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Popkultur

'Her' ist so gut, dass du krank davon wirst

Liebe muss in der Zukunft passieren, damit wir an sie glauben können. Und es ist gelogen, dass wir uns im Leben total oft verlieben. Irgendwann verliebt man sich dann in sich selbst, aber auch das kann schön sein.

von Nora Dejaco
27 März 2014, 8:30am

(Foto von Nora Dejaco)

Eigentlich wollte ich bis zum Wochenende alles Menschenmögliche gesagt haben zu Her und Spike Jonze. Voll motiviert habe ich trotz Rotz und Husten in die Tasten gehauen. Schlussendlich war ich so richtig paniert mit Bazillen. Da sammelt man enorm viel Material und arbeitet vor wie eine Musterschülerin um dann doch fertig im Bett zu legen und an nichts anderes denken zu können als Nasivin—und daran, dass krank Sein als Kind viel cooler war. Aber vor allem habe ich ALLES vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. Ich sehe nur mehr komische Farben. Her hat mich krank gemacht.

Spike Jonze macht solche Dinge mit uns. Er macht uns krank. Im L.A. von Her, in einer nicht allzu fernen Zukunft, ist Einsamkeit extrem fancy verpackt. Hier lassen wir persönliche Briefe von anderen für uns texten, hier organisieren wir mithilfe von Wireless-Oropax-Headsets und Sprachsteuerung unser Leben. Eigentlich voll gut, fast ohne Lärm und ziemlich viel Schönes mit ziemlich viel Alleinsein.

© 2013 WARNER BROS

Dystopie und Identität sind Lieblingsregiethemen von Jonze. Von bizarren Perspektiven- und Personenverzerrungen in Being John Malkovich (1999) hin zur selbstironischen Identitätsentgleisung samt Branchenleiden von Drehbuchautoren in Adaptation (2002). Die komplexen Vielfachrealitäten und Sinnkrisen in Synecdoche, New York (2008, zwar ein Film von Charlie Kaufman, aber Jonze hat produziert) sind schon wieder eine Klasse für sich. Ja eh, es gibt auch Skateboard- und Musikvideos, aber ich liste jetzt sicher nicht das ganze Zeug auf, das ihr sowieso kennt oder das hierfür wurscht ist.

Adam Spiegel AKA Spike Jonze ist jedenfalls mein ganz persönlicher Hero—und das schon länger. Auf jeden Fall noch für alle, die glauben, mit Her sei Richard Koufey nun endgültig gestorben und Jonze in Zukunft nur mehr prätentiös mit Oscar und ohne Skateboard unterwegs: You're wrong.

Nach der dritten Schmerztablette sieht man die Welt ausschließlich in Rot, Orange und Brauntönen. Irgendwas fand auch Cinematograph Yan van Hoytemas total spannend— wahrscheinlich wegen dem filmisch induzierten Gefühl von Wärme. Das meiste in Her ist warm, warm und freundlich. Aber ich konnte am Anfang nicht richtig zuordnen, was das mit dem Retro-Look im Kontext der Zukunftsvision genau soll—beziehungsweise, ob es eher cool oder abgedroschen oder einfach nur ein super Ablenkungsmanöver vom Inhalt ist. Inzwischen bin aber auch ich infiziert. Ich hab' mir letztens sogar eine rostrote Jacke gekauft, wobei auch gut sein könnte, dass das ohnehin gerade total en vogue ist—immerhin hat zum Beispiel Opening Ceremony bereits eine eigene Her-Kollektion präsentiert und damit das Production Design zum Mode-Aushängeschild erhoben.

© 2013 WARNER BROS

Die Idee zu den Farbwelten in Her kam Spike Jonze jedenfalls durch das Interior Design einer Jamba Juice-Filiale—im wörtlichen Sinne einem Saftladen, der abgesehen von Saft auch noch gesundes Fast Food verkauft. Die rund geformte, organische Architektur dieses baldigen Los Angeles in Kombination mit pastelligen Furchtfarben ist auch echt sauber geworden. Vielleicht ein Stück zu sauber.

