Wir haben mit Leuten gesprochen, die Geld verdienen, während sie um die Welt reisen

"Ich mache den gleichen Job wie früher, nur eben von Thailand, Bali oder Marokko aus."

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Nov. 23 2016, 5:00am

Wenn du professioneller YouTuber, Webdesigner, SEO-Experte, Programmierer, E-Commerce-Guru oder Food-, Fashion-, Reise- oder Sonstwas-Blogger bist, dann brauchst du diesen Text nicht zu lesen. Denn offensichtlich hast du schon einen Job, mit dem du um die Welt reisen und dabei dein Geld verdienen kannst. Good for you—und trotzdem danke fürs Draufklicken!

Digitalnomaden tapsen nicht durch den dunklen, regnerischen Novembermorgen, stehen eingequetscht in der U-Bahn, bis sie um 18 Uhr das Büro wieder verlassen können. Sie arbeiten, wo es ihnen gefällt—und wo es gutes WLAN gibt. Das Digitalnomadentum ist eine verdammt clevere Errungenschaft unserer Zeit: Dank des Internets haben nicht mehr nur Roman-Bestsellerautoren oder Mangos pflückende Work-and-Travel-Maturanten in Australien die Möglichkeit zu arbeiten und zu reisen.

Nun seufzen die meisten und sagen: "Mit meinem Job geht das aber nicht." Tatsächlich haben die meisten Digitalnomaden klassische Nerd-Jobs. Aber mal ehrlich, wie viele Menschen sind schon professionelle Blogger? Aber warum sollen Anwälte, Psychologen oder Architekten ihren Job nicht über Skype machen können? Wir haben mit Leuten geredet, die ihre normalen Jobs ins Internet geschubst haben und seitdem um die Welt reisen.

Sonia: "Ich will mit meinem Business nicht reich werden, seit ein paar Monaten kann ich davon leben und und das reicht mir." | Foto: privat

Sonia, 34, Psychologin, zurzeit in Adelaide, Australien

Ich habe Psychologie studiert und zu Stress bei depressiven Kindern und Jugendlichen promoviert. Danach brauchte ich dringend eine Auszeit und bin ein Jahr auf Weltreise gegangen. Eigentlich war der Plan, dass ich danach nach Deutschland zurückgehe und meine eigene Psychotherapie-Praxis eröffne. Aber dann habe ich unterwegs eine Frau kennengelernt, die mir ganz selbstverständlich erzählte, dass sie auch während ihrer Reise Sitzungen mit ihrer Psychologin hat—über Skype. In diesem Moment habe ich mich gefühlt, als hätte mir jemand im Kopf ein Licht angeknipst. Statt nach Deutschland zurückzugehen, habe ich eine Webseite gestartet und biete jetzt seit einem Jahr psychologische Beratung über Videochat an.

Psychotherapie darf man in Deutschland, wo mein Business gemeldet ist, nicht online anbieten, psychologische Beratung geht aber. Meine Arbeit unterscheidet sich auch stark von der in einer klassischen Praxis. Ich nehme keine Klienten an, die schwer traumatisiert sind oder akute psychische Krisen haben. Denn online gehen viele kleine Gesten verloren: Ich kann niemanden durch den Bildschirm ein Taschentuch reichen. Außerdem ist es für die Menschen leichter, eine Sitzung per Knopfdruck abzubrechen, als aus einer Praxis zu stürmen—und das ist ja nicht Sinn einer Therapie.

Darum kümmere ich mich hauptsächlich um Klienten mit Zukunftsängsten oder Beziehungsproblemen. Viele nutzen auch die Möglichkeit, anonym zu bleiben, indem sie bei den Sitzungen das Video auslassen oder sich per E-Mail oder Chat eine rein schriftliche Beratung wünschen. Gerade bei schweren sexuellen Problemen, über die man sich vielleicht nicht traut, mit jemandem offen zu sprechen.

