Aussteiger

Drogen, Baumhäuser und nie mehr duschen: Diese Regenwald-Kommune lebt in "Anarchie"

"Es ist ein Haufen kaputter Menschen, die einander helfen."

von Manisha Krishnan
30 August 2017, 8:49am

Rafa Para lebt seit sieben Monaten in Poole's Land. Alle Fotos von Manisha Krishnan

Selbst Kacken ist für die Bewohner von Poole's Land ein rebellischer Akt. Seit 1988 gibt es die fast sieben Hektar große Regenwald-Community an der Küste der kanadischen Provinz British Columbia – ohne Kanalisation. Stattdessen benutzen die aktuell etwa 100 Bewohner Kompost-Toiletten.

Die Toiletten sind mit Zedernholz gefüllt, was laut dem Community-Leiter Michael Goodliffe einfach alles desinfiziert. Und was machen die Aussteiger, wenn die Klos voll sind? "Schaufeln", sagt der 47-Jährige. Ich frage, ob das nicht eklig ist, und er antwortet: "Was ich wirklich eklig finde: wenn man Abwasser ungefiltert ins Meer leitet."

Der Eingang zu Poole's Land

Ein Seitenhieb auf die nächstgelegene Stadt Tofino, an deren Abwassersystem sich Poole's Land sonst anschließen müsste. Goodliffe wohnt, mit Unterbrechungen, seit Jahrzehnten dort und hat schon oft geschaufelt. Ein Bewohner habe mal extra Anzug und Krawatte dabei getragen, erzählt er, um die widerliche Arbeit ein wenig feierlicher zu gestalten.

Die Bewohner von Poole's Land halten sich nicht an Konventionen, so viel steht fest. Es wirkt, als hätten sie kapitalistische Ideale in eins ihrer nächtlichen Lagerfeuer geworfen – und, zu einem gewissen Grad, auch moderne Hygienevorstellungen.

Die Regeln von Poole's Land. Ich habe bei meinem Besuch definitiv Alkohol gesehen

Aber was genau ist Poole's Land?

Aufmerksam wurde ich auf die Aussteigergemeinde durch einen Artikel mit der Schlagzeile: "Diese Kommune in British Columbia verlangt keine Miete und bezahlt dich in Drogen". In dem Artikel kommt Poole's Land wie ein Ökodorf rüber, in dem man im Austausch für Magic Mushrooms körperliche Arbeit verrichten kann.

Vor Kurzem habe ich einen Tag dort verbracht, um herauszufinden, was an dieser Geschichte dran ist. So ganz scheint sie nicht (mehr) zu stimmen. Alle sagen mir, dass die Bewohner nicht länger in Shrooms bezahlt werden – anscheinend eine große Enttäuschung für viele Neuankömmlinge, die denselben Artikel gelesen haben wie ich.

Wer zum Surfen nach Tofino fährt oder den Sommer über in der Stadt arbeitet, kann sich für nur 10 kanadische Dollar (circa 6,50 Euro) pro Nacht günstig in Poole's Land einquartieren. Doch es gibt auch Langzeitbewohner, die seit Jahren in der Kommune zu Hause sind. Diese Alteingesessenen sehen einander als eine Art Familie. Außenseiter, Arme und psychisch Kranke fühlen sich von der Community besonders angezogen.

Langjährige Bewohner wie Goodliffe möchten nicht, dass ihr kleines Stück vom Paradies als "Drogenkommune" bezeichnet wird. Drogen sind allerdings offensichtlich ein Teil der Kultur. Fast alle, die ich sehe, drehen sich Joints oder rauchen Bongs. Bei meinem Besuch besichtige ich einen kleinen Hanf-Garten und sehe, wie Menschen sich Pilz- und LSD-Trips sowie MDMA geben. Eine Französin erzählt mir, sie wolle Feuerjonglage ausprobieren. Das ist schon nüchtern nicht ganz ungefährlich, aber dann erwähnt sie beiläufig, sie habe gerade Acid genommen.

