Ist ​Jürgen Todenhöfer gefährlich naiv oder ein Assad-Propagandist?

Sein Interview mit einem al-Qaida-Kommandeur enthüllt Unglaubliches. So unglaublich, dass es viele Beobachter für eine dreiste Fälschung halten.

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Sep. 29 2016, 10:08am

Jürgen Todenhöfer hat es wieder getan. Nachdem der Ex-Abgeordnete und USA-Kritiker Anfang des Jahres mit einem Buch über den Islamischen Staat Aufsehen erregt hatte, das deutlich mehr Todenhöfer als Islamischer Staat enthielt, ist ihm schon wieder ein echter Coup gelungen. Der Deutsche hat einen Befehlshaber der Jabhat al-Nusra in Syrien interviewt. Die Jabhat al-Nusra (JN) war lange Zeit der offizielle Zweig der al-Qaida in dem Land.

"Liebe Freunde, das ist mein bisher schwierigstes Interview im Syrien-Krieg", stellt Todenhöfer das Video am Montag auf seinem Facebook-Account vor. Und erklärt dann, dass es "vor 10 Tagen in einem Steinbruch in Aleppo" aufgenommen worden sei. Direkt nach der Einleitung stellt er dann auch die zentrale Frage: "Unterstützen die USA Al Qaida?"

Was ihm der Kämpfer in dem Bunker dann erzählt, ist wirklich sensationell: Nicht nur gibt der Dschihadist offen zu, Unterstützung von den USA zu erhalten. Nein, auch Israel würde ihren Kampf gegen "das System" (das Assad-Regime) unterstützen. Detailliert zählt der al-Qaida-Kommandeur auf, wie viel Geld er von welchem Land bekommen habe—aus Saudi-Arabien, aus Katar, aus Kuweit—und gibt auch noch zum Besten, dass die Amerikaner hochentwickelte TOW-Missiles praktisch direkt an seine Gruppe liefern würden. Der ganze "Westen" liefere überhaupt permanent Dschihadisten, aber man hätte lieber bessere Waffen. Außerdem sei der Islamische Staat auch fest in der Hand ausländischer Geheimdienste. Danach beteuert er, dass es eigentlich überhaupt keine "gemäßigten" Rebellen gäbe—im Grunde gehören sie alle zum JN, sie teilten denselben Glauben und dieselben Ziele. Fehlt noch was? Ach ja, die Rebellen würden Waffenstillstand natürlich nicht anerkennen, die Zeit aber gerne nutzen, um sich neu zu formieren und den endgültigen Schlag gegen die Regierung vorzubereiten.

Während dieser geradezu unglaublichen Enthüllungen sitzt Todenhöfer ernst und betroffen daneben. Der Mann bestätigt, was Todenhöfer sowieso schon lange vermutet: Der Westen führt einen heimlichen Krieg gegen die Regierung Assad und geht dafür sogar einen Pakt mit dem Teufel (al-Qaida) ein. "'Abu Al Ezz' ist Kämpfer, kein Funktionär", beschreibt Todenhöfer seinen Gesprächspartner im Text zum Video. "Er redet nicht um die Dinge herum, sondern nennt sie beim Namen. Von den romantischen Märchen westlicher Politiker über den syrischen 'Freiheitskampf' bleibt nicht mehr viel übrig."

Seine Fans feiern Todenhöfer auf Facebook für seinen Enthüllungsjournalismus. "Müsste im Bundestag auf Leinwand laufen...Mit Endlosschleife!" schreibt einer. "Was tausende Journalisten nicht schaffen (wollen/dürfen/sollen) das schaffen Sie... Vielen Dank Jürgen Todenhöfer" ein anderer, ein dritter fordert gar, Todenhöfer direkt zum Bundespräsidenten zu ernennen. Kurz darauf meldet focus.de, ein "Al-Kaida-Kommandeur" habe zugegeben, dass die Nusra Waffen von den USA erhält. Am selben Tag durfte Todenhöfer sein Wahnsinns-Interview nochmal im Kölner Stadt-Anzeiger zusammenfassen.

