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Es ist eine Illusion, dass die Stauspur neben dir schneller vorankommt

Viele Autofahrer leiden am Symptom der „Roadway Illusion“.

von Johannes Hausen
08 Juni 2015, 7:00am

Foto: Imago

Es gibt wohl nichts, das unsere Aggressionen schneller hochkochen lässt, als ein zünftiger Stau auf der Autobahn. Oder vielleicht doch: Die Tatsache, dass in diesem miesen Verkehrsstocken die Typen auf der Nebenfahrbahn immer schneller vorankommen. Immer!

Bei einer letztjährigen Gesamtlänge aller deutschen Staus von knapp einer Million Kilometer ist das ein ziemliches Problem. Zumindest bilden wir uns das ein. Denn der Eindruck, dass die Schlange auf der Nebenspur wirklich schneller vorankommt, ist schlicht eine Illusion. Eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit, die sogar dann eintritt, wenn beide Spuren dieselbe Durchschnittsgeschwindigkeit haben.

Die Anzahl der Autos, die ein Fahrer in einem bestimmten Zeitintervall überholt, ist größer als die Menge der Autos, die in der gleichen Zeit an ihm vorbeiziehen.

Die US-Forscher Donald Redelmeier und Robert Tibshiran beschäftigten sich schon Ende der 1990er mit diesem Phänomen, das sie „Roadway Illusion" tauften.

Sie begannen ihre Untersuchungen mit der Computersimulation eines zehnminütigen Staus auf einer zweispurigen Autobahn. Dafür trackten sie ein bestimmtes Fahrzeug und errechneten aus der Geschwindigkeit und dem Standort des Autos, wie oft es in den 600 Sekunden von Fahrzeugen auf der Nebenspur überholt wurde und wie oft es selbst an anderen Fahrzeugen vorbeizog. Dieses Verhältnis betrug am Ende der Simulation 46:46.

Gleichzeitig kamen Redelmeier und Tibshiran zu dem Ergebnis, dass sich das getrackte Auto für längere Zeit im Zustand des Überholtwerdens als im Überholvorgang befand. Das liegt daran, dass Autos sehr viel Raum einnehmen, wenn sie schnell fahren, jedoch nur wenig, wenn sie langsam sind oder stehen. Aus diesem Grund ist die Anzahl der Autos, die ein Fahrer in einem bestimmten Zeitintervall überholt, größer als die Menge der Autos, die in der gleichen Zeitspanne an ihm vorbeiziehen.

Foto: Nature

Der Fahrer sieht folglich für längere Zeit die Rücklichter der anderen, wodurch der Eindruck entsteht, langsamer voranzukommen. Die Tatsache, dass Menschen sich eher auf Negatives (überholt werden) als Positives (Überholen) fixieren, verstärkt dazu den Eindruck, dass die eigene Schlange die langsamere ist.

Ihr Ergebnis konnten die Forscher in einem anschließenden Experiment mit 120 Autofahrern bestätigen. Auf einer kanadischen Autobahn hatten sie eine Stausequenz aus ihrem Auto heraus per Video aufgenommen und zeigten den Probanden anschließend die vierminütigen Aufnahmen des Staus. 70 Prozent der Leute, die das Video sahen, waren der Meinung, das Auto mit der Kamera stünde in der langsameren Schlange. 65 Prozent sagten, wie hätten in dieser Situation auf die Nebenspur gewechselt. Diese bewegte sich tatsächlich aber noch langsamer als die Spur des Kamerawagens.

Wenn ihr also das nächste Mal schon auf 180 seid, bevor sich euer Auto überhaupt bewegt, denkt an diese Studie und guckt auch mal in der Rückspiegel.

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