Mit Polyamorie kann man rumhuren, ohne jemanden zu verletzen

Monogamie ist so langweilig und frustrierend. Alle, die sich mit nur einem Partner wie ein im Käfig eingesperrtes Tier fühlen, sollten mal Polyamorie ausprobieren. Das ist wie eine offene Beziehung, nur besser.

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Sep. 4 2013, 7:39am


Polyamorieunterstützer in San Fransisco. Bild von WikiCommons.

Groß, dunkelhaarig und gutaussehend. So stellt man sich als kleines Mädchen den perfekten Ehemann vor. Du kannst dir noch nicht wirklich vorstellen, wie genau er aussehen wird, aber du weißt, dass er vor dem Altar auf dich warten wird. 

Es ist ziemlich stereotyp, sich vorzustellen, dass junge Mädchen ihre Traumhochzeit planen. Doch angesichts des Ansturms von Monogamie propagierenden TV-Shows und Filmen, scheint es so, als wenn die Welt ihre gesamte Energie dafür verwendet, die eine wahre und ewige Liebe zu suchen. 

Ich kann nicht sagen, ob es daran liegt, dass ich nach ein paar Monaten anfange, Anderen hinterherzuschauen, oder daran, dass ich mich schnell wie ein Tiger in einem Käfig fühle. Aber Monogamie gibt mir immer wieder das Gefühl, als stecke man ein Puzzleteil an die falsche Stelle. Bis vor Kurzem dachte ich, dass Leute in festen Beziehungen totale Trottel seien. Dann setzt sich ein Freund zu mir und erklärte mir Polyamorie. 

Für diejenigen unter euch, die nicht wissen, was Polyamorie ist: Es ist eine Art offene Beziehung, nur besser. Das Konzept gründet auf der Idee, dass man mehrere Partner lieben kann. Du hast also mehrere Liebhaber und schmiedest trotzdem tiefgehende emotionale Beziehungen.

Im Idealfall ist die polyamore Beziehung egalitär, kommunikativ und ehrlich. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass dies genau die Art von Beziehung ist, die ich haben möchte. Im Grunde erschien es mir als Weg, viele Liebhaber zu haben, ohne dabei jemanden zu verletzen. 

Um einige Missverständnisse über Polyamorie aus dem Weg zu räumen und vielleicht auch um zu klären, warum ich mich in normalen Beziehungen nicht mehr wohl fühlte, rief ich Zoe Duff an. Sie ist Leiterin der Polyamory Advocacy Association in Kanada, eine der Organisatoren von „Claiming Our Right To Love“, die die ersten Poly-Convention abhielt, und Autorin des Buches Love Alternatively Expressed, das diesen Herbst erscheinen wird. 

VICE: Einige meiner Freunde, die im Moment in polyamoren Beziehungen sind, sprechen immer von bestimmten „Regeln“. Was sind das für Regeln? 
Zoe Duff: Schlüsselelemente von Polyamorie sind das Wissen und Einverständnis aller Partner. Offene und ehrliche Kommunikation ist fundamental für diese Philosophie, und dass man neue Beziehungen nicht nur mit dem Einverständnis, sondern mit der Unterstützung aller Partner beginnt. Die Regeln jeder Poly-Beziehung werden von den Menschen in dieser Beziehung ausgehandelt und modifiziert, wenn neue Partner hinzukommen. Deborah Anapoles Buch Polyamory: The New Loving Without Limits hält viele Tipps für eine erfolgreiche Polyamorie-Praxis bereit. Sich dem Tempo des langsamsten Partners anzupassen, wäre eine Regel, die mir einfällt. Du drängst deinen Partner nicht dazu, einen neuen Partner zu akzeptieren, egal wie begeistert du von ihm oder ihr bist. Du verlangsamst das Tempo und verhandelst so lange, bist dein Partner sich wohlfühlt. Durch ständige Rückmeldungen von deinen Partnern kannst du außerdem sichergehen, dass deine Zeit und deine Energie gerecht unter ihnen aufgeteilt werden.

