Sex

Warum Frauen untenrum aussehen wollen wie "Brötchen"

Erklärt von einer Frau, die zu Intimoperationen promoviert hat.

Wlada Kolosowa

Wlada Kolosowa

Foto: Götz Schleser

2015 rief der Sexspielzeug-Hersteller Sloan den – ziemlich creepy – Wettbewerb für die schönste Vulva der Welt aus. (Hauptpreis: Die Firma 3D-scannt das attraktivste Genital und benutzt es als Vorlage für ihre Sexspiezeuge. Yay!)

Über 130.000 Menschen aus 191 Ländern gaben ihre Stimme ab, um Miss World Pussy zu ermitteln. Die Genitalien, die in die Top 10 gewählt wurden, ähnelten sich ziemlich: Sie waren komplett unbehaart, rosig und hatten kleine innere Labien. Die Gewinnervulva sah aus, als würde sie Barbie gehören: hell und so glatt wie ein Stück Plastik.

Um dieses Schönheitsideal zu erreichen, legen sich Frauen unters Messer. Wie viele in Deutschland ihre Genitalien umgestalten lassen, kann man nur schwer sagen. Laut der International Society of Aesthetic Plastic Surgery führten 2013 ästhetisch-plastische Fachärzte in Deutschland knapp 10.000 intimchirurgische Operationen durch. Die Zahl ist aber sehr ungenau: einerseits weil diese Angabe eine Hochrechnung ist, andererseits, weil darunter nicht die OPs erfasst sind, die von Gynäkologen und Dermatologen durchgeführt wurden.

Anna-Katharina Meßmer, bekannt durch den Hashtag #aufschrei, hat sich für ihre Doktorarbeit mit Intimchirurgie in Deutschland befasst. Sie hat sich Webseiten von Ärzten angeschaut, die verschönernde Intimoperationen anbieten, und sich dabei vor allem auf zwei Themen konzentriert: Wie inszenieren sich diese Ärzte? Und: Welche Vorstellung von Frauenkörpern werden auf diesen Webseiten vermittelt?

Wir haben mit ihr über das Schnippeln im Intimbereich gesprochen.

VICE: Welche Eingriffe werden zur Verschönerung von Vulven angeboten?
Anna-Katharina Meßmer:
Die Verkleinerung der inneren Labien ist mit Abstand der häufigste Eingriff, der vorgenommen wird. Außerdem gibt es Hymenrekonstruktionen, Fettabsaugung am Venushügel und Vaginalverengungen. Ich fand besonders auffallend, dass auf den Webseiten der Ärzte häufig die Rede davon ist, dass Partnerschaften aufgrund von zu großen Labien oder zu weiten Vaginen auseinandergehen könnten. Entweder weil der Sex nicht gut funktioniere, oder weil die Frau so unzufrieden mit sich selbst sei, dass sie sich deswegen nicht auf ihren Partner einlassen könne. Einzelne Ärzte boten auch an, die Vagina der Frau an die Gegebenheiten ihres Partners anzupassen.

Moment. Wenn eine Frau sagt: "Mein Freund hat nicht so ein großes Stück und findet meine Vagina zu weit", dann sagen solche Ärzte: "Kein Problem – wir machen Sie mal ein paar Zentimeter enger"?
Genau. Auf einigen Seiten steht so etwas wie: "Jeder weiß, dass nicht passfähige Genitalien eine Belastung für die Partnerschaft sein können, aber da es schwerer ist, an männlichen Genitalien zu arbeiten, verändern wir den weiblichen Körper."

 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Diese Pflanze heißt Afrikanischer Tulpenbaum | Foto: mauroguanandi | Flickr | CC BY 2.0

Stimmt es überhaupt, das Paare mit "nicht passfähigen" Genitalien schlechteren Sex haben?
Dazu habe ich keine Daten, aber allein diese Vorstellung, dass die Geschlechtsorgane "passen" müssen, beruht auf einem sehr eindimensionalen, heteronormativen Bild von Sexualität. Sex wird dabei reduziert auf "Penis in Vagina" – und darauf, dass er immer monogam ist. Diese Webseiten werben damit, die Körper an eine bestimmte Form von Sexualität anzupassen – anstatt den Sex darauf auszurichten, mit wem man zusammen ist und wie die Körper zueinander passen.

Du schreibst, dass die beliebteste Genitalform momentan das "Brötchen" ist.
Es geht darum, möglichst straffe, geschlossene, glatte Genitalien herzustellen, die keine Spuren von Alter, Geburt oder sexueller Erfahrung tragen.

Warum wollen erwachsene Frauen untenrum wie junge Mädchen aussehen?
Ein Grund ist das jugendliche Ideal in unserer Gesellschaft und der Trend zur Komplettrasur. Erst die Intimrasur macht das weibliche Genital sichtbar – und weckt den Wunsch nach Veränderung. Solange immer Haare davor waren, hat man ja nicht viel gesehen. Ich denke, dass für weibliche Genitalien am Ende dasselbe gilt wie für den weiblichen Körper generell: Sie sollen jugendlich sein. Ich beobachte allerdings, dass das Schönheitsideal für Frauen momentan von "jugendlich, schmal und zierlich" langsam zu "jugendlich und trainiert" geht. Die ganzen Abnehm- und Fitnessprogramme zielen mittlerweile nicht nur darauf ab, dünner zu machen, sondern schlanker und gleichzeitig muskulöser.

