Rassismus

La Familia—die islamfeindlichen Ultras von Beitar Jerusalem

Beitar Jerusalem, eines der besten Fußballteams in Israel, hat ein akutes Fanproblem. Denn seine größte Fangruppe hetzt offen gegen Araber und Muslime. Mit dem Segen des Trainers, wie es scheint.
06 November 2015, 3:34pm
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Beitar Jerusalem—das wohl umstrittenste Team in der Ligat ha'Al, der ersten israelischen Liga—hat mal wieder für Schlagzeilen gesorgt. Auslöser dafür waren dieses Mal nicht seine berüchtigten Fans, sondern Trainer Guy Levy. In einem Radiointerview gab der eine Reihe von Statements über arabischstämmige Israelis zu Protokoll, die sinnbildlich für die hässliche Seite des Vereins waren.

Als er gefragt wurde, ob er israelische Araber zu Beitar holen würde, hat Levy geantwortet: „Ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt dafür ist. Es würde zu Spannungen führen und eine Menge kaputtmachen. Selbst wenn uns der Spieler sportlich weiterbringen würde, wäre ich gegen einen Transfer. Es würde mehr Schaden als Nutzen bringen."

Die Äußerungen sind umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass Levy letzte Saison noch als Trainer von Bnei Sachnin—der einzigen israelisch-arabischen Mannschaft im israelischen Oberhaus (und Erzrivale von Beitar Jerusalem)—gearbeitet hat. Zudem hat er auch schon als Coach der israelischen U-21-Auswahl mehrere israelische Araber trainiert.

Am Ende des Interviews wurde Levy noch gefragt, ob er zumindest für Bibras Natkho eine Ausnahme machen würde. Der israelische Fußballspieler tscherkessischer Herkunft und Moslem ist einer der besten Spieler der israelischen Nationalmannschaft und beim ZSKA Moskau ein echter Star. Doch auch hier ließ Levy durchblicken, dass er gegen einen Transfer wäre.

Als Nathko von Levys Kommentaren Wind bekam, ging er zum Gegenangriff über und formulierte folgende Fragestellung: „Was würde passieren, wenn ein europäischer Trainer ankündigen würde, dass er keine Juden in seinem Team haben will?" In der Zwischenzeit hat auch der Präsident des israelischen Fußballverbands, Ofer Eini, die Aussagen Levys verurteilt.

„Levys Aussagen waren unangebracht, und ihr rassistischer Beigeschmack ist dem Fußball und der Gesellschaft Israels alles andere als zuträglich", sagte Eini in einer Erklärung. „Als Trainer und Pädagoge hätte er gut daran getan, Aussagen dieser Art zu unterlassen, da diese von all denen instrumentalisiert werden könnten, die einen Keil in unsere Gesellschaft treiben wollen."

Warum würde also ein Fußballtrainer, der letztes Jahr noch ein israelisch-arabisches Team und davor eine Jugendauswahl voller Araber gecoacht hatte, solche rassistischen Kommentare von sich geben?

Die Antwort lautet Arbeitsplatzsicherheit. Und „La Familia".

La Familia ist eine Gruppe von Ultras, die Beitar Jerusalem unterstützen. Gegründet im Jahr 2005, hat die Gruppierung in den letzten Jahren immer wieder von sich reden gemacht, indem man sich lautstark gegen die Verpflichtung von muslimischen und arabischen Spielern aussprach. Doch damit nicht genug: Seine Mitglieder haben während Spielen wiederholt Hassparolen wie „Tod den Arabern" angestimmt, weswegen der Verein in den letzten Jahren zu Geldstrafen in Höhe von mehreren Tausend Dollar verurteilt wurde.

Berichten zufolge hat La Familia zwischen 3.000 und 5.000 Mitgliedern. Vor allem aber haben sie innerhalb des Vereins sehr viel zu sagen.

