Salafismus

Wir haben deutsche Koran-Übersetzungen miteinander verglichen

Immer wieder heißt es, es gäbe gute und schlechte Koran-Übersetzungen. Solche, die die Radikalisierung fördern und solche, die dagegen wirken. Aber wie unterschiedlich sind die einzelnen Versionen wirklich?

von Paul Donnerbauer
24 April 2017, 8:52am

Titelfoto: Paul Donnerbauer / VICE Media

Aus unserer Reihe Salafismus in Österreich.

Der Koran ist die Glaubensgrundlage aller Muslime. Außerdem ist er die Hauptquelle islamischer Theologie und damit auch eine unverzichtbare Quelle für all jene, die sich auf irgendeine Art mit dem Islam auseinandersetzen möchten – egal ob kritisch oder unkritisch, wohlwollend oder feindselig.

Damit wird der Koran natürlich auch zu einem Teil jeder Debatte über die Radikalisierung österreichischer Muslime. Besonders deutlich zeigte sich das zum Beispiel im Vorfeld des neuen Islamgesetzes, das 2015 in Kraft trat und damit das Islamgesetz von 1912 abgelöst hat.

Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) plädierte in der Diskussion, die dem neuen Islamgesetz vorausging, für die Verankerung einer einheitlichen deutschen Übersetzung des Koran in dem neuen Gesetzestext, mit der er die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) beauftragen wollte.

Diese "offizielle" Koran-Übersetzung sollte laut Sebastian Kurz als Präventionsmaßnahme gegen Radikalisierung dienen und andere "verhetzende Versionen" verdrängen. Die IGGiÖ zeigte sich zwar gesprächsbereit und bekundete ein "gemeinsames Interesse" gegen den Missbrauch religiöser Texte und Begriffe. Gleichzeitig hieß es von Seiten der Islamischen Gemeinschaft aber auch, dass es kaum möglich sei, eine "richtige" Koran-Übersetzung zu finden.

Tatsächlich gab es bei dem Vorschlag auch ein weiteres Problem: Oft wird der Koran gar nicht auf Deutsch, sondern einer anderen Sprache gelesen. So stellt für viele Muslime die arabische Originalversion des Koran die einzig "richtige" Version dar, da nur in ihr das Sadsch' – eine Form der arabischen Reimprosa – richtig wiedergegeben ist und der Koran in Arabisch offenbart wurde.

Die Schwierigkeit einer Koran-Übersetzung liegt im einzigartigen Reimschema, in dem der Koran ursprünglich geschrieben ist.

Und hier liegt die Grundproblematik einer jeden Koran-Übersetzung begraben: Versucht man das Sadsch' möglichst beizubehalten – wie das etwa Friedrich Rückert bei seiner 1888 veröffentlichten Übersetzung getan hat –, muss man Einschränkungen bei der wörtlichen Übersetzung in Kauf nehmen. Übersetzt man den Koran hingegen wörtlich beziehungsweise nahe am Inhalt – wie zum Beispiel Rudi Paret 1966, oder Lazarus Goldschmidt 1916 –, geht das einzigartige Reimschema verloren.

Der Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit einer Koran-Übersetzung, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch dem arabischen Original gerecht wird, ist sich die muslimische Gemeinde in Österreich durchaus bewusst, weshalb meistens mehrere Übersetzungen empfohlen werden – je nach Anspruch der Lesenden.

Diesen Umstand machen sich auch jene salafistischen Gruppen zu Nutzen, die in Österreich und Deutschland immer wieder mit ihren fragwürdigen Koran-Verteilaktionen für Aufregung gesorgt haben. Gruppen wie Lies! verteilen dabei einen Koran, der sich auf eine Übersetzung des deutsch-ägyptischen Autors und Übersetzter Muhammad Rassoul stützt, die zwar wissenschaftlich nicht sonderlich bedeutsam, dafür aber leicht lesbar ist und inhaltlich für die ultrakonservative Auslegung des Koran der Salafisten interessant sein dürfte.

Aber wie sehr unterscheidet sich eine solche Übersetzung von anderen? Welchen Unterschied macht es, ob sich eine Übersetzung eher am Inhalt, wissenschaftlichen Gehalt, oder dem poetischen Stil orientiert?

