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Afrobeats erobert London

Afrobeats (mit einem „s“) bringt den Sound aus Ghana und Nigeria auf die britischen Dancefloors.
12 Dezember 2013, 2:00pm

Der Afrobeats-Star Fuse ODG

Londons Dance-Szene ist es gewöhnt, bahnbrechende Sounds erst großzuziehen und sie dann gehen zu lassen, so wie Mütter ihren Nachwuchs das Nest verlassen sehen. Bis dann Acid-House, auf Wiedersehen Drum'n'Bass, tschüss Dubstep. Ihr wart einst unsere kleinen Sonnenscheine und wir wissen, dass ihr an Weihnachten als andere Person wieder kommen werdet, mit Cargo Shorts und einem Skrillex-Tattoo.

Das jüngste Mitglied dieser Familie wurde jedoch nicht in Großbritannien geboren und hat einen komplizierteren Stammbaum als die meisten anderen. Es ist der aufregendste Sound, der in den letzten Jahren hier erwachsen geworden ist.

Was gerade als Afrobeats bekannt geworden ist (man beachte das „s"), ist ein Oberbegriff, hauptsächlich für ghanaischen „Hiplife" und nigerianischen „Naija". Der Sound bedient sich des reichen Erbes von Highlife und Afrobeat (à la Fela Kuti), zeitgenössischem amerikanischen HipHop und R'n'B-Produktionen, ein bisschen jamaikanischem Dancehall-Lifestyle und Großbritanniens schmutziger Variante von House-Musik.

Britische Künstler mit afrikanischen Wurzeln werden von dem Sound ebenfalls angezogen. Fuse ODG, geboren in Großbritannien, aber aufgewachsen in Ghana, ist der erste britische Afrobeats-Star. Seine unerschrocken poppigen Hits „Azonto" (was auch einen ungeheuer angesagten Tanz bezeichnet und ein Beiwort für den ganzen Sound ist) und „Antenna" haben Afrobeats zum ersten Mal ins britische Mainstream-Radioprogramm gebracht. Die sich auftürmenden Synthesizer-Klänge haben wahrscheinlich geholfen, den fremden Sound zugänglicher zu machen, aber es ist auch der unwiderstehliche Rhythmus der das Ganze zur ersten einheimischen Afrobeats Top-Ten-Single gemacht hat. Die Trittbrettfahrer der US-Industrie werden immer mehr, nicht zuletzt weil auch Stars nach einem frischen Sound suchen: Wyclefs Begeisterung für den oben genannten Track ist irgendwie niedlich, wenn man bedenkt, dass er Fuse ODGs Vater sein könnte. Mit seinem Skater-Rucksack sieht er jedoch entschlossen genug aus, als einer seiner Kumpels durchzugehen. Akon hat mittlerweile diverse nigerianische Stars unter Vertrag genommen, am bekanntesten ist davon vielleicht Wiz Kid, und Kanye West hat den Produzenten Don Jazzy und den Sänger D'Banj nach deren Kollaboration mit Snoop Dogg bei „Mr Endowed" unter Vertrag genommen.

„Mir gefällt die Tatsache, dass Afrobeats inklusiv, aber trotzdem stolz ist", sagt einer der prominentesten in London geborenen MCs, Mista Silva. „Es ruft dir zu: ‚Hey ich bin afrikanischer Herkunft und stolz darauf und wenn du irgendwo anders herkommst, wen kümmert's?" Die Karriere von Silva begann in Londons UK Funky Szene Mitte der 2000er, als er über wuchtige und perkussive Club-Rhythmen rappte. Nachdem er einige Zeit in Ghana verbracht hat, kam er 2011 wieder und hat sich Afrobeats gewidmet—und dabei Singles wie „Boom Boom Tah" und „Now Wats Up" produziert. Im Song „Bo Won Sem Ma Me", mit dem er seinen Durchbruch hatte und bei dem ihn A-Star, Flava und Kwarmz begleitet haben, wechselt er in einer Weise zwischen den Sprachen, die sehr natürlich mit den Four-To-The-Floor-Rhythmen einhergeht. „Es ist großartig zu sehen, dass dies dazu beiträgt, junge britische Afrikaner zu inspirieren, ihre Wurzeln und ihre Kultur schätzen zu wissen, anstatt sich ihrer zu schämen", hat Silva letztes Jahr gesagt.

