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Popkultur

Ich liebe meine Hater-Freunde

The Hunger Games ist cool, nur das Kinopublikum nicht, und The Counselor ist demente Selbstbefriedigungs-Filmemacherei.
29.11.13

Foto: VICE Media

Jeder kennt sie, hat einen oder ist selber einer: Hater. Ich spreche hier konkret von dem einen ständig wütend aufseufzenden Typen, der mit gezielt fiesen Worten deine unschuldigen, neuentdeckten Leidenschaften wie Hobby-DJing oder Simpsons-Stencils sofort im Keim erstickt—oder von der erbarmungslosen Zynikerin mit der fiesen Falte in der Stirnmitte, während sie mit still blitzender Ablehnung deine neuen Platten durchflippt. Sie sind dafür geboren, Dinge zu hassen, haben es zu einer fein abgestimmten Kunstform erhoben und besitzen manchmal mit einer erhobenen Augenbraue mehr Aussagekraft als freche, augenzwinkernde Kritiken von irgendeinem Indie-Magazin.

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Und wir brauchen sie mehr denn je, die Vollblut-Hater, denn sie sind unsere pop-kulturellen Stil-Filter, die uns mit Feuer in den Augen früh genug klarmachen—bevor man sich blamiert—, dass Mumford & Sons einfach nicht geht und Into the Wild nicht inspirierend, sondern einfach egozentrischer Hippie-Mist ist; die uns kopfschüttelnd den stylischen Fedora-Hut vom Kopf schnippen oder allzu grausiges Make-Up aus dem Gesicht fotzen.

Foto: VICE Media

Wenn man mit jemandem komplett anderer Meinung ist, macht es mehr Spaß so richtig erfrischend zu streiten, anstatt sich dem verwaschenen, österreichisch passiv-agressiven Tradition des Meinungskompromisses auszusetzen und nicht mehr „Ja eh …" oder „Da hast vielleicht recht …" hören zu müssen. Auf eine brutal unverrückbare Front der Sturheit zu treffen, erinnert einen belebend daran, dass man auch gute Argumente für eine eigene Meinung braucht, egal ob gut oder schlecht.

Auch unsere liebe Claudia Hubmann hasst mit ganzem Herz und zwar besonders ihre Mitbesucher im Kino, was sie in ihrem Blog schön ausdrückt. Sie hat für uns die Hunger Games-Filme geschaut, aber eigentlich auch für sich selbst, also aus komplett freien Stücke. Trotzdem erzählt sie uns gerne davon, wie sie uns versichert—auch wenn sie vielleicht gleichzeitig über uns hatet, aber das werden wir bei so viel Kunstfertigkeit wohl nie so genau wissen.

The Hunger Games: Catching Fire

Text von Claudia Hubmann

Das Beste am Kino ist doch, irgendwo ahnungslos reinzustolpern und dann den Mund vor lauter Begeisterung nicht mehr zuzukriegen. Ist mir passiert beim ersten Teil von The Hunger Games. Ich kannte vorab nur Jennifer Lawrence und die ungefähre Prämisse: „Battle Royale im Wald. Alle sterben."

Foto via Flickr: Best Movies Ever News

Dass aber die darauf folgenden zwei Stunden 1:1 aus meinen schlimmsten Albträumen bestanden—unausweichliche Todessituationen, moralische Dilemmata galore, schirche nasse Haare, zerrissenes G'wand—, fand ich fantastisch. Das fake-romantische Ende hätte ich zwar nicht gebraucht und den triefäugigen, naiven Peeta als Love-Interest auch nicht (HEAST, KATNISS, NIMM DEN LIAM HEMSWORTH!!). Aber das gibt die erfolgreiche YA-Romanreihe von Suzanne Collins halt so vor.

Foto via Twitter: Claudia Hubmann

Entsprechend groß war nun die Vorfreude auf Teil 2, Catching Fire, die dann genau so lange hielt, wie die Blase eines Großteils meiner Sitznachbarn: Ungefähr die Dauer des Prologs, bis JLaw einmal mehr das heruntergewirtschafteten District 12 verlassen muss, um für die dekadente Capitol-Bevölkerung—man erkennt sie am Louis-XIV.-Make-Up und an den Wannabe-Gaultier-Outfits—die Billig-Abendunterhaltung zu geben.

