Wie sich die extreme Rechte die Unsicherheit von Männern zunutze macht

Ein neues Buch untersucht, warum sich junge Männer zu menschenfeindlichen Ideologien hingezogen fühlen.

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Apr. 13 2018, 10:13am

Illustration von Lia Kantrowitz

Es ist kein Geheimnis, dass gewaltbereite Rechte – von klassischen Naziskins über neurechte Fußsoldaten bis hin zu US-amerikanischen Militia-Anhängern – größtenteils Männer sind. Und genau diese sind der Forschungsgegenstand von Michael Kimmel. Der Professor für Soziologie an der New Yorker Stony Brook University befasst sich seit den 80ern intensiv mit Männlichkeit und hat soeben ein neues Buch veröffentlicht. Healing from Hate: How Young Men Get Into – and Out of – Violent Extremism untersucht den Prozess, über den sich junge Männer Außenseiter-Ideologien aneignen. Dafür hat er ehemalige Nationalisten, Rassisten und Neonazis in den USA, in Schweden und Deutschland befragt, aber auch Aussteiger aus der britischen Islamistenszene. Seine zentrale These lautet: Menschen, die sich zu gewalttätigen Ideologien hingezogen fühlen, hatten oft nicht die Chance, ihre Wertigkeit auf eine mainstreamkonformere Art unter Beweis zu stellen – indem sie sich um eine Familie kümmern zum Beispiel.

Noch bevor Trump überhaupt die politische Bühne betreten hat, hatte Kimmel 2013 in seinem Buch Angry White Men erklärt, was ihn so attraktiv für das weiße, ländliche Amerika macht. In ähnlicher Manier argumentiert der Soziologe jetzt, dass ein Gefühl "kränkender Enteignung" und ein Zugehörigkeitsbedürfnis viel wichtiger für eine Radikalisierung seien als ein bestimmtes politisches Anliegen oder eine Ideologie.


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Um besser zu verstehen, was genau junge Männer zu menschenfeindlichen Ideologien treibt – und wie man sie vielleicht wieder rausbekommt –, haben wir mit Professor Kimmel telefoniert.

VICE: Fast ausnahmslos suchten die jungen Männer, die Sie in Ihrem Buch interviewt haben, zu Beginn ihrer extremistischen Karriere eine Clique. Dabei geschieht ein Großteil der Radikalisierung heutzutage übers Internet. Wie verändert das die Rekrutierungstaktiken der Rechten?
Michael Kimmel: Ehrlich gesagt, weiß ich die Antwort darauf noch nicht genau. Zum Teil hängt das davon ab, wie effektiv Online-Gemeinschaften diese intensive Gemeinschaftserfahrung bieten können. In einigen einschlägigen Foren und Gruppen schaukeln sich die Leute gegenseitig hoch. Ob das ausreicht, ist noch unklar.

Am Anfang ist das sehr aufregend und energiegeladen. Die Energie dürfte aber bald wieder verfliegen, wenn es nicht irgendwann zu echtem Kontakt kommt. Deswegen gibt es vielleicht auch eine hohe Fluktuation. Die Zu- und Abgänge sind im Gegensatz zu früher extrem verkürzt. Nach ein paar Monaten hast du vielleicht schon das Gefühl, dass du die Leute dort kennst. Dabei fragen sie dich nie etwas wirklich Persönliches. Es heißt immer nur: "Komm hierhin oder dorthin und brüll Leute an."

Mich hat gewundert, dass eine ganze Reihe von Leuten die Aussteigerprogramme nicht etwa in Anspruch nimmt, weil sich ihre Einstellung wirklich geändert hat – sondern weil ihnen ein Kumpel zum Beispiel nicht geholfen hat, als sie zusammengeschlagen wurden. Ist denn überhaupt was gewonnen, wenn solche Menschen ihren Ansichten im Verborgenen treu bleiben, aber als Teil der Gesellschaft funktionieren, anstatt offen als Neonazis erkennbar zu sein?
Das ist eine gute Frage. Du trittst einer solchen Gruppierung bei, weil du diese Form der Kameraderie, Bindung und Gemeinschaft suchst. Die Ideologie kommt erst später dazu. Wenn sie aus der Szene aussteigen, kann ihre ideologische Einstellung verblassen. Manche reisen sogar durchs ganze Land und halten Vorträge über ihre Erfahrungen, sie erzählen anderen, an was sie geglaubt haben und warum. Das hat schon einen gewissen Erlösungscharakter. Davon abgesehen sagen solche Typen oft, dass es nur eine Phase gewesen sei, und steigen dann ins Berufsleben ein.