Die Atmosphäre erinnert an ein Party-Hostel, das sich zufällig im Wald befindet. Aber da ist noch mehr, ein Gefühl der Freiheit. Diese Menschen leben nicht, um zu arbeiten; sie wollen nicht unbedingt Haus, Kinder und Vollzeitjobs. Wie die 24-jährige ehemalige Köchin Cheyanne sagt: "Das hier sind keine verrückten Hippies auf Drogen. Es ist ein Haufen kaputter Menschen, die einander helfen." Die Bewohner seien nicht darauf aus, den Rausch auszukosten, sondern das Leben.

Cheyanne und Thomas Jackson im Ganja-Garten

Der Gründer der Community, Michael Poole, war allerdings ein richtiger Hippie und Halluzinogen-Fan. Er kaufte das Land 1988 für den Spottpreis von 50.000 kanadischen Dollar (circa 33.300 Euro) und ließt Freigeister darauf siedeln. Das Sieben-Hektar-Grundstück ist atemberaubend: Es gibt Zedern, alte Tannenbestände, Teiche, und die Bewohner erzählen, es gebe sogar Bären und Pumas. Unbefestigte Wege und Stege aus Planken winden sich durchs Unterholz.

Ich streife umher und versuche dabei, nicht über Wurzeln oder lose Holzplanken zu stolpern. Dabei sehe ich ein buntes Sammelsurium von behelfsmäßigen Unterkünften, darunter Zelte, Wohnwagen, winzige Holzhüttchen, Baumhäuser und umfunktionierte Kleinbusse. Die Bewohner teilen sich außerdem eine Küche, wo sie abends Gemüse aus eigenem Anbau zubereiten. Die Küche ist auch so ziemlich der einzige Ort, an dem es anständigen Handy-Empfang gibt.

Die Küche

Die Umgebung mag wunderschön sein, aber mir fällt auch auf, dass der "Zeltplatz" nicht gerade sauber aussieht. Es liegt einiges an Müll und Recycling-Materialien herum, außerdem Zigarettenstummel. Die Bewohner riechen auch recht ... naturbelassen. Auf einer Wäscheleine hängt ein Handtuch voller brauner Flecken. Man sagt mir, es gebe eine heiße Dusche, die aber nicht so viele Bewohner verwenden.

"Ich habe seit zwei Jahren nicht geduscht. Ich benutze einfach das Meer", sagt Hubert, ein 23-jähriger Surfer mit weißblonden Dreads. Hubert ist vor sieben Monaten nach Poole's Land gezogen, aber schon seit drei Jahren reist er mit seinem ganzen Hab und Gut in seinem Van umher. In der Kommune bewohnt er eine kleine Holzhütte mit seinem schwarzen Labrador. Zur Zeit stellt er Surfbretter her und verkauf sie; Poole's Land hilft ihm dabei, seine Werkstatt aufzubauen.

Hubert

Völlig ungerührt zeigen Hubert und ein paar andere Männer auf den braunen Teich neben uns und erzählen, dass sie daraus trinken und auch darin baden. Die braune Färbung komme von den toten Zedern am Grund des Teichs.

"Abgesehen vom Aussehen und der Schleimschicht ist das Wasser astrein", sagt Josh. Der 23-Jährige stammt aus Neuseeland und ist noch recht neu in Poole's Land. Jemand anderes fügt hinzu: "Wir haben bis jetzt noch nie Durchfall bekommen."

Matt, ein einnehmend fröhlicher Mittzwanziger, beschreibt Poole's Land als "Anarchie", was seiner Ansicht nach zugleich die beste und schlechteste Eigenschaft der Kommune ist. "Wenn alles erlaubt ist, kann schnell das Ziel verlorengehen."

Matt neben einem Teich, aus dem er laut eigener Aussage trinkt

Matt sagt, hier werde niemand verurteilt. Er erinnert sich an eine Frau, die überzeugt war, das Wetter mit ihren Gedanken kontrollieren zu können, und eine Person, die glaubte, sie habe eine intergalaktische Reiseerlaubnis. Auch sei da mal ein Mann gewesen, der behauptete, für Anonymous zu arbeiten, und der Matt seinen Reisepass und lauter teure Kameraausrüstung dagelassen habe.