Kannst du mir kurz einige Vorteile der polyamoren Beziehung nennen? 
Es gibt mehr Meinungen bei einem Problem, ein höheres Einkommen, mehr Hände, die im Haushalt helfen können, mehr liebevolle Eltern/Großeltern, die sich um die Kinder sorgen. Die Partner teilen mehrere Interessen mit dir. Dadurch gibt es jemanden, mit dem du tanzen kannst, jemanden zum Lachen und jemanden, der dir den Computer repariert. Es gibt viele Zärtlichkeiten und, wenn der Terminplan es zulässt, eine Menge großartigen Sex. 

Was sind die Nachteile einer polyamoren Beziehung?
Poly bedeutet eine Menge Arbeit. Wenn mehr monogame Menschen so sehr an der Kommunikation, an Kompromissen und an Inklusivität arbeiten würden, wäre die Scheidungsrate viel geringer. Dinge wie Eifersucht und Safer-Sex sind sicherlich Probleme, die in Poly-Beziehungen öfter auftreten. Aber insgesamt lernen Poly-Leute, ehrlich über diese Dinge zu diskutieren und Lösungen zu finden. Manchmal ist das sehr harte Arbeit. Mit schlechtem Benehmen oder dadurch, dass du Informationen unterschlägst, wird man dich nicht davonkommen lassen. 

Wie vermeidest du Eifersucht? Die ist doch so menschlich.
Der Trick ist, ständig Feedback zu verlangen und bei dem ersten Anzeichen von Eifersucht gewarnt zu sein. Es ist eine absolut natürliche Reaktion darauf, dass bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Es ist wichtig, das offen zu diskutieren und den wahren Grund zu finden. Es gibt wunderbare Desensibilisierungsübungen in Deborah Anapoles Buch. Du solltest nicht das Gefühl haben, „nicht poly genug“ zu sein, nur weil du Eifersucht verspürst. Es ist essentiell, dass deine Partner mit dir zusammenarbeiten und dich bei der Überwindung der Eifersucht unterstützen. Es gibt immer eine Phase der Anpassung, wenn neue Menschen in die Beziehung eintreten. Wenn alle mit Kompromissbereitschaft und gegenseitiger Rücksichtnahme zusammenarbeiten, wird das Gleichgewicht wieder hergestellt und die von allen geteilte Beziehung verbessert. 


Offizielle Anstecker von der PolyCon, dem Kongress für Polyamoristen. Bild von der Canadian Polyamory Advocacy Association

Was ist der Unterschied zwischen Polyamorie und Polygamie? 
Polygamie kann polygyn (ein Mann, mehrere Frauen) oder polyandryn (eine Frau, mehrere Männer) sein. Das erste Modell findet man häufiger. Die Beziehungen beinhalten ein Hochzeitsritual, das in bestimmten religiösen Doktrinen verankert ist. Die Beziehung wird von von einem dominanten Partner beherrscht—gewöhnlich dem männlichen Familienvorstand—und seine Rolle ist von der Religionsgemeinschaft sanktioniert. Dieser dominante Partner hat als einziger das Recht, neue Partner anzunehmen, obwohl das Wissen und die Akzeptanz der gegenwärtigen Partner Kernelemente des Heiratsbundes sind. 

Polyamorie kann in allen möglichen Geschlechtskombinationen und in verschiedenen Größen umgesetzt werden, in kleineren Gruppen aus drei Partnern bis hin zu einem ausgeweiteten Netzwerk von unbegrenzten Partnern. Die Partner können zusammenleben oder auch nicht, sie werden immer als Mitglieder einer Familieneinheit betrachtet. Meistens haben alle Partner die gleichen Rechte und Verantwortungen. Sie wissen, wenn andere Partner zu der Familie hinzukommen, und stimmen dem zu. Es gibt keine festen Normen, wie diese Beziehungen funktionieren. Die Regeln werden unter den jeweils Beteiligten ausgehandelt. 

