​Was ich vom Aufwachsen am Land gelernt habe

Meine Jugend zwischen Jauche-Geruch, bösartigem Tratsch und zermürbender Langeweile hat mich einiges gelehrt.

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07 Juli 2015, 5:56am

Titelbild: Camilo Rueda Lopez via photopin

Ich bin in einem oberösterreichischen Kaff aufgewachsen, in dem rund 700 Menschen leben, von denen wahrscheinlich 90 Prozent einen Bauernhof haben und mit ihrem Steyr-Traktor oder einem Mopedauto zum Einkaufen fahren. Hier kennt jeder jeden, jeder weiß beängstigend viel über den anderen und man streitet sich hier tatsächlich noch über Dinge wie Äste, die über einen Zaun hängen und trinkt mit Menschen Kaffee, die seit Jahren der gesamten Siedlung weis machen wollen, dass ihnen im Traum der Teufel erschienen ist.

Nichtsdestotrotz waren die achtzehn Jahre, die ich in der ultimativen Einöde zwischen Jauche-Geruch, Zeltfesten und zermürbender Langeweile verbracht habe, ziemlich lehrreich.

Menschen sind Arschlöcher

Wer am Dorf aufgewachsen ist, weiß, dass es dort ziemlich langweilig ist, sofern man kein Mitglied der Landjugend ist und nicht allzu viel mit Zeltfesten, Kirtagen und Frühschoppen anfangen kann. Und Menschen, die sich langweilen, reden bekanntlich ziemlich gerne über die spannenden Dinge, die ihre Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freundinnen aus dem Ortsbäurinnenverein so treiben. Da wird sich schon mal gerne darüber lustig gemacht, dass ein Mann namens Georg, der eine Zeit lang ziemlich umtriebig war, Frauen gerne auf seinen ganz speziellen „Georgiritt" einlädt oder man tuschelt darüber, dass die beiden Freundinnen aus der Siedlung doch sicher lesbisch sein müssen, weil sie gerne ein bisschen Zeit miteinander verbringen.

Und als sei es mit dem unnötigen und teilweise wirklich bösartigen Tratsch noch nicht genug, streitet man sich in der Zeit, die einem dann noch übrig bleibt (und das ist nicht viel) darüber, ob es rechtens ist, dass man den Schnee, den man aus seiner Einfahrt geschaufelt hat, auf die Sträucher des Nachbarn schmeißt oder man regt sich darüber auf, dass einem der Nachbarssohn schon wieder einen Zigarettenstummel in den Rindenmulch geschmissen hat. Bitte besorgt euch entweder ein Leben, ein Hobby oder hört einfach auf, so beschissen zu sein.

Oberflächliche Freundlichkeit ist das A und O

Wer am Land nicht grüßt, ist für immer als das Arschloch von nebenan abgestempelt. Der selbe Bursche, der früher die Tschick in den Garten der Nachbarn geschmissen hat, war auch der, der nie gegrüßt hat—und das hängt ihm bis heute nach, wenn ich bedenke, wie heute über ihn gesprochen wird: „Glaubst du, der ist ein guter Vater? Der war doch als Teenager schon g'schissn." Eine kleine Unfreundlichkeit oder ein bisschen Ignoranz können deinen Ruf im Ort so nachhaltig belasten, dass du dich nie wieder davon erholen kannst—egal, wie sehr du dich auch bemühst.

Früher war ich immer das Mädchen, das brav und unerbittlich jeden Menschen gegrüßt hat. Diese Eigenschaft und die Tatsache, dass ich, egal wie weit der nächste Mensch auch entfernt war, über ganze Grundstücke „Griaß di, Karli!" geschrien habe, haben mir in meinem Leben schon so viel Lob von Lehrern, Kindergartentanten und alten Menschen eingebracht, dass mein Ego davon heute noch ein bisschen gepusht ist.

Die Natur ist eine harte Schule

Das Dorf und die Natur sind die härteste Hood, in der man aufwachsen kann. Bekommt eine Katze zu viele Junge, die man nicht gebrauchen kann, wird ihnen einfach so das Genick gebrochen—auch bekannt als „Katzerl erschlagen". Seit ich das weiß, weiß ich auch, dass die Welt ein wirklich grausamer Ort sein kann.