Die Sets wurden zwischen Shanghai und den USA zusammengebastelt. Diller, Scofidio & Renfro, ein New Yorker Architektenteam, das unter anderem so gigantisches Zeug baut wie den neuen Business Terminal 2 am Flughafen in Mumbai, haben am Rechner die Zukunfts-Architektur entworfen—und die realen Bilder aus Shanghai sind dank zwei Wochen Dreh vor Ort und der Finanzierung durch Megan Ellison (Annapurna Pictures) ebenfalls dabei.

© 2013 WARNER BROS

Jonze hat in seinen letzten Arbeiten ja zum Teil roughe Bildwelten geschaffen, wie in Scenes From The Suburbs (2011), wo eine düstere Welt zwischen militärischen Stützpunkten vor Einfamilienhaus-Siedlungen zum Schauplatz von Krieg und vergessener Jugend wird. Aber wir haben auch fantasievolle Welt-Bewältigungs-Strategien mit spannenden Lichtstimmungen und lässiger Ausstattung gesehen, zum Beispiel in seiner Adaption von Maurice Sendaks Where The Wild Things Are (2009). Warum das nicht wurscht ist: Die Welt und Ästhetik, in der Her spielt, liegt irgendwo dazwischen und fühlt sich ein bisschen so an, wie wenn man sich beim Schreien einen Polster vors Gesicht hält.

Auch Amy Adams ist wieder echt super (© 2013 WARNER BROS)

Theodor Twombly, gespielt von Joaquin Phoenix, ist so überzeugt schlecht drauf, dass er sich sogar von seinem futuristischen Player "Melancholy Songs" aussuchen lässt—nichts gegen Kim Deal, Karen O und dass Arcade Fire weder ihre Finger im Spiel hatten. Aber so einen Melancholiker hätten Mütter unverheirateter Töchter auf jeden Fall am Liebsten serienweise im Supermarktregal stehen um für wenig Geld einzusacken. Er ist SO nett, der sensible Einsiedler mit Oberlippenbart und Hornbrille, der für andere Briefe einspricht (nicht vergessen, wir leben in der Welt der Unberührbarkeit, Tahoma und Tastaturen sind out).

Als Spike Jonze Joaquin Phoenix das erste Mal anrief, um ihm die Rolle von Theodor Twombly anzubieten, wollte Phoenix nichts davon wissen und meinte, er sei der Falsche für die Rolle und könne das nicht. OK, ehrlicher Weise sagte er eigentlich "I fuckin' can't do this".

Joaquins wilde I'm still here Meta-Zeiten. (Foto von Karen@JPC)

Phoenix hat auch mal gemeint, dass er an seine Rollen immer total unsystematisch und instinktiv herangeht. Klar, da denkt man an seinen Rowdie-esken Pseudoausstieg aus dem Filmbusiness in I'm still here (2010) und vor allem, dass er schon eine ziemliche Urgewalt sein kann. Über jemanden, der sich direkt nach einem Autounfall (2006) noch im Wrack mit den Worten "I am relaxed" eine Tschick anzünden will, während neben ihm der Sprudel in die Karre läuft, darf man das sagen. Aus dem Auto hat ihn damals übrigens DER Werner Herzog gerettet. Der ist ja Survival-erprobt und kann das. Dazu gibt es auch einen ziemlich netten Animationsfilm von Sascha Ciezata.

Dass es manchmal Sinn macht, Charaktere einfach zu spielen, ohne groß analytisch an sie heranzugehen, beweist jede Sekunde von Her. Theodor ist echt, so echt, dass er jeder von uns sein könnte. Irgendwann sind wir alle nachts mal wachgelegen, haben an die Decke gestarrt und uns scheiße gefühlt, weil gerade eine Beziehung kaputt gegangen ist. Da ist man eben lieber überall anders als im Jetzt, weil man das Jetzt ordentlich kübeln möchte. Ob Theodor auch Mikrowellenessen isst?

Theodors Kokon aus Erinnerungen und Selbstmitleid die Art von Belastung, von der er sich nachts durch Videogames oder kurzweiligem Telefonsex abzulenken versucht. Theodors sensibel-melancholische Ader erinnert ein bisschen an Sheldon, den Roboter aus Jonzes erster Sci-Fi-Romanze I'm Here (2010).

