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Schalke trägt immer noch Kutte

Schalke ist die Hochburg der Kuttenträger, doch auch hier gibt es immer weniger. Ein Kuttenträger erzählt uns, wie Hakenkreuze von der Weste verschwanden und wie es ist, wenn der „Kutten-Boss" mit dem Messer vor dir steht.

von Katharina Reckers
13 Mai 2016, 10:40am

Alle Fotos: Gerrit Starczewski

Stefan Barta ist 53 Jahre alt und kommt aus Bochum. Auf die Frage, was sein Lieblingsverein ist, gibt es für ihn nur eine glasklare Antwort: Seit 40 Jahren steht er im Block 5 auf Schalke und feuert die Königsblauen an. Allerdings ist er nicht nur normaler Fan, sondern Kuttenträger. Zwischen Normalos und Hooligans stand er jahrelang bei Wind und Wetter mit seiner Weste im Stadion und sammelte viele Aufnäher und noch mehr Erfahrungen. Schalke gilt als Hochburg der Kuttenkultur, doch Ultra-Moder und Trikotträger haben die Kutten immer mehr verdrängt. Nachdem Stefan seine Kutte ein Jahr lang in den Tiefen seines Schrankes verbannte, kehrt er jetzt mit neuer Kutte zurück in den Block 5. Wir haben mit ihm über das Aussterben der Kutten-Kultur, Hakenkreuze und Sexsprüche als Aufnäher und über Dortmund-Fans, die den Schalkern die Kutten klauten, gesprochen.

VICE Sports: Trägst du immer noch Kutte?
Stefan Barta: In den letzten Jahren habe ich kaum noch eine Kutte getragen, ich fange jetzt erst langsam wieder an. Meine erste Kutte hatte ich allerdings mit 13 Jahren. Ich war einer der Jüngsten in der Kurve.

Hast du dir die Kutte damals selber genäht?
Ja, mehr oder weniger. Ich habe mir eine Jeansjacke gekauft und die Ärmel abgeschnitten. Sehr zur Begeisterung meiner Eltern. (lacht) Die Anstecker und Fransen habe ich mir dann selber drauf genäht. Die Kutte wächst mit der Zeit, niemand kauft sich eine fertige Kutte.

Stefan Barta in jungen Jahren mit Kutte; Privatfoto

Woher hattest du die Aufnäher für deine Kutte?
Es war ziemlich schwierig, an Aufnäher zu kommen, man konnte sie nur im Stadion kaufen. Außerdem musste man aufpassen, welche Aufnäher man benutzt.

Warum?
Es gab Leute in der Kurve, die das Sagen hatten. Die haben darauf geachtet, dass kleine Jungs wie ich nicht alles auf der Kutte tragen.

Was ging denn zum Beispiel gar nicht?
Zum Beispiel ein Aufnäher von Dortmund, der nichts mit Hass zu tun hat. Als Schalke-Fan ist das natürlich ein No-Go.

Es gab also einen „Kutten-Boss" in der Schalker-Kurve?
Ja klar, den gab es. Das waren andere Zeiten als heute. Es gab ein paar Männer, die waren Chefs der Kurve und trugen die wildesten Kutten. Man konnte sich nicht einfach nur eine Kutte anziehen und machen, was man will.

Erzähl mal.
Es gab eine eindeutige Rangordnung. Zum Beispiel passierte es öfter, dass die „Chefs" mit einem Messer in der Hand durch die Reihen liefen und Aufnäher, die ihnen nicht passten, abschnitten.

Was waren das für Aufnäher?
Also mir ist es einmal passiert, dass zwei von meinen Aufnäher abgeschnitten wurden. Ich hatte damals ziemlich weiche Knie. Es ist kein ein gutes Gefühl, wenn jemand mit einem Messer in der Kurve auf dich zu kommt. Aber welche Aufnäher das damals waren, weiß ich leider nicht mehr. Das ist zu lange her.

Wie viele Kuttenträger gab es damals auf Schalke?
Sehr viele. Ende der 70er Jahre trugen im Block 5. ungefähr 40 Prozent der Zuschauer Kutten.

Und heute?
Sehr viel weniger. Die Kutten-Kultur stirbt auf Schalke langsam aus.

Kannte man sich als Kuttenträger untereinander?
Einen direkten Club oder so etwas gab es nicht. Aber natürlich kannte man sich teilweise. Wir haben uns auch untereinander über unsere Aufnäher ausgetauscht und man hat sich natürlich an den Verkaufsständen getroffen.

