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Ich habe versucht, eine Woche lang nach dem Islam zu leben

Das Regelwerk des Islams wurde für 5 Tage zu meinem Lebensmittelpunkt—und statt Ausgrenzung habe ich eine neue Gemeinschaft gefunden.

von Fredi Ferkova
15 Dezember 2015, 11:20am

Foto von VICE Media

Ich komme aus einer halbwegs religiösen Familie. Halbwegs deshalb, weil ich zwar die Erstkommunion und die Firmung bekommen habe, aber die Kirche und Religion für uns Kinder immer einen bloßen Traditionswert hatte. Ich habe nie gefastet. Ich habe erst zwei Mal in meinem Leben gebeichtet. Ich hatte Sex vor der Ehe.

Alles, was ich mir aus der katholisch-christlichen Religion rausgepickt habe, war nur angenehm für mich und hatte einen sozialen Faktor in unserer Familie. Das Weihnachtsessen. Oder das Essen zu Ostern. So wie ich meine Religion lebe—nur am Papier—, so leben sie viele andere auch in Österreich.

Ich wollte wissen, wie es ist, einmal richtig religiös zu leben. Vor allem wie es ist, nach einer anderen Religion zu leben, die gerade viel diskutiert wird und über die es mehr Vorurteile als Erfahrungen und echtes Wissen gibt.

Im islamischen Zentrum in Wien habe ich einen Termin bei Carla Amina Baghajati bekommen. Sie ist unter anderem Medienreferentin und Frauenbeauftragte der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Vorweg: Ich habe nicht nach den Beweggründen gefragt, oder hinterfragt, wieso man gewisse Dinge nicht macht oder weshalb man sie schon macht. Ich habe nicht gefragt, warum sie ihren Glauben hat.

Oder ob das Kopftuch, beziehungsweise die gesamte Religion, frauenverachtend ist. Vor mir ist eine selbstbewusste, arbeitende Frau gesessen. Ich wäre mir denkbar blöd vorgekommen, diese Fragen zu stellen. Einer strenggläubigen Katholikin—wie meiner Mutter—hätte ich diese Fragen auch nicht gestellt.

Dieser Text ist auch keine Abhandlung über den Islam—das Thema ist viel zu komplex, um es in einer Woche vollständig zu erfassen. Ich habe gefragt, was ich machen soll, wenn ich muslimisch leben möchte. Was dazu gehört. Und wie es sein kann, dass ich so parallel mit meinen muslimischen Mitbürgern lebe.

Wir haben uns lange unterhalten. Zuerst hat sie mir davon abgeraten, diesen Bericht zu machen. Ich habe ihr gesagt, dass ich auf keinen Fall irgendeine Religion vorführen möchte. Ich habe Respekt vor Religionen und Selbstdisziplinierung.

Wir haben uns geeinigt, dass ich ein Kopftuch tragen werde. Zusätzlich kam ein Dresscode dazu—keine kurzärmligen Sachen mehr, keinen Ausschnitt, keine Mini-Röcke. Lockere Kleidung, um meinen Körper zu verdecken und nicht wie sonst zur Schau zu stellen. Eine Woche war mir leider nicht möglich—ein wirklich guter Freund feierte in genau der Zeit seinen 30. Geburtstag. Aber eine Arbeitswoche—also fünf Tage—habe ich mir fix vorgenommen.

Fünf Tage kein Schweinefleisch. Und mein sonstiges Essen sollte halal sein. Das alles war noch vorstellbar für mich—ich wohne direkt neben ein paar türkischen Märkten. Dann zeigte sie mir die Gebetswaschung. Man wäscht sich mit Wasser die Hände, die Ellenbogen, das Gesicht, den Kopf und die Füße. Vor jedem Gebet. Sie zeigte mir, wo ich die Gebetszeiten nachsehen kann. Die richten sich nach der Sonne. Insgesamt habe ich fünf Mal am Tag gebetet—angefangen mit der Sonnendämmerung um zirka 5:30 Uhr.

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Das Gebet hat folgendermaßen ausgeschaut: Ich habe mich in Richtung Mekka gesetzt und habe fünf Minuten—diese Zeit hatte sie mir empfohlen—über meine Taten nachgedacht. Ich habe Wünsche an mich selbst formuliert. Es war eine sehr reflexive und meditative Tätigkeit—kein wirkliches Beten. Das würde sich sehr falsch anfühlen und das wollte ich nicht.