Allerdings müssen meine Kunden alles selbst bezahlen, die Krankenkasse gibt für Online-Beratung nichts dazu. Aber weil ich keine Kosten für eine Praxis habe, nehme ich für eine Sitzung rund 50 Euro, bei klassischen Psychotherapeuten liegt der Preis bei über 80 Euro. Ich will mit meinem Business nicht reich werden, seit ein paar Monaten kann ich davon leben und und das reicht mir. Außerdem macht mir die Arbeit mehr Spaß als zu Hause: Statt sechs Therapietermine am Tag zu haben, mit nur jeweils zehn Minuten Pause zwischen den Gesprächen, kann ich mir die Termine frei einteilen.

Andreas: "Die Arbeit ist nicht mehr der Mittelpunkt meines Lebens, sondern nur das Mittel, um mir meine Reisen zu finanzieren." Andreas im rumänischen Gebirge | Foto: privat

Andreas, Rechtsanwalt, 41, zurzeit in Peru

Ich bin seit fünf Jahren als digitaler Nomade unterwegs, mittlerweile war ich in 51 Ländern, wenn ich richtig gezählt habe. In Deutschland habe ich über sieben Jahre als Rechtsanwalt gearbeitet, ich hatte sogar meine eigene Kanzlei. Aber irgendwann hatte ich es satt, immer die gleichen Probleme anderer Leute zu lösen. Die Arbeit ist heute nicht mehr der Mittelpunkt meines Lebens, sondern nur das Mittel, um mir meine Reisen zu finanzieren. Ich kann natürlich jetzt niemanden als Rechtsanwalt vor einem Gericht in Berlin vertreten, wenn ich gerade im rumänischen Gebirge unterwegs bin. Darum kann ich nur noch Fälle annehmen, die ich aus dem Ausland betreuen kann.

Ich habe lange und intensiv im internationalen Familienrecht gearbeitet, besonders, was Scheidungen und Sorgerechtsfälle angeht. Darum bin ich in dem Bereich bekannt und es gibt Mandanten, die mich für eine reine Beratung per Mail bezahlen, obwohl ich sie später nicht vertreten kann. Außerdem kümmere ich mich um Fälle, die generell nicht vor Gericht gehen. Ich berate zum Beispiel die Nachfahren von deutschen Auswanderern in Südamerika, die möglicherweise einen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft haben und diese beantragen möchten. Manchmal übernehme ich außerdem juristische Übersetzungen.

Alles in allem verdiene ich zwischen 500 und 1.000 Euro im Monat. In Tokio oder New York könnte ich damit nicht leben, aber für die Länder, in denen ich hauptsächlich unterwegs bin, reicht das locker. Wenn ich genug verdient habe, verschwinde ich gerne mal ein paar Wochen zum Wandern in den Dschungel und bin für nichts und niemanden zu erreichen. Oder ich blogge über meine Reisen. Am liebsten würde ich eigentlich ein Buch schreiben. Auch wenn ich mit so einer kreativen Arbeit viel weniger verdienen würde als als Jurist.

Vera: "Ich mache den gleichen Job wie früher, nur eben von Thailand, Bali oder Marokko aus." | Foto: Privat

Vera, 37, Virtuelle Assistentin, zurzeit auf Teneriffa

Ich arbeite als Virtuelle Assistentin. Briten oder Amerikanern muss ich nie erklären, was das ist, aber in Deutschland oder Österreich ist dieser Job ziemlich unbekannt. Aber wenn ich dann erzähle, was ich mache, bekomme ich oft eine Visitenkarte in die Hand: "Genau so jemand wie Sie brauchen wir." Denn einfach gesagt nehme ich nervige, zeitraubende Arbeit ab, für die es sich aber nicht lohnen würde, extra jemanden einzustellen.

Ich betreue Facebook-Seiten, pflege Blogs oder Webseiten, helfe bei der Buchhaltung oder übernehme Aufgaben im Projektmanagement. Manchmal erledige ich auch klassische Sekretariatsaufgaben und beantworte E-Mails oder buche Flüge und Hotels. Ich bin also quasi ein digitales Mädchen für alles, das den Auftraggebern den Rücken für andere Aufgaben freihält. Im Augenblick habe ich fünf feste Kunden, für die ich jeden Tag arbeite und ein paar, die ab und zu Aufträge senden. Bezahlt werde ich pro Stunde oder pro Projekt.