Wir haben einige Koranstellen, die in Debatten über die Auslegung besonders oft zitiert werden, aus folgenden Übersetzungen miteinander verglichen: Der Übersetzung der Ahmadiyya Gemeinde, die 1954 veröffentlicht und von der Al-Azhar Universität in Karo als herausragenden deutsche Übersetzung gelobt wurde; der Übersetzung von Rudi Paret, die als wissenschaftliche Standardübersetzung und philologisch sehr gut begründet gilt; einer Übersetzung, die im Auftrag der Azhar-Universität vom ägyptischen Germanisten Moustafa Maher in zeitgemäßem Deutsch angefertigt wurde; und jener Übersetzung von Muhammad Rassoul, die unter anderem von Salafisten wie der Gruppe Lies! verwendet wird.

Sure 8:55

Wahrlich, die schlimmsten Tiere vor Allah sind jene, die undankbar sind. Darum wollen sie nicht glauben - (Ahmadiyya, 1954)

Als die schlimmsten Tiere (dawaabb) gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden, - (Paret, 1966)

Die schlimmsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die Ungläubigen, die vorsätzlich nicht glauben wollen, (Maher, 1999)

Wahrlich, schlimmer als das Vieh sind Allah jene, die ungläubig sind und nicht glauben werden; (Rassoul, 1986)

Sure 98:6

Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und den Götzendienern, werden im Feuer der Hölle sind, um darin zu bleiben. Sie sind die schlechtesten Geschöpfe. (Ahmadiyya, 1954)

Diejenigen von den Leuten der Schrift und den Heiden, die ungläubig sind, werden (dereinst) im Feuer der Hölle sein und (ewig) darin weilen. Sie sind die schlechtesten Geschöpfe. (Paret, 1966)

Die Ungläubigen unter den Schriftbesitzern und die Anhänger der Vielgötterei aber gehören in die Hölle, in der sie ewig bleiben. Sie sind die schlimmsten Geschöpfe. (Maher, 1999)

Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und die Götzendiener werden im Feuer der Dschahannam sein; ewig werden sie darin bleiben; diese sind die schlechtesten der Geschöpfe. (Rassoul, 1986)

Sure 9:5

Und wenn die verbotenen Monate verfloßen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. Bereuen sie aber und verrichten das Gebet und zahlen die Zakat, dann gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig. (Ahmadiyya, 1954)

Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf (wa-q`uduu lahum kulla marsadin)! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet (salaat) verrichten und die Almosensteuer (zakaat) geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen! Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben. (Paret, 1966)

Wenn jedoch die vier heiligen Monate verstrichen sind, sollt ihr die Götzendiener, die das Bündnis gebrochen haben, wo immer ihr sie findet, bekämpfen, sie ergreifen, belagern und sie überall im Auge behalten. Wenn sie reuig ihren Unglauben aufgeben, das Gebet verrichten und die Zakat-Abgaben entrichten, laßt sie ihres Weges ziehen! Gottes Vergebung und Barmherzigkeit sind unermeßlich. (Maher, 1999)

Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf. Wenn sie aber bereuen und das Gebet verrichten und die Zakah entrichten, dann gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist Allvergebend, Barmherzig; (Rassoul, 1986)

Sure 4:34

Die Männer sind die Verantwortlichen über die Frauen, weil Allah die einen vor den andern ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, laßt sie allein in den Betten und straft sie. Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht keine Ausrede gegen sie; Allah ist hoch erhaben, groß. (Ahmadiyya, 1954)

Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Allah) demütig ergeben und geben acht mit Allahs Hilfe auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist. Und wenn ihr fürchtet, daß (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Allah ist erhaben und groß. (Paret, 1966)

Die Männer haben in voller Verantwortung für die Frauen aufzukommen, weil Gott den einen gegenüber den anderen Vorzüge gewährt hat und weil sie von ihrem Vermögen (das sie durch ihre Arbeit erworben haben) für die Familie ausgeben. Die guten Frauen sind gottergeben und verschweigen, was Gott zu verschweigen gebietet. Die Frauen, bei denen ihr fürchtet, sie könnten im Umgang unerträglich werden, müßt ihr beraten. Wenn das nichts nützt, dürft ihr euch von ihren Schlafstätten fernhalten; wenn das nichts nützt, dürft ihr sie (leicht) strafen (ohne sie zu erniedrigen). Haben sie sich gefügt, so dürft ihr nicht ungerecht sein. Bedenkt stets, daß Gott erhaben und mächtig ist! (Maher, 1999)

Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede. Wahrlich, Allah ist Erhaben und Groß. (Rassoul, 1986)

Sure 47:8

Die aber ungläubig sind - wehe ihnen! Er wird ihre Werke zunichte machen. (Ahmadiyya, 1954)

