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Syronics on Speed

Warum syrische Flüchtlinge bei der EM zu Deutschland halten

Unser syrischer Kolumnist sagt: "Jede EM-Mannschaft hat die Flüchtlinge unter ihren Fans, die sie verdient."

von Aboud Saeed
07 Juli 2016, 2:55pm

Geflüchtet und Schweden-Fan

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Jeder hat schon einmal etwas von den enormen Flüchtlingsmassen gehört, die Europa während der letzten Jahre gestürmt haben. Flüchtlinge aus aller Herren Länder, die Guten und die Schlechten, Menschen, deren Länder vor die Hunde gegangen sind, weswegen sie sich auf die Suche nach einer neuen Heimat aufmachten: Europa.

Sie haben sich über den Kontinent verteilt. Jeder Einzelne von ihnen hat sich eine neue Heimat ausgesucht, je nach seinem Geschmack, die Auswahl war groß. Manche Leute sind nach Schweden. Sie sagen: "Da ist es zwar kalt, aber es ist ruhiger als in Deutschland." Bei anderen fiel die Wahl auf Deutschland. Zum einen aufgrund des ganzen Insistierens und Willkommenheißens seitens Mama Merkel, andererseits, weil die Wartezeit für eine Aufenthaltserlaubnis hier kürzer ausfällt. Wieder andere hatten gehört, dass man in den Niederlanden Haschisch im Geschäft kaufen kann. Sie sagten: "Ich gehe in die Niederlande. Dann kiffe ich, wie ich Lust habe."

Jeder hat eben seine Prioritäten. Und so entstanden viele neue Heimaten.

Heute spricht jeder über Flüchtlinge, ihre Anzahl, ihre Vorzüge, ihre Gefahren. Auch die Welcome-Refugees-Fraktion musste sich nicht bitten lassen: Tag und Nacht organisieren sie Kunstprojekte, Humanitäres und Prätentiöses rund um den sogenannten Flüchtling. Und auch die Rechten und Rassisten sind keineswegs knauserig: Rund um die Uhr reden sie sich den Mund über uns fusselig.

Doch die Wahrheit über den Flüchtling liegt weder in seinem Aufenthaltsstatus noch in politischen und ökonomischen Kontroversen oder der humanitären Hilfe. Sie liegt im Fußball. Flüchtlinge sind nämlich auch Sportsfreunde. Und natürlich verfolgen sie angehaltenen Atems die Europameisterschaft. Und jetzt befinden sie sich plötzlich selbst im Zentrum des Geschehens.

Deswegen ist die EM für sie heute wichtiger, als sie es je zuvor war. Damals, als sie die Spiele noch von Syrien oder dem Irak aus verfolgten. Auch die Vorlieben haben sich verschoben.

Jener Syrer beispielsweise, dem Deutschland eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis gegeben hat, der eine Wohnung gefunden hat und Hartz IV bezieht, wird garantiert die deutsche Nationalelf anfeuern. Selbst wenn er vor seinem Asylantrag noch überzeugter Spanien-Fan war. Heute wird er sagen: "Was soll ich mit Spanien?"

Vor der Flüchtlingskrise begegnete man äußerst selten einem Syrer oder Iraker, der die dänische Nationalmannschaft anfeuerte. Heute finden sich im Netz etliche Fotos syrischer Fußballfans in den Trikots "ihres" Landes Dänemark, das ihnen das Recht auf Asyl zugestanden hat, dessen Bier sie trinken, dessen Käse sie essen.

Die italienische Nationalelf wiederum hat für syrische Flüchtlinge ihren einstigen Glanz verloren. Roberto Baggio und Andrea Pirlo, ja sogar Seine Exzellenz Gianluigi Buffon sind irrelevant geworden. Und wenn syrische Flüchtlinge heute einen anderen syrischen Flüchtling dabei erwischen, wie er noch immer die italienische Nationalelf anfeuert, betrachten sie ihn als eine Art Asylverräter.

Die ungarische Nationalmannschaft hatte das allerwenigste Glück mit den geflüchteten Fußballfans. Nicht nur bei denjenigen, die es bis ins Herz Europas geschafft haben. Selbst unter denen, die in der Türkei und in Griechenland festhängen, wäre niemand auf die Idee kommen, die Ungarn anzufeuern. Im Gegenteil, man wünschte Ungarn, dass es beim ersten Spiel rausfliegt. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Der fiese ungarische Fingerabdruck und der ungarische Umgang mit Flüchtlingen.

Früher konnte man durchaus den einen oder anderen syrischen Ungarn- oder Kroatien-Fan finden. Besonders seit 1998 der kroatische Star Šuker am Fußballhimmel erstrahlt ist.

So hat jede europäische Mannschaft den Teil geflüchteter Fußballfans abbekommen, der ihr je nach der Flüchtlingspolitik ihres Landes zusteht.

Spanien und Italien haben viele ihrer Fans an Mannschaften wie Schweden, Dänemark und die Niederlande verloren. Die deutsche Nationalmannschaft jedoch hat den größten Zuwachs. Und wenn man heute einen Flüchtling fragt, warum er für Deutschland ist, wird er antworten: "Ich mag es einfach, wenn gut gespielt wird."

Wobei unklar ist, was genau mit "gut gespielt" gemeint ist: Die Spielart der deutschen Fußballer, oder die deutsche Spielart im Allgemeinen.

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