Außerdem kamen andere Sachen hinzu: Ich habe keine Kumpels getroffen. Sexuelle Aktivität jeglicher Richtung war auch tabu. Genauso wie Alkoholkonsum und der Besuch von Partys. Im Islam sind diese Dinge haram, also verboten. Aber wie Religionen eben so sind, legt jeder sie für sich selbst ein wenig anders aus. Ich wollte es jedenfalls „richtig" machen und habe versucht, mich an die Regeln zu halten.

Tag 1

Mit Müh und Not bin ich um kurz nach 5:00 Uhr aufgestanden. Ich habe mir am Vortag eine App runtergeladen, die mich zu den Gebetszeiten weckt. Außerdem hat die App einen Kompass, der die Richtung von Mekka anzeigt. Das erste „Gebet" habe ich fast komplett verschlafen. Und weil es so ungewohnt früh war, habe ich die Gebetswaschung überhaupt komplett vergessen. Das hat mich spätestens um 07:00 Uhr geärgert—in der zweiten Gebetssession. In dieser habe ich auch darüber nachgedacht, was der Islam für mich bedeutet.

Meine Mutter ist streng katholisch. Mein Vater ist Wissenschaftler und abgesehen von einer buddhistischen Phase in seiner Midlife-Crisis so etwas wie ein Atheist. Ich selbst würde mich als agnostisch bezeichnen—mich faszinieren diverse spirituelle Lehren, aber nie genug, um mich ernsthaft einzulesen. Trotzdem belächle ich sie nicht.

Ich war im 15. Bezirk in der Schule. Die meisten meiner Schulkollegen waren Moslems. Ich weiß noch, wie eines Tages eine Freundin plötzlich mit dem Kopftuch in die Schule gekommen ist. Niemand hat sich getraut, zu fragen, warum sie ein Kopftuch trägt.

Vor der Arbeit wurde ich dann richtig nervös. Ich habe mir ein paar Tutorials angesehen, in denen erklärt wird, wie man ein Kopftuch bindet. Ich hatte Angst, dass mich jeder als Lügnerin entlarvt. Ich konnte auch nicht frühstücken, weil ich viel zu lange gebraucht habe, um Kleidung zu finden, die lange und locker ist. Jedes Shirt in meinem Schrank hat einen Ausschnitt. Jede Hose ist eng. Eigentlich habe ich die Kleidungsvorschriften als die kleinste Schwierigkeit wahrgenommen—für die nächsten fünf Tage wurden sie zu meiner größten Herausforderung.

Auf der Straße hat mich niemand angesehen—so richtig gar nicht. Auch die übrige Woche schaute man schnell weg. In der Arbeit wurde mein Projekt respektiert, ich habe es ja auch angekündigt. Die dritte Gebetszeit war gegen 11:00 Uhr. Ich durfte ein Meeting verlassen, um einen ruhigen Ort zu finden. Laut Carla trauen sich viele Moslems nicht, ihren Arbeitgeber um Gebetspausen zu fragen.

Oft wird jungen Muslimas unterstellt, dass sie unterdrückt werden. Das führt nur zu Defensive oder Abkapselung.

Ich habe wieder über den Islam nachgedacht—eines der Dinge, die die Dame zu mir sagte, bohrte in meinem Kopf: Die meisten Fragen, die junge Muslimas gestellt bekommen, werden vorwurfsvoll gestellt. Es wird ihnen oft unterstellt, dass sie unterdrückt seien. Darauf gibt es zwei psychologische Reaktionen, vor allem bei Pubertierenden: Man fängt an, sich geistig einzumauern und beantwortet keine vorwurfsvollen Fragen mehr. Oder aber, man spielt die heile Welt vor und blockt Kritik ab.

In der Mittagspause habe ich mich für eine vegetarische Speise entschieden, obwohl es im Büro an dem Tag als Fleischspeise Coq au vin gab. Das hatte aber sowohl Alkohol, als auch Fleisch, das wahrscheinlich nicht halal zubereitet worden ist. Meine restlichen Gebetszeiten des Tages—um 13:00, um 15:00 und um 17:00 Uhr—verbrachte ich damit, darüber nachzudenken, wieso wir Christen und Muslime eher nebeneinander leben, als zusammen. Gegen Nachmittag fing mein Kopftuch an, mich zu kratzen.