Eigentlich bin ich Diplomkommunikationswirtin und war lange Angestellte in PR-Agenturen. 2013 habe ich mir dann eine sechsmonatige Auszeit auf Teneriffa genommen—und danach wollte ich einfach nicht mehr zurück. Darum habe ich nach Möglichkeiten zum ortsunabhängigen Arbeiten gegoogelt und habe so den Job als Virtuelle Assistentin entdeckt.

Am Anfang hat es etwas gedauert, mir einen Kundenstamm aufzubauen, aber mittlerweile kann ich gut davon leben und mir die Aufträge aussuchen. Lustigerweise ist einer meiner Kunden sogar mein früherer Arbeitgeber. Das heißt, ich mache den gleichen Job wie früher, nur eben von Thailand, Bali oder Marokko aus. Gerade bin ich nach acht Monaten mit dem Rucksack zurück auf Teneriffa. Mal sehen, vielleicht richte ich mir hier eine Homebase ein.

Tim: "Ein Tag ist nicht nur dann erfolgreich, wenn man acht oder neun Stunden vor dem Rechner sitzt." | Foto: Katrin und Sandra Müller

Tim, 36, Architekt, zurzeit in Chiang Mai, Thailand

Ein Tag ist nicht nur dann erfolgreich, wenn man acht oder neun Stunden vor dem Rechner sitzt. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich für mich gelernt habe, seitdem ich als Digitalnomade unterwegs bin. Die Idee des Acht-Stunden-Tages hat sich für mich komplett erledigt. Meine Arbeit und mein Leben fließen ineinander über, denn ich habe mir meine Arbeit eigentlich wieder zum Hobby gemacht.

Ich bin seit fünf Jahren unterwegs, vorher habe ich in Berlin als festangestellter Architekt und Projektmanager im Bauwesen gearbeitet. Ein wirklich gut bezahlter Job, aber gerade als Projektmanager hängt man fast nur im Büro. Und das hat mir mit jedem Jahr weniger Spaß gemacht, obwohl ich meinen Job eigentlich liebe. 2011 habe ich mich selbstständig gemacht und bin losgezogen. Das war am Anfang nicht so leicht, denn viele Kunden erwarten bei einem Architekten ein festes Büro.

Kreative Aufträge, wie zum Beispiel die Inneneinrichtung für eine Bar zu planen, habe ich in den letzten Jahren also leider selten bekommen. Aber was sehr gut läuft, sind technische Zeichnungen, also zum Beispiel Flucht- und Rettungspläne, wie sie in Hotels hängen. Nachdem ich den Dreh raus hatte, wie ich mich online besser vermarkte, konnte ich einige Jahre sehr gut davon leben. Dann habe ich meine Idee vergrößert und das "Tuscheteam" gegründet. Wir sind ein Team aus selbstständigen Architekten, Bauzeichnern und Ingenieuren, die gemeinsam Aufträge bearbeiten, auch wenn einer meiner Kollegen in Rumänien sitzt und ich in Thailand.

Aber die Architektur ist nur noch eines meiner Standbeine. Ich habe von Anfang an viel darüber gebloggt, wie es ist, ortsunabhängig zu arbeiten, und dazu dann einige Bücher geschrieben. Mittlerweile konzentriere ich mich darauf, Leute zu unterstützen, die ihr eigenes, ortsunabhängiges Business aufbauen wollen. Zurzeit bin ich in Chiang Mai in Thailand, mein Freund und ich haben uns hier für zwei Jahre ein kleines Häuschen gemietet. Nach den vielen Jahren nur auf Reisen hat mir doch ein Zuhause gefehlt.

Marta: "Ab nächsten Monat habe ich keine Wohnung mehr. Ich will nur noch mit einem Rucksack unterwegs sein." | Foto: privat

Marta, 36, Sprachlehrerin, zurzeit in Hamburg

Ich hab in meinem Leben alles als Quereinsteigerin gemacht. Erst habe ich in Hamburg als Rechtsanwaltsfachangestellte gearbeitet, dann sieben Jahre lang ein Café geleitet. Aber ich war einfach nicht der Typ, der Leute feuern kann. Darum habe ich den Job aufgegeben und bin erstmal nach Krakau gezogen. Als Deutsch-Polin habe ich schnell Leute kennengelernt und mitbekommen, dass viele Polen deutsche Muttersprachler suchen, die mit ihnen die Sprache üben. Ich hatte zwar nichtmal einen Plan, was Akkusativ und Dativ sind, hatte da aber total Bock drauf. Also habe ich angefangen, in meiner WG Deutschunterricht zu geben.

