Autorin Valerie Schönian und Priester Franziskus von Boeselager | Alle Fotos: Michael Bönte

Wie ich mit einem Priester ein Jahr lang über Homosexualität stritt und nicht verrückt wurde

Homosexualität und die Katholische Kirche gehen immer noch nicht gut zusammen.

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26 April 2018, 9:57am

Autorin Valerie Schönian und Priester Franziskus von Boeselager | Alle Fotos: Michael Bönte

Das erste Mal knallte ich nach drei Tagen gegen die Wand. Vor mir saß dieser Priester und schaute mich an, als hätte er nichts Besonderes gesagt. Dabei hatte er mir zuvor erklärt, dass das ja gefährlich sei: "Wenn in Schulbüchern zu sehen ist, wie Jungen andere Jungen küssen." Ich war so baff, wie beiläufig er das sagte. Als wüsste er wirklich nicht, was er bei mir damit auslöst: das Bedürfnis abzuhauen, ihn anzuschreien oder zumindest einmal kräftig zu schütteln. Doch ich biss mir auf die Lippen, sagte nichts, wie ich es noch oft tun sollte.

Der Priester heißt Franziskus von Boeselager, mittlerweile nenne ich ihn Franziskus. Denn ich habe ein Jahr mit ihm verbracht. Zwölf Monate. Ich kann es selbst nicht fassen. Das ganze war ein Projekt der Katholischen Kirche. Die Idee dahinter: zwei Welten aufeinander prallen lassen.


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Franziskus ist 40 Jahre alt, groß, blond, schlank, trägt immer eine beinahe rahmenlose Brille auf der Nase und ein kleines Stück weißes Plastik vor dem Kehlkopf. Das Kollar, seinen Priesterkragen. Vor fünf Jahren wurde er zum Priester geweiht. Er hat versprochen, sein Leben Gott zu widmen, nie wieder eine Frau zu küssen und für immer auf freie Sonntage zu verzichten.

Ich bin politisch links, Feministin, arbeite als Journalistin in Berlin und lebe dort eines dieser typischen Mittzwanziger-Leben, in dem man die Sonntage im Club oder auf dem Tempelhofer Feld verbringt. Klingt alles erstmal wie das Gegenteil von katholisch.

Etwa zwei Wochen pro Monat bin ich von Berlin-Mitte nach Münster-Roxel gezogen, wo Franziskus lebt und arbeitet. Ich lief ihm im Alltag hinterher – in die Kirche, in seine Kapelle, an den Küchentisch, in diverse Wohnzimmer mir wildfremder Leute, die zu seiner Gemeinde gehören. Dabei versuchte ich zu verstehen, wie das sein kann. Wieso man Priester wird – wenn man doch alles hätte machen können, wie Franziskus. Über unsere Zeit habe ich ein Buch geschrieben, es heißt Halleluja. Über seinen Beruf, meine Fragen, über unsere Gespräche, die Diskussionen, die Streitgespräche. Es waren viele.

Franziskus von Boeselager ist ein besonders konservativer Kirchenmann

Franziskus ist nicht nur irgendein Priester. Sondern auch noch ein besonders konservativer. Das heißt: Er steht hinter der Lehrmeinung der Kirche. Dieser Lehrmeinung, die zum Beispiel besagt, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung als Prüfung Gottes betrachten sollen.

In Berlin kenne ich nicht eine Person, die ein Problem mit Schwulen oder Lesben hätte. Oder mit Bildern von ihrer Liebe. Auch nicht in einem Schulbuch. Hätte ich vor diesem Jahr mal zufällig jemanden in einer Bar getroffen, hätte ich wohl versucht, ihn oder sie zu überzeugen. Wäre ich gescheitert, hätte ich eine emotionale wütende Predigt gehalten – ich schaffe dann bis zu zehn Wörter pro Sekunde – und mein Bier beim nächsten Mal mit jemand anderem getrunken. Das ist eben meine – Achtung, abgenutztes Wort – Großstadtblase. Meistens mag ich's hier. Wie sehr, merkte ich in diesem Jahr mit Franziskus. Was ich aber in dieser Zeit auch merkte: Wie dringend ich da mal raus musste.

Auf diesen ersten irritierenden Moment an meinem dritten Tag mit Franziskus folgten viele weitere. In den ersten Wochen biss ich mir auf die Lippen. Nicht aus Angst. Sondern weil zwischen Franziskus' Terminen einfach immer wenig Zeit war. So sagte ich nichts zu der Stereotypen-Schleuder in seinem Regal: Warum Männer schlecht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ich schwieg, als Franziskus mir erklärte, dass er seinen weiblichen Patenkindern Ponys schenke, "weil sie halt Mädchen sind". Und selbst dieser Flyer auf seinem Schreibtisch, "Die Genderideologie", blieb von mir unkommentiert. So staute sich alles, was mich nervte, mit der Zeit an. Und wurde zu Wut.

