Wir haben Stefan Raabs Comeback-Show mit Twitter und Instagram analysiert

Ihr habt keine Karten mehr für 'Stefan Raab live!' bekommen? Wir auch nicht. Und anscheinend haben wir absolut gar nichts verpasst.

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19 Oktober 2018, 1:04pm

Foto Raab: imago | Future Image || Screenshots:therealstefanraab | Instagram, StefanRaab19 | Twitter || Collage: Lyes Titi

Als Stefan Raab 2015 das vorläufige Ende seiner Fernsehkarriere ankündigte, herrschte Panik. Woher sollten denn jetzt die guten neuen Showideen kommen? Wer kümmert sich darum, dass Deutschland beim ESC nicht wieder verlässlich auf den hinteren Plätzen landet? Und: Würde ProSieben in Zukunft darauf umsteigen müssen, nicht nur 50 sondern 70 Prozent seiner Sendezeit mit Wiederholungen von Big Bang Theory zu füllen? Drei Jahre später lässt sich sagen: Die Sorgen waren berechtigt. Stefan Raab schien bei seinem großen Comeback-Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena allerdings keinerlei Ambitionen zu haben, ins Fernsehen zurückzukommen. Also, haben wir gehört. Wir waren nicht da. Und ihr wahrscheinlich auch nicht.

Die Karten für Stefan Raab live! waren nämlich schon im vergangenen Jahr innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. In die Kölner Lanxess-Arena passen um die 14.000 Leute und wenn wir nach dem Medienecho gehen, waren rund 4.000 davon Journalistinnen und Journalisten. Trotz gegenteiliger Beteuerungen der Bild-Zeitung gab es keine Übertragung oder Live-Schalte auf ProSieben, den Anwesenden wurde außerdem wohl zu Beginn der Show untersagt, mit dem Handy zu filmen. Einige mutige Instagram- und Twitter-Userinnen und -User haben es trotzdem getan. Und einen Einblick dahingehend gegeben, dass wir alle vielleicht ein bisschen zu viel Hoffnung in das "Comeback" des Entertainment-Gottes (denkt euch hier einen blauen Verifizierungshaken) gesetzt haben.

Was haben die Menschen erwartet, die sich schon im Vorfeld aufgeregt mit ihren Karten ablichteten, vor der Veranstaltung noch schnell ein paar Bier kippten und Selfies aus der halbleeren Halle machten? Nun, es kann sie zumindest nicht negativ überrascht haben, dass Raab zu Beginn der Show erst einmal Elton auf die Bühne schickte. Der Ernie des deutschen Praktikantenwesens, dessen mediale Identität so eng mit seinem Ex-Chef verknüpft ist, dass es wahrscheinlich niemanden in der Lanxess-Arena gab, der sich ein TV-Comeback von Raab mehr wünschen würde.

Stefan Raab betritt also die Bühne, als wäre er nie weg gewesen, aber in Anzug und Sonnenbrille, statt Hemd und Schlabberjeans, und spielt "Wadde Hadde Dude Da". Einen dieser Songs, die nur in einem bestimmten kulturhistorischen Kontext funktionieren und Außerirdische in ein paar Jahren die Frage stellen lassen wird: Was zur Hölle ging eigentlich bei diesen "Menschen"? Das Publikum filmt heimlich und klatscht, ganz unironisch euphorisch wie betrunkene Hochzeitsgäste, wenn nach den ganzen Schmonzetten zu später Stunde endlich "Gangsta’s Paradise" von Coolio läuft. Später wird als eine Art zweites Intro auch noch die Melodie von TV Total gespielt. Was bleibt, wenn Stefan Raab keine lustigen Einspieler zeigen und niemanden in einer ausgedachten oder realen Sportdisziplin besiegen kann? Seine ganz spezielle Art, krude Catchphrases zu eingängigen Songs zu machen. Und mehr scheint es den kompletten Abend dann auch nicht zu geben.

Stefan Raab spielt "Maschendrahtzaun", "Wir Kiffen", "Hier kommt die Maus" und "Alle drei zusammen". Zusammen mit Comedy-Kollegin Carolin Kebekus vertont er "Atemlos" von Helene Fischer neu, mit den Toten Hosen singt er "Bonnie & Clyde" im Duett. Zwischenzeitlich darf Sido mit "Bilder im Kopf" zeigen, dass er mittlerweile auch im Radio gespielt wird – zu den besten Zeiten von TV Total war er schließlich noch der Typ, dessen "Arschficksong" konspirativ wispernd unter Jugendlichen herumgereicht wurde. Und weil Stefan Raab mit seinen halb ernst gemeinten Casting-Shows eben auch ernsthafte Künstlerinnen und Künstler in die musikalische Umlaufbahn geschossen hat, dürfen auch Stefanie Heinzmann ("Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf!" 2008) und Max Mutzke ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star" 2004) auf die Bühne.

Die Show endet mit "Ich liebe deutsche Land", was eine Anspielung auf die aktuelle politische Lage in Deutschland sein könnte, es wahrscheinlich aber nicht ist. Denn wenn sich etwas aus den ganzen Fotos und Videos zu "Stefan Raab live!" mitnehmen lässt, dann das: Deutschlands größter Entertainer lebt in der Vergangenheit. Und da gefällt es ihm verdammt gut. (Auch wenn er mittlerweile einen Instagram-Account hat.)

Stefan Raab hat das Konzept eines Hausmusikabends auf gigantische Ausmaße aufgeblasen, so wie er Rodeln in Wok-Pfannen zu einer primetimefüllenden Sportart machte. Vielleicht gibt es Dinge, die nur dann magisch sind, wenn man sie selbst miterlebt. Wer Raabs Greatest Blödelhits am Stück hören möchte, könnte sich schließlich auch einfach eine YouTube-Playlist erstellen. Die 14.000 Menschen, die am 18. Oktober die Wiederauferstehung von Stefan Raab miterlebten, zeigen sich, zumindest in den sozialen Medien, nämlich durchweg begeistert. Als seien sie Zeuginnen und Zeugen von etwas ganz Besonderem geworden, einem Abend unter Eingeweihten, so tief drin im nostalgischen Treibsand, dass es nur ein logisches Fazit gibt: "Jetzt weiß ich wieder, was dem Fernsehen fehlt." Was genau das sein soll, was fehlt, kann hingegen keiner benennen.

Vielleicht ist der Mann mit der endlosen Zahnreihe nicht mehr nur ein Entertainer, sondern ein übermenschliches Symbol geworden. Ein Symbol, das für eine Zeit steht, von der man glaubt, dass sie besser war, angenehmer, frecher, unvorhersehbarer. Das kann man als Kompliment an Raab sehen, oder eben auch als Absage an die Innovationsarmut im deutschen Fernsehen. Zumindest wenn es um die großen Samstagabend-Shows geht.

Könnte Stefan Raab das Fernsehen einmal mehr "retten"? Keine Ahnung. Aber er kann Menschen nach wie vor dazu bringen, rhythmisch mitzuklatschen und einen guten Abend zu haben. Und das ist zumindest weniger peinlich als vieles, was aktuell zur Primetime im deutschen Fernsehen läuft.

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