Liebe

Wie ich erkannt habe, dass ich beziehungsabhängig bin – und was ich dagegen tue

"Lass ihn zischen, gibt 'n Frischen" war lange mein Motto. Meine Partner mochte ich oft gar nicht.

von Sebastian Goddemeier; fotos von Yasmin Nickel
05 April 2019, 7:58am

Symbolfoto | Alle Fotos: Yasmin Nickel

Samstagabend. Er sieht gut aus. Der dunkle Dreitagebart gefällt mir, sportliche Figur, groß. Grauer Comme-des-Garçons-Sweater. Not bad.

Wie du dir sicher schon denken kannst, bin ich auf einem Date. Den Typen, den ich gerade treffe, habe ich vor drei Jahren kennengelernt. Damals auf einer Party. Heute treffen wir uns das erste Mal wieder. Über Grindr kamen wir vor einigen Tagen in Kontakt. Und nun sind wir im Kino im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und schauen Bohemian Rhapsody.

Das mit dem Daten ist so eine Sache. Meine letzten Beziehungsversuche scheitern. Ein paar Monate treffe ich jemanden, scheitere und suche dann wieder nach jemand Neuem.

Meine Probleme versuchte ich zweieinhalb Jahre mit einer Psychoanalyse in den Griff zu bekommen. Die Therapie müsste doch etwas gebracht haben, dachte ich, nachdem ich sie beendet hatte, und wagte mich nach einer kurzen Abstinenz wieder in die Dating-Welt. Erst war ich nur auf Tinder, dann auch auf Grindr. Eigentlich mag ich Dating-Apps nicht. Das Klischee, dass sich dort nur emotional Bedürftige herumtreiben, stört mich. Das ganze Thema ist mit Scham besetzt. Zeitweise machte ich Scherze wie: "Man packt doch auch keinen Sticker auf einen Bentley." Haha. So nach dem Motto: Als ob ich auf eine Dating-App gehöre.

Das Lachen verging mir spätestens nach dem oben angerissenen Date. Denn mir wurde etwas bewusst: Ich bin beziehungsabhängig. Dazu aber später mehr. Erst einmal die Geschichte:

Das Date läuft gut, der Film war schön. "Noch auf einen Drink?", fragt er nach dem Kino und ich nicke. Mit jedem Schritt merke ich, wie ich verkrampfe.


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Vorspulen: Nach der Bar, vor seiner Tür. "Möchtest du noch mit hochkommen?" Nein, denke ich und höre mich "Ja" sagen. Schnell schiebe ich ein "Aber nicht lang!" hinterher. Sein Blick sagt, was mein Kopf schreit: "Ja, ja, ist klar. Als ob."

Ich fühle mich direkt schlecht. Ich wollte eigentlich nach Hause fahren und ins Bett gehen. Ich bin müde. Nun steigen wir die Treppen empor in den vierten Stock. Schon den ganzen Abend über bin ich verkrampft. Denke über jeden Satz, den ich sagen möchte, ewig nach. Allein die Wahl meines Outfits hat Stunden gebraucht. Ich wollte ihm um jeden Preis gefallen.

Seine Wohnung wirkt wie leergefegt. Außer dem Bett steht nur ein Sideboard in seinem Schlafzimmer. Mir wird kalt. Er scheint es zu merken und fragt: "Kuscheln?"

Wir legen uns hin. Fühlt sich komisch an. Zu schnell, zu nah. Dennoch lasse ich mich darauf ein. Die Stunden vergehen. "Schläfst du hier?", fragt er um 4 Uhr morgens.

Um 10 Uhr haben wir Sex. Wollte ich auch nicht. Fühlt sich auch komisch an. Aber wenn man schon einmal da ist, kann man das doch mitnehmen. Oder? ODER???

12 Uhr. "Nächster Halt: Gesundbrunnen", tönt die Ansage der S-Bahn. Ich fühle mich scheiße. Irgendwas wurde in mir getriggert, was sich nicht gesund anfühlt. Mit jeder Station der S-Bahn werde ich trauriger. Ich frage mich, woher das kommt. Nach einem Date sollte man sich doch gut fühlen? Und ich mag ihn. Er ist nett, liebevoll und aufmerksam. Wo ist also das Problem?

Die Diagnose: "Du bist beziehungsabhängig"

Die Antwort darauf gab mir Moderatorin Paula Lambert. Knapp fünf Monate vor besagtem Date mit Marc hatte sie mich in ihrem Podcast zum Thema Beziehungen interviewt. "Du bist beziehungsabhängig", diagnostizierte sie und ich überhörte es galant.

