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So sehen Landschaften aus, die "Death Metal" sind

Mit einer Kamera, einem Blitz und einem Objektiv verändern eine Fotografin und ein Fotograf aus Schweden das Angesicht der Erde.

von Inka und Niclas Lindergård
13 Jänner 2017, 8:34am

In einem anderen Jahrhundert würde man Inka und Niclas Lindergård vielleicht der Hexerei bezichtigen. Sie scheinen in der Lage zu sein, die Erde selbst zu beeinflussen, mit unmöglichen Phänomenen wie Nordlichtern, die in einem Höhleneingang erscheinen. Doch hier ist keine Zauberei im Spiel, nicht einmal digitaler Art. Inka und Niclas schwören, dass ihre einzige magische Kraft unerschütterliche Geduld ist. Müsste man ihre Fotos einordnen, dann würden sie wohl in der Kategorie "Landschaftsfotografie" landen. Zwar fotografieren sie wirklich Landschaften, doch die Bezeichnung wird ihrer Arbeit kaum gerecht. Sie folgt keiner Tradition.

Wer einen Blick in ihren zweiten Fotoband wirft, wird das zweifellos erkennen. Der Titel, The Belt of Venus and the Shadow of the Earth, kommt von einem der meistfotografierten Motive der Welt: dem Sonnenuntergang. Der "Belt of Venus" oder Venusgürtel ist das rosa- bis orangefarbene Band, das bei Sonnenauf- und -untergang über dem Horizont erscheint. Der "Shadow of the Earth" oder Erdschattenbogen ist der Schatten der Erde, der in die Atmosphäre projiziert wird. Zusammen ergeben die beiden Bögen den wunderschönen Farbverlauf von rosa nach blau, den wir vom Sonnenuntergang kennen.

Inka und Niclas sind nicht nur nette Foto-Profis, sondern auch erstklassige Geschichtenerzähler. Hier teilen sie mit uns, wie sie einander kennengelernt haben, warum ihr Aufenthalt in einem tansanischen Kaffeefeld ihr Leben verändert hat, und welche Landschaften die schönsten der Welt sind.

The Belt of Venus and the Shadow of the Earth gibt es hier als gebundene Ausgabe.

VICE: Wann habt ihr euch kennengelernt?
Inka und Niclas:
Wir haben uns 2005 in Südschweden kennengelernt, als wir beide Fotografie studiert haben. Niclas kam aus Nordschweden und hatte vorher in der Stahlindustrie gearbeitet. Er stand auf 80er-Metal und hatte den passenden Haarschopf. Inka stand auf alte fotografische Prozesse, war als Vegetarierin großgezogen worden und nähte sich ihre eigene Kleidung, die so ein bisschen Hippie-Oma-Stil hatte. Wir fanden einander gegenseitig irgendwie seltsam und interessant. Unsere Wohnungen lagen wirklich nah aneinander, also haben wir in diesem winzigen Dorf angefangen, viel Zeit miteinander zu verbringen.

Und wann seid ihr zusammen kreativ geworden?
Wir fingen an, darüber zu sprechen, nach dem Abschluss ein Projekt zusammen zu machen. Gleichzeitig sind wir auch zum Paar geworden. Wir haben einander während des Studiums viel geholfen und kannten die Arbeit des oder der anderen sehr gut. Dann haben wir vor Jahren einen Freund in einem ganz einfachen Häuschen weit draußen in einem Kaffeefeld in Tansania besucht. Das Licht in dem Haus war von einer Autobatterie gespeist und wenn eine Person duschen wollte, musste jemand anderes mit so etwas wie einem Stepper pumpen. Von der Veranda konnten wir hoch zum Kilimandscharo schauen.

Am Ende sind wir drei Monate lang geblieben und haben einfach jeden Tag gearbeitet. Wir beschlossen, jede noch so kleine Idee auch umzusetzen und so herauszufinden, wie wir als Duo funktionieren. Am Ende verwendeten wir vielleicht vier oder fünf der Tausenden Fotos, die wir in dieser Zeit geschossen hatten. Das ist inzwischen etwa neun Jahre her, und heute wissen wir schon gar nicht mehr, wie wir ohne einander arbeiten sollen.