© 2013 WARNER BROS

Theo ist einer von den Guten. Einer, der sich fragt, ob es das jetzt war. Oder ob da im Leben doch noch irgendwas Spannendes kommt. Das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen liegt ja manchmal einfach daran, dass einer der Beteiligten ein echter Depp ist. Jonze demonstriert in Her auf verschiedenste Art, wie einfach es ist, in Beziehungen nicht miteinander klarzukommen. Und wenn du dich gerade erst getrennt hast, willst du einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Samantha—so nennt sich Theos sexy Betriebssystem, OS 1—taucht da genau im richtigen Moment auf. Sie erweist sich als super Hawerer und bringt Ordnung in sein Leben, ohne im Gegenzug etwas zu erwarten. Und sie braucht nicht viel Platz, weil sie in einem kleinen etui-artigen Portable-Gadget „lebt". Dessen Design ist übrigens einem Vintage-Feuerzeug nachempfunden, das Jonze und sein Production Designer K.K. Barrett—dem wir auch den Style der Interiors, Kleidung und Farben in Her zu verdanken haben—in einem Antiquitätengeschäft in LA gefunden haben.

Das Thema Mensch-Computer-Romanze ist ja schon alt und abgelutscht, aber die Frage, was alles stimmen muss, damit man jemanden überhaupt richtig gut findet, funktioniert immer. Irgendwann bist du ausgetrocknet und nur noch hungrig danach, dass jemand von dir geliebt werden will. Du findest es toll, wenn der andere dich toll findet. Dadurch, dass Samanthas Emo-Engine ideal auf Theo abgestimmt ist, ergibt sich die Seelenverwandtschaft natürlich fast von selbst.

Samantha Morton hatte eigentlich die Stimme des OS 1 komplett eingesprochen, stundenlang in einer winzig-kleinen Aufnahmebox gesessen und Joaquin am Set sogar gemieden, um der Situation im Film so nahe wie möglich zu bleiben. Und dann, Zack, hat Jonze sie 2013 einfach ersetzt und Scarlett Johansson in der Postproduktion alles nochmal einsprechen lassen. Es ist sicher so, dass man sich zu einer Stimme ein bestimmtes Aussehen vorstellt und umgekehrt—ich war zum Beispiel ziemlich irritiert, als ich die Stimme von Spike Jonze zum ersten Mal gehört habe. Klar, wenn Mortons Stimme laut Jonze etwas Mütterliches, Liebendes und leicht Britisches vermittelt, ist das ziemlich genau das, was wir nicht hören wollen—Oma Thatcher erzählt uns Märchen? Nicht gut.

In Spike Jonzes Wohnzimmer hängt ein Foto einer Frau, deren Gesicht vom Betrachter für immer weggedreht ist. An dieses Bild hatte Jonze immer wieder Post-It Notizen geklebt, sie wieder und wieder ausgetauscht. Bis zum Schluss „Her" darauf stand. (Foto von Todd Hido)

Bei Johanssons Stimme denkt man eher an jemanden, der viel raucht. Sie hat was unterschwellig Verruchtes und so jemanden nimmt man gerne in der Hosentasche überallhin mit.

Es ist eine Stimme zwischen Realität und Traum, dort, wo Samantha eben rumgeistert. Und gerade wegen der Körperlosigkeit fühlt sich das, was Theodor und Samantha zueinander aufbauen, nachvollziehbar und sinnvoller an als alles, was mit „realen" Frauen passieren könnte. Dass Samantha körperlos ist, schafft Platz. Und dass das Ganze genauso melancholisch ausgehen muss, wie es begonnen hat, liegt in der Natur einer Liebesgeschichte.

Her ist letztlich eine ziemlich runde Metapher. Wir können uns verlieben in was oder wen wir wollen—auch in uns selbst. Oder, wie Donald Kaufman in Adaptation (2002) sagte: "You are what you love, not what loves you." Vielleicht wäre es ohnehin gut, mit dem Sich-Verlieben noch ein bisschen zu warten, denn in der Zukunft von Theos LA geht das ja anscheinend besser als im Jetzt.


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