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Was haben Terroristen und Supermärkte gemeinsam?

Dass sich Terroristengruppen marketingtechnisch branden, hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert und ist immer noch einer der wichtigsten Elemente ihres Systems. Alle Waffen und alles Rumjammern der Welt bedeuten gar nix ohne ein hübsches Logo.
07 Mai 2013, 8:00am

Das Logo der Hisbollah

Stell dir vor, wie sich die Hisbollahführung um einen Bildschirm in einem Grafikdesignstudio in Beirut versammelt und rumschreit, welchen Grünton sie für ihr Logo haben will. Es scheint wie ein seltsames Szenario, aber die Wichtigkeit für Terroristengruppen sich marketingtechnisch zu branden hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert und ist immer noch einer der wichtigsten Teile ihres gesamten Systems. Alle Waffen und alles Rumjammern der Welt bedeuten gar nix ohne ein hübsches Logo.

Auch wenn Bombendrohungen, Selbstmordanschläge und politische Attentate schon mal ganz gut sind, um die erste Welle der Angst anzuheizen, sind es doch die Logos auf Fahnen und Anzeigetafeln, die sich im Kopf der Leute festsetzen Klar sind die Slogans nicht so eingängig, wie die deines Lieblingssupermarktes—al-Qaidas „Und bekämpft sie, bis es keinen Unglauben mehr gibt und nur noch Allah verehrt wird“ geht nicht so locker von der Zunge wie „Geiz ist geil“—aber sie haben beide den gleichen Effekt. Nur eines von beiden wirbt für Tod, das andere für überteuerte Flachbildschirme.

Artur Beifuss, ein ehemaliger Terrorismusanalytiker der vereinten Nationen, tat sich mit einem Freund und Kunstdirektor, Francesco Bellini, zusammen, um die Ikonographie der verschiedenen Terrororganisationen auf der ganzen Welt für ihr wunderschönes Buch Branding Terror auseinanderzunehmen. Ich wollte wissen, was uns eine Logo über die Terroristengruppe, der es gehört, sagt und traf mich deshalb mit Artur.


Das Logo der Hamas, zerlegt und analysiert. Bild mit der freundlichen Genehmigung von Merrill Publishing. (Zum Vergrößern hier klicken.)

VICE: Hi Artur. Was hast du also über Terrorlogos gelernt, während du dieses Buch geschrieben hast? Gibt es ein paar Themen die sie alle gemein haben?
Artur Beifuss: Ja es gibt da eine Menge ähnliche Elemente: Gekreuzte Gewehre, Karten, Bücher, Raubtiere, Flaggen. Die Waffen symbolisieren ihren Glauben an bewaffneten Widerstand. Wenn sie eine prämoderne Waffe, beispielsweise einen Säbel hinzufügen, dann wahrscheinlich um einen historische Bezug zum prämodernen Kampf herzustellen. Auf diese Art erinnern sie uns an einen historischen Sinn und legitimieren gleichzeitig ihre Gewalt historisch. Wortlaute stammen meistens aus einem heiligen Buch—beim Islam wird angenommen, dass es Allahs Wort ist˛ das ihre Taten religiös rechtfertigt. Eine Karte macht klar, um welche Gruppe es sich handelt oder sagt etwas über die Richtung ihres Kampfes.

Aha, verstehe.
Eine andere interessante Möglichkeit, um die Gruppe zu bestimmen, ist es sich ihre spezifischen Waffen der Nationalarmee anzuschauen. Das Logo der Federazione Anarchica Informale (FAI) [Informelle Anarchistische Föderation] zeigt zwei Barette—die SC70 und SC90—die von der italienischen Armee verwendet wurden. Das Logo der RAF zeigt das Heckler & Koch MP5 Maschinengewehr.

Das Logo der Tamil Tigers. Bild mit freundlicher Genehmigung von Merrill Publishing.

OK und wie passen diese ganzen Elemente mit der Ideologie der jeweiligen Gruppe zusammen?
Farben sind sehr wichtig. Rot beispielsweise repräsentiert oft eine sozialistische oder kommunistische Ideologie. Grün steht oft für eine Ideologie die im Islam wurzelt. Je mehr Elemente eine Gruppe benutzt, desto besser können sie ihre Ideologie an ihre Zielbevölkerung oder potentielle neue Mitglieder vermitteln.

Wie wichtig ist das Logo für eine Terroristengruppe? So sehr wie, sagen wir mal, wie für eine große Klamottenmarke?
Wenn es um ihre Markenbedürfnisse geht, ist eine Terroristengruppe theoretisch gesehen nicht viel anders als eine Klamottenmarke und ein Logo gehört da dazu. Beide müssen sich von anderen Gruppen oder Marken abgrenzen. Der Anhänger oder Benutzer soll erkennen, wofür du als Gruppe oder Marke stehst. Islamist? Rechtsextremist? Linker Marxist? Oder linker Maoist?