Viel von eurer Arbeit in The Belt of Venus and the Shadow of the Earth sieht aus, als könnte es nie im Leben ein natürliches Phänomen sein. Erzählt ein bisschen mehr darüber, wie ihr technisch diese Bilder hinkriegt.
Wir haben immer nur einfache Ausrüstung. Wir besitzen eine normale digitale Spiegelreflexkamera, ein Speedlight und ein Objektiv. Es ist keine große Produktion mit sechs Blitzgeräten und einer Windmaschine. Es geht darum, viel mit wenig zu erreichen, und auf die richtigen Umstände zu warten, ist ein großer Teil des Vorgangs. Es ist so ein großartiges Gefühl, wenn alles perfekt zusammenkommt und das Foto zu etwas Größerem wird, als wir beide es hätten planen können.

Viele der Werke in dieser Reihe drehen sich um performative Handlungen, die nur durch das Foto erfahrbar sind. Alles, was man in den Bildern sieht, geschieht auch im Moment der Belichtung. Wir sehen unsere Handlungen—wie Puder in den Wind schmeißen, eine Ast-Skulptur bauen oder Licht auf bestimmte Steine fallen lassen—als eine Performance, die in Verbundenheit mit der Landschaft, den Elementen und der Kamera passiert. Wir erforschen gern die Rolle der Kamera als Brücke zwischen der physischen und der fotografischen Welt.

Angesichts der Art von Arbeit, die ihr macht, sollte ich euch fragen: Wo sind die schönsten Orte der Erde?
Island im Allgemeinen, aber vor allem [der Gletschersee] Jökulsárlón und der schwarze Strand voll mit gestrandeten Eisbergen. Wir waren schon viermal dort und jedes Mal war es wieder magisch.

Dann Koekohe Beach in Neuseeland. Als wir dort ankamen, gab es diesen total magischen, nebligen, gold- und rosafarbenen Himmel. Wir rannten sofort panisch herum, stellten alles auf und schossen Bilder, weil wir dachten, es würde nur noch zehn Minuten so bleiben. Nach einer Stunde war das Licht noch immer dasselbe, also haben wir durchgeatmet und angefangen, richtig zu überlegen, was wir machen wollen. Wir machten noch etwa eine Stunde weiter und das Licht blieb immer noch genau gleich, wie ein Sonnenaufgang, der im perfekten Augenblick eingefroren wurde. Also arbeiteten wir den ganzen Tag, bis wir völlig erschöpft waren, und langsam wurde der perfekte Sonnenaufgang zum perfekten Sonnenuntergang. Es fühlte sich surreal an.

Drittens: Glacier Point im Yosemite-Nationalpark [in Kalifornien], bei Sonnenuntergang. Es sind immer viele Leute dort, weil der Ort so berühmt ist, aber das hat eben auch seine Gründe. Außerdem wäre diese Aufzählung nicht vollständig ohne die Lofoten in Norwegen und die Drei Zinnen in den Dolomiten.

Ihr fotografiert die Natur, aber eure Fotos wirken irgendwie nicht von dieser Welt. Habt ihr euch im Laufe eures Lebens mit Okkultismus beschäftigt?
Wir sind schon immer fasziniert vom Mysterium Natur, und wir haben Beweise für das Mystische überall gesucht: in der nordischen Mythologie, heidnischen Religionen, sogar in spirituellen Postkarten aus Souvenirläden. Wir sind definitiv interessiert an der Ästhetik und dem Ritualistischen der Okkultisten. Wir nennen oft ein Foto oder eine Landschaft "Death Metal", und das meinen wir sehr positiv.

Was steht für euch als Nächstes auf dem Plan? Auf welche Arbeit freut ihr euch für 2017?
Wir stellen im Februar in Rotterdam aus und haben auch gerade erfahren, dass wir eventuell im Januar einen Shoot in Mexiko haben. Ansonsten haben wir eben unseren zweiten Fotoband The Belt of Venus and the Shadow of the Earth veröffentlicht. Jetzt sind wir also erst einmal nackt. Alles, was uns wichtig ist, und was wir behalten haben, ist veröffentlicht. In gewisser Hinsicht haben wir jetzt einen Neuanfang. Das ist sowohl spannend als auch ein bisschen beängstigend. Im Moment arbeiten wir an fotografischen Skulpturen—wir biegen Fotos auf dreidimensionale Gipsformen und verschmelzen unsere Bilder mit natürlichen Objekten. Das ist eine ziemlich neue Richtung für uns.

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