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'Game of Thrones' war von Anfang an zum Scheitern verurteilt

Aber nicht die Showrunner haben das Fantasy-Epos vergeigt, sondern George R. R. Martin.

von Peter Slattery
21 Mai 2019, 5:35pm

George R. R. Martin: Wikimedia Commons | CC BY 4.0 || Daenerys mit freundlicher Genehmigung von HBO

Seit vergangener Woche fordert eine Petition an HBO, die achte Staffel Game of Thrones mit "kompetenten Autoren" noch einmal komplett neu zu machen. Fast 1,5 Millionen Menschen haben sie bislang unterzeichnet. Natürlich wird der Sender einen Teufel tun und eine ganze Staffel seiner gigantomanischen Eiszombie-Feuerdrachen-Serie neu drehen. Aber die Enttäuschung der Fans ist verständlich. Die letzten paar Folgen waren frustrierend, vorhersehbar und größtenteils unbefriedigend.

Was aber nicht nur an den Drehbuchautoren liegt. Die traurige Wahrheit ist: George R. R. Martin wird sein Werk mit den letzten beiden Büchern vielleicht nicht viel besser abschließen können als die Showrunner Benioff und Weiss mit der achten Staffel. Die Petition fordert von HBO, sich enger an die Bücher zu halten. Aber das wird Game of Thrones nicht retten. Denn in den Büchern selbst steckt der Wurm.


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Bevor ihr wutentbrannt "Dracarys" brüllt, lass mich die Sache kurz erklären:

In seiner Fantasy-Saga A Song of Ice and Fire stellt Martin seine Figuren vor ein gigantisches Problem: Wie übt man erfolgreich Macht aus – idealerweise auch noch gerecht –, ohne umgebracht zu werden? Es war cool, den Starks, Baratheons und Lannisters dabei zuzuschauen, wie sie es versuchten und immer wieder daran scheiterten.

Die Sache ist: Martin selbst hat bislang keine Antwort auf seine eigene Frage gefunden, keine seiner Figuren eignet sich dazu.

Entweder sterben sie, entwickeln sich nicht weiter oder werden von Menschen ersetzt, für die sich niemand interessiert. Genau wie die Serie scheinen auch die Bücher darauf hinauszulaufen, mithilfe ein paar praktischer Handlungskniffe und etwas Magie am Ende alles doch noch passend zu machen. Westeros ist eigentlich keine Welt, in der wir uns mit Gruppen von Außenseitern befassen, die gegen gesichtslose Monster-Handlanger eines eindimensionalen Bösewichts kämpfen. Aber am Ende war es genau das, womit HBO arbeiten musste.

Warum? Blicken wir einmal kurz zurück: King Robert stirbt, weil er ein inkompetenter Trunkenbold ist. Ned stirbt, weil er kein Gespür für Politik hat. Robb stirbt, weil er unfähig ist, die nötigen Opfer zu bringen. Joffrey stirbt, weil er ein Psycho ist. Und selbst Tywin, der sich zu 100 Prozent gerissen und rücksichtslos verhält, wird auf dem Klo mit einer Armbrust erschossen, weil er zu gemein zu seinem Sohn war. Diese Tode standen eindrucksvoll und unterhaltsam für die brutale Realität von Westeros. Es waren dramatische und berührende Augenblicke, in den Büchern wie in der Serie. Aber irgendwann verlieren auch die schockierendsten und unerwartetsten Figurentode an Kraft. Nach A Game of Thrones (Buch eins), A Clash of Kings (Buch zwei) und A Storm of Swords (Buch drei) hätte George R. R. Martin in seiner Geschichte zeigen müssen, wie die neue Generation mit der Macht umgeht. Aber dabei hat er versagt.

Stattdessen lässt er in A Feast for Crows (Buch vier) und A Dance with Dragons (Buch fünf) seine wichtigsten Figuren nach der alten Leier weitertanzen. Arya und Tyrion entfernen sich immer weiter von Westeros, vom Kontinent und seiner Politik. Daenerys scheint aus ihren Herausforderungen nicht viel zu lernen. Sie versagt beim Regieren ihrer Städte und kehrt dann Essos generell den Rücken zu. Auch wenn wir davon ausgehen dürften, dass Jon auch in den Büchern wieder aufersteht, wurde er abgestochen, weil er mit seiner Macht falsch umgegangen war. Er hatte seine engsten Anhänger verprellt, um sich auf langfristige Koalitionsbildung zu konzentrieren. Wenn er in The Winds of Winter (dem noch erscheinenden sechsten Band) zurückkehren darf, stellt sich die Frage: Was wird er gelernt haben?

