Wir haben mit Leuten über Pflichtsex in Beziehungen gesprochen

"Mein Trick, meinen unmotivierten Freund zum Sex zu bewegen, ist ganz einfach: Ich lege mich nackt ins Bett – dann muss er."

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Apr. 28 2017, 12:55pm

Imago | Westend61

Vielleicht lebt ihr in einer Beziehung, in der ihr euch nach fünf Jahren immer noch jeden Tag mit begeisterten Brunftlauten die Klamotten vom Leib reißt und immer gleich viel Bock aufeinander habt. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass es manchmal vorkommt, dass nur einer Lust hat. Und der andere lieber Serien weitergucken würde.

Wenn der eine sich dann aber doch nackig macht, damit der Partner glücklich ist, nennt man das im Englischen "Maintenance Sex" – Sex zur Instandhaltung der Beziehung. Weniger sexy übersetzt könnte man auch von "Pflichtsex" sprechen – also Sex dem Partner zuliebe. Die Kombination der Worte Pflicht und Sex macht erstmal Bauchschmerzen. Weil: 1. Soll Sex Spaß machen, 2. muss er freiwillig sein – also das Gegenteil von Pflicht. Aber wir bezweifeln, dass es eine Beziehung auf diesem Planeten gibt, in der Sex zu 100 Prozent nur dann stattfindet, wenn beide gleich geil aufeinander sind. 

"Pflichtsex ist in Langzeitbeziehungen für fast jedes Paar irgendwann ein Thema", sagt die Sexualtherapeutin Heike Melzer zu VICE. "Oft ist es so: Männer sagen, sie brauchen Sex, um zu entspannen, und Frauen sagen, sie müssen entspannt sein, um Sex zu haben." Wenn beide nicht zufrieden mit ihrem Sexleben sind, sagt sie, sollten Paare darüber sprechen und Verabredungen treffen. "Manche Paare regeln das so: In geraden Kalenderwochen ist der eine für die Initiative im Bett zuständig, in ungeraden der andere."

Sex nach Kalender hört sich nicht unbedingt sehr sexy an. Die gute Nachricht: Wie glücklich eine Beziehung ist, kann man nicht daran messen, wie oft man Sex hat. Eine Studie der Society Society for Personality and Social Psychology zeigt: Solange Paare mindestens einmal die Woche miteinander schlafen, steigert "mehr Sex" nicht unbedingt die Beziehungszufriedenheit. Soll heißen: Regelmäßiger Sex ist schon wichtig für die Beziehung, aber ob es dann nur nur einmal pro Woche ist, oder zwei, drei, vier oder fünf Mal, spielt wenig Rolle.  

Wir haben Paare gefragt, wie oft sie miteinander schlafen – und wie viel davon "Maintenance Sex" ist. 

Franzi, 24 – 2,5 Jahre Beziehung

Foto: Privat

"Bei uns bin ich immer diejenige, die mehr Sex will. Mein Freund und ich sind seit zweieinhalb Jahren ein Paar. Davor hatten wir zwei Jahre lang eine intensive und komplizierte Affäre. In der Zeit haben wir uns ständig besprungen. Das hat sich schon verändert, seit wir zusammenwohnen. Ich denke, es ist ganz normal, aber ich würde trotzdem lieber öfter mit ihm schlafen. Ich selbst habe grundsätzlich permanent Lust auf Sex, das war schon immer so. Ich bekomme ihn aber höchstens einmal in der Woche – wenn mein Freund nicht, wie jeden Abend, bereits um 21 Uhr auf dem Sofa einpennt. Nach der Arbeit ist er abends immer hundemüde. Mein Trick, meinen unmotivierten Freund doch noch zum Sex zu bewegen, ist ganz einfach: Ich lege mich nackt ins Bett – dann muss er. Ich habe lieber schlechten Sex als gar keinen. Es ist das kleinere Übel. Selten kommt es vor, dass mein Freund den ersten Move macht. Manchmal bin ich gemein und stelle mich schlafend. Damit er weiß, wie sich das anfühlt, abgewiesen zu werden."

Leon*, 23 – Drei Jahre Beziehung

Foto: Privat

"Ich habe meine Freundin in einem Sprachaufenthalt in England kennengelernt. Leider wohnt sie am anderen Ende des Landes und wir sehen uns nur alle zwei Wochen. Dann geht es aber schon mindestens einmal pro Tag zur Sache. Von mir aus könnte es öfter sein. Ich habe öfter Lust auf Sex als sie – eigentlich immer. Sie nicht. Dann verzichte ich lieber, anstatt Sex zu haben, auf den sie keinen Bock hat. Es ist halt nicht so, wie man sagt, dass Sex wie Pizza ist: Auch schlechte Pizza ist immerhin noch besser als keine Pizza. Kein Sex ist mir lieber als schlechter Sex. Wenn sie "zu müde" ist, ist das dann halt so."


