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Dieser Graffiti-Künstler integriert Obdachlose in seine Bilder

Beutet Skid Robot mit seiner Kunst Obdachlose aus, macht er auf ihre Notlage aufmerksam oder ist es eine Mischung aus beidem?
29.10.14

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Skid Robot

Skid Row in Los Angeles ist gepflastert mit Kartons, Schlafsäcken und verwitterten Zelten, die als behelfsmäßige Unterkünfte für Tausende Obdachlose dienen. Wenn man sich an einem besonders günstigen Tag an der richtige Ecke wiederfindet, kann man vielleicht das Taj Mahal sehen.

Das ist die Arbeit von Graffiti-Künstler Skid Robot. Seine Kunstwerke rahmen Obdachlose in Los Angeles ein: Eine Traumblase, die über einer ohnmächtigen Person in einem Schlafsack aufsteigt, ein Thron hinter einem Mann in einem Rollstuhl, eine Camping-Landschaft hinter einem Mann, der in einem Zelt lebt. Skid Robot hat schon über 100 dieser Traumlandschaften gemalt und er hält jede einzelne auf Instagram fest. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, was er mit seiner Arbeit erreichen will, und ob es moralisch fragwürdig ist, Obdachlose als Statisten für seine Kunst zu benutzen.

VICE: Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Bilder um Obdachlose herum zu sprayen?
Skid Robot: Ich komme aus der Graffiti-Szene und ich wollte etwas anderes machen als nur meinen Namen irgendwohin zu sprayen. Eines Nachts bin ich mit meiner Freundin in Skid Row herumgelaufen. Ehrlich gesagt war es ihre Idee. Nach dem ersten Bild—die Frau, die von einem Dollarzeichen träumt—war ich angefixt. In dieser Nacht habe ich fünf oder sechs Bilder gesprayt.

Hast du dich deswegen schuldig gefühlt?
Anfangs hatte ich schon ein schlechtes Gewissen—schließlich habe ich die Menschen ja in gewisser Weise als Requisiten benutzt. Dann ist mir klar geworden, dass ich mehr tun muss, wenn ich schon hingehe. Am nächsten Tag bin ich in den 99-Cent-Laden gegangen und habe Snacks und Hygieneartikel gekauft und Carepakete gepackt. So kann ich den Menschen jedes Mal, wenn ich auftauche, etwas geben.

Wenn du um jemanden herum sprayst, sprichst du dann zunächst mit dieser Person, um dich inspirieren zu lassen? Fragst du um Erlaubnis?
Das kommt darauf an, in welchem Zustand sich die Person befindet. Wenn die Menschen noch bei Bewusstsein und nicht völlig betrunken sind und in ihrem eigenen Urin schlafen, dann spreche ich natürlich mit ihnen. Einige sind freundlich, andere nicht. Wenn jemand aber partout nicht aufwacht, dann spraye ich einfach um ihn herum und lasse ein Carepaket da. Wenn jemand aufwacht, stelle ich mich vor, spreche mit demjenigen, zeige, was ich mache, und biete etwas Geld an. Und natürlich ein Carepaket. Normalerweise haben die Obdachlosen kein Problem mit meiner Kunst. Es gibt allerdings auch solche, die aggressiv werden.

Was meinst du damit?
Eine Frau hat ein selbst gebautes Messer gezogen, das war alles andere als lustig. Ein Typ ist mir wütend nachgelaufen.

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Meine Güte. Wie reagieren denn die Menschen normalerweise auf deine Graffiti?
Die meisten haben Spaß daran. Man soll ja auch Spaß daran haben, aber gleichzeitig denkt man über ein Problem nach, über das man normalerweise nicht nachdenken würde. Die meisten Reaktionen sind positiv. Na ja, wenn man mal davon absieht, dass ich ja irgendwie fremdes Eigentum zerstöre.