Es war nach zwei Monaten, als ich in der Kirche stand und schreien wollte. Die Gemeinde feierte eine Messe, Franziskus stand hinter dem Altar in seiner Priester-Montur – ein langes kleidähnliches Gewand. Es war eigentlich ein schöner Gottesdienst gewesen. Familienmesse, die Kirche war voll, viele Kinder waren da. Ich stand auf, wenn die anderen aufstanden. Wenn ein Lied dran war, schaute ich selbstsicher ins Gesangbuch. Einige Lieder kannte ich sogar noch aus meinen Schulgottesdiensten: "Singet, lobet, danket dem Herrn" oder der Klassiker: "Laudato si". In seiner Predigt sprach Franziskus von Liebe, was ja erstmal schön klingt. Gott sei die Liebe. Liebe deinen Nächsten, so einfach ist das, und die Welt wird besser. Manchmal war ich kurz davor mitzusingen. Mich mal fallen lassen in dieser Atmosphäre, einfach mitmachen.

Sie meinen nur die Liebe, die so ist wie ihre

Aber dann war da dieser Riegel. In meinem Kopf. Er schob sich vor diesen Gedanken, schob sich vor alles. Weil ich dachte: Das hier gilt nicht allen. Sie meinen nur den Nächsten, der so ist wie sie. Sie meinen nur die Liebe, die so ist wie ihre.

Und auf einmal kam mir diese ganze Messe, die ich kurz vorher noch so schön gefunden hatte – die Lieder, der Weihrauch, die Worte über Liebe –, scheinheilig vor. Plötzlich ging mir alles auf die Nerven. Ich wollte meine Haare pink färben und schreien, einfach, damit mal jemand bunte Haare hat und schreit. Damit mal irgendetwas anders ist.

In meinem Kopf schrie es: Sie glauben an Jesus, der Revolutionär war, aber machen selbst nie etwas anders. Sie feiern ihn, weil er sich Aussätzigen zugewandt hat und machen es doch selber nicht. Ich mutierte binnen zwanzig Minuten vom gerührten zum am schlechtesten gelaunten Menschen auf diesem Erdball. Ich war wütend. Ich wollte raus.

Ich schaute Franziskus an. Und dann schrie ich es ihm, erstmal nur innerlich, entgegen: Was soll das, Franziskus? Wieso müsst ihr Menschen ausschließen? Von diesem Amt? Von der Kommunion? Von der Ehe? Was sollen diese Regeln, die doch nur Menschen verletzen? Weil das mal vor 2.000 Jahren aufgeschrieben wurde? In der Bibel steht auch, dass Gott Neugeborene tötet! Würde Jesus einem Mann sagen, er darf nicht mit dem Menschen zusammen sein, den er liebt, nur, weil dieser Mensch auch ein Mann ist? Würde er einer Frau, die Priester werden will, sagen: Nein, geh, das ist nichts für dich, weil –? Ja, weil was? Weil du eben Brüste hast?! Nein, würde er nicht! Und das weiß ich, obwohl ich nur vor fünfzehn Jahren mal eine Kinderbibel gelesen habe!

Ich erinnere mich noch genau, wie ich da stand und dachte: Das ertrage ich nicht mehr. Als die Messe vorbei war, stolperte ich fast raus, um zu atmen. Und wusste: Franziskus und ich müssen reden. Weil ich sonst platze.

Und so begannen wir also. Und taten es für die nächsten Monate: reden, weiterreden, vor, zurück, im Kreis. Er nahm sich Zeit zwischen seinen Terminen. Ich versuchte, cool zu bleiben. Aber es ging nicht immer. Ich hatte all die großen Fragen auf meinem Zettel: das katholische Abendmahl, das zum Beispiel Wiederverheiratete ausschließt, das Zölibat, das Frauenpriestertum.

Franziskus findet es tatsächlich richtig, dass nur Männer Priester werden dürfen. Ein paar Tage, nachdem ich in der Kirche schreien wollte, saßen wir uns in einem Restaurant gegenüber und diskutierten. Zwei Stunden lang. Am Ende waren meine Käsespätzle kalt. Franziskus' Argument in einem Satz zusammengefasst: Jesus war halt ein Mann. Mein Argument in einem Wort zusammengefasst: Scheißargument.

