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Dieser Typ hat mir auf seinem steinalten PC Beweise für Zeitreisen gezeigt

Dreh- und Angelpunkt des Workshops war eine Windows-95-CD-Rom, die wohl schon in der Vergangenheit war und irgendwie mitten im alten Ägypten benutzt wurde.

von Mat Drogemuller
17 Mai 2016, 4:00am

Ich beim knallharten Recherchieren

Es ist schon immer ein Wunsch von mir gewesen, in der Zeit zurückzureisen. Irgendwie haben diese alten, monochromen Fotos etwas an sich, das mich glauben lässt, dass es in der Vergangenheit wärmer, fröhlicher und frisurentechnisch gesehen besser war. Ein Wochenende in der Vergangenheit—ganz egal, welcher Zeitpunkt—wäre für mich der perfekte Urlaub. Als ich vor Kurzem dann eine Werbung auf der Seite eines Autos erblickte, mit der Beweise für Zeitreisen angepriesen wurden, war mein Interesse dementsprechend natürlich direkt geweckt.

Die Australian Time Travel Study Group wird von einem Australier namens Robb Pengelly angeführt. Laut der doch ziemlich altbacken daherkommenden Website geht es bei der Gruppe vor allem um Beweise für Menschen, die schon seit Ewigkeiten durch die Zeit reisen. Pengelly zufolge wurde sich schon in der griechischen Mythologie, in der Bibel und in Nostradamus' Erzählungen auf Zeitreisen bezogen. Mehr Informationen sind auf der Website leider nicht zu finden. Mir blieb also keine andere Wahl—ich musste an einem der Workshops bei Robb zu Hause teilnehmen.

Und so reiche ich neugierig meine Anmeldung ein. Robb warnt mich jedoch gleich, dass ich bei den Workshops keine Fragen stellen oder eine philosophische Diskussion anstoßen kann. Außerdem sind keine Fotos erlaubt. Stattdessen wird er selbst seine Kamera zücken und mir die seiner Meinung nach besten Bilder danach per Mail zuschicken. Unter diesen Prämissen mache ich mich auf den Weg zu Robbs Vorstadt-Zuhause in Adelaide.

Robbs Haus inklusive dem eben erwähnten Auto

Robb begrüßt mich freundlich und trägt dabei ein Sakko direkt aus der 90ern. Er führt mich durch einen Seiteneingang an einigen Waschmaschinen in der Garage vorbei und aus einem Hinterzimmer ertönt Latin-Tanzmusik. Robb meint zu mir, dass lateinamerikanischer Tanz sein Hobby ist. Als wir dann in besagtem Hinterzimmer ankommen, schaltet er die Musik aus und deutet auf einen Schreibtisch.

Und da erblicke ich den wohl ältesten Computer der Welt. Genau den gleichen Computer habe ich auch als Kind benutzt und auf genau dem gleichen Computer wollte Age of Empires 1 nie laufen. Ist das etwa schon der erste Beweis für Zeitreisen? Ich schaue zu Robb und sein Blick verrät mir, dass er es wirklich ernst meint. Für ihn ist das Ganze garantiert kein Spaß und um das zu unterstreichen, erzählt er mir von einer Windows-95-CD-Rom, die laut seiner Aussage schon in der Vergangenheit war und irgendwie mitten im alten Ägypten hochgefahren wurde. Ja richtig, der Windows-Bildschirmschoner wurde schon Leuten wie etwa Moses vorgeführt. Und mir sollen gleich Beweise für diese Behauptung vorgelegt werden.

Robb weist mich an, auf bestimmte Details zu achten, und drückt anschließend auf die Enter-Taste. Mithilfe eines pixeligen Intros wird mir erklärt, dass man in Genesis 1 von einer Finsternis spricht. Anschließend wird der Bildschirm für drei Sekunden schwarz—genauso wie vorhergesagt. Danach ertönen beruhigende Strandgeräusche aus den Lautsprechern und ich lese, wie Moses auch das Aufbrausen einer riesigen Wassermasse prophezeite. Robb fragt mich, ob ich die tosenden und brechenden Wellen hören kann. Ich bejahe die Frage.


