Der einzig wahre Berliner Street Food-Markt

Zwischen Thai-Omas und deutscher Gründlichkeit – ausgerechnet im Berliner Preußenpark befindet sich ein Stück Thailand.

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24 April 2015, 2:06pm

Ausgerechnet im tiefsten Westberlin, ausgerechnet auf einer Wiese in einem Park namens „Preußenpark", ausgerechnet dort, wo es deutscher kaum sein kann, befindet sich ein Stück Thailand: Sie sitzen auf ihren Picknickdecken, Kinder, Enkel, Ehemänner im Schlepptau, vor ihnen Berge von gefülltem saurem Fisch, frittierten Hühnerkeulen, gerösteten Insekten, auf Campingkochern köchelt Brühe, Dumplings werden gedämpft und Thai-Kaffee gemixt. Ist das wirklich Berlin? Kann das wirklich gerade im überregulierten Deutschland stattfinden?

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Die sogenannte Thaiwiese ist eine Institution: Berliner Zeitungen berichten, dass sich schon seit Anfang der Neunziger die thailändische Community hier zu treffen begann. Der Legende nach trafen sich anfangs die Familien hier, einfach nur um zu picknicken. Doch im Laufe der Zeit wurden sie immer öfter gefragt, ob sie ihr Essen auch verkaufen würden, und so entwickelte sich spontan und selbstorganisiert ein Markt. Wie viel an dieser Geschichte tatsächlich dran ist, bleibt unklar. Doch kaum ist man im Sommer auf der Wiese angekommen, ist das auch relativ egal.

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Hier gibt es authentische asiatische Küche, wie man sie besser wohl nur in Bangkok selbst bekommen könnte, dazu noch Massagen und wenn man Glück hat, sieht man auch buddhistische Mönche, die für alle spirituellen Gesuche zur Verfügung stehen. Mittlerweile sind die Thaifamilien auch nicht mehr allein: Nicht nur andere Ostasiaten kommen mittlerweile auf den Markt, nein, an heißen Sommertagen trifft man auch Caipirinha mixende Brasilianer (oder solche, die sich dafür ausgeben), ältliche Deutsche, die Obst aus dem eigenen Garten feilbieten, und immer wieder zwielichtige Gestalten, die Kaffeepulver im Kilopack, Zahnbürsten oder andere vollkommen alltägliche Haushaltswaren an den Mann bringen wollen. Das Gerücht geht herum, dass da vieles vom Laster gefallen sei, überprüfen lässt sich das auf Anhieb nicht.

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Sieht man sich um, fällt sofort die Abwesenheit von Müll und Dreck auf—es wirkt als sei die Wiese der sauberste Park in ganz Berlin. Das liegt daran, dass sich die Händler auf dem Markt zusammengeschlossen haben, gegen sechs Uhr abends fangen ältere Männer an, herumzustreifen und jedem Picknicker eine Mülltüte in die Hand zu drücken, mit der Bitte, seinen Müll aufzuräumen. Das Klohäuschen ist immer geputzt, zwei lächelnde alte Thaifrauen sitzen daneben und kümmern sich um die Sauberkeit. Warum all das? Es ist ihre Absicherung gegen Vertreibung aus dem Park, wo eigentlich Schilder auf vier Sprachen gegen das Kochen und Grillen hier warnen: Sie sorgen für Ordnung und Ruhe, je weniger Angriffsfläche sie bieten, desto geringer ihre Probleme mit Ordnungsamt und Bezirk.

Für die Community ist die Wiese mittlerweile ein wichtiger Treffpunkt, ein Stück Zuhause in der Fremde. Schaut man sich um, sieht man viele Paare, bestehend aus älterem deutschen Mann und jüngerer asiatischer Frau. Die ganze Familie kommt hier zusammen, und das Business wird gemeinsam betrieben: Viele der älteren Frauen sprechen kaum Deutsch, die Kinder und Enkel übersetzen, der Ehemann schnippelt Gemüse, dabei viel Geschnatter auf Thai, Neuigkeiten werden ausgetauscht, Jobs, Wohnungen und mehr vermittelt. Immer wieder sieht man auch Gruppen alleinstehender deutscher Männer, manchmal sogar noch mit T-Shirt aus einem Bangkoker Stripschuppen. Auch sie haben wohl Sehnsucht nach einem Zuhause—und haben mit den kochenden Thai-Omas wohl mehr gemein, als man denken mag.

Fotos: Tina Thiede