Guy Levy wurde als Nachfolger von Interimstrainer Menachem Koretzsky verpflichtet, der Anfang der Saison gefeuert wurde. Aktuell kämpft er um eine Vertragsverlängerung, weswegen der bekannte israelische Sportjournalist Ouriel Daskal auch glaubt, dass Levys Äußerungen vor diesem Hintergrund zu sehen sind.

„Er kriecht La Familia in den Arsch", sagte Daskal. „Er sagt genau das, was sie hören wollen, weil er unbedingt seinen Job bei Beitar behalten möchte. Er weiß, dass er dafür ihre Unterstützung braucht."

Wie viel Einfluss hat La Familia auf den Verein?

„Zu sagen, dass La Familia den Verein führt, würde zu weit gehen. Doch wenn ihnen ein Trainer missfällt, können sie für reichlich Gegenwind sorgen", so Daskal weiter. „Der ehemalige Vorstandschef von Beitar, Itizk Korenfein, hat versucht, gegen die Fangruppierung vorzugehen, hat den Machtkampf am Ende aber verloren und musste gehen. Sein Nachfolger Eli Tabib hat dazugelernt und tritt im Vergleich dazu deutlich ‚smarter' auf, indem er sie weitgehend in Ruhe lässt."

Dudi Mizrahi, 26, ist ein ehemaliges Mitglied von La Familia, der einst vor laufenden Fernsehkameras gesagt hat, dass er nicht einmal Leo Messi oder Cristiano Ronaldo in seinem Team sehen wollen würde, wenn sie Araber wären. Lange Zeit stand er unter polizeilicher Beobachtung und wurde mehrfach festgenommen. Bis er Anfang des Jahres der Gruppe den Rücken kehrte und seine eigene Fangruppe, die Lions Den, gründete, die sich vor allem an Familien richtet und sich das Prinzip der Gleichheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Mizrahi erklärte, dass seine Gruppe die Kommentare von Levy aufs Schärfste verurteilen würde. Weder er persönlich noch seine Lions Den würden es gutheißen, wenn ein jüdischer Spieler aufgrund seiner Religion oder ethnischen Zugehörigkeit aus einer Mannschaft ausgeschlossen werden würde. Darum müsse das gleiche Recht auch für arabischstämmige und muslimische Spieler gelten.

Levys Kommentare kamen nur einen Tag, nachdem er bei einer offiziellen La-Familia-Veranstaltung zu Gast gewesen war. Mizrahi ist überzeugt, dass er vor Ort von Mitgliedern der Fangruppierung aufgefordert wurde, ihren Grundsätzen zu folgen.

Auch wenn La Familia und Beitar Jerusalem in einer Tour vom israelischen Fußballverband bestraft werden, sieht es nicht so aus, als ob sie bereit wären, ihre rassistische Hetze einzustellen. Ein Beispiel gefällig? Anfang des Jahres haben Anhänger von Beitar Jerusalem im Spiel gegen Hapoel Kirjat Schmona rassistische Beleidigungen in Richtung des arabischstämmigen Fußballers Ahmad Abed gerufen. Der israelische Fußballverband reagierte mit einem dreimonatigen Heimspielverbot, doch schon beim allerersten Aufritt, ironischerweise wieder gegen Hapoel Kirjat Schmona, skandierten Anhänger aus dem La-Familia-Block erneut rassistische Parolen.

Daskal glaubt, dass es an der Zeit sein könnte, nicht nur Beitar Jerusalem und La Familia, sondern gleich den gesamten israelischen Fußballverband zu bestrafen, wenn der Rassismus nicht endlich aufhört.

„Der Verband muss endlich gegen den offenen Rassismus von Beitar vorgehen", sagte er. „Dazu gehört auch das Lied, das La Familia singt, wenn ihre Mannschaft ins Stadion einläuft und in dem es unter anderem heißt: ‚Hier kommt das rassistischste Team des Landes'. Die sind da auch noch stolz drauf. Darum müsste Beitar vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden. Die FIFA und die UEFA müssen endlich gegen sie vorgehen und auch den israelischen Fußballverband unter Druck setzen."