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Die Schrecken der provisorischen Ölindustrie im von Rebellen kontrollierten Teil Syriens

Mit den Rebellen kam al-Qaida und ist auf dem besten Weg mit Hilfe von Kindersklaven auf den Ölfeldern die Zukunft des Terrors zu finanzieren.
23.12.13

Über die Wüstenlandschaft um Deir ez-Zor verstreute, Rauch speiende provisorische Raffinerien

Deir ez-Zor, Syriens sechstgrößte Stadt, ist die Ölhauptstadt des Landes. 40 Jahre lang machte das Al-Assad-Regime (erst unter Hafiz und heute unter seinem Sohn Baschar) Geschäfte mit westlichen Ölfirmen wie Shell und Total und förderte täglich 27.000 Barrel des schwarzen Goldes aus dem Sand. Kläglich im Vergleich zur Produktion anderer Nahoststaaten, aber es machte Syrien zur Ölexportnation. Zumindest solange, bis 2011, als Reaktion auf die Zerschlagung der Antiregierungsproteste und den beginnenden Bürgerkrieg, internationale Sanktionen verhängt wurden. Mitten in der Wüste und weniger als 160 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, beherrscht Deir ez-Zor den Osten des Landes.

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Die Stadt blickt auf eine lange, gewinnbringende Beziehung zur Ölindustrie zurück: Vor dem Krieg arbeiteten viele ihrer 220.000 Einwohner als Ingenieure, Techniker und Arbeiter für die Ölgesellschaften. Das Zentrum Deir ez-Zors prägen noch immer von westlichen Firmen erbaute moderne, gläserne Gebäude. In den vergangenen zwei Jahren wurden sie jedoch größtenteils geräumt. Die Rebellen und al-Assads Streitkräfte, die jeweils Teile der Stadt kontrollieren, haben sie nach ihren Gefechten durchlöchert, fensterlos und vom Krieg gezeichnet hinterlassen. Als ich Deir ez-Zor im September besuchte, lauerten auf den Dächern Scharfschützen, während sich die Kämpfer unten mit Kalaschnikows, Mörsern und schweren Maschinengewehren beschossen. Jenseits der Stadtgrenze weichen die Vororte der weitgehend leeren Wüste, wo sich die Ölbrunnen befinden und wo die Rebellen—meist Hardliner-Dschihadisten, von denen viele mit al-Qaida in Verbindung stehen—alles unter ihrer Kontrolle haben.

Der Ort ist nicht derselbe wie vor der Revolution, aber es ist immer noch eine Ölstadt, wenn auch von einer völlig anderen Sorte. Anstelle der multinationalen Konzerne sind es heute die islamistischen Rebellen, die den Einwohnern Jobs verschaffen. Einer von ihnen ist Ahmer, ein 15-Jähriger, den ich auf seinem Heimweg von der Arbeit kennengelernt habe. „Ich habe mich in die Auseinandersetzungen in den letzten Jahren nie eingemischt“, erzählte er mir, misstrauisch angesichts meiner Frage, inwieweit er sich für die Revolution engagierte. „Ich habe nur meinem Vater geholfen, in Palmyra Munition zu verteilen, etwa 135 Kilometer von Damaskus entfernt, wo immer noch gekämpft wird.“ Ahmer bewohnt mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern ein Zimmer, das ihnen der Besitzer der provisorischen Kerosinraffinerie vermietet, in der alle drei Geschwister arbeiten. Der Raffineriebesitzer kauft sein Rohöl von den Rebellen und destilliert es zu Kerosin. Ahmer und seine Brüder verdienen gerade genug, um das Zimmer und ihre Lebensmittel bezahlen zu können, während sie unter schrecklichen Bedingungen ihrer Arbeit nachgehen.

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Krahim gießt Rohöl auf einen rudimentären Raffinerietank, damit er heiß genug bleibt, um das Kerosin darin zum Sieden zu bringen. Er ist zehn Jahre alt und arbeitet neun Stunden am Tag.