Die Enthüllungen sind auch wirklich unglaublich. Und sie passen vor allem einem Akteur im syrischen Bürgerkrieg gut ins Bild: Assad und dem syrischen Regime. Alles, was der vermeintliche Dschihadist von sich gibt, entspricht eins zu eins der Propaganda von westlich gesteuerten Söldnerbanden, die das Regime schon seit Jahren wiederholt. Und genau aus dem Grund äußern immer mehr Beobachter den Verdacht, dass das Video von vorne bis hinten gestellt sein könnte. Die Zweifler haben mittlerweile einiges zusammengetragen, das die Glaubwürdigkeit des al-Nusra-Kämpfers erheblich in Zweifel zieht:

1. Die Al-Nusra-Front gibt es nicht mehr

Die Jabhat an-Nusra hat im Juli bekannt gegeben, dass sie sich von al-Qaida lossagt und sich fortan auch nicht mehr Nusra-Front, sondern "Jabhat Fatah Scham", also "Front zur Eroberung der Levante", nennt. Die meisten Experten sind sich zwar einig, dass das nicht viel mehr als ein kosmetischer Schritt ist, der an der dschihadistischen Ausrichtung der Gruppe nicht viel ändert. Trotzdem hätte Todenhöfers Gesprächspartner in einem Interview darauf geachtet, den neuen Namen zu benutzen.

2. Laut der (ehemaligen) Nusra-Front hat dieses Interview nie stattgefunden

Wen auch immer Todenhöfer da interviewt hat, es war kein Kommandeur der JN. Sagt zumindest die Gruppe selbst, die auf Twitter und im offiziellem Statement erklärt, sie habe noch nie von einem Jürgen Todenhöfer gehört.

3. Der Mann benimmt sich NULL wie ein Dschihadist

Anders als Todenhöfer behauptet, gibt es schon mehrere Interviews mit Kadern und sogar dem Anführer der "Front". Zum Beispiel in dieser Dokumentation von VICE News, für die der Reporter mehrere Tage mit Kämpfern, Rekruten und Kadern der Gruppe verbracht hat (das ist übrigens derselbe Reporter, der auch schon eine vielbeachtete Dokumentation aus der Hauptstadt des Islamischen Staats gedreht hat, bevor Todenhöfer jemals ein Fuß auf deren Gebiet gesetzt hatte). Und Al Jazeera hat Abu Mohammad al-Joulani, den Anführer der JN, schon mehrere Male interviewt.

Dschihadisten-Führer geben sich in solchen Interviews immer besonders formbewusst: Sie denken nach, bevor sie dann betont ruhig antworten. Sie versuchen, sich mehr Autorität zu verleihen, indem sie durchgängig ein sehr gestelztes, als besonders fromm geltendes Hocharabisch sprechen. Und das Wichtigste: Sie sagen fast keinen Satz, ohne konstant in irgendeiner Variante Gott zu beschwören.

Todenhöfers Dschihadist fällt da aus dem Rahmen: Er erwähnt den Namen Gottes fast nie, er hat dem Anschein nach nicht mal einen Bart, und er quasselt im breitesten syrischen Lokaldialekt einfach frei von der Seele weg. "Nusra-Leute, die reden nicht so umgangssprachlich", bestätigt ein freier Journalist aus Aleppo gegenüber VICE. "Das hier ist ein ganz ungebildeter Typ, der kann kein Anführer sein." Auch überraschend: Er trägt gut sichtbar einen dicken Goldring an der Hand. Kein echter Salafist würde sich je mit Goldschmuck filmen lassen—das Tragen von Gold ist dem gläubigen Muslim streng verboten. Es kommt zwar trotzdem immer wieder vor (es gibt sogar Fotos von Osama bin Laden mit Ring), aber in so einem Interview hätte ihn wohl irgendjemand daran erinnert, das Ding abzuziehen.

4. Das Interview hat offenbar im vom Regime kontrollierten Territorium stattgefunden

Todenhöfer behauptet, er habe das Interview "in einem Steinbruch in Aleppo, im Niemandsland zwischen den Fronten" geführt. Nun hat sich aber jemand in der Gruppe "Syrian Civil War" auf Reddit die Mühe gemacht und die im Video sichtbaren Umgebungsmerkmale genau lokalisiert. Was dabei herauskam: Der Steinbruch befindet sich südlich von Aleppo, in der Nähe des Militär-Checkpoints Haraybel. Dieses Gebiet befindet sich seit Ausbruch des Bürgerkriegs bis heute in der Hand des Regimes. Ein Hinweis darauf findet sich am Anfang des Videos selbst: Das Fahrzeug Todenhöfers wird von einem jungen, glattrasierten Soldaten in syrischer Militär-Uniform durch den Steinbruch geführt.