Wie gehst du vor, wenn du einen neuen Partner für eine bereits bestehende Beziehung aussuchst? 
Das ist normalerweise ein Prozess, über den du dich mit deinen anderen Partnern einigst. Jeder benötigt unterschiedlich viel Gesprächszeit, um sich wohl dabei zu fühlen, neue Partner hinzuzufügen. In unserer Familie ist es so, dass wir häufig Leute beim Online-Dating oder bei Veranstaltungen von Poly-Gemeinschaften kennenlernen. Wenn wir jemanden online kennenlernen, treffen wir uns erst auf einen Kaffee und daten die Person mit der Voraussetzung, dass wir einer Poly-Familie angehören und dass die Person im Falle einer langfristigen Beziehung die anderen Familienmitglieder kennenlernt. Wenn die Person Mitglied in einer Poly-Gemeinschaft ist, dann kennen wir sie wahrscheinlich sowieso schon. Wir alle daten Leute außerhalb unseres Hauses, aber wenn ein neuer Partner in das Haus einziehen soll, müssen erst alle Partner einwilligen. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass die Partner der Partner oder „Metamours“ gut befreundet sind, damit Poly-Haushalte gut funktionieren.  

Was ist das Schlimmste, das du jemals in polyamoren Beziehungen gesehen hast?
Es erstaunt mich immer wieder, wenn Leute, die selbst diskriminiert wurden, ebenfalls die Entscheidungen von anderen kritisieren, weil sie von den eigenen abweichen. Genau das passiert in der Poly-Gemeinschaft, denn wir sind dabei, Beziehungsformen neu zu erfinden und die Grenzen unserer persönlichen Entwicklung zu testen. „Du machst Poly nicht so wie ich, das heißt, du machst es falsch.“ Das ist extrem kontraproduktiv bei der Gemeinschaftsbildung und es tut immer weh. Bei Polyamorie geht es darum, eine Balance zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Menschen in deiner Poly-Konstellation entspricht, und darum, inklusiv und zumindest tolerant gegenüber den Äußerungen von Leuten zu sein, die das gleiche Weltbild vertreten. 


Würdest du von dir sagen, dass du eher asexuell oder überzeugter Single bist? Bild von Flickr

Gibt es abgefahrene Poly-Geschichten, die du mit uns teilen möchtest? 
Die besten Poly-Geschichten sind glückliche Poly-Momente, in denen das Konzept der „Compersion“ umgesetzt wird. Compersion ist, wenn du Glück dabei verspürst, wenn jemand, den du liebst, dadurch glücklich gemacht wird, dass er von jemand anderem geliebt wird. Diese Momente werden oft auf Poly-Listen genannt. Das sind Momente des „Aha“-Effekts, in denen du merkst, dass Poly funktioniert und dass die Philosophie eine Realität hat. Meine beste Poly-Geschichte ist das Glücksgefühl, Hand in Hand mit meinen beiden Partnern eine Straße in Vancouver entlangzugehen und dabei nicht einen einzigen komischen Blick oder abfälligen Kommentar zu bekommen. Im Kino zu sitzen und mit beiden gleichzeitig zu kuscheln. Nach einem gemeinsamen Mittagessen an meinem Arbeitsplatz anzuhalten und beiden einen Abschiedskuss zu geben, ohne sich dabei um verwunderte Blicke von Passanten zu scheren. Die Verrücktheit von Polyamorie ist die wundervolle Tatsache, dass sie nicht verrückt ist—sie ist einfach eine bestimmte Auffassung von Normalität. Egal, wen du liebst, oder wen ich liebe: Mit der Welt ist alles in Ordnung.

Für die unter uns, die darüber nachdenken, zur Polyamorie zu wechseln: Woher weiß man, ob eine Poly-Beziehung gut für einen ist?
Das ist so wie in jeder anderen Beziehung auch. Bist du glücklich? Hast du das Gefühl, dass deine Bedürfnisse befriedigt werden und dass du von deinen Partnern geachtet wirst? Ist die Kommunikation und dein Anteil bei Entscheidungsfindungen deinen Bedürfnissen angemessen? Fühlst du dich so selbstmächtig und geliebt, dass du diese Erfahrung gegen nichts anderes eintauschen wolltest? An Beziehungen muss fortwährend gearbeitet werden, es kann also sein, dass nicht gleich alles umgesetzt ist. Aber wenn nichts davon der Fall ist und du dich nachts in den Schlaf weinst, dann bist du in der falschen Beziehung, egal wie viele Partner du hast. 

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