Sansa verfügt in den Büchern über das größte Potenzial: Immerhin lernt sie in A Dance with Dragons im Vale einiges über Politik und Intrigen. Wenn sie in den kommenden zwei Büchern ihre neuentdeckte Macht verfeinert, könnte GRRM eine großartige Figur aus ihr machen. Aber es ist auch gut möglich, dass Sansa die gleiche unnötig brutale Tortur durchmachen muss wie in der Serie, wo sie dem kindlichen Sadisten Ramsay ausgeliefert ist.

Um die ganze Sache noch schlimmer zu machen, ersetzt Martin seine verstorbenen Hauptfiguren nicht mit neuen, die ähnlich vielschichtig sind. GRRM vergleicht seine Arbeit als Schriftsteller mit der eines "Gärtners", und weniger mit der eines Architekten. Er kenne die ganzen Highlights, habe sie aber noch nicht geschrieben. Stattdessen gehe er "von einer coolen Sache zur nächsten coolen Sache". Seine Herangehensweise verleitet ihn in den späteren Büchern auch dazu, Geschichten über immer mehr Figuren zu erzählen, die immer weniger mit den Starks und Lannisters zu tun haben, den faszinierendsten Leuten seines Fantasy-Universums.

In den Büchern sind die Boltons und die Freys im Grunde gefühllose Bösewichte ohne Tiefgang; sie tragen nicht wirklich etwas zur moralischen Struktur der Geschichte bei. Cersei mutiert in den späteren Büchern vollkommen zur Soziopathin. Ernsthaft, hat irgendjemand seit A Dance with Dragons noch mit ihr mitgefiebert? Martin führt die Intrigen der Greyjoys und Martells ein. Aber sind Machtspiele auf den Irons Islands und in Dorne nur halb so spannend wie die im Norden und auf Casterly Rock? Und dann entscheidet sich GRRM auch noch, nach Essos abzuschweifen für ein paar öde Kapitel, die nirgendwo hinführen. Wer interessiert sich schon für Volantis oder Jon Connington?

Genau das könnte Benioff und Weiss das Genick gebrochen haben. Die beiden Showrunner haben, ohne Martin auf sich allein gestellt, den ganzen Extrakram wieder rausgekürzt und die Serie für einen Showdown aufgestellt – wie ein Schachbrett, bei dem man alle Bauern und zweitrangigen Figuren entfernt hat. Das Ergebnis ist eine simplere und sterilere Fernsehversion von Martins ehemals unkonventioneller Fantasyerzählung, die in der finalen Staffel dann vollends aus dem Ruder läuft.

Blöderweise scheint GRRM in seiner eigenen Saga bislang auf keinen Showdown zuzusteuern. Für ein befriedigendes Ende in den Büchern muss eine der Figuren zu einem Robert the Bruce werden – einem Mittelalter-Politiker, der die richtige Balance zwischen aufrichtigem Gemeinschaftsgefühl, äußerster Rücksichtslosigkeit, Koalitionsfähigkeit, Loyalitätsbindung und charismatischem Führungstalent findet. Dany scheint dafür prädestiniert, kommt in Slaver's Bay aber nicht wirklich voran. Jon käme ebenfalls als Kandidat infrage, kriegt es aber im Norden schon nicht wirklich hin. Sansa hat viel Potenzial, konnte in den Büchern bislang allerdings noch keine wirkliche Macht ausüben.

Martin hat sich selbst in eine Ecke geschrieben. Auch wenn es für die Serie zu spät ist, bleibt etwas Hoffnung, dass GRRM in seinen letzten beiden Büchern ausklamüsert, wie er die Geschichte zu einem befriedigenden Ende bringt. So wie es jetzt aussieht, wäre es am aufregendsten, wenn die ganzen Nasen bei einem Bauernaufstand abgemurkst werden.

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