Viele der Afrobeats-Produzenten von Heute sind auf den Straßen zu Grime, House und UK Funky groß geworden—aber auch zu den Highlife-Platten ihrer Eltern. „Früher war das nicht cool", erklärt DJ Abrantee. „Aber mittlerweile durchforsten sie die Plattensammlung ihrer Eltern und fragen: ‚Hast du diesen alten Song von Daddy Lumba?'" Es ist eine aufregende Wandlung für Großbritanniens müde Rapszene, einen MC zu sehen, der auf den tristen Londoner Straßen darüber rappt, ein „Tribal Master" zu sein, umringt von seinen ganzen Kumpels und in einer Szenerie, ähnlich den tausenden Low-Budget Grime-Videos, die man auf YouTube sieht.

Oder zumindest teilweise ähnlich, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied, der so offensichtlich ist, dass man ihn kaum wahrnimmt: nach dem schwermütigen und verkopften Dubstep und dem macho- und grimassengesichtigen Grime ist diese Musik einfach nur…fröhlich. „When we bust through the doors it's party time—bare dancing, bare laughter", rappt Flava in einem Friseursalon hoch und runter wackelnd und in eine ghanaische Flagge gehüllt. In dem ganzen Jahrzehnt, in dem ich Grime obsessiv verfolge, kann ich mich an keinen MC erinnern, der jemals die Vorzüge des Lachens besungen hat.

Viele der älteren britischen Musikgrößen afrikanischer Abstammung sind lange vor der Explosion von Afrobeats durch Ghana getourt—und haben dabei die musikalische Verbindung zu ihrem Mutterland gesucht. 2010 hat Sway mit dem ghanaischen Rap-Superstar Sarkodie bei „Lay Away" kollaboriert, während der britische Sänger und Produzent Donaeo seit Jahren Reisen nach Ghana macht. Der Einfluss ist bei seinen UK Funky-Songs wie „African Warrior" oder Kollaborationen mit Sarkodie bei „Move to da Gyal Dem" und EL bei „Life Saver" deutlich hörbar. Silvastone, der Tracks für Blak Twang und Estelle produziert hat, macht mittlerweile mitreißende Afrobeats-Tracks mit einer

Hochglanzproduktion, die man sonst von amerikanischen Top 40 Acts erwartet. Hier gibt es eine überarbeitete Version von 90er Legende Mark Morrisons Comeback „I Am What I Am".

Bisher war Musik, die von schwarzen Briten gemacht wurde, hauptsächlich von US HipHop, jamaikanischen Einflüssen, UK Reggea und Lovers Rock, Ragga-Jungle, 2-step Garage, UK HipHop, Grime und Dubstep geprägt. Aber Londons Klänge beziehen ihre Einflüsse zunehmend von einer anderen Atlantikküste—den ehemaligen britischen Kolonien Ghana und Nigeria. Professor Paul Gilroy, führender Wissenschaftler auf dem Gebiet, das er Black Atlantic nennt, erzählte mir 2009 in einer Diskussion über UK Funky, dass der Schlüssel zum Verständnis dieser Entwicklung, die auf Grime und Dubstep folgte, „die derzeitige Transformation der britischen Schwarzen-Communitys ist. Wir bewegen uns immer mehr zu einer Mehrheit an Afrikanern, die sowohl in ihren kulturellen Lebensgewohnheiten als auch in ihrer Beziehung zu kolonialer und postkolonialer Herrschaft sehr divers ist, die Abkehr von karibischen Einflüssen muss also in diesen Sachverhalt eingebettet werden. Die meisten der Grime-Anhänger sind afrikanische Kids und entweder die Kinder von Migranten oder selbst Migranten. Es ist nicht eindeutig, was Afrika für sie bedeutet. Diese Ambivalenz ist der Schlüssel, denke ich. Wie das alte Lied sagt, ‚the dances are changing'."