Was ist mit den Obdachlosen? Wie reagieren die?
Wenn ich ihnen Essen und Geld anbiete, dann haben sie in der Regel kein Problem damit. Birdman zum Beispiel (der Obdachlose auf dem obigen Foto) haben wir ein Hühner-Sandwich von Chick-fil-A gekauft. Das hatte er noch nie gegessen, das war eine Gaumenfreude. Wir haben uns mit ihm unterhalten und er hat uns einige seiner alten Hollywood-Geschichten erzählt. Wir sind dann ein anderes Mal wiedergekommen, um uns weiter mit ihm zu unterhalten. Wir haben ihn gefragt, ob es etwas gäbe, was er gern hätte. Er wollte Hummer. Er sagte, er habe seit über 25 Jahren keinen Hummer gegessen. Also sind mein Kumpel, Captain Save-a-Homeless, und ich losgegangen und haben ihm Hummer gekauft. Wir haben die ganze Aktion gefilmt.

Und dann habt euch unterhalten?
Ja. Man gelangt so auf eine persönlichere Ebene. Manchmal geht es den Menschen gar nicht um Geld, es geht ihnen um Mitgefühl. Das ist die Grundlage für das, was ich tue. Das ist Kunst um des Mitgefühls willen. Wenn wir in der Lage sind, Interesse an den Menschen zu zeigen, die uns umgeben, die in Not sind, dann sollten wir unseren Mitmenschen helfen.

Wie entscheidest du, was du sprayst? Manchmal sind die Bilder ja sehr einfach, wie die Traumblase, und manchmal sind es aufwendige Traumlandschaften.
Ganz selten äußert jemand einen Wunsch. Die meisten sind einfach nur froh, dass ich ihnen Geld und Essen gebe. Wenn es ein aufwendiges Bild ist, mache ich das eher aus persönlichem Ehrgeiz. Als Künstler will ich wissen, wie viel ich aus dieser Form der Guerilla-Kunst herausholen kann.

Gleichzeitig benutzt du Obdachlose als Requisiten für deine Kunst. Wie reagierst du auf Kritiker, die behaupten, dass du die Obdachlosen ausbeutest?
Die Frage ist ja wohl eher: Wieso leben diese Menschen überhaupt auf der Straße? Ich versuche ja, eine viel größere Ungerechtigkeit anzusprechen. Ich erschaffe ein Kunstwerk, das die Menschen zum Nachdenken anregt, das die Menschen dazu bringt, anzuhalten und den Obdachlosen, an dem sie schon tausend mal vorbei gelaufen sind und dem sie wahrscheinlich noch nie Hilfe angeboten haben, tatsächlich mal anzusehen.

Du versuchst also, den physischen Kontext zu verändern, in dem die Menschen Obdachlosigkeit sehen?
Ich versuche, aus Nichts etwas zu machen, woran Menschen Freude haben. Ich will nicht nur den Kontext verändern, in dem die Menschen das Problem der Obdachlosigkeit betrachten, ich will auch verändern, wie es den Menschen mit sich selbst geht. Aus etwas Herzzerreißendem, das als unbedeutend übersehen wird, mache ich durch meine Kunst etwas Bedeutendes, an dem die Menschen Freude haben und von dem sie inspiriert werden. Außerdem hat Birdman 50 oder 60 Dollar am Tag von Leuten eingenommen, die sich mit dem Graffiti fotografieren lassen wollten.

Hast du solche Graffiti auch außerhalb von Los Angeles gemacht?
Ja, in New York, Miami und Baltimore. Sie sind Teil eines neuen Projekts, an dem ich arbeite. Ich reise in den USA herum und versuche, meine Botschaft an den Mann zu bringen.

Das Medium, das du dir für deine Kunst ausgesucht hast, Graffiti, ist ja eigentlich illegal. Wie gehst du damit um?
Das ist lebende Kunst. Sie ist nur für ein paar Stunden da, je nachdem, wann die betreffende Person aufwacht oder wann sie ihr Zelt aufschlägt. Birdman hat Glück, weil Vertreter der Stadt dort nur selten auftauchen, um die Bilder zu entfernen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie in ein oder zwei Wochen auftauchen werden. Birdman hat mir erzählt, dass ihn Polizisten angesprochen haben. Sie haben gesagt, er solle der Person, die für die Graffiti verantwortlich ist, bestellen, dass sie im Knast landen werde, wenn sie erwischt wird. Das wird mich aber nicht aufhalten. Ich bezweifle, dass sie verdeckt ermitteln werden, nur um mich zu erwischen.

Mehr von Skid Robots Arbeiten findet ihr hier.