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Was vom "Babykatzengate" am Ende übrig bleibt

Verena Bogner

Verena Bogner

Auch wenn die große Aufregung um Stefanie Sargnagels satirisches Reisetagebuch wieder vorbei ist, gibt es so einiges, das man aus aus der "Krone"-Kampagne gegen sie lernen kann.

Screenshot aus VICE meets Stefanie Sargnagel

Es scheint, als wäre das Babykatzengate langsam aber sicher vorbei. Nicht nur Richard Schmitt scheint sich wieder beruhigt zu haben, nachdem er mit seinem Krone-Artikel über die mit Stipendien im Wert von insgesamt 1500 Euro geförderte Literaturreise von Stefanie Sargnagel und zwei Kolleginnen einen riesigen Shitstorm mit massiven Drohungen gegen die Frauen ausgelöst hatte. Auch die Aufmerksamkeitsspanne der empörten Netz-Gemeinde (und ihrer Anti-Sargnagel-Trolle) ist längst überschritten.

Viele haben sich im Laufe der Diskussion per Status-Update oder Tweet mit Sargnagel solidarisiert, viele haben auch einfach geschwiegen (zu viele, wenn es um prominente Verteidiger geht) und wieder andere sind kurzerhand auf den Zug aufgesprungen und haben sich gegen Sargnagel gestellt. 

Letzten Endes wurde Sargnagel selbst von Facebook gesperrt und die Sperre kurze Zeit später wieder aufgehoben – inklusive einer offiziellen Entschuldigung von Facebook – und die Krone steht für viele (vor allem junge) User als Hetzblatt und Verlierer da. 

Obwohl wir alle längst bereit für den nächsten Shitstorm, der kollektive Blutdruck gesenkt und die Twitter-Notifications wieder zur Ruhe gekommen sind, sollten wir nicht außer Acht lassen, dass die Kampagne der Krone gegen die Künstlerin vieles aufgezeigt hat. Sie steht symptomatisch für den Online-Umgang mit Frauen, die Strategien des Boulevards und Phänomene wie Clicktivism und Silencing. Und vor allem hat sie gezeigt, dass die Autorin Stefanie Sargnagel sich nicht im geringsten um die Meinung anderer schert. Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis von allen. 

Die Kronen Zeitung muss aktiv hinterfragt werden 

Sowohl für den ursprünglichen Bericht von Richard Schmitt, als auch für einen Artikel in der Kärntner Krone hagelte es Kritik. Richard Schmitt wurde vorgeworfen, er habe eine regelrechte Hasskampagne gegen Sargnagel gestartet; und zumindest seine regelmäßigen Tweets zum Thema sowie seine vielfachen Dankesnachrichten für die erhöhten Zugriffszahlen durch die Kritik sprachen nicht unbedingt dagegen.

Immer wieder stachelte er User, die sich mit der Autorin solidarisierten, an und wurde nicht müde, Menschen zu erklären, weshalb er im Recht und Sargnagel zu verurteilen sei. Eine Journalistin schrieb auf Twitter, die eigentliche Frage sei nicht, ob Sargnagel Satire, sondern ob Schmitt Journalismus sei. In der Kärntner Ausgabe der Kronen Zeitung wurde in einem kurzen Bericht zum Thema Sargnagels Wohnort veröffentlicht – mit dem Zusatz, sie sei "willig".  

Vor allem im Fall von Stefanie Sargnagel spielten sich die Krone und die FPÖ und FPÖ-nahe Medien wie der Wochenblick gegenseitig in die Hände und erzeugten so eine massive Reichweite für ihre Sicht der Dinge. Und mehr Reichweite bedeutete in diesem Fall mehr Hass.

Dieses Zusammenspiel populistischer Kräfte macht es umso wichtiger, die Kronen Zeitung als Medienimperium zu hinterfragen und nicht nur als langgediente Institution zu akzeptieren. Die Krone ist nicht zuletzt ein staatlich gefördertes Medium und die reichweitenstärkste österreichische Tageszeitung – und hetzt, wie im Fall Sargnagel, gegen Einzelpersonen.

So mutig wie sie tut, ist die Krone – oder zumindest ihre Autorenschaft – oftmals gar nicht. Schmitt wurde zumindest auf Twitter ziemlich schnell auffallend ruhig, als die Sache ernst und Sargnagel von Facebook gesperrt und bedroht wurde. Fritz Kimeswenger, der Kärntner Krone-Autor, der Sargnagel als "willig" bezeichnet hatte, ist inzwischen völlig aus den sozialen Medien verschwunden. Einen Nachfolgebericht zur Entwicklung der Causa – oder so etwas wie annähernde Selbstreflexion – sucht man auf der Krone-Seite ebenfalls vergeblich. 

Satire muss alles dürfen 

Und wenn wir sagen alles, dann meinen wir auch alles. Im Zuge der Debatte um das Babykatzengate wurden wir alle zu Literaturkritikern und Satire-Experten. Vorne stand Richard Schmitt, viele folgten ihm. Menschen versuchten festzulegen, was Satire ist und was nicht: Darf man über eine getretene Babykatze lachen? Einen Witz über Köln machen? Feststeht: Man sollte dafür keine Todesdrohungen einstecken müssen – unabhängig davon, was man geschmacklich von solchen Witzen halten mag.

Im Rahmen der Diskussion stellte mir ein User auf Twitter empört die Frage, was denn nun als nächstes komme: Satire über den Nationalsozialismus? Über Gewalt gegen Kinder? Irgendwo höre der Spaß schließlich auf.