Durch Afrobeats scheint sich diese Ambivalenz nun in etwas zwangloses Positives zu wandeln—hörbar in den Beats und den fröhlichen Dance-Videos, sowie den Referenzen an die Black Stars (also sowohl die ghanaische Flagge als auch das Fußballteam), linguistisches Code-Switching und das Schwenken der Flagge. Fuse ODG hat sich sogar dem Terminus ‚Hashtag' angenommen—und wenn man beobachtet, was Wyclef und er im Musikvideo für „Antenna" tragen—daraus sogar ein Klamottenlabel gemacht, #TINA, was für ‚This New Africa' steht. Anfang des Jahres wurde er sogar von der Universität Stanford eingeladen, um das Ganze zu diskutieren. In einem Interview mit Young Voices im Juni sagte er:
„Diese Bewegung wird ein gutes Licht auf Afrika werfen und sich darauf konzentrieren, wie wir Afrika verbessern können. Es geht nicht nur darum, sein Können in der westlichen Welt zu beweisen; es geht darum, zurück nach Hause zu fahren und Afrika zu helfen. In der gleichen Weise wie du deine Herkunft beim Musikmachen nicht vergessen kannst, kannst du sie im Leben auch nicht vergessen. Es ist unsere Aufgabe, die positiven Dinge, die in Afrika passieren, hörbar zu machen. Wir müssen Laut für die guten Dinge, die passieren, sein und diese der Welt zeigen."

Tatsächlich haben manche Leute aber auch Unbehagen geäußert, was diesen Umgang betrifft, und bezeichnen Afrobeats als eine Methode, die Musik aus „unterschiedlichen Regionen und geschichtlichen Kontexten in eine einzige neue Kategorie" zusammenfasst. Boima Tucker erörtert in einem kürzlich auf der Website ‚Africa is a Country' erschienenen Artikel, „Wenn wir panafrikanisch sein wollen, lasst uns panafrikanisch sein, aber lasst uns lokale Identitäten und Geschichten nicht nur zugunsten eines einfacheren Marketingplans begraben."

Hinter diesen Bedenken stecken gute Absichten, aber trotzdem erscheinen sie ein bisschen pingelig. Die Musik, über die wir sprechen, stammt fast ausschließlich aus Ghana und Nigeria und der historische Kontext ist, ähm, jetzt. Niemand versucht die Millionen an Nuancen in der Geschichte des Kontinents und dessen kulturelle Diversität auszuradieren. So lange es als ein Überbegriff wahrgenommen wird, muss man sich wohl nicht allzu viele Sorgen machen. Es gab diese Diskussion schon beim Begriff ‚Weltmusik', der 1987 von Evangelisten in einer Kneipe erfunden wurde, die dachten, der einzige Weg, nicht-westliche Musik in Plattenläden zu verkaufen, ist, wenn man ihr eine eigene Kategorie gibt. Afrobeats suggeriert vielleicht eine panafrikanische musikalische Einheit, die es nicht gibt, aber wann war eine musikalische Genrebezeichnung jemals korrekt oder gar besonders beliebt? Klassifizierungen sind wichtig, aber ein Name ist wesentlich unwichtiger, als das, was er beschreibt.
Und was er beschreibt, ist lediglich ein ausgelassener Spaß. Ich hatte hier noch nicht einmal Zeit auf die Musik von Wiz Kid, R2Bees, Ice Prince, Atumpan, Tiffany, Castro, Don Jazzy oder hunderten Anderen näher einzugehen. Also ab zu YouTube und anhören.