Den ganzen Tag lang hilft Ahmer dabei, Ölfässer, die über 90 Kilogramm wiegen können, wenn sie mit Rohöl gefüllt sind, zu einem über einem Feuer hängenden, umgebauten Wassertank zu bringen oder abzutransportieren. Das Öl wird erhitzt, bis es siedet und verdampft, danach wird es durch Rohre in wassergefüllte unterirdische Gruben gepumpt, wo es mit der Zeit zu Kerosin kondensiert. Primitiver kann ein Raffinerieprozess kaum sein, doch das Ergebnis ist verwertbarer Treibstoff. Krahim, Ahmers zehnjähriger Bruder, hat die wahrscheinlich gefährlichste Aufgabe: Sein Job ist es, die Außenseite des Tanks mit Öl zu überziehen, um die Temperatur über dem notwendigen Siedepunkt zu halten. Ich sah ihm zwei Stunden bei der Arbeit zu, seine Füße nur wenige Zentimeter von den Flammen entfernt, sein Kopf in den Schwaden des Rohölqualms. Sein Vorgesetzter (den ich nur kurz gesprochen habe und der vielleicht gerade mal auf die 20 zuging) erklärte das Verfahren: „Je höher die Temperatur, desto höher die Qualität des extrahierten Kerosins“, sagte er, während er an seiner Zigarette zog. Was er nicht erwähnte: Wird die Temperatur zu hoch, kann sich das Gas verdichten und der Tank explodiert. Solche Explosionen ereignen sich wöchentlich, so Abu Mahmoud. Er ist einer der wenigen Ärzte in der Gegend, der seine Praxis nicht geschlossen hat, um ins Ölraffineriespiel einzusteigen. Obwohl er mit Hausbesuchen, Notfallversorgung und Fahrten zur irakischen Grenze, wo er Medikamente und medizinische Ausrüstung besorgt, ziemlich ausgelastet ist, kennt sich Dr. Mahmoud vielleicht besser als jeder andere mit dem Ausmaß des Ölhandels in Deir ez-Zor aus. Er berichtete mir, dass etwa 6.000 Menschen in den Raffinerien arbeiten, davon schätzungsweise rund 2.000 Kinder wie Ahmer und Krahim—viele von ihnen vertriebene Kriegswaisen, deren Eltern entweder vom Regime oder von den Rebellen getötet worden sind. „Alle Familien [die ich kannte] haben Palmyra verlassen“, sagte Ahmer. „Manchmal erkenne ich ein oder zwei ehemalige Mitschüler wieder. Sie sind hier, verdeckt von den Ölschwaden. Es ist merkwürdig—ich möchte heute wirklich nicht mehr mit ihnen reden.“ Ahmer erzählte mir, sein Vater habe den Rebellen geholfen, während die Eltern vieler Kinder in seinem Alter Assad-Anhänger seien. Um mögliche Konflikte am Arbeitsplatz zu vermeiden, sagte er, sei es sicherer, überhaupt nicht zu reden. In Syriens verworrenem Bürgerkrieg macht dies Deir ez-Zor zu einer Art Niemandsland, wo, wer bereit ist, hart zu arbeiten, ohne viele Fragen akzeptiert wird. Das Schicksal der meisten dieser Arbeiter ist ohnehin besiegelt. Für Krahim, der darauf achtet, das Rohöl gleichmäßig an den Tankwandungen entlang zu gießen, um das Risiko, in die Luft gesprengt zu werden, zu minimieren, ist diese Aussicht mehr als real. Stündlich wäscht er sich kurz die schwarze Staubschicht von seinem Gesicht.

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„Ich habe viele verstümmelte Menschen gesehen, verbrannte, von Explosionen vernichtete Körper“, erzählte er mir. Unser Gespräch wurde von seinen Hustenanfällen unterbrochen. Eine offizielle Diagnose hat Krahim nicht, doch verbreiten sich ölbedingte Krankheiten in Deir ez-Zor immer weiter. Aufgrund des Qualms und Staubes durch die unregulierten und unsauberen Extraktions- and Raffinerieverfahren und die Lecks, die das wertvolle Grundwasser verseuchen, erreicht die Umweltverschmutzung der Rohölraffinerien auch die umliegenden Wüstendörfer. Zu den häufigsten Beschwerden gehören hartnäckiger Husten und Verätzungen, die, so Dr. Mahmoud, Tumorbildung verursachen können. Er meinte, wer in der unmittelbaren Umgebung lebe, trage ein zunehmendes Krebsrisiko, und einige Dörfer seien wegen der all zu häufigen Havarien mittlerweile unbewohnbar. Die Kontamination betrifft nicht nur Menschen; im Juli, zu Beginn des Ramadan, verendeten einige Ziegenherden, nachdem sie aus einer kontaminierten Wasserstelle getrunken hatten, der einzigen Trinkwasserquelle dreier Dörfer. „Ölbedingte Krankheiten beginnen gerade erst, sich bei den Wüstenbewohnern zu manifestieren“, berichtete Dr. Mahmoud. „Ich fühle mich manchmal überfordert“, sagte er. „Was ich während des Medizinstudiums gelernt habe, reicht bei Weitem nicht mehr aus, um all die krankhaften Veränderungen zu verstehen, die durch das Öl und seine Verarbeitung in der Region verursacht werden.“