Ich fand interessant, wie sich rechtsoffene Typen hier in den USA und in Schweden unterscheiden. Amerikaner sind oft auch nach ihrer "Phase" weiterhin sehr rechts, sehr umweltfeindlich und gegen Migranten. Viele der ehemaligen Rechten in Schweden hingegen wählen jetzt Sozialdemokraten, weil ihnen die Umwelt sehr wichtig ist. Sie wollen die wunderschöne schwedische Landschaft schützen – aber jetzt halt nicht mehr unbedingt vor "Einwandererhorden" und "manipulativen Juden".

Sie sprechen viel über Entmannung als Beweggrund, sich rechten Gruppierungen anzuschließen. Allerdings scheinen Sie nicht viel über sexuelle Frustration zu sprechen und darüber, dass viele dieser Menschen, die mit derartigen Ideologien flirten, einfach Typen sind, die keine Freundin abbekommen.
In Angry White Men spreche ich über George Sodini, den Amokläufer von Bridgeville 2009, und über Elliot Rodger, den Amokläufer von Isla Vista 2014. Diese Typen haben Frauen umgebracht, weil sie keine abbekommen haben. Elliot Rodger war rasend vor Wut, weil er sehr gutaussehend und trotzdem noch Jungfrau war. George Sodini hatte seit zehn Jahren kein Date mehr gehabt. Also ja, es gibt solche Fälle, die sich mit einem Gefühl sexuellen Versagens und damit Versagens von Männlichkeit erklären lassen.

Bei meinen aktuellen Interviews habe ich aber kaum etwas Derartiges mitbekommen. Viel attraktiver schienen ihnen solche Angebote: "Häng mit uns ab, wir haben geile Partys, alle sind betrunken und Mädchen gibt’s auch." So wirbt auch manche Burschenschaft oder Fraternity um Mitglieder. Das spricht bestimmte junge Männer an, die der Meinung sind, dass sie nicht so viel Sex haben, wie sie haben sollten oder wollen.


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Ich habe mich nur gefragt, ob Sie einen Lösungsvorschlag hätten, falls das tatsächlich eine Hauptmotivation für Männer wäre, sich Neonazis anzuschließen.
Man kann Frauen ja nicht sagen: Wenn ihr ein paar Typen mehr ranlassen würdet, dann hätten wir weniger Neonazis. Und übrigens hat das Gleiche für die Linke funktioniert. 1959 gab es dieses Poster von Joan Baez und Mimi Fariña, den damaligen Schönheitsköniginnen der Folk-Musik. Auf dem Poster stand: "Mädchen sagen Ja zu Jungs, die Nein sagen". Es richtete sich gegen die militärische Mobilmachung. Derartige Anreize können auf beiden Seiten funktionieren.

Denken Sie also, dass anarchistische Punks im Grunde ebenfalls danach streben, Männlichkeit zurückzuholen oder wiederherzustellen? Sind das zwei Seiten der gleichen Medaille?
Manchmal tue ich das. Ein paar von den Schweden haben mir erzählt, dass sie regelmäßig abends gefeiert und sich betrunken haben. Dann haben sie Schmerzmittel geschmissen und sind raus auf die Straße und haben eine Gruppe Migranten-Jungs, Antifas oder Punks gesucht, die ebenfalls betrunken und auf Schmerzmitteln auf der Suche nach Streit war. Ich schätze, dass all diese Gruppen die gleiche Identitätssuche oder Identitätsdemonstration durchmachen – nur auf verschiedenen Seiten des ideologischen Spektrums.

Warum bevorzugen Menschen dann die eine Gruppe gegenüber der anderen? In vielen Punkten sind sie gegensätzlich, aber sie scheinen manchmal die gleichen Kandidaten anzuziehen, wie Sie sagen.
Die Prozesse sind vielleicht ähnlich, aber nicht die Inhalte. Ein Typ hat es mir direkt gesagt: "In meiner Schule konntest du nicht einfach allein sein. Jeder brauchte eine Gruppe. Also habe ich mich umgeschaut und da waren die Punks, die HipHopper, die Antifas und die Skinheads. Alle hatten richtig Angst vor den Skinheads, also bin ich zu denen gegangen." Auch nur einen Moment lang so zu tun, als würden hier elaborierte ideologische Entscheidungen getroffen werden, endet schnell in einer Enttäuschung.

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