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Die längste Wahl der Welt

Es ist kein Skandal, wenn der ORF zu Hofers Israel-Reise recherchiert

Der ORF hat nur seinen Job gemacht. Dafür braucht es Verständnis—besonders von einem Bundespräsidenten.
20.5.16

Foto: Screenshot via ORF.

"Ich würde das nicht noch einmal ansprechen, wenn Sie das nicht selbst gestern in der ZiB2 so prominent platziert hätten", sagte Ingrid Thurnher im ORF-Duell, "da haben Sie nämlich wiederholt, was Sie in vielen Interviews und im Wahlkampf gesagt haben. Und das würden wir noch gerne klären."

Norbert Hofer war in Israel und machte daraus alles andere als ein Geheimnis. In der Presse sagte er etwa: „Ich habe in Israel erlebt, wie es wirklich ist. Als ich auf dem Tempelberg war, ist zehn Meter neben mir eine Frau erschossen worden, weil sie versucht hat, mit Handgranaten und Maschinenpistolen betende Menschen zu töten."

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Der ORF konnte kurz vor dem TV-Duell den Sprecher der israelischen Polizei vor das Mikro kriegen: "Ende Juli 2014 gab es keinerlei Zwischenfall oder Angriff auf dem Tempelberg, definitiv nicht mit Granaten, definitiv nicht mit irgendwelchen Waffen. Es wurde keine Frau in Jerusalem Ende Juli 2014 getötet, soweit wir das wissen. Kein Terrorangriff in der Altstadt. Wir können das nicht bestätigen."

"Kann es sein, dass Sie in Ihrer Erinnerung irgendwas verwechseln?", fragte die Moderatorin. "Nein, Frau Thurnher", sagte Hofer, "da hört sich bei mir das Verständnis auf. Wenn jetzt wirklich versucht wird, mir vorzuwerfen, ich hätte die Unwahrheit gesagt, dann werde ich mich auch wirklich wehren."

Kurz darauf kursieren im Netz von Strache und Hofer verbreitete Links der

Jerusalem Post

und

Haaretz

, wonach es an jenem Tag sehr wohl zu Schüssen auf eine Frau kam. Laut

JP

weigerte sich eine in Decken gehüllte Frau sich zu identifizieren und näherte sich einem Checkpoint. Die Polizei gab daraufhin einen Warnschuss ab, feuerte schließlich einen Schuss auf ihr Bein ab, um sie zu stoppen.

Was an Hofers Schilderung—laut JP und israelischer Polizei—nicht stimmt:

  • Es wurde niemand erschossen.
  • Es war kein Terrorakt.
  • Es gab keine Handgranaten und Maschinenpistolen.
  • Es gibt keine Informationen, wonach die Frau "betende Menschen töten wollte".

Nichts anderes "sagte" der ORF in Form des israelischen Polizei-Statements. Klar, einen kleinen Schnitzer machte die Redaktion dennoch, weil die Redakteure nicht eruierten oder zum Zeitpunkt der Sendung noch nicht eruieren konnten, dass es sehr wohl einen Vorfall gab—nur halt nicht in dem von Hofer geschilderten Ausmaß. Das ist sicherlich ärgerlich. Aber bestimmt kein "Skandal". Vor allem, wenn man bedenkt, dass über jene Information—zu diesem Zeitpunkt—kein österreichisches Medium und nicht einmal Hofer und die FPÖ verfügte. Was man dem ORF—wenn überhaupt—vorwerfen kann, ist, dass die Geschichte zum Zeitpunkt, als Ingrid Thurnher auf Sendung ging, nicht fertig recherchiert war. Die korrigierende Ergänzung (nämlich, dass sehr wohl eine Frau in Jerusalem zum fraglichen Zeitpunkt angeschossen wurde, es sich aber um keinen erwiesenen Terrorfall handelte), reichte Armin Wolf nach Bekanntwerden wenige Minuten später in der ZiB2 nach.

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"Norbert Hofer hat ganz eindeutig die Unwahrheit gesagt—aber FPÖ-Wähler interpretieren in Facebook-Kommentaren den kleinsten Strohhalm, dass irgendein Detail an der Story halbwegs wahr sein könnte, als Freispruch", analysiert der grüne Europaabgeordnete Michel Reimon, der im Auftrag der Uni Wien von 2006 bis 2012 politische Kommunikation lehrte. Den sogenannten ORF-Skandal sieht er auf Facebook als ein "klassisches Beispiel" für sein Fachgebiet:

"Wir schaffen die Beschreibung der Wirklichkeit ausschließlich in unserem Kopf. Und wir brauchen ein konsistentes, in sich logisches Bild davon, um handlungsfähig zu sein. Jede Information interpretieren wir so, dass sie unsere bisherigen Einschätzungen verstärkt. (…) Das bedeutet: Den Tempelberg-Vorfall betrachtet jede Seite aus ihrer Perspektive. Meine und die meines Umfeldes lautet: Die FPÖ nimmt es mit der Wahrheit nicht genau. Bestätigt. Die der FPÖ-Wähler lautet: Der Staatssender ORF stürzt sich auf jedes unwichtige Detail, wo sich ein FPÖler vielleicht nicht perfekt erinnert, und macht einen Skandal draus. Bestätigt."

In einfacheren Worten: Wir informieren uns nicht mehr, sondern sammeln Bestätigungen für unser Weltbild. Als Beispiel gilt hierfür wohl der Krone.at-Chefredakteur, der schreibt: "Armin Wolf kann sich seinen Erklärungsroman sparen—wir wissen ohnehin alle die richtige Antwort." So ein fixes Denkmuster zu durchbrechen ist schwer.

Darauf deutet auch Falter-Chefredakteur Florian Klenk auf Facebook hin: "Das [ORF-Duell] ist ein Musterbeispiel, wie man mit akribischer Recherche und Zeugen gegen einen wie Norbert Hofer nicht mehr durchkommt. Der ORF beweist die Unwahrheit seiner Aussagen, er steht am Schluss als Opfer der Lügenpresse und einer Hetzmeute da."

Und genau so kam es dann. Strache schreit auf Facebook fünf Mal "Skandal!", fordert Konsequenzen gegen den "rot-grünen Propagandasender" und bringt sogar das Strafgesetzbuch gegen ORF-Journalisten ins Spiel. Das andere Lager ist über Hofers Unwahrheiten empört. Und in der doppelten Aufregung geht etwas Wichtiges unter: Wie Hofer auf die ORF-Recherche reagiert, sagt nämlich viel über sein Amtsverständnis.

Die Verunglimpfung des Bundespräsidenten steht in Österreich—als Relikt der Kaiserzeit—noch immer unter Strafe. Der Zuspieler "Die Fischers, guten Morgen" von Stermann und Grissemann würde wohl darunter fallen, wenn Heinz Fischer diese Satire nicht wohlwollend hinnehmen würde. Soll Meinungs- und Medienfreiheit nur wegen einer Person eingeschränkt werden? Die Majestätsbeleidigung ist höchst umstritten und wurde in der jüngeren Vergangenheit in Österreich nicht verfolgt.

Das TV-Duell des ORF gibt keinen Anhaltspunkt für eine Beleidigung. Es war lediglich eine Recherche zu zwei sich widersprechenden Aussagen, zu jenen der Kandidat eine Stellungnahme abgeben konnte. In einem freien demokratischen Land mit Pressefreiheit ist dies ein Routine-Vorgang einer journalistischen Institution. Aber selbst hier sagte der vielleicht nächste Bundespräsident: "Da hört sich bei mir das Verständnis auf."

Christoph auf Twitter: @Schattleitner