Das klingt alles nach einer schrägen Hippie-Utopie, doch Poole's Land hat in Tofino keinen besonders guten Ruf.

Vor ein paar Jahren lebte dort Berichten zufolge Kai, der Anhalter mit dem Beil. Ein Video von Kai ging viral, nachdem er eine Frau vor der Amok-Fahrt eines Typen gerettet hatte. Caleb Lawrence M., wie er eigentlich heißt, ist inzwischen in einem anderen Fall des Mordes angeklagt – von dem er sagt, es sei Notwehr gewesen.

"Der magische Schulbus"

"Wenn du einem potentiellen Arbeitgeber sagst, dass du in Poole's Land wohnst, bist du oft schon aus dem Rennen", sagt ein 25-Jähriger namens Adam. "Wenn es um Hygiene geht, um einen Kellnerjob, und sie wissen, dass du im Wald zeltest ..." Mehrere erwähnen einen Spruch, der anscheinend recht bekannt ist: "Wenn dein Fahrrad verschwunden ist, findest du es in Poole's Land."

Der Leiter Goodliffe ist selbst in einer Aussteiger-Kommune aufgewachsen. Er betont, Poole's Land sei kein Umschlagplatz für Dealer. Auf die Frage, warum ihm so viel daran liegt, den Ruf der Kommune zu ändern, antwortet er: "Sonst verliert dieser Ort an Integrität. Unser Ziel ist, dass Menschen hier in Sicherheit leben können. Unser Ziel ist nicht Drogenhandel." Vor Ort gibt es allerdings auch Naloxon-Sets, die Menschen bei einer Opiat-Überdosis das Leben retten können.

Goodliffe sagt, er habe schon Bewohner an die Luft gesetzt, weil sie Kokain mitgebracht oder psychisch Kranken Halluzinogene gegeben hätten. Beides hält er für gefährlich. "Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der sein ganzes Leben lang LSD nahm. Ich habe die Langzeitfolgen gesehen. Es verursacht psychische Krankheiten."

Maddy Tesmer, 19, lebt in diesem Kleinbus

Er sieht Poole's Land als eine naheliegende Wahl für psychisch kranke Menschen, weil sie in der Community akzeptiert werden und sich das Leben dort leisten können. "Sie haben kein Geld und suchen nach Gemeinschaft", sagt er.

Ich frage Goodliffe, ob er es seltsam finde, mit Ende 40 mit einem Haufen Menschen zusammenzuleben, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Doch es ist wohl eher der Rest der Gesellschaft, der ihm das Gefühl gibt, ein Außenseiter zu sein. "Alle in meinem Alter wollen einen Truck, ein Haus und eine 40-Stunden-Woche. Das sind nicht wirklich meine Leute", sagt er. "Wenn die Menschen so vereinzelt in ihren kleinen Behausungen in Städten und Dörfern wohnen, fühlen sie sich isoliert."

Natürlich wollen nicht alle Bewohner der Kommune für immer dort bleiben. Thomas, ein 23-Jähriger aus Ontario, ist erst seit drei Wochen hier und plant schon seinen Auszug. (Er gibt zu, die Toiletten-Situation ein wenig zu krass zu finden.)

Lagerfeuer

Für jemanden in Thomas' Alter bietet Poole's Land einen bestimmten Reiz, den Ältere weniger stark erleben dürften: der fehlende Handy-Empfang. "Das versetzt einen zehn Jahre in die Vergangenheit", sagt er. "Die Leute unterhalten sich miteinander."

Er führt mich durch den Wald zu einem Baumhaus, das "die Pyramide" genannt wird. Auf dem Weg hält er inne und sagt: "Die Sache mit dem Aussteiger- oder Hippie-Leben ist die: Irgendwann wirst du trotzdem alt. In deinem Leben gibt es auch so Probleme. Diesen Dingen entkommst du nicht."

Vielleicht entkommt man ihnen tatsächlich nicht – aber in Poole's Land kann man es offenbar ganz gut versuchen.

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