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Wie die Droge Fentanyl zu einer Epidemie in Kanadas Clubszene wurde

623 Tote, allein schon dieses Jahr. Tendenz steigend. Jetzt kämpfen Clubs und Initiativen gegen die Substanz an.

von Patrick McGowan und Hollie McGowan
24 November 2016, 11:19am

Fentanyl ist ein Opioid, das ursprünglich als Schmerzmittel und zu Therapiezwecken entwickelt wurde. Das Problem: Fentanyl beruhigt, und zwar ziemlich heftig. Wegen seiner starken Wirkkraft sowie einem kaum kontrollierten Zugang hat sich die Droge besonders im Westen Kanadas weit ausgebreitet—mit fatalen Folgen.

Anfang diesen Jahres, weit vor Beginn der Festivalsaison, nahmen in den kanadischen Medien die Berichte über Tode im Zusammenhang mit Fentanyl sprunghaft zu. Es wurde deutlich, dass die Droge nicht mehr nur eine Gefahr für diejenigen ist, die ohnehin bereits Opioide konsumieren. Mittlerweile ist sie auch für diejenigen eine Gefahr, die in Clubs und auf Festivals andere Drogen wie Kokain und MDMA konsumieren. Denn Partydrogen werden immer häufiger mit Fentanyl gestreckt.

Bis Ende Juli wurde in British Columbia in 264 Fällen einer Überdosis Fentanyl nachgewiesen, was einer Steigerung von 222 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich diese Zahl auf 623 Tode erhöht.

"Innerhalb einer Woche war ich auf zwei Trauerfeiern für Leute in den Zwanzigern, die durch den Konsum von Fentanyl gestorben sind", so die aus Vancouver stammende CBC-Musikjournalistin Maddy Cristall gegenüber Noisey. "Einer hatte auf einer Hochzeit zum ersten Mal Kokain konsumiert [das mit Fentanyl gestreckt war] und starb. Der andere, der regelmäßig konsumierte, hatte Crack-Kokain genommen, das mit Fentanyl gestreckt war, und starb ebenfalls ... Wenn Leute Drogen nehmen, und das werden sie, ob wir wollen oder nicht, dann muss es einen Weg geben, die Gefahren zu mindern."

Die Provinz British Columbia hat zwar eine öffentliche gesundheitlichen Notlage erklärt—die erste ihrer Art—und im Juli gab Premierministerin Christy Clark eine Stellungnahme ab, dass die Provinz eine Taskforce ins Leben rufen werde, um die anhaltenden Probleme anzugehen. Trotzdem fehlt es Festivals, Clubs und Organisationen zur Risikominimierung noch an finanziellen Ressourcen für ihre Initiativen zur Vorbeugung von Überdosen.

Da die Zahl der Toten weiter steigt, trafen sich Medizin-Experten, Gesundheitsminister aus Provinzen und Bund sowie engagierte Bürger vor Kurzem in Ottawa zu einer zweitägigen Konferenz, um über die Opioid-Krise zu diskutieren. Dort wurde Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, eine gesundheitliche Notlage zu erklären. Trotzdem hält sich Bundesgesundheitsministerin Jane Philpott noch zurück und gibt an, dass noch mehr Zeit benötigt werde, um zu entscheiden, ob eine formale Erklärung wie diese in dieser Situation angemessen ist.

Im ganzen Land suchen Nonprofit-Organisationen, die sich überwiegend an Partydrogen-Konsumenten richten—wie TRIP aus Toronto, GRIP aus Montréal und die AIDS Network Outreach and Support Society (ANKORS)—auch trotz öffentlicher Gesundheitsförderung noch nach alternativen Finanzierungsquellen. Die Organisation Karmik aus Vancouver, die auf Festivals und anderen Events an der Westküste Angebote zur Risikominimierung bietet, bekommt im Moment gar keine Förderung. Sie ist vollständig von Spenden abhängig, von gestaffelten Tarifen für Festivals und Clubs, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, und von eigenen Mitteln.

"Es gibt nicht viele geförderte Einrichtungen im Hinblick auf Überdosis-Prävention, besonders wenn sie sich an Leute richtet, die zum Spaß Drogen nehmen und zu EDM-Veranstaltungen gehen", sagt Chloe Sage, die seit 12 Jahren im Büro von ANKORS in West Kootenay arbeitet. "Es gibt in Kanada viele Organisationen, die gerne mit dieser Arbeit beginnen würden, aber es mangelt wirklich an unterstützender Förderung, obwohl es gerade eine Notlage gibt."

Derweil haben eine Handvoll Clubs, Festivals, Gruppen zur Schadensminderung und Individuen aus der Electro-Szene der Provinz sich der Angelegenheit selbst angenommen. Ob es nun Naloxon-Kits sind (ein Medikament, das Opioiden entgegenwirkt) oder Schulungen, wie diese anzuwenden sind, es wird einiges getan, um die Krise zu bekämpfen und ein öffentliches Bewusstsein für Fentanyl zu schaffen.

