Drogen

Warum vertrage ich Kiffen nicht?

Ich habe mir von Experten erklären lassen, weshalb es mir nach einem Ofen beschissen geht.

von Lisa Lotens; fotos von David Meulenbeld
30 November 2017, 11:14am

Meine Freundin Sara liebt Gras. Nicht falsch verstehen, sie ist auch nüchtern ein toller Mensch, aber wenn sie sich einen Ofen anzündet, wird Sara zum lustigsten, entspanntesten, kreativsten und energiegeladensten Menschen, der mir je untergekommen ist. Ihre Gedanken machen beeindruckende Assoziationssprünge und sie erreicht ein Gechilltheitslevel, das fast schon übermenschlich ist. Eine andere Freundin beschreibt Bekifftsein, als würdest du dich "in einen dieser Wackeldackel mit einem fetten Grinsen" verwandeln. Und die beiden sind offensichtlich nicht allein. Einige begeisterte Stoner sind in meinem Freundeskreis. Schön für sie, blöd für mich. Kiffen ist nämlich die eine Sache, die ich beim besten Willen nicht mit ihnen teilen kann: Egal, wie sehr ich mich bemühe, nach einem Ofen fühle ich mich einfach beschissen.

Nachdem ich an einem Joint gezogen habe, fange ich an, mir tausend Gedanken über jede noch so kleine Handlung zu machen. Das stresst mich natürlich. Ich mache eine belanglose Bemerkung über etwas und denke sofort, wie bescheuert und blöd die doch war. Wenn ich aus einem Zimmer gehe, habe ich Angst, dass der Vibe dort nicht mehr der gleiche ist, wenn ich zurückkomme. Ich werde paranoid. Und obwohl ich meine Situation rational erfassen kann – 'Hey, das denkst du jetzt nur, weil du dicht bist!' –, gehen die paranoiden Gedanken einfach nicht weg. Wenn ich obendrein auch noch betrunken bin, dann endet so ein Joint in der Regel damit, dass ich meinen Kopf auf eine Klobrille betten muss und Angst habe, in dieser Position für immer gefangen zu sein.

"Nicht nur meine Freunde, sondern viele meiner persönlichen Heldinnen sind stolze Kifferinnen."

Es fuchst mich unglaublich, dass Gras einfach nichts für mich ist. Nicht nur meine Freunde, sondern viele meiner persönlichen Heldinnen – Rihanna, die Frauen von Broad City oder Sarah Silverman – sind stolze Kifferinnen. Ich bin nicht traurig, weil ich denke, dass high sein cool ist – nein, auf keinen Fall. Viel mehr habe ich das Gefühl, dass mir durch das Nichtkiffen eine wichtige euphorisierende Erfahrung entgeht. Aber was ist es denn, das mich von einem glücklichen Stonerdasein abhält? Mache ich irgendwas falsch und kann ich vielleicht lernen, Cannabis zu genießen? Ich brauche unbedingt Antworten auf diese drängenden Fragen, also habe ich Experten kontaktiert, um etwas Licht auf mein Versagen als Kifferin zu werfen.

Zuerst spreche ich mit Natasha Mason, einer Neuropsychologin an der Universität Maastricht und Expertin dafür, wie THC – der psychoaktive Stoff in Cannabis, der dir das High-Gefühl gibt – deine Hirnchemie beeinflusst. Es gebe keine eindeutige Antwort darauf, warum Gras genau diesen Effekt bei mir hat, sagt sie. Drogenkonsum sei eine subjektive Erfahrung und die Wirkung unterscheide sich von Mensch zu Mensch.

Sie berichtet mir allerdings von einer Studie der University of Chicago. Eine geringe Dosis THC, hieß es dort, könne helfen, Stress zu reduzieren. Eine hohe Dosis hingegen könne Angst, Paranoia und generelles Unwohlsein verursachen. Neben THC beinhaltet Gras viele weitere Substanzen. CBD ist eine davon und wirkt den psychoaktiven Effekten der Droge entgegen, außerdem verfügt es über eine ganze Reihe medizinischer Eigenschaften. Das niederländische Gras, das ich normalerweise rauche, hat in der Regel einen relativ hohen THC- und einen niedrigen CBD-Gehalt – ein möglicher Grund für meine Paranoia.