Einen Monat nach dem Interview, in dem ich noch von Selbstliebe und einem neuen Single-Ich sprach, verlor ich mich in einer vermeintlichen Beziehung, die keine war. Mit jemandem, den ich eigentlich nicht mochte. Sowas merke ich oft leider erst hinterher. Zu sehr verliebe ich mich immer wieder in die Idee von jemandem. Ich jauchze schon nach dem ersten Tag mit jemand Neuem wie ein Mariah-Carey-Song vor mich hin und vergesse alles, was mich ausmacht und was ich eigentlich möchte. Ich passe mich an den anderen an und tue alles, damit er mich nicht verlässt. Ich weiß nämlich, was ich nicht möchte: allein sein.

Etwas lustig ist es schon, dass dieser jemand zu allem Überfluss auch noch nach zwei Monaten mit mir Schluss gemacht hat. "Ich kann dir nicht geben, was du brauchst", ist einer dieser Sätze, die ich schon mehrfach gehört habe. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben, diesmal sollte es klappen. Doch das tat es nicht. Schon als ich Marc traf, schmerzt es mich in der Brust. Ich verkrampfte, weil meine Erwartungen so hoch waren. Ein normales, lockeres Date war nicht möglich. Meine Bedürftigkeit stand mir im Weg. Ich lasse mir keine Zeit zwischen Beziehungen. Ich verliere mich jedes Mal.

Und nun stehe ich in der S-Bahn, traurig wie die Jungs von Tokio Hotel, wenn sie ihre Plattenverkaufszahlen checken, und denke an den Satz von Paula Lambert: Du bist beziehungsabhängig. Heilige Scheiße. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass da etwas nicht stimmt. Während meiner Therapie ist das Thema öfter aufgekommen, so drastisch wurde das Problem aber nicht benannt: Ich bin beziehungsabhängig.

Zu Hause angekommen, google ich, was diese Diagnose bedeutet und lande auf einer Seite, die die Charakteristika von Menschen auflistet, die abhängig von Beziehungen sind (PDF):

1. Sie haben wenige Grenzen und bauen sexuell und/oder emotional eine Bindung zu jemandem, den sie kaum oder gar nicht kennen.

2. Sie haben Angst vor Zurückweisung und Einsamkeit. Aus dieser Angst heraus begeben sie sich zurück in schmerzvolle, destruktive Beziehungen, um die eigene Bedürftigkeit zu kaschieren.

3. Sie haben Angst vor emotionalem oder sexuellen Mangel, was dafür sorgt, dass sie sich von einer Beziehung in die nächste begeben. Manche Betroffene haben mehrere Beziehungen gleichzeitig.

4. Sie verwechseln Liebe mit Bedürftigkeit, sexueller Anziehung, Mitleid oder dem Bedürfnis, gerettet zu werden.

5. Sie fühlen sich leer und unkomplett, wenn sie allein sind. Obwohl sie Angst vor Beziehungen haben, suchen sie diese immer wieder und suchen Nähe zu Personen, die emotional unerreichbar sind.

Das so geballt zu lesen, tut weh. Ich denke über die unterschiedlichen Anzeichen nach und lasse meine letzten Romanzen Revue passieren. Das Gefühl der Traurigkeit wird immer intensiver. Ich versuche mich mit Musik abzulenken, putze die Wohnung – aber nichts hilft. Ich fange plötzlich an zu weinen und komme mir gänzlich dämlich vor. War doch nur ein Date.


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Ich setze mich kurz hin und horche in mich hinein. In mir schreit mein inneres Kind, das seit Jahren hofft, dass da jemand ist, der mich einfach nur liebt und mir unangenehme Gefühle abnimmt, wie Einsamkeit oder Traurigkeit. Die Charakteristika treffen auf mich zu. Ich bin beziehungsabhängig. Was kann ich dagegen tun?

Auf YouTube finde ich dämlich dreingrinsende Hobby-Psychologen, die mit Titeln wie "So löst du emotionale Abhängigkeiten und gewinnst DEINE Freiheit!" auf Klickfang gehen. Hilfreich sind diese Videos nicht. Ich kann mich mit den YouTubern nicht identifizieren und die Lösungsvorschläge klingen nach Küchenpsychologie.

Keine Dates. Keine Dating-Apps. Kein Sex.

Ich frage bei Anne Brandenburg nach. Die Psychologin gibt mir folgenden Tipp: "Der erste Schritt aus der Abhängigkeit ist der, dass das Problem erkannt wird." Habe ich gemacht. Und nun? Brandenburg erklärt, dass Betroffene in einer abhängigen Beziehung dazu neigen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse entweder nicht wahrzunehmen oder tatsächlich zu vergessen. Auf diese solle man sich wieder besinnen, wenn man bemerkt, dass man ein Problem hat.