Müssen Frauen also bald muskulöse Vaginen und Vulven haben?
Vaginalhanteln bekommst du ja schon heute in so gut wie jedem Drogeriemarkt. Sie stehen meistens neben der Babynahrung, damit Frauen nach der Geburt ihre Genitalien trainieren können.

Denkst du, der Trend zu Komplettrasur wird anhalten?
Zumindest bei Achselhaaren gibt es einen Gegentrend. Und bei den Männern wachsen das Brusthaar und die Bärte wieder. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das wieder auf den Körper insgesamt ausweitet.

Ist dieses "Jugendideal" für die Vulva ein Überbleibsel der patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frau möglichst rein und unberührt sein soll?
Ja, aber den Begriff "patriarchal" darf man nicht damit verwechseln, dass Männer das direkt von Frauen erwarten. Die meisten Frauen lassen sich nicht operieren, weil ihr Partner das verlangt. Sondern weil es in der Gesellschaft eine sehr präsente Vorstellung davon gibt, wie sich Frauen verhalten sollen und wie ihre Körper auszusehen haben. Wenn man nachmittags mal fern schaut, dreht sich fast jede zweite Werbung um Diätprodukte. Der weibliche Körper wird immer als defizitär dargestellt. Er wird erst mit Hilfe von Diätprodukten, Kosmetika, ästhetisch-plastischen Eingriffen oder Hanteln zum guten Körper.

Um das vereinfacht auszudrücken: Es gibt ein bestimmtes Bild, wie eine Frau auszusehen hat, und Ärzte und Unternehmen versuchen, davon zu profitieren?
Genau. Das sieht man auch an der Unmenge von immer neuen Produkten für Genitalien. Der Wunsch nach einem aufgeräumten und hygienischen Intimbereich wird verstärkt durch das ganze Angebot an Intimpflegeprodukten: beduftete Slipeinlagen und Binden oder Tampons, die mit irgendetwas versetzt sind, das den vaginalen PH-Wert unterstützen soll. Mit Hygiene und Gesundheit begründen die Ärzte in Deutschland zum Beispiel auch die Verkleinerungen der Labien.

Findest du es richtig, dass Krankenkassen in der Regel die Kosten für die Intimoperationen nicht übernehmen?
Ja, auch weil oft mehr versprochen wird, als wirklich möglich ist. Es gibt Umfragen dazu, dass jede vierte Person nach einem ästhetisch-plastischen Eingriff damit unzufrieden ist. Andererseits sollte man nicht vergessen, dass jeder chirurgische Eingriff Probleme nach sich ziehen kann. Diese Folgeerkrankungen gelten – wie auch bei Tattoos und Piercings – seit 2005 als sogenannte selbstverschuldete Krankheiten. Die Kassen haben dann die Möglichkeit, die Patientin an den Kosten für die Behandlung dieser Folgeerkrankungen zu beteiligen. Auch wenn ich finde, dass Krankenkassen nicht für Schönheits-Ops bezahlen sollen, finde ich das problematisch: Jemand, der raucht oder der einen Unfall hatte, weil er zu schnell auf der Autobahn gefahren ist, muss ja auch nicht extra zahlen.

Wie genau treten denn deutsche Ärzte auf ihren Webseiten auf?
Ganz anders als in den USA. Wenn der Amerikaner David Matlock seine Vagina-Laser-Verjüngungsmethode vermarktet, ist sein Auftreten: "Ich bin der beste Chirurg, ich mach die Frauen hübsch, ich habe meine eigene Frau an meine Vorstellungen angepasst." In Deutschland sitzen die Ärzte auf den Werbe-Fotos mit Stift in der Hand an ihren Schreibtischen und gucken dich beratermäßig an. Ihr Narrativ ist: "Wir schaffen keine neuen Bedürfnisse, sondern wir helfen Frauen ganz verantwortungsbewusst, den richtigen Eingriff zu wählen." Sie verwenden dafür auch feministische Rhetoriken, zum Beispiel in Sätzen wie: "Dein Körper ist nicht dein Schicksal."

Sind Intimoperationen eine feministische Befreiung oder sind sie genau das Gegenteil?
Ich denke, sie sind beides. Wenn die Operation gelingt, kann es für jede Frau individuell eine Befreiung sein. Gleichzeitig bedeutet diese Befreiung aber auch, sich ein Stück weit einer bestimmten Vorstellung anzupassen: Die Frauen, die sich einer Intimoperation unterziehen, unterwerfen sich einer Norm, um innerhalb der Norm frei zu sein. Damit stabilisieren sie diese aber auch. Das ähnelt der Diskussion um die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens. Einerseits ist es ein Akt der Selbstbestimmung, andererseits unterwerfen sich Frauen genau der patriarchalen Kultur, gegen die sie ankämpfen.

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