Totgeburt bei Abschiebung: Grenzwächter wurde jetzt verurteilt

Die Anklage warf ihm vor, er habe nicht wegen eines medizinischen Notfalls verspätet in den Feierabend gehen wollen.

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Dez. 7 2017, 2:31pm

Symbolfoto: photog_at | Flickr | CC BY 2.0

Auf dem Weg nach Frankreich überquerte eine Gruppe syrischer Geflüchteter an einem Freitagabend im Juli 2014 die italienisch-schweizerische Grenze. Dort hielten sie schweizerische Grenzbeamte an, die sie in die Kleinstadt Brig schickten, wo sie in einem Zug nach Italien zurückgefahren werden sollten. Teil der Gruppe war eine schwangere Syrerin. Auf der Fahrt nach Brig klagte sie über Schmerzen im Unterleib und Blutungen, doch auch als diese in einem Warteraum in Brig immer schlimmer wurden, sahen die Schweizer Grenzbeamten nicht von der Abschiebung nach Italien ab.

Damit es die Schwangere überhaupt in den Zug nach Italien schaffte, mussten Angehörige sie tragen und notdürftig auf Koffer betten. Im Zielort Domodossola angekommen, brach die Syrerin zusammen und verlor später im Krankenhaus ihr Kind, wie die NZZ berichtet. Der Fall wurde als "Schande von Brig" bekannt. Dreieinhalb Jahre später kam es nun zum Prozess gegen den verantwortlichen Grenzbeamten.

Das Militärgericht in Bern folgte den Argumenten der Verteidigung für einen Freispruch nicht und verurteilte ihn. Der Beschuldigte behauptete, den Ernst der Lage erst beim Transport im Zug erkannt zu haben. Er habe berechnet, dass die Syrerin in Brig nicht schneller an Hilfe komme, als wenn er sie nach Italien bringen und dort telefonisch Hilfe organisieren würde.

Die Anklage warf dem Grenzwächter vor, es habe ihm an "jeder Menschlichkeit" gefehlt und dass er an einem schönen Freitagabend nicht durch einen medizinischen Notfall verspätet in den Feierabend habe gehen wollte. Sie forderte bis zu sieben Jahre Haft wegen Tötung. Das Gericht sprach den Grenzbeamten wegen fahrlässiger Körperverletzung, versuchten Schwangerschaftsabbruchs und mehrfachem Nichtbefolgens von Dienstvorschriften schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe (also auf Bewährung) von sieben Monaten und einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 150 Franken (insgesamt circa 7.700 Euro).

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