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Bitcoin-Ethik mit dem 3D-Waffen-Drucker

Wir haben mit dem Entwickler von 3D-gedruckten Waffen über sein neues verschlüsseltes Portemonnaie für digitale Währungen gesprochen, und uns über seine libertäre Bitcoin-Philosophie belehren lassen.
05 Dezember 2013, 8:39am

Bild via Wikimedia Commons

„Ich will eine Ethik für Bitcoin entwickeln," erzählte Cody Wilson einer hingerissenen Menge von Bicoin Fans in London. „Ich habe den Eindruck, Bitcoin hat keine starke Ethik."

Du kennst Wilson wahrscheinlich als den Typen, der 3D Waffen druckt und zum Download für jeden anbietet. Sein neustes Projekt „Dark Wallet", ein Portemonnaie für digitale Währungen, verbindet nun seine freiheitsliebende Philosophie mit Bitcoins. „Dark Wallet" ist ein Browser Plug-In, mit dem du Bitcoins speichern, empfangen und sicher und anonym verschicken kannst—und natürlich ist es Open Source. Nach mehr als einem Monat muss das Crowdfunding Ziel von 50 000 Dollar zwar noch erreicht werden, aber nichtsdestotrotz hat das Projekt Wilson eine Einladung zur 2013 Bitcoin Expo in London beschert.

Die Ankunft des 25-jährigen in Großbritannien hat Aufsehen erregt. Das ging sogar soweit, dass es Gerüchte gab, er sei bei der Einreise vom Innenministerium festgehalten wurde, und sogar die britische Zeitung The Independent ließ sich die Chance auf eine panisch Schlagzeile nicht nehmen: „Cody Wilson entwickelte eine Waffe, die man downloaden und mit einem 3D Drucker bauen kann—ist er zu gefährlich für England?" Auch wenn Wilson die Gerüchte einer Festnahme schnell als Märchen abtat, er hält sich allgemein nicht besonders zurück momentan, wenn es darum geht seine Sichtweisen in die Öffentlichkeit zu tragen und ist mittlerweile zum selbsternannter Sprecher von Kryptowährungen mutiert.

Mit gut polierten Boots, einer Denim-Jacke und bizarrer Weise nur einem schwarzen Handschuh (nicht mit Absicht, er erzählte mir später, dass er aus Versehen nur einen Handschuh auszog) betrat Wilson die Bühne. Er verlangte Stille, die es während der gesamten Konferenz nicht zu finden gab. Nach dem er das Publikum dazu aufrief sich an der Kampagne für die Verteidigung des angeblichen SilkRoad-Gründer Ross Ulbricht zu beteiligen—„Dieser Typ ist ein verdammtes Genie und der Höhepunkt von allen Dingen, die mit Bitcoin und Libertarismus zu tun haben"—erklärte er Dark Wallet's Mission gegen all die schlechten Dinge zu kämpfen, „die man Bitcoin erlaubt hat, zu werden."

Wilson argumentiert, dass Bitcoin mehr und mehr zu einem Spielball der Risikokapitalgeber und zur Neuschöpfung von Staaten-ähnlichen Strukturen geworden seien. Er sprach sich gegen die „Zwanzigjährigen in Anzügen" aus, die schon zufrieden sind, wenn sie Risikokapitalgeber für ihre Bitcoin Start-Ups finden, und Bitcoins so auf nichts mehr als eine Lösung für Händler und Verbraucher reduzieren. An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass viele solcher „Zwanzigjährigen in Anzügen" am gleichen Tag auf der gleichen Bühne standen und über genau diese Lösungen und Ideen sprachen. Mit einem Kichern sagte Wilson, dass deren Hauptprobleme sich um stumpfsinnige Fragen drehen: „Wie können wir die Transaktionskosten verringern?" und „Wie können wir mehr Konten hinzufügen?"

Für Wilson und viele der Satoshi-Anhänger ist Bitcoin viel mehr als das; Bitcoin habe das Potenzial „ein Mittel zu sein, den Staat aufzumischen und zu entlarven." Bitcoin ist für ihn viel mehr als eine einfache Zahlungslösung.

Nach dem Vortrag setzte ich mich mit Wilson zusammen, um mehr über seine Vision von Bitcoin zu erfahren, und wie das alles mit seinen neuen Einstellungen als selbsternannter Krypto-Anarchist zusammenpasst. Er erklärte mir, dass er das erste mal von der digitalen Währung 2009 oder 2010 gehört hat, als er Wirtschaft studierte, aber er habe erst viel später erkannt, wie sehr Bitcoin mit seinen politischen Einstellungen zusammenpasst. „Als wir 2012 mit Defense Distributed anfingen, wollte Indiegogo nichts mehr von uns wissen, und ich begann mir Sorgen zu machen, dass Paypal sich auch von uns trennen wird. Ich schnitt mir eine Scheibe von Wikileaks ab, und begann Bitcoin zu akzeptieren," sagte er. Er machte dann bei einer Bitcoin Konferenz 2012 Bekanntschaft mit dem bekannten Bitcoin Programmierer Amir Taaki und die beiden entwickelten die Idee für Dark Wallet zusammen.