Am Abend war ich mit Freunden im Kino. Sie waren vorher in einer Cocktailbar im Raucherbereich etwas trinken. Ich habe mich mit dem Kopftuch an diesem Ort wahnsinnig unwohl gefühlt, weshalb ich mich entschuldigt und lieber draußen auf sie gewartet habe.

Als ich so alleine da gestanden bin, ist ein Mädchen zu mir gekommen. Sie trug auch ein Kopftuch und hat mich lächelnd gefragt, ob ich Türkisch spreche. Ich war komplett perplex und schüttelte nur den Kopf. Sie lächelte und machte mich darauf aufmerksam, dass meine Hose und mein Shirt verrutscht sind—mein Rücken war zu sehen. Ich bedankte mich und bedeckte mich wieder.

Tag 2

Das erste „Beten" habe ich verschlafen und nach meiner zweiten Meditation bin ich einkaufen gegangen. Eigentlich habe ich in meinem Supermarkt eine Lieblingsjoghurt-Marke, aber die gab es im türkischen Supermarkt nicht. Zweimal einkaufen zu gehen wäre sich nicht ausgegangen. Auch für den Rest der Woche war ich zwischen neuen Menschen einkaufen. Wie ich in meiner Situation die Entscheidung von Spar fand, Halal-Fleisch aus dem Verkauf zu nehmen, muss ich wohl nicht erörtern.

In der Arbeit ist ein neuer Kollege zu mir gekommen—er ist selbst Moslem und findet meine Aktion toll. Er lebt seine Religion wie ich meine—nur auf dem Papier. Beim Mittagsgebet denke ich über unsere westliche Gesellschaft nach. Fünf Minuten zum Nachdenken können eine lange Zeit sein. Dabei sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen.

Auf der einen Seite sind wir im „alten Westen" längst nicht mehr die Kernzielgruppe der katholischen Kirche. Spiritualität und Religion passieren generell wenn, dann eher individuell und privat. 2010 verzeichnete die katholische Kirche 85.960 Austritte in Österreich. Das ist ein historischer Höchststand. 2014 sind 54.939 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Im Gegensatz dazu sind 2014 nur 4.860 Menschen in die Kirche eingetreten.

Auf der anderen Seite ist die katholische Kirche unter Franziskus auch immer mehr von ihrer einstigen konservativen Linie abgewichen. Das macht die Kirche erträglicher, aber es schreckt uns gleichzeitig umso mehr von Gläubigen ab, die ihre Religion immer noch ernster und auch genauer nehmen als wir im säkularisierten Westeuropa. Außerdem ist Religiosität in meinem Freundeskreis—und auch darüber hinaus in meinem Umfeld—etwas, das eher verhöhnt und belächelt wird.

Das fällt einem alles erst so richtig auf, wenn man sich so aktiv mit Religion beschäftigt wie ich in dieser einen Woche. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es da erst Menschen gehen muss, die ihr Leben lang in Österreich damit konfrontiert sind, dass sie sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen und sich dafür rechtfertigen müssen.

In der Woche habe ich aber auch mit vielen Moslems gesprochen, die ihre Religion so leben wie ich für gewöhnlich meine—gar nicht. Ich habe Moslems kennengelernt, die Rauchen als makru—verpönt—und nicht als verboten betrachtet haben. Es gibt genug muslimische Frauen, die das Kopftuch und die Kleidungsvorschriften ablehnen.

Jeder interpretiert seine Religion für sich. Das ist im Islam nicht anders als im Christentum. Man sieht nur strenggläubigen Musliminnen eher an, dass sie es sind als man es strenggläubigen Katholikinnen ansieht. Wobei man nicht vergessen darf, dass Nonnen ihr Haar und ihren Körper auch verstecken.

Ich habe Hohn und Spott erwartet—aber plötzlich war ich Teil einer neuen Gemeinde.

Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass für Migranten Religion oft der einzige Zugang zur Gesellschaft ist. Meine Mutter hat sich in Österreich sofort bei der Kirche angemeldet und mitgeholfen. Das hat sie in der Slowakei nicht gemacht.

