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Der Penis vs. die Prinzipienreiter

Dank des Life Ball-Plakates führen wir heute die gleiche Diskussion über Geschlechtsteile wie das „prüde Amerika" vor 50 Jahren.
22.5.14

Foto aus dem Pressekit der Life Ball Website

Österreich hat ein Penis-Problem. Nicht im internationalen Vergleich, bei dem wir mit 14,16 Zentimetern im gesunden Mittelfeld liegen, sondern auf lokaler Ebene, wo ein Glied gerade die Menschen in zwei Fraktionen zergliedert. Die einen halten wie immer den Anstand und die Traditionen hoch und die anderen sorgen dafür, dass die junge Generation bald nur noch Shemale-Pornos sehen will (zumindest, wenn man die einen fragt). Und das alles nur, weil der Schwellkörper auf dem aktuellen Life Ball-Plakat von den Lenden einer Transgender-Person (konkret dem Reality-TV-Star Carmen Carrera) baumelt.

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Am Dienstag erstattete die FPÖ sogar Anzeige gegen das Plakat. Sie sieht darin einen „Verstoß gegen das Pornographiegesetz" und eine „Irreleitung des Geschlechtertriebes"—was lustig ist, weil man wohl FPÖ-Mitglied sein muss, um sich von einem Penis, der aussieht wie ein Sandwurm aus Dune, sofort geschlechtlich angetrieben zu fühlen. Auch beim Werberat gingen seit der Plakatierung einige Beschwerden ein und auf der Straße haben sich die „Anständigen" bereits als Sprayer betätigt, wie diese 70-jährige Oma, die auf die erschütternde Frage ihres Enkels hin, ob eigentlich auch sie ein Spatzi habe, prompt zum neuen Antipenis-Puber mutiert ist.

Oma was here. Foto von Christian Pausch

Der frag(un)würdige Andreas Unterberger, früher mal Chefredakteur der Presse und der Wiener Zeitung, forderte auf seinem Troll-Blog zum Produktboykott gegen die wichtigsten Sponsoren des Life Balls und schimpft gegen „Schimmelmails der jeweiligen PR-Abteilungen (in denen es von inhaltlosen Füllwörtern wie ,Toleranz' nur so wimmelt)". Auch der andere Rechte-Rand-Andi, mit Nachnamen Mölzer—seines Zeichens Zampano bei Zur Zeit, und großer Freund der alten Rechtschreibung—schlägt mit seiner Kritik wenig überraschend in dieselbe Mensur-Kerbe, prangert aber, nona, vor allem die Medien dafür an, dass sie es solchen Figuren wie Carrera, Alaba oder Wurst/Neuwirth überhaupt ermöglichen, Karriere zu machen.

Achso ja, und dann wäre da noch Kardinal Christoph Schönborn, der im Zumpferl-Plakat eine Form der gelebten Intoleranz sieht, weil ja hier die Weltsicht der einen einfach den anderen aufgenötigt wird. Anders als das zum Beispiel, sagen wir, die Kirche tut (das ist der Verein mit den Glocken, die euch am Sonntag Vormittag sehr tolerant darauf hinweisen, dass ihr gefälligst zwei Stunden auf einer kalten Bank knien solltet, weil ihr sonst in die Hölle kommt).

Das letzte Abendmahl much? Foto via Facebook

Dabei hat die ganze Aufregung ihren Ursprung in einer typisch österreichischen Disziplin: dem konsequenten Prinzipienreiten. So, wie bei uns Autofahrer aus Prinzip Fußgänger schon aus der Ferne anhupen, wenn sie bei Rot über die Straße gehen—auch wenn sie ihnen nicht im Weg stehen— und so, wie man bei uns im Oktober aus Prinzip keine Sommerjacke mehr trägt, auch wenn es draußen über 20 Grad hat, so will man bei uns eben auch aus Prinzip keine Penisse an Menschen sehen, die ansonsten wie Frauen ausschauen.

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Hinzukommt noch eine ebenfalls lokal zusammengebraute Mischung aus Katholizismus und Revisionismus: Einerseits geht es beim Foto von Carmen Carrera nämlich immer auch um den Vorwurf der Unnatürlichkeit und den Eingriff in Gottes Schöpfung—was Bullshit ist, weil Natürlichkeit längst nicht mehr der Maßstab unseres modernen Lebens ist und wir unseren Körper auch mit solchen Dingen wie Ernährung, Sport, Medizin, Drogen und Schamhaarfrisuren verändern. Andererseits herrscht eine völlig verzerrte Wahrnehmung in Bezug auf die restliche Welt, wenn zum Beispiel in einer Beschwerde an den Werberat heißt, dass sonst auch wegen jedem Bussi ein Aufstand gemacht werde, aber hier auf einmal Shlong-schwingende Transen völlig okay sind. Die Wahrheit ist, dass Bussis bei uns im Fernsehen oder der übrigen Öffentlichkeit noch nie ein Problem waren—genauso wenig wie übrigens das Wort „Ficken"—und der Beschwerdeführer hier vielleicht Österreich mit einem Bild der USA verwechselt, das er aus Eine Himmlische Familie hat.

Und warum redet eigentlich keiner über den Hodenkopf? Foto via Facebook

Wie immer werden zur Begründung also nicht die eigenen Befindlichkeiten, sondern die angeblichen Probleme der Allgemeinheit herangezogen. Prinzipien sind immer das, was alle anderen haben. Ich hatte zum Beispiel nach der Einweihungsfeier in meiner aktuellen Wohnung eine Beschwerde in Schönschrift an der Tür kleben, in der mir eine Nachbarin erklärte: „Das hier ist ein ruhiges Haus. Es gibt hier keine Partys." So sehr sie auch bemüht war, ihre Meinung als den gottgegebenen Status quo zu tarnen, habe ich ihr trotzdem zurückgeschrieben: „Doch, die gibt es. Ich war dabei."

Auch beim Penis-Skandal ist es meiner Meinung nach der einzige denkbare Weg, einfach nicht auf die Rhetorik derer einzusteigen, die sich hinter der „schweigenden Mehrheit" verstecken. Stattdessen sollte man ihnen, wie ich meiner Nachbarin, einfach die Party zeigen. Beginnend mit der Türe.