Parallel zu meinen Deutsch-Stunden habe ich mir selbst Grammatik und Deutsch-Didaktik beigebracht. Allerdings bin ich in der Zeit viel zwischen Krakau, Berlin, Hamburg, Barcelona und Lissabon gependelt, um meine Freunde und meine Familie zu sehen. Damit der Unterricht nicht immer ausfallen musste und, nebenbei gesagt, die Leute nicht ständig bei mir zu Hause sitzen, wollte ich meine Stunden über Skype halten. Um meine Schüler davon zu überzeugen, habe ich zu einer Notlüge gegriffen: Obwohl ich eigentlich noch keine einzige Stunde online unterrichtet hatte, habe ich meinen Schülern vorgeschwärmt, wie toll mein neuer Skype-Unterricht läuft. Irgendwann wollten die meisten das selbst mal ausprobieren.

Ab 2011 konnte ich meine 20 Stunden pro Woche rein über Skype geben, egal wo ich gerade war. Das habe ich vier Jahre lang gemacht, das Geld hat auf jeden Fall gereicht. Mittlerweile habe ich eine Webseite aufgebaut, auf der ich Leuten dabei helfe, als Sprachlehrer ortsunabhängig zu arbeiten. In den letzten Monaten habe ich von Barcelona und den Kanaren aus gearbeitet und das hat so gut geklappt, dass ich nächsten Monat meine Wohnung komplett kündige. Ich will nur noch mit einem Rucksack unterwegs sein.

Tina: "Statt wie in Deutschland nach Feierabend ins Fitnessstudio zu gehen, bin ich zum Kite-Surfen an den Strand." | Foto: privat

Tina, 37, Eventmanagerin, zurzeit in Mannheim

Ich war gerade drei Monate in Tarifa in Spanien. Es war das erste Mal, dass ich aus dem Ausland gearbeitet habe, aber Tarifa war der perfekte Ort für den Einstieg. Es gibt dort eine große Community von digitalen Nomaden. Auf das Leben als digitale Nomadin hat mich der Blog Planet Backpack von Conny Biesalski gebracht. Ich habe ihre Artikel und ihr E-Book förmlich verschlungen und dann beschlossen: Das machst du auch. Ich war 15 Jahre lang Angestellte und habe von EM-Fanmeilen bis hin zu großen Firmen-Galas oder Konzerten alle möglichen Events organisiert. Aber nach so vielen Jahren in der Branche war es letztendlich trotzdem immer wieder das Gleiche. Außerdem haben mich die Hierarchien genervt und dass ich mit den paar Wochen Urlaub im Jahr nie so viel von der Welt sehen konnte, wie ich gerne wollte.

Seit Dezember 2015 bin ich selbstständige Eventmanagerin, durch meine vielen Kontakte in die Branche läuft das auch gut. In Spanien hat sich auch gezeigt, dass meine Kunden zum Glück kein Problem damit haben, dass mit mir alles nur noch über E-Mail und Skype läuft. Und neben der Arbeit konnte ich ein paar Punkte von meiner Bucket-List abhaken: Statt nach Feierabend ins Fitnessstudio zu gehen, bin ich zum Kite-Surfen an den Strand.

Außerdem habe ich einen Spanisch-Kurs gemacht und alles, was ich gelernt habe, sofort auf der Straße ausprobiert. Mein Mann muss für seinen Job leider in Deutschland bleiben, alle paar Monate werde ich also auf jeden Fall nach Hause kommen. Meine nächste Station ist die Dominikanische Republik und das nächste Jahr beginne ich hoffentlich in Bali. Dort möchte ich mich endlich um meine eigene Geschäftsidee kümmern: Ich würde gern über Skype eine Lebensberatung auf Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin anbieten.

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