Also sind sie wirklich wichtig?
Ja, Terrorismus ist in erster Linie publikumsorientiert. Es ist nicht nur ein Akt physischer Gewalt, sondern auch psychologische Kriegsführung. Es ist eine Strategie um das Verhalten der Leute zu verändern, nicht nur, indem man Gewalt anwendet, sondern auch, indem mit ihrer Angst gespielt wird. Theoretisch muss Terrorismus dann dieses Level an Einschüchterung in der Zielbevölkerung erreichen, damit die auf die Forderungen eingeht.

Das Logo der Ulster Freedom Fighters. Bild mit freundlicher Genehmigung von Merril Publishing.

Kannst du dafür ein Beispiel geben?
Stell dir vor du läufst durch Beirut und plötzlich siehst du ein Hisbollah-Logo. Und dann siehst du noch ein paar. Was machst du dann? Wenn du das Logo als ein Zeichen erkennst, wüsstest du was dich erwartet: Hisbollah-kontrolliertes Gebiet. Wenn du es als Symbol von Terrorismus wahrnimmst, würdest du sofort Angst fühlen und anfangen nervös zu werden. Vielleicht würdest du sogar umdrehen und zurück zu deinem Hotel gehen.

Also sind die Logos ein Kommunikationswerkzeug?
Genau. Die Logos dienen als ein Kommunikations- und Marketingwerkzeug. Kritiker würden sagen, dass Marketing und Markenbranding so genannte westliche Konzepte sind und mit den Zielen vieler Gruppierungen nicht zusammenpassen, vor Allem wenn wir über islamistische und kommunistische Gruppen sprechen. Aber das finde ich nicht—Branding ist ein neutrales Hilfsmittel. Wie Steven Heller, der ehemalige Art Director der New York Times, es im Vorwort meines Buches sagte: „Ein Logo ist einer der Kernpunkte zwischen jeglicher Organisation oder Bewegung und der Öffentlichkeit.“ Logos sind wie Abzeichen, die verschiedene Individuen zu einer starken, einheitlichen Gruppe verbindet.

Hast du irgendeine Art von Einblick darin, wie die Logos entstehen?
In einigen Fällen konnte ich den Namen des Designers herausfinden. Allerdings ließen sich diese Informationen nicht unabhängig überprüfen. Und natürlichen geben Terroristengruppen normalerweise öffentlich keine Informationen über ihre Mitglieder heraus, da die Assoziation einer Person mit der Gruppe—sei es ein Kämpfer oder Designer—dazu führen würde, dass diese Person eingesperrt wird oder auf den Bildschirm der Gesetzeshüter gerät.

Das Logo der Euskadia Ta Askatasuna (ETA). Bild mit freundlicher Genehmigung von Merril Publishing.

Gibt es bestimmte Logos in deinen Buch, die für dich herausstechen?
Ich persönlich finde das Logo der Hisbollah erstaunlich. Es ist perfekt gestaltet von einem professionellen Designer. Die Referenzen sind hervorragend und es übermittelt die Nachricht und das Markenversprechen. Über dem Logo heißt es, „Die Partei Gottes [die wörtliche Übersetzung von ,Hisbollah‘] wird erfolgreich sein.“ Das ist direkt dem Koran entnommen.

Es schaut tatsächlich ziemlich geil aus. Gibt es Fälle, in denen Terroristenlogos von anderen übernommen wurden?
Ja, anscheinend gibt es in Italien dieses Amateurfußballteam, das seinen Namen jedes Jahr ändert. 2008 entschieden sie sich, sich „Zassbollah“ zu nennen, was eine Kombination aus „Hisbollah“ und dem Namen des Kapitäns, Luigi Zasso, ist. Sie übernahmen auch Teile des Logos—der erhobene Arm mit dem Gewähr in der Hand und die Weltkugel auf dem Logo wurden allerdings mit einem Ball ersetzt. Ich hab ein Interview mit einem der Spieler auf Al-Manar gesehen, dem Fernsehsender der Hisbollah und er sagte, dass sie sich entschieden haben, den Namen zu adaptieren, weil sie vom starken Kampfgeist und dem Willen sich zu verteidigen, beindruckt waren. Für sie war es kein politisches Thema, sondern nur ein Weg um ihren Gegner Angst einzujagen.

Verrückt. Was war das wichtigste was du beim Schreiben dieses Buches herausgefunden hast?
Ein Logo sagt manchmal mehr über das Selbstverständnis einer Gruppe als ein zwanzigseitiges Dokument irgendeiner Regierungsgruppe. Manchmal.

OK, danke Artur!