In einer Stellungnahme, die Todenhöfer mittlerweile zu den Vorwürfen veröffentlicht hat, widerspricht er dieser Darstellung. "Der Geolocator behauptet, wir hätten unser Interview beim Haraybel Checkpoint geführt. Das ist falsch" schreibt ein offensichtlich aufgebrachter Todenhöfer auf Facebook. "Wir haben das Interview in Wirklichkeit bei Khan Tuman aufgenommen." Ein Beobachter hat allerdings bereits angemerkt, dass Todenhöfers Ortsangabe damit direkt der seines Gesprächspartners im Video widerspricht.

5. Warum zur Hölle sollte ein Nusra-Kommandeur so etwas erzählen?

In keinem ihrer vielen Interviews und Kommuniqués haben Nusra-Kommandeure je behauptet, sie nähmen Unterstützung von den USA oder Israel an. Kein Wunder: Für eine dschihadistische Gruppe wäre das der absolute Hochverrat an ihren Prinzipien. Selbst wenn die al-Qaida Waffen von den Amerikanern bekommen und annehmen würde—sie würden es niemals vor einer Kamera zugeben. Was der Mann in Todenhöfers Interview da erzählt, würde ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten—wenn er denn wirklich ein echter Nusra-Kommandeur ist.

Fazit

Für viele Beobachter im Mittleren Osten und in Deutschland steht fest, dass Todenhöfer nicht mit einem echten Nusra-Kommandeur geredet haben kann. Der FDP-Politiker Tobias Huch nennt das Video offen eine "Fälschung" und hat darüber gleich ein eigenes Video gedreht. Auf Carta schreibt Lars Hauch, Journalist mit dem Schwerpunkt Syrien und Irak: "Wer auch immer da mit Todenhöfer spricht, er ist kein Mitglied Jabhat al-Nusras." Auch zahlreiche internationale Journalisten und Experten für den Syrien-Konflikt nennen das Interview eine Fälschung:

Todenhöfer hingegen weist alle Vorwürfe entschieden von sich. "Die Unwissenheit einiger Kritiker tut fast schon weh", schreibt er. Der Nusra-Kämpfer sei echt, man habe "seine Identität genau recherchiert". Dass die Organisation das Interview leugnet, sei "schon fast Rebellen-Brauch". Danach erlaubt Todenhöfer sich einen kleinen Wutausbruch und bezeichnet die Zweifler als "Computer-Helden", die "dilettantisch und unverantwortlich" handeln würden.

Trotzdem konnte Todenhöfer die Zweifel nicht aus dem Weg räumen. "Alles daran ist totaler Schwachsinn", sagt ein Journalist aus Aleppo zu VICE, der auch für deutsche Medien arbeitet, aus Angst um seine Familie aber nicht namentlich genannt werden möchte. "Das hat nichts mit dem zu tun, was hier in den letzten sechs Jahren passiert ist." Die Frage, die sich jetzt viele stellen, ist also nicht mehr, ob der Kämpfer echt ist oder nicht. Sondern, ob Todenhöfer von dem Betrug wusste. Zwar ist schon lange bekannt, dass Todenhöfer sehr gute Beziehungen zum Assad-Regime unterhält. Direkt unterstellen, er habe bewusst ein gefälschtes Interview geführt und verbreitet, will ihm bis jetzt trotzdem niemand. "Gut möglich, dass er Geheimdienstlern des Regimes auf den Leim gegangen ist oder auch Rebellen, welche Jabhat al-Nusra diskreditieren wollen", schreibt Lars Hauch auf Carta.

Todenhöfer hat die Kritik zum Anlass genommen, Entschlossenheit zu demonstrieren. "Ich muss offenbar noch viel häufiger aus dieser Region berichten", ärgert er sich. Nicht alle dürften überzeugt sein, dass er damit wirklich zur Wahrheitsfindung beiträgt.

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