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We love to entertain you. Oder auch nicht. Spannung stellt sich bis zum Ende leider nicht mehr ein. Das mag an den PG-13-Kriterien liegen oder daran, dass man sich zu sehr auf Altbewährtes—CGI-Nebel, CGI-Regen, eine Herde CGI-Mandrillmutanten, CGI-Blitze etc.—verlässt und die Nebencharaktere allzu holzschnittartig gezeichnet bleiben (u.a. Jeffrey Wright als nerdiger MacGyver und Amanda Plummer als Seherin). Warum ich trotzdem die 146 Minuten bis zum schlechtesten Cliffhanger nach der schlechtesten Mockingjay-Animation aller Zeiten abgesessen bin?

Das sind die Hungry Gamer: Jennifer „Can Do No Wrong" Lawrence, Woody Harrelson mit Sawyer-„Lost"-Gedächtnisfrisur, Philip Seymour Hoffman als ausgebuffter Marketingheini und Jena Malone als goschertes Angry Young Girl, die man ab jetzt eigentlich in jedem Film statt Kristen Stewart casten sollte. Und dann bleibt die große Hoffnung, dass das der dritte, finale Teil wieder ordentlich anzahrt, Lily Rabe (American Horror Story) und Julianne Moore in der Castliste für „Mockingjay—Part 1" versprechen einiges.

CLAUDIA HUBMANN

The Counselor

Es gibt einige große Fans von Cormac McCarthy da draußen—und das zurecht, weil die Verfilmungen seiner Romane The Road und No Country For Old Men scheißgutes Kino sind, ohne Frage. Problematisch wird es aber, wenn der Mann anfängt, Drehbücher wie The Counselor zu schreiben und plötzlich bedeutungsschwangere Dialoge in monotoner Kammerspiel-Sprache versandeln. Fassbender klingt wie ein angespannter Authist und selbst Bardem kämpft schwer mit dem unlebendigen Teleprompter-Text.

Überhaupt hasse ich es—ja, ich kann auch haten—, wenn sich jeder auf eine Starbesetzung verlässt, wie auf die Feuerwehr und die Schauspieler selbst ihre schwache Darbietung hinter den Namen verstecken, die größer geschrieben scheinen als der Filmtitel. Es gibt sicher Leute, die The Counselor für ein herausforderndes Gedicht aus schönen Szenen halten. Die Gangster-Geschichte, in der Michael Fassbender einen unvorsichtigen Anwalt/Berater und Cameron Diaz eine schwerkriminelles Genie spielt (!), versucht uns den Plot großteils vorzuenthalten.

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Dabei passen Bild und Dialoge nicht zusammen, alles klingt pseudo-poetisch, pseudo-intellektuell und pseudo-verwirrend. Insofern scheint es fast, als ob das formelle Stilmittel, den Zuschauer absichtlich nicht mit inhaltlichen Informationen zu versorgen—was perfekt oder zumindest besser funktionieren kann, wenn richtig eingesetzt, wie bei David Lynch, Holy Motors oder Tree of Life—, imitiert wird. Das Ganze erinnert sehr stark an den selbstgerechten, idiotischen Savages von Oliver Stone letztes Jahr.

Eine herausstechende Sequenz in The Counselor, die die komplett unreflektierte Willkür der narrativen Form sehr gut unterstreicht, zeigt, wie Diaz lächerlich lasziv im Spagat ihre Mu auf der Windschutzscheibe eines Sportwagens rubbelt. Javier Bardems Figur beobachtet zutiefst perplex (so wie jeder Zuschauer im Kino) diesen „Putzerfisch an der Aquariumscheibe" und teilt sexuell-zerbrochen die Geschichte dem Counselor Fassbender mit.

Der hält ihm dann wiederum vor, dass man sowas doch nicht weitererzählt, obwohl es meiner Meinung nach der einzig sehenswerte Moment im Film ist. Ridley Scotts visuell anspruchsvolle Detail-Kameraeinstellungen von exotischen Tee-Servicen interessieren mich echt nicht. Und dabei wollte ich ihm gerade Prometheus verzeihen. Falls ihr dem Hass etwas entgegenhalten wollt (zum Beispiel zwei Tickets für den Film plus Poster), ist das aber auch völlig okay—hier geht's zum Gewinnspiel.

Wohlsein

Josef Zorn auf Twitter: @theZeffo