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Luca, 23 – Drei Jahre Beziehung

Foto: Privat

"Ich merke schon, wenn meine Freundin Lust hat und wann nicht. Es kann schon sein, dass sie gerade eine Folge Netflix gerade spannender findet als Sex, aber in solchen Momenten überzeuge ich sie halt. Dann gibt es halt mal ein längeres Vorspiel mit mehr Küssen und Streicheleinheiten. Ich würde aber sagen, dass wir uns meistens einig sind. Wir sind jetzt seit fast drei Jahren zusammen und haben ein bis viermal pro Woche Sex. Wenn ich keinen Bock hätte, würde ich auch nicht mit ihr schlafen, und ich glaube, ihr geht es auch so."

Marie*, 29 – Zwölf Jahre Beziehung

Foto: Privat

"Ich war 17, als ich mit meinem Freund zusammenkam. Er war damals 18. Mein Sexleben auf einer Skala von eins bis zehn? Ich würde sagen eine Sieben. Im ersten Jahr haben wir sehr viel herumprobiert und geguckt, was uns Spaß macht. Mittlerweile läuft der Sex meistens ähnlich ab – was ja nichts Schlechtes ist: Wir wissen ziemlich genau, worauf wir stehen. Er will meistens öfter als ich und macht den Anfang. Ich lasse mich sehr oft darauf ein, weil ich ganz genau weiß: Nach dem Sex geht es mir gut.

Ich habe es noch nie bereut, mit meinem Freund Sex gehabt zu haben. Gut bedeutet für mich nicht, dass beide kommen. Gut bedeutet für mich, dass wir uns nahe sind, den anderen spüren. Gut ist, wenn wir im Bett lachen und nicht einem Orgasmus hinterhecheln. Wenn ich dringend kommen will, kann ich es mir auch in einer Minute selber machen. Aus Pflichtbewusstsein schlafe ich mit meinem Freund nie. Wenn ich absolut keinen Sex haben will, dann habe ich auch keinen Sex. Zum Beispiel wenn ich keinen freien Kopf habe – oder meine Tage. 

Es ist in zwölf Jahren erst zweimal vorgekommen, dass ich wollte und mein Freund nicht. Das hat mich ehrlich gesagt schon sehr beschäftigt und es tat mir auch weh. Wir haben darüber gesprochen, und dann war alles wieder geklärt. Vielleicht sollte ich öfter den Anfang machen. Was mich noch beschäftigt: Wir könnten öfter Sex haben. Momentan schlafen wir zwei bis drei Mal im Monat miteinander. Ich bin mir sicher, dass wir beide so denken, aber es spricht keiner von uns an."

Tanja, 30 – War ein Jahr mit ihrer Ex-Freundin zusammen

"Bevor ich mit meiner Ex-Freundin zusammengekommen bin, hatten wir jedes Mal, als wir uns gesehen haben, mehrmals Sex. Aber wir hatten uns da auch nur alle paar Tage gesehen – klar, dass es einiges nachzuholen gab. Nachdem wir ein Paar waren, haben wir so gut wie jede Nacht miteinander verbracht. Sie wollte die Sexfrequenz von vorher aufrechterhalten, aber mir war es dann zu viel. Nicht, dass ich keine Lust auf sie hatte. Aber manchmal fand ich morgens Frühstück spannender oder wollte abends lieber lesen. Als ich es ihr erzählt habe, war sie beleidigt. Sie hielt das für ein Zeichen, dass ich sie weniger interessant finde und wir uns voneinander entfernen. Ich habe ihr dann erklärt, dass es auch ein Zeichen von Intimität ist, dass ich sie auch dann sehen will, wenn ich keinen Sex möchte. Das leuchtete ihr ein. Ich glaube, das war eine Entspannung für beide, manchmal einfach nebeneinander zu schlafen. Manchmal wollte sie trotzdem Bestätigungssex – eine Art Zeichen dafür, dass sie unwiderstehlich ist. Dann schlief ich mit ihr, auch wenn ich abends zu müde war – oder morgens viel zu spät dran für die Uni. Getrennt haben wir uns aber nicht wegen Sex. Sondern weil ich in ein anderes Land gezogen bin."

*Namen geändert

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