Warum ist Fentanyl in Partydrogen zu finden?

In einem VICE-Artikel vom Juni 2016 berichtete die Organisation für medizinische Dienste und Gesundheitsberatung Rockdoc Consulting aus British Columbia—die auf dem Pemberton Music Festival Angebote zur Schadensminderung bietet—dass Drogen außerhalb des Opiat-Spektrums mit Fentanyl gestreckt werden, da es leichter und günstiger zugänglich ist. Derzeit kann jede Substanz, die weniger als 30 Gramm wiegt, aus anderen Teilen der Welt—besonders aus China—bestellt und geliefert werden, ohne dass die kanadischen Grenzbehörden sie untersuchen. So kommen die Produzenten sehr leicht an billiges chinesisches Fentanyl.

"Wenn du dein Kokain stark strecken willst, sagen wir mit Natriumhydrogencarbonat, dann reicht ein winziges bisschen Fentanyl aus, damit es trotzdem noch ziemlich stark ist", stellt Sage heraus. "Das führt zu einer riesigen Gewinnmarge, wenn es um das Kaufen, Verkaufen und Transportieren von Drogen geht."

In vielen Fällen reicht eine Spur Fentanyl in einer anderen Substanz für einen lebensbedrohlichen Effekt aus.

Sage fügt außerdem hinzu, dass Fentanyl noch immer in hohem Maße online zugänglich und deshalb sowohl in Städten als auch in ländlichen Gegenden verbreitet ist. Derzeit gibt es eine Vielzahl an verschiedenen Arten von Fentanyl, die sich in der Stärke unterscheiden. Daher ist es für den Käufer unmöglich, zu wissen, was er kauft. "Es ist wie Russisches Roulette zu spielen", so Sage.

Wie reagieren Clubs und Festivals auf die Krise?

Viele Clubs und Organisationen begannen dieses Jahr, sich hinsichtlich der Fentanyl-Krise proaktiv selbst zu mobilisieren, ANKORS war bereits beim Shambhala Music Festival 2015 präsent. "Wir haben unsere Botschaft und Sichtbarkeit wirklich verbessert, mit [Tipps wie] klein anzufangen, nicht alleine zu konsumieren, sicherzugehen, [die Drogen] vorher zu testen [und zu wissen], dass das Vermischen mit anderen Drogen die Wirkung verstärkt und man etwas daher erst einzeln versuchen sollte, wenn man es macht", sagt Sage.

Im Juni 2016 rief ANKORS eine Spendenkampagne ins Leben, um einen HPLC-UV-Detektor zu beschaffen (HPLC steht für Hochleistungsflüssigkeitschromatographie), ein mobiles Spektrometer, das Fentanyl in Drogen bestimmen kann, indem es die individuellen Bestandteile einer Substanz aufspürt und identifiziert. Doch selbst nachdem die Provinz im April eine gesundheitliche Notlage erklärt hatte, konnte die Gruppe bis zum Shambhala nicht genug Spenden sammeln. Die Kampagne hält noch immer an und ANKORS stellt weitere Recherchen hinsichtlich des HPLC-UV-Detektors an.

Derweil hat die Gruppe sowohl zu Fentanyl als auch zu Naloxon Infoblätter zusammengestellt, eine Notfallnummer eingerichtet und vom BC Center for Disease Control große Mengen Naloxon bekommen, mit dessen Umgang alle Mitarbeiter und Volunteers geschult wurden. Zum Glück gab es in der 19-jährigen Geschichte des Festivals bislang noch keine Fälle von Überdosen in Verbindung mit Fentanyl.

Clubs und alternative Veranstaltungsorte haben zwar langsamer auf die Krise reagiert, sie beginnen jedoch ebenfalls, sich zusammenzuschließen, um zu lernen, wie sie Narcan anwenden, die bekannteste Marke des Opioid-Antagonisten Naloxon. Im September hielt der Fortune Sound Club einen Workshop zur Verabreichung des Mittels ab, der für alle offen war, die in der Clubszene der Stadt tätig sind, aber auch für die Allgemeinheit.

"Wir mussten einfach das Kommando übernehmen, weil es kein anderer macht", so Marketingdirektor Jason Sulyma. Er fügt außerdem hinzu, dass zu den mehr als hundert Teilnehmern "Sicherheitsbedienstete, Personal, DJs, Promoter, Leute, die auf Partys gehen und besorgte Mütter und Väter" gehörten. Auch wenn der Fortune Sound Club bislang der einzige Ort der Stadt ist, der Narcan-Schulungen abhielt, bei denen "viele Eigentümer und Repräsentanten anderer (alternativer) Orte" anwesend waren, hofft er, dass dies zu mehr Dialog führt.

Bezüglich der Frage, wie die Opioid-Krise in Kanada gelöst werden kann, betonte der Suchtspezialist Dr. Hakique Virani aus Edmonton gegenüber uns die Notwendigkeit flächendeckender Naloxon-Verbreitunng.