Am Dorf lernt man außerdem, welche Blumen und Gräser man essen darf (Sauerampfer!), wie man am geschicktesten in der Schottergrube spielt, ohne dabei draufzugehen und es kann auch schon mal vorkommen, dass der nervtötende Esel vom Nachbarn Reißaus nimmt und plötzlich vor deiner Haustür steht. Aber auch das ist dir scheißegal, weil du ein Landkind bist. Als beim letzten großen Sturm eine Ente direkt neben dem Fenster, an dem ich stand, an die Wand geschmettert wurde, wusste ich, dass mir meine Zeit hier doch irgendetwas bringen würde. Landkinder sind abgehärtet, ekeln sich weniger schnell und sind resistent gegen Kuhstall-Fliegen, deren Biss noch mehr weh tut als der von einer Rossbremse.

Mobilität ist Luxus

Wie viele Räder ich in meiner Kindheit und frühen Jugend geschrottet habe, nachdem ich damit über Felder, in den nächsten Ort oder durch den einen oder anderen Bach gebrettert bin, um sie danach irgendwo hin zu donnern, weiß ich nicht mehr. Denn irgendwann war es soweit—ich war 15 und bekam ein Moped, was für mich so viel wie die ultimative Freiheit und noch mehr bedeutete. Und das, obwohl es so ziemlich der größte Horror ist, auf einer Schnellstraße mit 30 Kilometern pro Stunde dahin zu tuckern, während man von Sattelschleppern mit einem Abstand von einem halben Meter überholt wird, sich so im LKW-Luftsog des Todes befindet und eigentlich schon mit einem Fuß im Grab(en) steht.

Das Glücksgefühl, das ich erlebt habe, als ich schließlich ein Auto hatte, mit dem ich tatsächlich weiter als ins das nächste Kaff fahren konnte, ist unbeschreiblich. Alles in allem ist Mobilität eines der Dinge, ohne die man am Land nur schwer überlebt. Denn egal, was du machen willst, du musst einen meist nicht unbeachtlichen Weg zurücklegen.

Sogar für eine frische Semmel kann es sein, dass du ein paar Kilometer weit fahren musst, weil das Kaufgeschäft im Ort, das jahrelang illegal absurd starke Glühbirnen importiert und verkauft hat, die sogar Lampenschirme zum Schmelzen bringen, irgendwann doch schließen musste. So richtig wichtig wird die Mobilität aber erst, wenn man auf den Geschmack von Alkohol und Partys gekommen ist—womit wir auch schon beim nächsten Punkt wären.

Organisation ist alles

Wenn man am Dorf wohnt und fortgehen will, ist das gar nicht so einfach. Meistens gibt es im Ort nichts, oder zumindest nichts Annehmbares, wo man sich unbeschwert ein paar schwarze Flügerl hinter die Binde kippen kann. Also organisiert man Fahrgemeinschaften und zwingt diverse Mütter, um vier Uhr Früh eine halbe Stunde durch das Innviertel zu gurken, nur um ein Auto voll von völlig besoffenen, singenden und philosophierenden Oberstufen-Schülern abzuholen.

Hat man keine Mama, die diese Bürde gerne auf sich nimmt, muss man Schlafplätze, Vorwände und Schwindeleien organisieren, die vertuschen, dass man letzten Freitag schon wieder in den Mistkübel der besten Freundin gekotzt hat und eigentlich nicht bei einer Freundin, sondern mit der besten Freundin bei irgendwelchen Burschen zur Afterhour war.

Am Land einen reibungslosen Fortgehabend zu erleben, erfordert einiges an Voraussicht und Planung, und das ist noch nicht einmal das Schlimmste daran. Denn der wahre Albtraum am Rausch in der Einöde ist der manchmal halbstündige Heimweg über kurvige Seitenstraßen, die nicht erst einmal Schauplatz von Kotze-Fontänen geworden sind. Also ist das Aufwachsen am Land genau genommen auch noch eine ziemlich harte und wirkungsvolle Abhärtung für den Magen und überhaupt die beste Schule des Lebens.

Wenn Verena nicht gerade mit dem Moped auf Schnellstraßen fährt, ist sie auf Twitter: @verenabgnr


Titelbild: Mooo. via photopin (license)

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