Politik

Hambacher Forst: Die Baumhäuser sind zurück – größer, moderner, besser

"So leicht wird man uns nicht los", sagt Aktivist John.

von Nora Pauelsen; Fotos von Tim Wagner
05 September 2019, 11:19am

Alle Fotos: Tim Wagner

Es war der größte Polizeieinsatz Nordrhein-Westfalens. Im August 2018 zerrten Einsatzkräfte Aktivistinnen und Aktivisten von Bäumen herunter, Demonstrierende bewarfen Polizeikräfte mit Fäkalien. Die Protestcamps hatten damals schon seit Jahren im Hambacher Forst gestanden und waren stiller Protest gegen den Braunkohleabbau. Die Baumhäuser wurden von Tausenden Polizeikräften geräumt, der Wohnraum von Hunderten Protestierenden zerstört. Trotz der gewalttätigen Auseinandersetzungen sind die Aktivisten und Aktivistinnen des Waldes aber nicht davon abzubringen, weiter zu kämpfen. Im Gegenteil: Ein Jahr später stehen im Hambacher Forst wieder eine Reihe neuer Baumhäuser und die sind moderner denn je, ausgestattet mit Solarzellen für die Stromversorgung, Regenduschen und Glastüren. Wir haben mit Kara und John gesprochen, die im Hambacher Forst leben.

Hambacher Forst Baumhäuser

VICE: Wie kommt es, dass nach den heftigen Ausschreitungen letztes Jahr wieder so viele neue Baumhäuser entstanden sind?
John: Es war ja klar, dass die Räumung den Widerstand nicht brechen wird. Der Hambacher Forst ist besetzt, um Widerstand gegen RWE zu leisten. Gegen die Braunkohleverstromung und den Abbau. Dieser Widerstand wird natürlich nicht mit einer Räumung gebrochen. Solange wir protestieren können, werden wir den Forst weiter besetzen.

Also stand der Neuaufbau gar nicht zur Debatte?
John: Nee. Die Wiederbesetzung ist nur eine logische Schlussfolgerung. Genau wie wenn in Berlin das nächste Haus besetzt wird, wenn das alte geräumt wurde. Der Kampf wird weitergehen. Wir werden nicht verschwinden, nur weil man uns räumt. So leicht wird man uns nicht los.

Haben euch die Polizeiaktionen nicht abgeschreckt?
John: Durch die Räumung sind extrem viele Menschen, die ich kenne, traumatisiert und haben Probleme damit umzugehen, was sie gesehen und erlebt haben, wie monatelange Belagerungen durch die Polizei und Schikane. Aber das hat die meisten von uns nicht davon abgehalten, weiter zu kämpfen. Die Gruppe hat sich nach der Räumung auch nicht verkleinert – wir sind sogar mehr Menschen geworden, die hier vor Ort leben.

Wann habt ihr mit dem Wiederaufbau begonnen?
Kara: Schon während die alten Häuser vor einem Jahr geräumt wurden, haben wir begonnen, neue Sachen zu bauen.

Wurdet ihr nicht bei dem Aufbau behindert?
Kara: Doch, gerade letzten Winter gab es ziemlich viele Polizeieinsätze. Da kam die Polizei zum Beispiel in den Wald und hat Baumaterial zerstört. Oder auch kleine Gebäude abgerissen, die unbesetzt waren. Aber das hat die Menschen nicht daran gehindert, weiter zu machen.

Wie versucht ihr euch gegen die Räumungen zu wehren?
Kara: Wir haben verschiedene Strategien, wie man mit Polizeikontakt umgeht und Widerstand leistet. Manche gehen konkret die Einsatzkräfte an. Andere setzen sich auf Gegenstände und schrecken so schon die Polizei ab, weil die da keinen Bock mehr darauf haben.
John: Wir haben immer viele Barrikaden auf den Wegen, damit Fahrzeuge nicht durchfahren können.

Hambacher Forst Baumhaus 2

Die neuen Baumhäuser sehen moderner als je zuvor aus. Wie kommt das?
Kara: Durch die Räumung haben wir mehr Unterstützung und Ressourcen erhalten. Dementsprechend ist es auch einfacher geworden, moderne Häuser zu bauen. Die meisten Spenden kommen von Privatpersonen. Oft kommen auch Menschen hier vorbei und sagen: "Hey, wir haben noch Paletten übrig, wir zahlen Geld für die Entsorgung. Könnt ihr die nicht gebrauchen?" Das gleiche passiert mit Solarzellen oder Gaskochern. Das, was die Leute nicht mehr brauchen, geben sie uns und das verwenden wir weiter.

Und Baumaterial in den Wald zu bringen, ist kein Problem?
John: Ich glaube schon, dass das theoretisch illegal ist. Aber es kann uns keiner daran hindern und wir werden da auch nicht kontrolliert.

Wie ist die Stimmung jetzt ein Jahr nach der Räumung? Habt ihr keine Angst?
John: Klar haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, aber das ist uns nicht neu. Diese Erfahrungen, dass zum Beispiel politisch aktive Menschen in den Knast gehen ohne Begründung durch falsche Gerichtsurteile, machen wir schon seit Jahren. Das macht eine Bewegung eher stärker. Die Menschen zeigen Solidarität und erkennen, was das Staatssystem mit denen macht, die sich dagegen stellen.

Wieso macht ihr das alles?
John: Unsere Gesellschaft geht momentan auf den Abgrund zu. Der Faschismus nimmt zu, keiner tut etwas gegen Klimawandel. Es ist Zeit, sich nicht mehr von unserem autoritärem Staat unterdrücken zu lassen. Wir müssen gegen die Überwachung und den Polizeistaat auf die Straße gehen und klar Flagge zeigen, dass wir frei leben möchten.
Kara: Im Hambacher Forst sehe ich Freiheit und dass es auch anders geht. Wenn wir unser Leben grundlegend verändern, dann ist eine andere Gesellschaft ohne Klimazerstörung und Ausbeutung möglich.

Hambacher Forst Baumhäuser 3

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.