Was gab es da für Aufnäher?
Oft einfach Vereins-Aufnäher. Später fing es dann an, Hass-Aufnäher zu geben. Zum Beispiel „Tod und Hass dem BVB" oder so etwas. Da da die gestickten Aufnäher aber auf Dauer zu teuer wurden, gab es auch einige Linoleum-Gedruckte. Die waren aber nicht so werthaltig, dafür preiswert.

Wer entwirft denn die Aufnäher?

Das weiß ich nicht. Ich kenne nur die Verkäufer. Die sind durch den Block gegangen und haben die Aufnäher für ungefähr drei Mark verkauft.

Was ist typisch für die Schalker Kuttenträger?
1980 waren Logos von anderen Vereinen total typisch, hauptsächlich von Englischen. Die Fanszene dort galt als Vorbild. Aber eigentlich ähneln sich die Kutten aus jedem Verein sehr. Erstmal ist da der Kreisrunde Rückenaufnäher mit dem Vereinslogo. Der ist die Grundlage einer jeden Kutte, nicht nur auf Schalke. Um ihn herum werden dann nach und nach die anderen Aufnäher genäht. Ende der 80er Jahre klang die Kutten-Tradition etwas aus. Es kamen die Fußballtrikots ins Spiel. Anfangs wurden aber auch die Trikots bestickt.

Warum war die englische Fanszene ein Vorbild?
Weil die englischen Fans als die härtesten und leidenschaftlichsten Fußball-Fans der Welt galten. Die Kutten-Szene entstand in den 70er Jahren, aus der Rocker-Szene. Da war Härte natürlich angesagt.

Was hat es bei den Schalker-Kutten mit den sexistischen und frauenfeindlichen Aufnähern auf sich?
Die sind unglaublich, ich weiß. Damit habe ich nichts am Hut und auch keinen einzigen an meiner Kutte. Aber es scheint genug Interessenten zu geben... Das ist allerdings ein Problem, was beinahe jeder Verein mit den Kuttenträgern hat.

Kutte mit sexistischem Aufnäher

Was hat sich seit ihren Anfängen in der Kutten-Kultur verändert?
Früher waren unsere Kutten, ranzig, dreckig, angepinkelt. So wie die der Motorrad-Gangs. Heute sind sie sauber und die Aufnäher sind sehr ordentlich dran genäht. Zudem wurde einem, wenn man sich an den falschen Stellen aufhielt schon mal die Kutte abgezogen, zum Beispiel in der S-Bahn von Dortmund-Fans. Und es gab öfter Schlägereien zwischen den Kuttenträgern nach einem Spiel, das ist heute undenkbar. Allerdings kann man Kuttenträger und Gewalt nicht über einen Kamm scheren.

Warum?
Kuttenträger sind normale Menschen aus allen Bereichen des Lebens. Egal ob Bänker, Taxifahrer oder Familienvater, wenn man sich die Kutte überzieht, sind alle eins und es geht nur um den Fußball.

Stefan Barta mit seinen Kutten-Kumpels

Gibt es Kutten-Regeln in der Schalker-Kurve?
Allerdings, seit 1994 sind rassistische Aufnäher und Anfeindungen komplett verboten. Da gibt es keine Toleranz. Wer sich nicht an die dran hält, bekommt Stadion-Verbot. Das ist eine Besonderheit bei Schalke, wir sind mit der Fan-Iniative fantastisch gegen Fremdenfeindlichkeit vorgegangen.

Gab es denn vor 1994 ein starkes Rassismus-Problem?
Sehr. Da hörte man ständig Affenlaute und rassistische Beschimpfungen im Block. Hakenkreuz-Aufnäher gab es auch. Aus heutiger Sicht klingt das heftig, damals war es ganz normal.

Nutzt ihr heute Kutten auch noch dazu, politische Meinungen zu äußern?
Eher in der Vereinspolitik. Zum Beispiel gibt es Aufnäher gegen den korrupten Ticketanbieter Viagogo.

Die Kutten-Kultur ist dabei auszusterben. Werdet ihr von den Ultras abgelöst?
Ja, auf jeden Fall. Die Ultras geben mittlerweile den Ton in der Kurve an und die tragen keine Kutten. Sondern Trikots oder einfach Jeans und Pullover.

Trauerst du den alten Schalker Kutten-Zeiten hinterher?
Nein, ich habe mir letztens wieder eine Kutte gemacht und werde sie in der Kurve tragen. Und es gibt ja auch noch einige Kuttenträger. Zwar nicht mehr so ausgeprägt wie früher, aber sie sind da. Außerdem tun die Ultras dem Fußball gut, deshalb kann ich mich nicht beschweren. Ich allerdings bleibe Schalke als Kuttenträger treu.

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Weil es so schön ist, haben wir hier noch einige Kuttenbilder für euch (Fotos: Gerrit Starczewski):