Stefanie Sargnagel bezog sich mit ihrem Sager, der Kölner Hauptbahnhof hätte "zu viel versprochen", auf die Welle an Vergewaltigungswünschen, die Frauen immer wieder zuteil werden. Was sie sicher nicht tat, war, sich über Opfer sexueller Gewalt lustig zu machen oder diese zu verhöhnen. Sie machte sich über die weißen, alten Männer lustig, die im Rahmen der Flüchtlingsthematik zu Alibi-Feministen wurden, die "unsere" Frauen vor fremden Männern schützen wollen, ihnen jedoch gleichzeitig Vergewaltigungen durch Geflüchtete wünschen, wenn diese sich kritisch äußern.

Fraglich ist, ob vielen Lesern von Krone und Magazinen wie dem Wochenblick ab einem gewissen Punkt überhaupt noch klar war, dass es sich beim Reisetagebuch von Sargnagel und ihren Kolleginnen um einen satirischen Beitrag handelte. Irgendwann standen die Aussagen isoliert der Frage gegenüber, ob wir als Gesellschaft "so etwas" wirklich fördern wollen – eine Frage, die man im Übrigen umgekehrt auch in Bezug auf die Krone stellen könnte, die hier grob versäumt hat, für ihre Leserschaft die Zusammenhänge zu erklären und Sargnagels Text als Satire zu kennzeichnen.

Hass im Netz ist ein Problem, für das endlich Lösungen gefunden werden müssen 

Die Hasskommentare, die Stefanie Sargnagel, Lydia Haider und Maria Hofer für ihr Reisetagebuch und dessen Darstellung in der Krone abbekamen, waren in keiner Weise tragbar. Sie gingen weit über reine Unmutsäußerungen hinaus. Aufgebrachte User wünschten den Frauen Vergewaltigungen, schrieben davon, dass diese "Volksverräterinnen" "an die Wand gestellt" gehörten und bezeichneten ihr Tagebuch als "entartete Kunst". 

Die Möglichkeiten, die Betroffene aktuell haben, um gegen Hatespeech vorzugehen, sind – vorsichtig ausgedrückt – beschränkt. Liegen strafrechtlich relevante Inhalte vor, kann man Kommentare bei der Polizei anzeigen. Diese scheint im Umgang mit betroffenen Frauen jedoch oftmals überfordert zu sein, wie anhand konkreter Fälle immer wieder klar wird. Das erhöht die Hemmschwelle für Frauen, überhaupt zur Polizei zu gehen.

Noch im ersten Halbjahr 2017 soll eine Meldestelle für Hasskommentare ihre Arbeit beginnen. Dort sollen Betroffene nicht nur Auskunft darüber bekommen, ob Kommentare strafrechtlich relevant sind, sondern beim weiteren Vorgehen gegen Kommentare und deren Verfasser unterstützt werden. Auch soll die Meldestelle Nutzern helfen, die von Kommentaren betroffen sind, die zwar nicht strafrechtlich relevant sind, die Betroffenen jedoch herabwürdigen.

Ob und wie diese geplante Meldestelle funktionieren wird, muss sich erst zeigen; sie kann aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Bis es so weit ist, bleiben betroffenen Frauen nicht besonders viele Möglichkeiten übrig. Es gibt verschiedene allgemeine Strategien, um mit Hasskommentaren zurecht zu kommen, aber die Lösungsansätze unterscheiden sich immer individuell. 

Wie die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig in ihrem Buch Hass im Netz schreibt, ist es eine Möglichkeit, Hasspostings öffentlich zu machen. Der Zuspruch, den man anschließend oftmals bekommt, kann gut tun. Das öffentliche Ansprechen kann helfen, um andere darauf aufmerksam zu machen, was passiert. Auch Sargnagel hat Hasspostings in Form eines Facebook-Albums öffentlich gemacht.

Stefanie Sargnagel lässt sich nicht mundtot machen und das ist gut so

Dass die Kronen Zeitung im Endeffekt als Verlierer und geistiger Brandstifter aus der Diskussion aussteigt, liegt nicht zuletzt daran, dass Stefanie Sargnagel standhaft blieb, Kontra gab und sich nicht mundtot machen ließ. Sie hat sowohl der Krone, als auch den unzähligen Kommentatoren, die sie und ihre Kolleginnen unfassbar beschimpften und bedrohten, den Gefallen nicht getan, das Ganze stumm über sich ergehen zu lassen oder sich gar zurück zu ziehen. 

Sargnagel hat nachgelegt, sich auf Facebook zur Sache geäußert, weiter Witze gemacht. Als sie schließlich von Facebook gesperrt wurde, schrieb sie eben auf Twitter weiter, trat in direkten Dialog mit Richard Schmitt. Und das ist in jeder Hinsicht wichtig.

Sargnagel beweist sowohl den Alpha-Männchen wie Schmitt, Strache, Hofer, Glavinic & Co., die sich öffentlich gegen sie stellten, als auch den Kommentatoren, dass sie gekommen ist, um zu bleiben, wie der Kabarettist Hosea Ratschiller auf FM4 so passend schrieb. Anstatt ihnen das Feld und die öffentliche Deutungshoheit über ihre Person zu überlassen, bestimmt sie selbst den Diskurs mit. 

Auch für Journalistinnen, Musikerinnen und andere Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und mit massiven Anfeindungen konfrontiert sind, kann Sargnagels Umgang mit Hatespeech befreiend und vor allem lehrreich sein: Er zeigt, dass die Trolle und Hetzer nicht gewinnen, wenn man sie nicht gewinnen lässt.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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