"Es sollte nicht nur in Apotheken sondern auch in Clubs, Geschäften und Tankstellen erhältlich sein. Es sollte als Injektion und in Form von Nasenspray erhältlich sein und das kostenlos", sagte er. "Clubbetreiber sollten nicht nur aus dem Blickwinkel öffentlicher Gesundheit und Sicherheit verantwortlich sein, sondern auch aus betrieblicher Sicht. Sie sollten sich mit Gesundheitsbehörden zusammentun, um diese Dienste für Leute zu bieten, die ihre Einrichtungen besuchen."

Was hält so viele Clubs und Festivals davon ab, sich vernünftigen Präventionsmaßnahmen gegen Fentanyl-Überdosen anzuschließen?

Auch wenn eine Vielzahl an Festivals, Clubs und Underground-Orten daran arbeitet, ihre Events sicherer zu machen, stellen längst nicht alle sicher, dass sie Naloxon-Kits und Personal haben, das im Umgang damit geschult ist.

Laut Sulyma ist ein Hauptgrund dafür Angst. "Wenn du Sanitäter wegen einer Überdosis rufst, dann bekommst du keine Schwierigkeiten", hält er fest. "Das wissen viele Leute allerdings nicht."

"Stigmata haben viel damit zu tun", fügt Karmik-Mitbegründer Munroe Craig hinzu, "bei Events, in Clubs und unter Leuten, die Events organisieren. Sie wollen nicht, dass Leute denken, es wären irgendwelche Drogenaktivitäten am Laufen, und sie sorgen sich, dass Leute denken, sie würden Drogenkonsum gutheißen, wenn sie Naloxon vorrätig haben."

Diese Vorurteile haben außerdem Hindernisse für die vernünftige Schulung im Umgang mit Naloxon erschaffen. Denn selbst Naloxon ist kein Ersatz für einen Notruf, betont Sage. "Die Leute können trotz Naloxon eine erneute Überdosis bekommen. Der Wirkstoff lässt nach 30 Minuten nach und dann kann die Fentanyl- bzw. Opiod-Wirkung wieder kommen, wenn es eine wirklich starke Dosis war."

Cristall hat als Reaktion auf ausbleibende Taten der größten Clubs der Stadt im Oktober zusammen mit einer Gruppe aus Kollegen eine Kampagne ins Leben gerufen, um Spenden für Fentanyl-Tester zu sammeln. Diese sollen an Veranstaltungsorten in Vancouver zugänglich gemacht werden und ein größeres Bewusstsein für die Droge erschaffen. "Es gibt definitiv die Message: 'Es ist cool, wenn du dich berauschen willst, aber berausch dich bitte nicht zu sehr.'"

Wie hat dies die Art beeinflusst, mit der die Leute in der Szene über Drogen sprechen?

Beim Shambhala 2016 stellte ANKORS fest, dass die Krise zu mehr Interesse hinsichtlich der Aufklärung über Substanzen und ihren Gebrauch geführt hat, als es in den Jahren zuvor der Fall war. "Letztes Jahr hatten wir 7.900 Kontakte. Damit ist jeder gemeint, der in den fünf Tagen in das Zelt zur Risikominimierung kam, um die Angebote zu nutzen, so wie Informationsblätter, Drogentests, Zubehör zur Schadensminderung usw.", sagt Sage. "Dieses Jahr haben wir unsere Kontakte beinahe verdoppelt."

Auch abseits ihrer Arbeit auf Festivals hat die Gruppe bemerkt, dass andere Leute in der Region Kootenay mehr Bewusstsein für Drogen entwickeln. So kommen zum Beispiel Türsteher für eine Schulung zu ANKORS. "Ich denke, wir sind im Moment in einer Zeit des Wandels", so Craig. "Es scheint einen Paradigmenwechsel bezüglich Drogenkonsum zu geben und auch bezüglich der Frage, wie wir Leute unterstützen, die Drogen konsumieren. Wir sehen eine Veränderung in Richtung Empathie und Mittel, die eher auf Schadensminderung abzielen."

Karmik bieten weiter wo immer sie können auf Events in ganz Vancouver Dienste zur Schadensminderung an. Sie haben festgestellt, dass die Zahl der Leute, die sie mittlerweile nutzen, gestiegen ist. "Seit dem Sommer hat die Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit hinsichtlich Naloxon bei Festivals dazu geführt, dass mehr Leute zu uns kommen und fragen, was passiert."

"[Diejenigen, die Events wie das Bass Coast und Shambhala besuchen] kommen aus allen sozialen Schichten", sagt Cristall. "Sie experimentieren gerne mit Drogen, aber sie haben nicht unbedingt Erfahrungen mit Umgebungen, in denen Drogen tödlich sein oder ihr Leben ruinieren können. Aber jetzt, wo [Fentanyl] in ihren Kreisen zu finden ist, ist es mehr zu einem Thema geworden."

Header: Illustration von Ethan Tennier-Stuart. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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