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Robb hakt auf seiner Liste immer mehr Beweise ab und es wird gleichzeitig immer bizarrer. In der Offenbarung des Neuen Testaments ist von einer Buchrolle mit sieben Siegeln die Rede. Dazu wurde vorausgesagt, dass der siebte Siegel die Zahl 144.000 tragen würde. Was könnte diese Zahl nun bedeuten? Robb weist mich an, die Größe der Datei zu überprüfen, mit der das Programm geöffnet wird. 143.442 Bytes. Ein weiterer Haken auf der Beweisliste.

Nachdem es so noch eine Weile weitergegangen ist, entscheide ich, genug gesehen zu haben. Ich befürchte nämlich auch, aus diesem Gewirr an Schlussfolgerungen nicht mehr rauszukommen. Also hören wir auf und Robb sieht mich erwartungsvoll an. Er fragt mich, in welche Zeit ich zurückreisen würde, und ich denke spontan an den Film Midnight In Paris. Deswegen antworte ich auch: "In die 20er Jahre." Robb wirkt sichtlich überrascht und meint zu mir, dass es besser sei, in biblische Zeiten zurückzureisen, weil man so die damaligen Menschen mit unserer Technologie beeindrucken und sie vor drohenden Kriegen warnen kann. In diesem Moment spüre ich, wie sich zwischen mir und Robb eine Art Verbindung entwickelt. Dann sagt er jedoch, dass der Workshop vorbei ist.

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Ich verlasse Robbs Haus, ohne einer Zeitreise näher gekommen zu sein, aber darum ging es bei der ganzen Sache irgendwie auch gar nicht. Am Ende wollte ich nur noch mit einem Menschen reden, dem das Thema genauso wichtig ist wie mir. Also schicke ich Robb noch einige Mails und versuche so, hinter seine Fassade zu blicken, aber in seinen Antworten stehen immer nur Links zu noch mehr Beweismaterial. Ich frage ihn auch nach seiner Telefonnummer, aber er weist mich zurück. Ich will schließlich nur noch wissen, ob wir da zusammen nicht etwas Besonderes erlebt hätten, aber Robb scheint meine Skepsis spüren zu können und antwortet deswegen lieber gar nicht mehr. Ein Foto von mir landet aber dennoch auf seiner Website. Ich wünschte, ich könnte in eine Zeit zurückreisen, in der die Menschen noch offen waren.

Je nachdem, auf welcher Website man gerade unterwegs ist, nennt sich Robb auch Eddy Pengelly. Und auf den ganzen Eddy-Websites trägt Robb einen mächtigen Bart.

Und so betreibe ich selbst noch ein wenig Recherche und finde dabei heraus, dass die "Beweise" gar nicht von Robb stammen. Stattdessen wurde alles anscheinend von einem Mann namens Ronald Pegg zusammengetragen. Laut der National Library of Australia schrieb Ronald Pegg ein Buch mit dem Titel Nostradamus Unsealed: the discoveries of Ronald Pegg. Dieses Buch wurde jedoch von "Study Group, S. Aust" veröffentlicht—mein Verdacht fällt dabei direkt auf Robb. Ein weiterer bizarrer Zufall sieht folgendermaßen aus: Je nachdem, auf welcher Website man gerade unterwegs ist, nennt sich Robb auch Eddy Pengelly. Und auf den ganzen Eddy-Websites trägt Robb einen mächtigen Bart. Ich gebe auf.

Ganz am Ende habe ich jedoch noch eine weitere Sache herausgefunden: Die erste tatsächlich niedergeschriebene Anspielung auf eine Zeitreise befindet sich in der Hindu-Geschichte von König Kakudmi, der mal kurz im Himmelreich vorbeischaute, um seinen Schöpfer zu treffen. Als er dann wieder zur Erde zurückkehrte, musste er feststellen, dass in seiner Abwesenheit Millionen Jahre vergangen sind. Diese Geschichte ist Teil des indischen Epos Mahabharata, das zwischen 400 v. Chr. und 400 n. Chr. niedergeschrieben wurde und damit über 2000 Jahre alt ist. Wenn man bedenkt, dass sich hier Parallelen zu Einsteins Relativitätstheorie feststellen lassen, ist das schon ziemlich beeindruckend. Und vielleicht sind die Vorstellung von Robb/Eddy/Ronald dementsprechend auch gar nicht mal so extrem aus der Luft gegriffen.