Den ganzen Tag beschäftige ich mich in meinen „Gebeten" mit den zwei komplett verschiedenen Gesellschaften. Auf Facebook habe ich mein Vorhaben gepostet—sofort meldeten sich Kopftuch-tragende ehemalige Schulkolleginnen und eine Kollegin vom Biber, ob ich Hilfe brauche. Ich habe Ewigkeiten nichts von ihnen gehört.

Ich habe Hohn und Spott erwartet—plötzlich war ich Teil einer neuen Gemeinde. Sie wollten mit mir einkaufen gehen, Sachen unternehmen, Wochenendausflüge machen. Sie fanden meine Aktion super und haben sich gefreut, dass jemand ihre Welt verstehen möchte. Ich wurde eigentlich nie von ihnen ausgeschlossen—aber unsere Lebenswelten waren zu unterschiedlich. Jetzt, da wir die selbe Lebenswelt hatten, waren gemeinsame Unternehmungen möglich und nicht ein Krampf für beide Seiten.

Tag 3

Das ist ein Durchgang bei uns im Büro. Aber meistens sind hier wenig Leute und ein Teppich liegt auch schon da. Das war mein Meditationsort.

Am Vorabend habe ich Kumpels abgesagt. Sie wollten auf ein Bier mit mir gehen. Ich habe mehr männliche als weibliche Freunde und es hat mir einen Stich gegeben, sie jetzt eine Woche nicht sehen zu dürfen. Wahrscheinlich hätte ich sie mit ein bisschen Recherche doch irgendwie treffen dürfen—in der Öffentlichkeit und ohne Bier. Aber ich war mir nicht ganz sicher, was erlaubt war und was nicht. Außerdem sind meine Kumpels Spaßvögel und ich habe am Montag im Kino schon erleben dürfen, wie mich meine Freundinnen auslachen und verarschen. Darauf hatte ich keine Lust.

Meine gesamte Woche war bis zu diesem Tag emotional eher schlecht als gut. Trotzdem blieb ich unerwartet ruhig und weinte oder schrie nicht—wie ich es sonst tue, wenn ich mich überfordert fühle. Ich fühlte mich—trotz privater Probleme—seltsam ruhig und geerdet. Meine beste Freundin meditiert oft, ich führte es also auf die „Gebete" zurück. Mir hat das Ausformulieren von Wünschen und die Reflexion meiner Taten geholfen, zu erkennen, was ich wirklich möchte und brauche. Fünf Minuten pro Gebet klingen nicht viel, aber es ist eine verdammt lange Zeit, wenn man nur mit sich selbst beschäftigt ist.

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Ich habe Carla beim Vorbereitungstreffen gefragt, ob es so etwas wie die Firmung für Moslems gibt. Gibt es nicht. Das Religionsverständnis wird also von der Familie selbst weitergegeben. Mit dem Alter kommt aber der eigene Reflexionswunsch dazu. Die drei Freundinnen, die sich für ein Kopftuch entscheiden haben—nun, sie waren bereits in der späten Pubertät und es war ihre eigene Entscheidung. Sie wohnen längst nicht mehr zuhause und tragen ihr Kopftuch noch immer.

Eigentlich ist die Entscheidung, sich zu bedecken und öffentlich zu seiner Religion zu stehen, eine sehr mutige und selbstbewusste Entscheidung. Meiner Meinung nach ist es frauenverachtend, die Entscheidungen einer jungen Frau in Frage zu stellen und ihr erst recht wieder fremde Meinungen aufzuzwingen.

Das Essen war nie ein Problem. Ich hatte meinen türkischen Supermarkt und Schweinefleisch zu streichen, empfand ich nicht als Einschränkung. Im Supermarkt gab es sogar Halal-Gummibärchen. Ich hatte also nicht das Gefühl, tatsächlich eingegrenzt zu sein. Am Abend kam eine Freundin vorbei—wir bestellten bei einem Halal-Zustelldienst. Die Speisen waren ein bisschen teuerer als sonst, aber sie waren sehr lecker. Ich habe keinen besonderen Gaumen. Den Unterschied zwischen einem Halal-Hühnchen und einem „normalen" Hühnchen würde ich nicht erkennen.