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Ein junger Raffineriearbeiter, der an Verätzungen leidet. Foto von Dr. Abu Mahmoud

Östlich von Deir ez-Zor, nahe der Grenze zum Irak, liegen die wahren Geldquellen: die industriellen Ölfelder. Dort fördern die islamistischen Rebellengruppen, darunter auch die von al-Qaida unterstützte Al-Nusra-Front sowie Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL), das Rohöl und transportieren es mit Lkws zu den Hunderten oder Tausenden provisorischen Raffinerien, die überall in der Wüste verteilt sind. Büros und Unterkünfte, einst im Besitz der westlichen Konzerne und von ihnen errichtet und unterhalten, sind nun in Schlafsäle für radikale Dschihadisten umfunktioniert worden.

An einem Nachmittag auf meiner Reise unternahm ich die halbstündige Fahrt dorthin mit zwei Mitgliedern der Freien Syrischen Armee. Sie stehen nicht in direkter Verbindung mit den Islamisten, die hier die Regie führen, doch ihnen blieb keine andere Wahl, als sich mit ihnen gegen die Regierung zu verbünden. Als wir am Dorf P’settin vorbeifuhren, tauchte eine Reihe gigantischer weißer Lagertanks am Horizont auf. Wir fuhren an eine Straßensperre heran, und mein FSA-Guide riet mir, im Auto zu bleiben. „Selbst unsere Generäle sind hier nicht mehr willkommen“, warnte der eine.

Nach zwei Stunden Wartens durfte ich die Sperre passieren. Mir fielen die nicht explodierten Granaten und die Krater entlang der Mauer des Komplexes auf—das Regime hatte in den letzten Monaten wöchentlich Luftangriffe gegen diese Felder geflogen. Schweigsame Männer in Camouflagehosen lauerten im Schatten, und ich konnte spüren, dass meine FSA-Begleiter nervös waren, als sie mir die von Kugeln durchsiebten Pipelines zeigten und beschworen, sie seien funktionsfähig.

Die Informationslage zu diesen Aktivitäten im heutigen Syrien ist bestenfalls fragwürdig, doch Einheimische und meine FSA-Kontakte berichteten, dass die Gruppen zwischen 170 und 240 Dollar pro Raffinerie im Monat verdienen. Ich hörte auch, dass es bis zu 3.000 Tanks geben könnte, und basierend auf Informationen aus Berichten, die Anfang des Jahres über ähnliche Operationen in Syrien veröffentlicht worden waren, schätzten meine Quellen und ich, dass die Dschihadisten etwa zwischen 500.000 und 1 Million Dollar monatlich einnehmen. Natürlich weiß außer den Anführern der Al-Nusra-Front und ISIL niemand genau, wie viel sie mit den provisorischen Raffineriebetrieben verdienen. Die Profite mögen im Vergleich zu denen, die die Ölgiganten an diesem Ort geschöpft haben, gering ausfallen, doch das neue Management denkt wahrscheinlich langfristig. Sollte al-Assad fallen, planen die von al-Qaida unterstützten Rebellengruppen, die Ölfelder unter ihrer Kontrolle zu behalten. Eine für alle anderen Parteien düstere Aussicht: eine Zukunft, in der das Ölgeld, mit dem sich einst Shell-Manager die Taschen füllten, in den Aufbau eines islamistischen Staates wandert, der sich aus der Asche des alten Regimes erheben wird.