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Die Umgebung, in der ich kiffe, spiele ebenfalls eine wichtige Rolle, erklärt mir Mason. Versuche an Ratten hätten gezeigt, dass die durch das THC stimulierte Angst verstärkt wird, wenn sich die Tiere in einem neuen oder potenziell stressreichen Umfeld befinden. Mason sagt außerdem, dass Menschen, die regelmäßig kiffen, in der Regel weniger unerwünschte Nebenwirkungen verspüren. Allerdings könne das auch daran liegen, dass jene, die nie negative Erfahrungen mit Gras gemacht haben, auch eher dazu tendieren, regelmäßig zu kiffen.

Das ist alles schön und gut, aber es erklärt nicht wirklich, warum ich mich in ein sozial gestörtes und paranoides Häuflein Elend verwandle, während meine Freundinnen ihr Dichtsein genießen. Wir rauchen immer die gleichen Sorten mit dem gleichen THC-Gehalt in der gleichen, uns allen gewohnten Umgebung. Mason vermutet, dass meine Persönlichkeit schuld daran ist.

"Die gängige Lehrmeinung lautet, dass THC Angstgefühle verstärkt – und diese Gefühle sind bereits in dir präsent", erklärt sie. "Wenn du von Natur aus sehr analytisch oder unruhig und ängstlich bist, dann operieren bestimmte Chemikalien in deinem Gehirn." Das heißt: Serotonin steuert die Laune; Noradrenalin ist das Hormon, das den Körper auf plötzliche körperliche Aktivitäten vorbereitetet; GABA ist ein ein Downer und Glutamat hilft dabei, dass das Gehirn normal funktioniert. "Und wahrscheinlich funktioniert das bei dir anders als im Gehirn von Menschen, die generell entspannter sind", sagt Mason. "Das wiederum kann zu einer extremeren Reaktion auf das THC führen."

Floor van Bakkum, die im Bereich Prävention bei der niederländischen Drogenaufklärungsorganisation Jellinek arbeitet, stimmt Mason zu. Auch sie denkt, dass meine Reaktion mit großer Sicherheit damit zu tun hat, dass ich schon von Natur aus eher ängstlich bin und dazu tendiere, mir zu sehr den Kopf über Sachen zu zerbrechen. "Wenn du gerne Dinge überanalysierst und versuchst, in deinem Alltag alles unter Kontrolle zu haben, dann ist es wahrscheinlich auch für dich schwieriger, die Kontrolle abzugeben, nachdem du einen Joint geraucht hast", sagt sie. "Kurz gesagt: Du blockierst den spaßigen Teil."

Aber was kann ich tun, um Gras zu genießen? Bakkum gibt mir den Ratschlag, Sorten zu rauchen, die einen höheren CBD-Anteil haben. Allerdings solle ich vielleicht auch einfach akzeptieren, dass ich nicht immer alles haben kann, was ich will. Vielleicht wird Gras einfach nie etwas für mich sein.

Aber das kann doch nicht das Ende sein, oder? Kann ich nicht einfach das Kiffen lernen, wie ich gelernt habe, mit Alkohol umzugehen? Ich rufe Daan Keiman vom Trimbos Institute for Mental Health and Addiction an. Er versichert mir, dass die Effekte, die ich beschreibe, recht häufig beim Cannabis-Konsum auftreten. Und ja, es sei durchaus möglich für mich, "es genießen zu lernen".
Aber bedeutet meine negative Reaktion auf Gras nicht vielleicht, dass Kiffen bei mir wahrscheinlicher eine Psychose auslösen könnte? "Das Risiko eine Psychose zu erleiden und Angstgefühle zu haben, sind zwei komplett verschiedene Dinge", erklärt er mir. "Du solltest aber besonders vorsichtig sein, wenn jemand in deiner Familie unter psychotischen Episoden gelitten hat."

Als mir keine Experten mehr einfallen, wende ich mich wieder an meine Freundin Anne, die meinem grübelndem Kopf etwas Erleichterung verschafft. "Für dich sieht es vielleicht so aus, als ob Bekiffte jedes Mal eine tolle Zeit haben, aber das stimmt nicht immer", versichert sie mir. "Dass es dir keinen Spaß macht und du deswegen nicht kiffst, ist wahrscheinlich sogar etwas Gutes."

Wenn sie Recht hat und ich eigentlich nicht wirklich etwas verpasse, könnte ich diesen Zustand auch viel leichter akzeptieren. Warum muss ich Teil der Stonerkultur sein, wenn das gar kein so großer Spaß ist, wie alle immer behaupten? Und bei diesem Gedanken bin ich für einen Moment so zufrieden wie der Wackeldackel mit dem fetten Grinsen im Gesicht.

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