Am Abend habe ich die Möglichkeit bekommen, mit den Vamummtn ein Interview zu machen. Sie haben mich zu sich nach Hause eingeladen. Seit ich mein Projekt auf Facebook gepostet habe, war ich im Kontakt mit muslimischen Mädels, also habe ich sie gefragt, ob das ginge. Da es bei ihnen daheim war und getrunken wurde, habe ich mich entschieden, zu pausieren und mein Kopftuch abzulegen. Wenn ich tatsächlich streng muslimisch leben würde, wäre dieses Treffen so nicht zustande gekommen.

Tag 4

Ich habe den gesamten Donnerstag pausiert, da ich bei den Vamummtn war und ich als Veranstalterin und gute Freundin eines Geburtstagskindes einen runden Geburtstag feiern „musste". Ich hätte es geschafft, auf Alkohol zu verzichten, aber mit dem Kopftuch die Party zu bestreiten, fand ich auf mehreren Ebenen falsch. Ich hätte mich schrecklich gefühlt und als würde ich etwas lächerlich machen wollen, was ich immer mehr und mehr respektierte.

Die islamische Lebensweise wurde zu meinem Lebensmittelpunkt. Trotz der Pause, war es gar nicht mehr so schwer für mich, so früh aufzustehen. Auf der Straße lächelten mich andere Kopftuch-Trägerinnen an—so viel Kontakt mit muslimischen Frauen wie in dieser Woche hatte ich noch nie. Dafür schauten mich keine Männer mehr an, aber das war OK für mich. Zwei Mal sprachen mich andere Frauen in einer anderen Sprache an. Als ich erklärte, dass ich nur Deutsch kann, lächelten sie breit und freuten sich ehrlich. Die meisten haben mich Schwester genannt.

Ich freute mich auch auf meine „Gebete". Ich fühlte mich nachher ruhig und ausgeglichen. In der U-Bahn bin ich gegenüber einem älteren österreichischen Pärchen gesessen. Beim Aussteigen hat mich die Frau getätschelt und mich beglückwünscht: „Religion kann etwas sehr Schönes sein. Schade, dass es unsere Kinder vergessen." Der Moment wäre beinahe perfekt gewesen, aber ihr Mann fügte hinzu: „Gerti, die versteht di ned".

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Darüber habe ich in den letzten zwei Gebeten des Tages nachgedacht. Die Kinder in Österreich durchlaufen hier dasselbe Schulsystem. Ich war lange nicht vollkommen integriert—weil Integration Arbeit ist. Bis man nach einem Umzug Kraft für das Lernen von Kultur und Sprache hat, dauert es eine Zeit. Trotzdem war ein „Sehr Gut" in Deutsch eine generelle Note für alle Kinder in der Klasse. Sie galt für mich als Migrantin, genauso wie für Kinder die keine andere Sprache außer Deutsch beherrschten. Wenn man gute Noten wollte, mussten sich manche mehr anstrengen, als andere.

Deshalb habe ich keine Angst, dass sich Menschen nicht integrieren—weil ich nicht glaube, dass es geht. Spätestens die zweite Generation wächst mit großen österreichischen Einflüssen auf. Wenn man in der Schule im 15. Bezirk bloß eine Stunde pro Semester aufwenden würde, um uns die Religion unserer Mitschüler zu erklären und umgekehrt, wären viele meiner ungestellten Fragen beantwortet worden.

Am Freitag war ich auch auf der Uni—im Seminar, an dem ich seit Anfang des Semesters teilnehme, haben mich viele fragend angesehen, aber niemand schien sich zu trauen, mit mir darüber zu reden und mir Fragen zu stellen. Es ist ein kleines Seminar mit zirka 20 Teilnehmern. Bis zur ersten Pause habe ich mich relativ einsam gefühlt. Vielleicht habe ich es mir eingebildet, aber es schien, als würden mich alle meiden.

Erst in der Pause wurde ich von einer Kollegin gefragt, warum ich ein Kopftuch trage—und ich hab ihr meinen Selbstversuch erklärt. Danach sprudelten die Fragen und alle wollten wissen, wie meine Woche bis jetzt so war. Ob etwas anders sei oder ob ich anders behandelt würde. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen diesen Artikel lesen.

