowieso nicht viel zu sagen. Ich versuche, mit ihm eine Konversation zu führen, kann aber nicht, vor allem, weil ich denke: Warum ist dieser Mann in meinem Haus? Er geht und Clark entschuldigt sich. Ich tue so, als ob mich diese ganzen Fremden in meinem Zuhause nicht stören. Mache ich mir nach all dieser Zeit wirklich noch Sorgen, verklemmt oder uncool zu sein?

Evan lebt jetzt praktisch hier und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, sieht er ein bisschen ungesunder aus. Er trägt jeden Tag das Gleiche. Zuerst hat er sein Handy verloren, dann seine Brille und dann seine Schuhe. Er kommt vorbei, klopft auf der Suche nach Clark an meiner Tür und wenn er nicht da ist, bricht er zusammen. Ich fange wieder an, meine Tür zu verriegeln.

ACHTER MONAT

Es ist 2 Uhr morgens und ich höre Schritte und das Tappen von Hundepfoten auf dem Holzboden im Flur. Es ist Gerald, einer von Clarks unvorhersehbaren Freunden, der in den letzten paar Wochen eine Vorliebe für mich entwickelt hat. Wie immer hatte Clark ihn nicht erwartet.

„Wo ist J.J.?"

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Ich liege in meinem Bett, meinen Boxershorts und im Halbschlaf neben meiner Freundin. Ich schließe meine Tür auf und gehe ins Wohnzimmer.

„Was ist los, Gerald?"

„Ich ziehe in den Krieg, Alter", sagt er und schwingt ein Küchenmesser. Gerald ist nie ganz da, aber ich kann sagen, dass er sich heute Abend besonders verwirrt fühlt.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie du reagieren kannst, wenn ein irrationaler Kerl eine Waffe in deinem Haus in der Hand hält. Du könntest zum Beispiel schreien: „Verpiss dich verdammt noch mal aus meinem Haus!" Aber das tue ich nicht. Ich lächle nur und sage: „Ich kenne dieses Gefühl." Ich kenne dieses Gefühl nicht.

Gerald trägt übrigens kein Hemd und hält das Messer horizontal an seiner Brust. Er geht auf mich zu. Ich bin damit nicht einverstanden. Ich weiche zurück. Gerald sieht das, hält an, lacht und sagt: „Mach dir keine Sorgen, Mann, ich werde dich nicht töten."

Ich gehe zurück ins Bett und versuche, meiner meiner Freundin, die mehr schläft, als wach ist, zu erklären, was genau im Wohnzimmer passiert ist. Sie rollt sich rüber und gähnt. „Warum wohnst du hier?" Ich habe keine gute Antwort auf diese Frage. In diesem Moment merke ich wieder, dass ich mich in meinem eigenen Haus nicht sicher fühle.

NEUNTER MONAT

Clark hat einige Freunde übers Wochenende eingeladen. Einer dieser Freunde ist ein alter schwuler Type namens Ryan, er kommt aus der gleichen Stadt wie Clark. Er wirkt eigentlich ganz normal, außer dass er mit 20-jährigen Junkies abhängt. Ich will gar nicht wissen, was in meinem Haus passieren wird, also gehe ich in die Stadt, um mir ein paar Shows anzusehen. Ein paar Stunden später, als ich Clark anrufe, damit er mich abholt, ist er mitten in einem Streit mit dem alten homosexuellen Typen. Sie schreien. Er erzählt mir, dass er das Haus von innen abgeschlossen hat und vom Balkon in sein Auto geklettert ist. Er sagt, er werde es später erklären.

Also sitze ich auf dem Beifahrersitz, Clark bricht fast in Tränen aus. Ryan ist ein HIV-positiver Drogendealer und er ist im Haus mit einer offenen Wunde rumgelaufen. Er hat in unsere Spüle geblutet. Das hat Clark verständlicherweise ein wenig verängstigt und er fragte Ryan, ob er nicht ein Pflaster oder so etwas braucht. Ryan mochte das Thema überhaupt nicht und wurde wütend: „Du denkst, ich bin ein Monster." Er verwüstete die Küche und ich bin mir ziemlich sicher, dass er all unser Besteck gestohlen hat.

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An diesem Punkt bin ich an Vorfälle wie diesen gewöhnt, aber dann geschieht etwas Unerwartetes. An der Ampel direkt vor unserem Haus sieht Clark mich an und sagt: „Es tut mir so leid, dass ich dich in diese ganze Scheiße reingeritten habe, Alter."

Es ist wahrscheinlich das erste Mal seit seinem Einzug, dass Clark ehrlich zu mir ist. Ich mache ihn nicht dafür verantwortlich, Heroin und Heroinsucht sind an jeder Menge Lügen schuld. Es ist sozusagen in seinem Blut. Ich schlief in dieser Nacht bei meiner Freundin, aber ich fühlte mich durch seine Entschuldigung getröstet.

DAS ENDE

Die letzten paar Wochen, die ich mit Clark verbringe, sind eigentlich wirklich gut. Wir lachen viel, reden, essen gemeinsam und gehen zusammen aus. Er ist noch sehr süchtig, aber es scheint ihn nicht so sehr zu beeinflussen wie früher. Aber dann verschwindet er. Er erzählt mir, dass er für ein Wochenende nach Hause fährt und ein paar Tage später, dass er nicht wiederkommt. Jemand, der ihn liebt, hätte getan, was ich schon lange hätte tun sollen, bevor Ryan in unserer Küche randaliert hatte, bevor Gerald das Küchenmesser auf mich gerichtet hatte: Er hat ihn in eine Entzugsklinik geschickt. Ein paar Tage später kommt Clarks Vater ins Haus und packt seine Sachen. Wie man sich vorstellen kannst, ist es ungeheuer unangenehm, im gleichen Raum mit einem Vater zu sein, der über die schwerwiegende Heroinsucht seines Sohnes nachdenkt. Ich habe den Eindruck, dass er sich fragt, warum ich es ihm nicht gesagt habe. Ich frage mich das auch. Es ist so einfach zu entspannen und sich zu sagen, dass es nicht dein Problem ist und dass Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen und mit ihnen leben müssen. Dann schaust du einem traurigen Vater dabei zu, wie er die Kleidung seines Sohnes einpackt, in den Trümmern wühlt. In dem Moment verstehe ich vielleicht zum ersten Mal die Tiefen der Krankheit meines Mitbewohners und vermeintlichen Freundes. Ich hätte ihm besser helfen können.

Anmerkung der Redaktion: Alle Namen, inklusive dem des Autors, wurden geändert.