Alles, was ein gutes Gefühl gibt, kann süchtig machen, erklärt sie – so auch das Verliebtsein. "Bei jeder Handlung sollte geschaut werden, mach ich das jetzt für mich?" Auch die eigenen Bedürfnisse und Wünsche an den Partner seien wichtig. Wie sollte er oder sie als Person sein, sodass wir zusammenpassen? "Wahrscheinlich ist es etwas besser möglich, sich dieser Wünsche und Vorstellungen bewusst zu werden, wenn man auf sich gestellt ist. Wie bei anderen Abhängigkeiten ist ein Entzug angebracht."

Ein Entzug also. Keine Dates. Keine Dating-Apps. Kein Sex. Kein Partner auf Zeit. Mir wird bewusst, dass ich jedes Mal, wenn ich eine Dating-App benutze, wahnsinnig nervös werde. Ich spiele Tinder wie ein Spiel. Schaue mir die Profile nicht so richtig an. Wische hin und her – auf der Suche nach … ja, was denn eigentlich?

"Wir suchen uns Partner aus, die den Beziehungen unserer Kindheit entsprechen, also denen zu unseren Bezugspersonen, wie den Eltern", erklärt Brandenburg.

Bei meiner Recherche finde ich die Seite des Berliner Diplom-Psychologen Volker Drewes, auf der er den möglichen Ursprung von Abhängigkeiten in Beziehungen erklärt: "Die Art und Weise, wie die nahe Bezugsperson (meistens die Mutter) auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht (oder auch nicht eingeht), hat eine bedeutsame Wirkung auf die Beziehungsfähigkeit des Erwachsenen. Aus fehlender Zuneigung in der Kindheit kann ein ständiger Zuneigungshunger bis in das Erwachsenenalter hinein resultieren."

Was nicht passt, kann auch nicht passend gemacht werden

Solche Erfahrungen hat auch Paula Lambert gemacht, die ich nach meinem Date mit Marc kontaktiere. "In meiner Kindheit wurde ich stark vernachlässigt", berichtet sie, "ich kann die Ursachen meiner eigenen Beziehungsabhängigkeit also ganz klar ausmachen. Das Gute: Beziehungsabhängigkeit ist heilbar."

Ich möchte mehr über ihre Geschichte hören – und wieso sie mir dieselbe Diagnose gestellt hat. "Als ich ungefähr 18 bis 24 Jahre alt war, habe ich wahnhaft Partner gesucht, die mir bestätigen, dass ich liebenswert bin. Das Problem daran ist allerdings: Wenn du dich selbst nicht liebst, dann findest du schwer jemanden, der es trotzdem tut." Sie habe daraufhin versucht, sich bei Männer anzubiedern und irgendwie "passend" zu machen. Allerdings seien das oft Kerle gewesen, die kein emotionales Interesse an ihr hatten. "Schön war das nicht, vor allem, weil ich innerlich einsamer und einsamer wurde."

Paula flüchtete sich in eine lange Beziehung, um nicht allein mit sich selbst zu sein. "Als diese endete, war mir klar, dass etwas in meinem System nicht stimmt. Weil ich eben unbewusst geglaubt habe, dass ich nur etwas wert bin, wenn ich einen Partner habe." Damit beschreibt sie genau die Charakteristika, die ich zuvor gefunden habe. Aber wie hat sie es aus der Abhängigkeit geschafft? "Wenn Ängste hochkamen, wie 'er verlässt mich für eine andere', 'in Wahrheit will niemand mit mir zusammen sein' und so weiter, dann habe ich mir angeschaut, woher die Angst kam und ob sie in der Realität verankert ist – was sie nie war. Und so kommt man da raus."

Was Paula beschreibt, kenne ich aus meiner eigenen Geschichte. Immer wieder habe ich versucht, mich anzupassen. Ängste kamen hoch, bestimmten mein Handeln und meine Emotionen. "Bei dir fielen mir ähnliche Muster auf, wie ich sie früher gezeigt habe. Dieser fehlende Blick für den richtigen, den liebenden Menschen, dieses ständige Passendmachen ... so findet man kein Glück", erklärt Paula. Man müsse sich selbst glücklich machen und sich dann jemanden suchen, der auch glücklich ist und mit dem man gemeinsam Zeit verbringen möchte.