Bitcoin verkörpert verschiedene Dinge für verschiedene Menschen. Es ist eine Währung, eine Handelsware, eine politisches Statement. Letzteres ist Wilson, der Bitcoin als größeres libertäres Projekt ansieht, besonders wichtig. Ich fragte ihn nach der Verbindung von Bitcoin und Waffen, da er doch an beiden so interessiert ist.

„Bitcoins und Waffen hängen beide eng mit dem Zustand unserer Machtverhältnisse zusammen; beide bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Macht kommt von Waffen. Macht entsteht durch Reichtum, Privilegien und Geld;  alle drei scheinen inzestuös zusammenzuhängen. Und Bitcoins und 3D-Waffen erwachsen beide aus der freien Nutzung des Internets als Mittel des Widerstandes."

Aber damit Bitcoin seinen libertären Anreiz behalten kann, muss es seine ursprünglichen Charakteristika von Privatsphäre und Dezentralisierung behalten und sich gegen Regulierungsversuche wehren. „Bitcoin folgt diesen Prinzipien die völlig im Gegensatz stehen zu den modernen Paradigmen von Monetarisierung, Vermögensverwaltung und der Steuerung der Wirtschaft, basierend auf den Supermächten" sagte Wilson. „Es steht in einem anti-ethischen Gegensatz zu allem; es hält einen Raum für eine Privatsphäre aufrecht. Es gibt letztlich keine Person, der das Geld ausgibt; und daher ist es auch resistent gegen politische Willkür."

Die Sicherung dieser Prinzipien ist der Hauptantrieb vom Dark Wallet. Wilson behauptet, er habe bereits mehr als das Doppelte der avisierten 50.000 Dollar erreicht, wenn er Bitcoin-Spenden mit einbezieht. Dark Wallet steht für einen breiteren Bitcoin Ethos, und Wilson sagte, dass auch andere pro-Datenschutzprojekte in der Lage wären, eine „Dark Wallet-Zertifizierung" zu bekommen—eine Art Gütesiegel von der libertären Bitcoin-Fraktion. Das Video für die Kampagne, fasse zusammen, für was sie steht:

„Ich dachte, es wäre notwendig zunächst die kulturelle Dimension zu erläutern, und zu erklären, was Bitcoin überhaupt sein kann und sein sollte," sagte er. Der ursprüngliche Bitcoin Ethos als etwas radikales und revolutionäres ginge in der Mainstream-Erzählung verloren:

„Die Anarchisten verloren die Kontrolle über die Narrative zu Bitcoin und was übrig blieb waren einerseits nur noch die Geldmenschen und andererseits die reiferen Menschen, die endlich begannen, es weiter zu entwickelt."

Was den tatsächlichen Kundenservice angeht, so gestand Wilson, dass sein Projekt sich gar nicht so sehr von anderen Bitcoin-Diensten, wie Electrum, Hive und Obelisk, unterscheide: „Es ist eine intelligente Vermischung von vielen Dingen, die es vorher gab, aber zugleich ist auch die direkte Intentionalität und PR so stark und deshalb haben wir es anders verpackt," sagte er. „Unser Hauptaugenmerk liegt auf dir als Nutzer, auf dem Schutz deiner Privatsphäre und der Politisierung von Bitcoin für immer, bis in die Ewigkeit. Das ist der große Unterscheid."

Natürlich hat Wilson auch Absichten, die weniger politisch sind. Er war kurz davor mir zu erzählen, wie viele eigene Interessen er hat, aber dann scheute er doch davor zurück. Er hat Angst, dass die Leute vielleicht wütend werden, wenn er sie bittet Spenden abzugeben, und bekannt würde, wie viel für ihn in der ganze Sache steckt. Er berichtete mir jedoch, dass er vor einem Jahr viele Bitcoins gekauft hatte, aber über den Sommer über wieder viel ausgeben musste, da sein reguläres Einkommen nicht ausgereicht habe. Auf den Rest seiner Bitcoins will er aber auf gar keinen Fall verzichten müssen. „Ich werde meine Kryptomünzen bei mir behalten, was denkst du denn? Es sieht ja nicht gerade so aus, als ob die Dinge sich gerade verschlechtern."

Bevor er zu weiteren Bewunderern sprechen sollte und für ein paar Fotos posierte (Ich gehe mal davon aus, dass die Bitcoin Masse nicht so viele Berühmtheiten), sprach ich ihn schließlich noch auf die Gerüchte um seine Person an, und ob er gefährlich sei? „Nein, nicht wirklich," sagte er. „Ich bin ein kleiner Welpe."