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Ein Cyborg erzählt, wie Menschen auf seine Antenne reagieren

"2013 dachten die Menschen, ich würde für Google arbeiten, 2015 meinten die Kids, es sei ein Selfie-Stick, und 2016 wurde mir oft 'Pokémon!' hinterhergerufen."

von Johanna Senn
04 November 2019, 1:25pm

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Neil Harbisson ist der erste von der britischen Regierung offiziell anerkannte Cyborg. Er hat eine Antenne in seinem Kopf, die es dem sonst farbenblinden Künstler ermöglicht, Farben zu hören. Die britische Regierung wollte die Antenne auf seinem Kopf auf dem Passfoto ursprünglich nicht akzeptieren. Bis sie nach einigem Hin und Her anerkannte, dass die Antenne eines seiner Organe ist.

Harbissons Antenne sendet seit nun 14 Jahren Vibrationen in seinen Kopf und hilft ihm so, seine Umgebung wahrzunehmen. Sein Körper und die Technologie sind eins geworden. Schwer fällt es Harbisson dagegen, selbst eins mit seiner Umwelt zu werden, denn noch immer nehmen ihn viele Mitmenschen als Sonderling wahr. Harbisson erzählt VICE, wie sich sein Leben als Cyborg verändert hat – und welche Pläne er für seine Zukunft hat.

VICE: Deine Antenne ist seit 14 Jahren ein Teil von dir. Wie viele Tage hast du seither verbracht, ohne auf die Antenne angesprochen zu werden?
Neil Harbisson: Keinen einzigen. Seit ich sie mir vor 14 Jahren in meinen Kopf habe machen lassen, führe ich jeden Tag Unterhaltungen mit Fremden.

Findest du das in Ordnung?
Ich mag es nicht, auf meine Antenne angesprochen zu werden. Die Gespräche sind ermüdend, denn es sind oft dieselben. Am schlimmsten ist es natürlich, wenn mich Menschen auslachen. Seit kurzer Zeit trage ich oft ein Cap, so kann ich die Antenne etwas verstecken.


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Stellen die Menschen immer die gleichen Fragen – oder verändern die sich mit der Zeit?
2004 dachten die Leute, es sei eine Leselampe, dann ein Mikrofon, dann ein Telefon, dann eine GoPro. 2013 dachten die Menschen, ich würde für Google arbeiten, 2015 meinten die Kids, es sei ein Selfie-Stick, und 2016 wurde mir oft "Pokémon!" hinterhergerufen.

Welche Reaktionen sind für dich am schlimmsten?
Die von Sicherheitspersonal. Security-Beamte arbeiten in einem monotonen Beruf und plötzlich kommt jemand mit einer Antenne. Also machen sie sich darüber lustig als Ablenkung in ihrem Alltag. Oft werde ich auch auf Explosionszeug gescannt. Am Flughafen muss ich immer durch den Bodyscanner.

Die Brüste einer Transfrau würde man ja auch nicht einfach so anfassen.

Ist der Flieger je ohne dich abgeflogen?
Nee, das nicht. Am Wiener Flughafen haben die Beamten einmal den Flughafenarzt kommen lassen, um zu überprüfen, ob ich psychisch in der Lage zum Fliegen bin. Als wir halbwegs mit dem Fragebogen durch waren, hat er mich dann gegoogelt. Google rettet mich oft.

Aber ohne Flugzeuge in der Nähe sind die meisten Menschen höflich?
Betrunkene Frauen nicht. Sie versuchen manchmal, die Antenne zu berühren. Manche reißen regelrecht daran, weil sie denken, es sei ein Kostüm. Ich verstehe nicht ganz, wieso die Leute das tun. Die Brüste einer Transfrau würde man ja auch nicht einfach so anfassen. Es ist ein Teil des Körpers. Meine Antenne wird von der Gesellschaft noch immer nicht als Organ angesehen, sondern als ein Stück tragbare Technologie.

Schaffst du es irgendwie, das Problem mit den Betrunkenen zu minimieren?
Na ja. Ich meide die Faschingszeit.

Neil Harbisson Cyborg in Zürich

Apropos Feiern – wie erlebst du Drogen?
Die Antenne wird auch durch Alkohol oder Drogen beeinflusst. Wenn ich halluzinogene Drogen nehme, höre ich mehr Farben, manchmal höre ich dann auch ein Echo. Wenn ich betrunken bin, fühle ich, dass die Farben langsamer klingen.

Würde es dir helfen, wenn andere Menschen auch Antennen hätten?
Klar. Wir könnten über geteilte Erfahrungen sprechen. Denn im Moment erlebe ich das alles alleine. Es wäre spannend zu wissen, wie es anderen Menschen damit geht, eine Antenne zu haben. Ich höre ja auch in meinen Träumen Farben. Manchmal haben die Leute in meinen Träumen eine Antenne, wie ich sie trage.

Nimmst du selbst durch deine Antenne Menschen anders wahr?
Manche Menschen sehen vielleicht sehr schön aus, aber die Farben, die von ihnen ausgehen, klingen verstörend. Violette Haare klingen oft sehr hoch, was anstrengend sein kann. Es tut nicht weh, aber du kannst davon Antennen-Schmerzen bekommen. Ich bewege dann meine Antenne irgendwo anders hin.

Würdest du dich irgendwann gerne komplett zur Maschine umbauen lassen?
Das ist nicht mein Ziel. Wir Cyborg-Aktivisten fügen Technologie hinzu, um die Natur mehr zu spüren, aber die Leute schauen auf die Technologie, statt sich darauf zu fokussieren, was wir damit tun können. Mein Ziel ist es, Farben zu spüren und wahrzunehmen, wo der magnetische Norden ist.

Erwartest du, dass die Akzeptanz von Cyborgs sich in Zukunft verbessert?
Das weiß ich nicht. Aber einen großen Vorteil hat es, Cyborg zu sein: Normalerweise werden die Sinne schlechter, wenn man älter wird. Beim Cyborg ist es anders herum. Je älter ich werde, desto besser werden meine Sinne, weil sich die Technik weiterentwickelt.

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