Tag 5

Den letzten Tag blieb ich zuhause. Das heißt, ich habe gebetet und mich von der besinnlichen Zeit verabschiedet. Meine Selbstdisziplin ist nicht groß genug, um von mir aus zu meditieren. Ich habe Revue passieren lassen, wie es mir die letzte Woche ging. Ich habe viele Sachen nicht gemacht, die ich gerne gemacht hätte—aber es war nicht so schlimm. Für mich war es ja nur auf Zeit.

Teilweise gaben mir die Regeln Halt. Am Montag vor dem Kino war eine Freundin betrunken nach dem Besuch in der Cocktailbar. Ich hätte wahrscheinlich mitgetrunken. Hätte ich nicht ein festes Regelwerk, würde ich kurz mit mir kämpfen und wahrscheinlich hätte ich mich fürs Mittrinken entschieden. Ich habe bewusster gegessen. Ich achtete bei angebotenen Speisen und Lebensmitteln auf deren Zusammensetzung. Und meine Hände waren dank der Gebetswaschung allzeit sauber.

Ich dachte nicht, dass es sich so schön anfühlen kann, sich absichtlich nicht sexy anzuziehen.

Außerdem habe ich mich ernsthaft freier gefühlt. Ich habe den Druck, gut und sexy auszusehen, nie als solchen wahrgenommen. Ich dachte nicht, dass es sich so schön anfühlen kann, sich absichtlich nicht sexy anzuziehen. Wenn man in der Früh daran denkt, wie man seinen Körper versteckt anstatt herzeigt, ändert das auch etwas im Selbstwertgefühl. Es klingt komisch, aber ich habe mich in der Woche mehr wie ein Mensch gefühlt und weniger wie eine Frau. Außerdem war ich oft dankbar, dass mir die Idee, nach dem Islam zu leben, nicht im Sommer während des Ramadans gekommen ist.

Am nächsten Tag hat mich kein Wecker wachgeläutet. Ich bin von mir aus um 08:00 Uhr aufgestanden. Die fünf Tage haben mir einiges gezeigt. Miteinander reden hilft oft. Sich aufeinander einstellen. Fragen zu stellen auch. Alle Moslems, mit denen ich in diesen fünf Tagen sprach, freuten sich darüber, dass jemand sich für ihre Lebenswelt interessiert. Meine größte Angst war, dass muslimische Freunde mich für das Experimentieren mit ihrer Religion verurteilen würden, weil sie denken, dass ich sie damit verurteile.

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Stattdessen war ich Teil einer Gemeinschaft—und fühlte mich in der Woche nicht alleine. Ob auf der Straße, als mir andere bedeckte Frauen zugelächelt haben, oder beim „Beten". Egal ob man an das kollektive Unterbewusstsein glaubt, oder nicht—wenn um eine bestimmte Uhrzeit, an einem Ort, einige Menschen in dieselbe Richtung schauend dasitzen und dasselbe murmeln—egal, ob ich es mir eingebildet habe oder nicht—, dann gibt einem das Kraft; und das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Natürlich hat der Koran ein paar fragwürdige Stellen—genau wie die Bibel. Carla begrüßte mich bei unserem Treffen mit dem Satz: „So unterschiedlich sind wir gar nicht." Ein Moslem versucht sein Leben genauso tugendhaft zu verbringen wie ein Christ. Übrigens: Laut der Bibel, dürften wir kein Pferdefleisch essen. Unsere Regeln sind gar nicht so unterschiedlich—wir leben sie nur nicht mehr aus.

„Wenn man sich über Abgrenzung identifiziert—egal, ob man religiöser Extremist oder Neo-Nazi ist—, kann es nicht gut ausgehen."

In säkularisierten Regionen, wo man sich seinen Glauben mehr oder weniger frei aussuchen kann, ziehen Religionen immer auch extreme Persönlichkeiten an. Von „Fundis"—wie sie Carla liebevoll genannt hat—distanziert sich auch im Fall von religiösen Institutionen die breite Mehrheit der Leute.

Respekt voreinander und Auseinandersetzung mit sich selbst sind ebenfalls wichtig. Abschließend sagte Carla noch etwas sehr Wahres: „Wenn man anfängt, sich durch Abgrenzung von den anderen zu identifizieren—egal,ob es sich um einen religiösen Extremistenoder einen Neo-Nazi handelt—, kann es nicht gut ausgehen."

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

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