Diejenigen aber, die ungläubig sind, -nieder mit ihnen! Allah läßt ihre Werke fehlgehen (so daß sie damit nicht zum Ziel kommen). (Paret, 1966)

Über die Ungläubigen wird Unglück kommen, und Gott wird ihre Werke zunichte machen. (Maher, 1999)

Die aber ungläubig sind - nieder mit ihnen! Er läßt ihre Werke fehlgehen. (Rassoul, 1986)

Sure 9:123

O die ihr glaubt, kämpfet wider jene der Ungläubigen, die euch benachbart sind, und laßt sie in euch Härte finden; und wisset, daß Allah mit den Gottesfürchtigen ist. (Ahmadiyya, 1954)

Ihr Gläubigen! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind! Sie sollen merken, daß ihr hart sein könnt. Ihr müßt wissen, daß Allah mit denen ist, die (ihn) fürchten. (Paret, 1966)

O ihr Gläubigen! Kämpft gegen die Ungläubigen in eurer nächsten Umgebung, und laßt sie Härte in euch erkennen! Haltet an der Frömmigkeit fest und wisset, daß Gott mit den Frommen ist! (Maher, 1999)

O ihr, die ihr glaubt, kämpft gegen jene, die euch nahe sind unter den Ungläubigen, und lasset sie euch hart vorfinden; und wisset, daß Allah mit den Gottesfürchtigen ist. (Rassoul, 1986)

Sure 5:32

Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels verordnet, daß wenn jemand einen Menschen tötet - es sei denn für (Mord) an einem andern oder für Gewalttat im Land -, so soll es sein, als hatte er die ganze Menschheit getötet; (Ahmadiyya, 1954)

Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israel vorgeschrieben, daß, wenn einer jemanden tötet, (und zwar) nicht (etwa zur Rache) für jemand (anderes, der von diesem getötet worden ist) oder (zur Strafe für) Unheil (das er) auf der Erde (angerichtet hat), es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte. (Paret, 1966)

Deswegen schrieben wir den Kindern Israels vor, daß jeder, der einen Menschen tötet - es sei denn als Vergeltung für Mord oder Unheilstiftung auf Erden - gleichsam die ganze Menschheit tötet; (Maher, 1999)

Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, daß, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne daß dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne daß ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; (Rassoul, 1986)

Fazit

Bei genauerer Betrachtung der 4 Koran-Versionen zeigt sich: So unterschiedlich sind die verschiedenen Übersetzungen eigentlich gar nicht. Am ehesten fällt noch die von Moustafa Maher aus der Rolle. Sie gilt als eine der modernsten Übersetzungen, wird allerdings auch immer wieder für ihren Hang zur Beschönigung mancher Textstellen kritisiert.

Klar ist nach der Lektüre jedenfalls, dass sich zum Beispiel die oft als problematisch bezeichnete Übersetzung von Muhammad Rassoul, inhaltlich kaum von der wissenschaftlichen Übersetzung Rudi Parets unterscheidet, was Rufe nach einem Verbot der von Gruppen wie Lies! verteilten Korane entbehrlich macht.

Und noch eine andere Sache wird dadurch klar: Radikalisierung passiert nicht aufgrund einer bestimmten Koran-Übersetzung. Darin sind sich auch Experten und Islamwissenschafler einig. Es mache zwar einen Unterschied, ob etwa "Dschihad" mit "heiliger Krieg" oder "Bemühen" übersetzt wird; schlussendlich gehe es aber um die Auslegung und Interpretation des Textes, wie etwa der SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi 2015 in Richtung Integrationsminister Kurz erklärte: "Nicht die Übersetzung des Korans ist ausschlaggebend, sondern die Exegese und die Interpretation."

Es ist dasselbe wie bei gewalttäigen Videospielen und Filmen: Massenmörder oder Amokläufer mögen sich davon angezogen fühlen, aber sie machen aus dir noch lange keinen Massenmörder oder Amokläufer – jedenfalls nicht ohne zusätzliche Gehirnwäsche oder psychische Prädispisitionen.

Wer also im Koran etwa nach Suren sucht, die Gewalt, Krieg und Vertreibung rechtfertigen, der wird sicher fündig. Allerdings ist diese Suche nach einzelnen, aus dem historischen und inhaltlichen Kontext gerissenen Versen genau das, was im offenenen Brief von 120 islamischen Gelährten an den IS-Führer Abū Bakr al-Baġdādī kritisiert wird.

In dem Brief heißt es unter anderem: "Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren [...] Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten."

Paul auf Twitter: @gewitterland

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