Über kein Thema stritten wir so oft wie über die gleichgeschlechtliche Ehe

Es war nun, als ob wir beide vor einer Wand standen. Nur rannte er von der einen Seite dagegen, ich von der anderen. Wir wollten uns gern sehen, verstehen, irgendwie zueinanderfinden. Aber immer wenn wir dagegen rannten, tat es ein bisschen mehr weh.

Über kein Thema stritten wir so oft wie über Homosexualität. Und konkreter: die gleichgeschlechtliche Ehe. Denn da macht Franziskus' Haltung auch aus seiner Glaubensperspektive einfach keinen Sinn für mich.

Einmal saßen wir zusammen im Flugzeug, unterwegs nach Rom. Wieder ging es um das gleiche Thema. Es war ein Billigflieger und sehr laut. Trotzdem redeten wir noch lauter, als wir gemusst hätten. Es war die gefühlt 1032. Diskussion über das Thema Homosexualität.

Ich sagte: "Du sagst: Gott ist die Liebe. Dann wollt ihr aber die Liebe zweier Menschen untersagen, nur, weil sie das gleiche Geschlecht haben. Aber wenn ihr die Liebe begrenzt, begrenzt ihr mit euren Regeln Gott." Franziskus antwortete: "Gott hat eben Mann und Frau erschaffen. Sie sind fruchtbar. Homosexuellen fehlt in dem Sinne etwas, sie können nichts dafür und sie sind trotzdem geliebt. Aber: Es ist eben so. Sie können keine Kinder bekommen."

Franziskus betonte immer, dass auch homosexuelle Menschen von Gott geliebt seien. Aber Homosexualität sei eben nicht "das Ideal". Gott habe Mann und Frau erschaffen. Daran könne er nichts ändern. Dann sagte er noch: "Es tut mir Leid, wenn ich damit jemanden verletze." Und das glaube ich ihm sogar. Er kommt da nicht raus, es ist sein Dilemma.

Zwei Stunden stritten wir im Flugzeug, kamen nicht voran, ließen das Thema schließlich ruhen. Nachdem wir gelandet waren, erkundeten wir zwei Stunden lang gemeinsam die Stadt. Die Vatikanischen Museen, den Petersdom – wir redeten über die toten Päpste, die lebenden, das viel zu teure Tiramisu. Wir stritten nicht mehr. Und das war das Irrste: Es funktionierte. Am Anfang des Jahres hätte ich nach so einem Streit keine entspannte Stadttour machen können.

Priester Franziskus von Boeselager und Autorin Valerie Schönian in der Kirche

Ich finde Franziskus' Standpunkt in dieser Hinsicht immer noch schlimm. Aber weil wir ein Jahr miteinander verbringen mussten, lernte ich noch mehr von ihm kennen. Franziskus ist eben auch der, mit dem ich meine Orientierungslosigkeit und Unpünktlichkeit teile. Der mir Taschentücher schenkte, weil ich immer erkältet bin. Der mich mit Laola und Bier begrüßte, als ich aus Berlin wiederkam – und der sich auch meine Standpunkte anhörte, obwohl er so völlig anderer Meinung war und ist. Und so tat ich es dann auch. Wir hielten uns aus. Möglich war das wegen der Laola und der Taschentücher, wegen der kleinen Momente. Weil man anfängt, sich zu mögen. Feststellt, dass ein Mensch mehr als ein Standpunkt ist.

Einmal, es war nach unserem ersten Streit, feierte Franziskus eine Messe mit Firmlingen im Nachbarort. Die Lieder hat die Runde selbst ausgesucht, wieder war eines dabei, das ich kannte. Der Text lautet: "Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen / voneinander lernen, miteinander umzugehen. / Aufstehen, aufeinander zugehen / und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehen."

Als ich vielleicht vierzehn Jahre alt war, gehörte dieses Lied mir und meiner besten Freundin. Wir malten ständig sich hinsetzende und aufstehende Strichmännchen in unsere Mathehefte. Ich konnte also, da in der Runde mit Franziskus und den jungen Katholiken, nicht anders: Meine Füße machten mit, mein Mund bewegte sich mit. Ich schaute auf den Liedzettel, obwohl ich den Text auswendig konnte. Als ich einmal kurz zu Franziskus blickte, guckte auch er gerade – und lächelte. Wie ich. Später auf dem Heimweg erzählte ich ihm dann, warum mich das Lied so gefreut hatte. Er sagte, er habe das Lied gar nicht gekannt. Gelächelt habe er, weil er fand, dass das so gut auf uns passt.

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