Der Rechtspopulismus-'Tatort' regt sowohl Rechte als auch Linke auf

Beide Seiten fühlen sich durch den letzten Tatort falsch dargestellt. Und für die Rechten ist daran wieder Mal die "Lügenpresse" schuld.

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18 Dezember 2017, 3:33pm

"Die Neuen Patrioten", das 'Tatort'-Äquivalent zur AfD | Foto: NDR | Christine Schroeder

Dieser Artikel erschien zuerst bei VICE Deutschland.

Der Tatort ist eine deutsche Institution. Auch deshalb, weil er ein grundlegendes Bedürfnis vieler Deutscher befriedigt: meckern. Im Fall von Dunkle Zeit, der am vergangenen Sonntag lief, scheint sich der Großteil der Kritiker allerdings nicht an abwegigen Storylines oder absurd-bombastischen Hollywood-Anleihen zu stören. Nein, der Krimi, der sich für den Mordfall innerhalb einer rechten Partei ganz offensichtlich an der AfD bedient hat, hat nicht nur inhaltlich eine politische Dimension.

Dabei klingt die Prämisse im ersten Moment tatsächlich nicht nach einfachem AfD-Bashing. Wotan Wilke-Möhring wird als Kommissar Thorsten Falke zum Schutz einer Politikerin abgestellt, die als Gesicht der rechtspopulistischen Partei "Neue Patrioten" Morddrohungen erhält. Als ihr Mann durch eine Autobombe ums Leben kommt, fällt der Verdacht auf linke Aktivisten.


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Egal ob links oder rechts, Plattitüden und Klischees gibt es in diesem Tatort auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Trotzdem schien die Tatsache, dass sich die Rechten am Schluss als wahre Drahtzieher hinter dem Anschlag entpuppen und Falke aus seiner Abneigung gegen seine Schutzbefohlene keinen Hehl macht, rechte Internetnutzer und Politiker in einer ihrer hartnäckigsten Vermutungen final zu bestätigen: Das Staatsfernsehen dreht Propagandafilme, die durch Zwangsgebühren finanziert wurden, um das Volk umzuerziehen.

Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD, bezeichnete den Tatort am frühen Montagmorgen in einen Facebook-Beitrag als "GEZ-finanzierte Gehirnwäsche" und "Volkserziehung". "Sollen sich diese Linksideologen, die da unser erzwungenes Gebührengeld verballern, nur weiter selbst demaskieren", schrieb Meuthen und ließ durchblicken, dass seine Partei von echten Polizisten sehr wohl Zuspruch bekäme. Der Post wurde seitdem rund 1.500 Mal geteilt. Wohl auch, weil er mit dem Umerziehungsvorwurf offene Türen einrannte.

"Niveaulose Propaganda", "Widerliche Gehirnwäsche", "Lügenfernsehen für dumme Menschen" sind sich viele rechtskonservative Facebook-Nutzer nach dem Tatort einig. Auf Twitter, einer weiteren klassischen Social-Media-Spielwiese von Tatort-Kritikern und verschwörungsaffinen AfD-Sympathisanten, fiel das Urteil ähnlich aus. Dunkle Zeit sei "an Infamie kaum noch zu überbietende, staatsgetragene Propaganda", "verblödete Meinungsmache" und "seichte, politische Volkserziehung". Der Konsens: Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen, die AfD bewusst in ein schlechtes Licht zu rücken, um von Merkels Schuld an der aktuellen politischen Situation in Deutschland abzulenken.

Tatsächlich sind es aber nicht nur AfD-Sympathisanten, die sich im Tatort falsch repräsentiert sehen. Auch aus linken Kreisen hagelt es Kritik – allerdings vor allem an der Darstellung der Antifa. Dass linke Demonstranten komplett vermummt seien, die Polizei jedoch nicht, hätte er auf echten Demos so "noch nie erlebt", erklärte Grünen-Politiker Jürgen Kasek auf Twitter. Andere Nutzerinnen und Nutzer stießen sich daran, dass die Antifa als eine Art unprofessioneller, jugendlich-rebellischer Zusammenschluss aus Muttersöhnchen mit MacBooks charakterisiert würde. Menschen also, die man politisch nicht ernstzunehmen habe.

Was bleibt unterm Strich? Vielleicht die Erkenntnis, dass obwohl in vielen Klischees etwas Wahres stecken mag, zu plakative und einfache Bilder niemanden befriedigen. "Zum Glück ist unser Land nicht so durchschnittlich wie dieser Tatort es darstellt – sondern vielfältiger, kämpferischer, klüger", formulierte es die taz und hat damit natürlich Recht. Deswegen: Wenn das nächste Mal ein Rechtspopulist davon spricht, dass 13 Prozent der Wähler das Kreuz bei der AfD gemacht haben, dann lasst euch davon nicht wie die Tatort-Ermittler auskontern. Folgt dem Vorschlag eines Welt Online-Redakteurs, der sich vom Gesehenen frustriert folgende Reaktion wünschte: "Mag ja sein, du blöde Kuh, aber 87 Prozent haben dich eben nicht gewählt."

Ist vielleicht auch polemisch und vereinfachend, gleichzeitig aber eine Realität, die man rechten "Wir sind das Volk!"-Patrioten durchaus öfter ins Gedächtnis rufen kann. Und das klappt auch ganz ohne Rundfunkgebühren.

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