Die Punkte, die sie nennt, führt auch Howard M. Halpern in seinem Buch Liebe und Abhängigkeit auf. Darin erklärt er, wie es zu einer Beziehungsabhängigkeit kommt: "Hinter all diesen Reaktionen und den im wesentlichen ähnlichen Abhängigkeitsformen […] steht das Gefühl der Unvollständigkeit, Leere, Verzweiflung, Trauer, des Verlorenseins und die Überzeugung, nur durch die Verbindung zu irgendetwas oder zu irgendjemandem außerhalb der eigenen Person Heilung und Vervollständigung […] finden zu können."

Das erklärt auch den Druck, den ich auf Dating-Apps oder bei Dates empfinde. Dieser Jemand oder dieses Etwas wird zum Lebensmittelpunkt – und ein Beziehungsabhängiger ist bereit, sehr viel Schaden in Kauf zu nehmen, nur um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Allerdings nimmt man sich damit auch jegliche Freiheiten, die eine Beziehung lebendig machen. Ein Zwang entsteht. Man liebt die Person nicht aus eigener Wahl, sondern aus dem Zwang der Abhängigkeit. Das ist toxisch.

Wie jemand, der an der Flasche hängt, hänge ich an Beziehungen – auch wenn diese schlecht für mich sind. Auf der einen Seite fühle ich beim Gedanken an das Ende einer Beziehung eine gewisse Niedergeschlagenheit, auf der anderen Seite löst sich diese ziemlich schnell mit einem Gefühl der Befreiung ab. Eine Zeit lang geht es mir gut, bis der Hunger nach Zuneigung sich wieder meldet und der Teufelskreis von vorne beginnt.

"Menschen mit abhängigen Persönlichkeitszügen neigen dazu, von einer Beziehung in die nächste zu rutschen. Da steckt die Kopplung zum Selbstwert sehr im Vordergrund. Also in dem Sinne, dass man nur glaubt, liebenswert zu sein, wenn man von jemand anderem geliebt wird", ergänzt Anne Brandenburg.

Allein zu sein, kann wehtun – ist aber notwendig

Ich habe vor Kurzem damit angefangen, mir meine Freundschaften genau anzusehen. Ist dieser Freund jemand, den ich wirklich mag, oder möchte ich einfach nicht allein sein? Das erkenne ich oft daran, dass ich sauer werde, wenn die Person nicht sofort für mich verfügbar ist. Ähnlich ist es mit Dates. Wieso gehe ich jetzt auf dieses Date? Möchte ich nicht allein sein, oder habe ich wirklich Lust, diesen Typen kennenzulernen? Das ist verdammt schwer, denn manchmal mischen sich verschiedene Motivationen, wie Angst und Verlangen.

In die Abhängigkeit führt mich die Angst jedoch nur, wenn sie zu stark wird. So stark, dass ich die Fähigkeit, in meinem eigenen Interesse zu handeln, unterdrücke.

Wie man es da rausschafft, erklärt auch Halpern in seinem Buch: "Du wirst Angst haben vor dem ewigen Schmerz, vor der ewigen Einsamkeit. Aber das ist nur die kindliche Sichtweise der Zeit, als du noch klein und abhängig von Mutter und Vater warst. Als Erwachsener kann ich dir versichern: Es gibt ein Morgen, und ich verspreche dir, dass du dich wieder besser fühlen wirst."

Mein Problem ist, dass solche Lösungsansätze wahnsinnig toll und logisch klingen, die Umsetzung aber extrem hart ist. Anne Brandenburg gibt etwas praktischere Tipps: "Man sollte sich selbst reflektieren. Zum Beispiel Tagebuch führen." Also das tun, was Paula Lambert auch getan hat. "In Beziehungen ist es wichtig, sich selbst nicht in Kompromissen zu verlieren." Das erfordere Ehrlichkeit zu sich selbst und seinem Partner.

Sie gibt mir ganz praktische Fragen mit: "Woran würdest du merken, dass du in alte Muster verfällst? Meldest du dich lange nicht mehr bei Freunden? Gibst du deine Hobbys auf?" Wenn das passiert, soll ich es wahrnehmen und einschreiten. Wer nicht gerne Tagebuch führt, kann in größeren Städten in Support-Gruppen Hilfe finden, etwa bei den "Sex and Love Addicts Anonymous", sagt sie, "so wie in der Netflix-Serie Love".

Man muss sich von Verhaltensmustern frei machen, die in der Kindheit erlernt wurden. Das ist Arbeit. Und tut weh. Es heißt nicht umsonst "Wachstumsschmerz". Was darin jedoch enthalten ist, und das ist wichtiger als der Schmerz, ist das Wachstum. Das möchte ich. Wachsen. Damit ich irgendwann in der Lage sein werde, gesunde Beziehungen zu führen und bei mir zu bleiben. Nicht abhängig von jemand anderem. Und so schnulzig es auch klingen mag: Ich möchte mich selbst lieben.

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