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Sex

Suff und Dauerwelle: 'Schwiegertochter gesucht' ist so gut, weil es so unsexy ist

Auch mit der neuen Staffel bleibt die RTL-Kuppelshow das beste Trash-TV-Format im deutschen Fernsehen. Ohne Blowjob-Witze, dafür mit esoterischem Bang-Bus.

von Lisa Ludwig
03 Oktober 2017, 8:21am

Martin und sein großes Vorbild Wolfgang Petry | Foto: MG RTL D

Wenn die Tage kürzer werden und die Menschen trübsinniger, wenn RTL-Redaktionsmitglieder panisch den Duden wälzen, um möglichst viele Worte zusammenzutragen, die mit dem gleichen Buchstaben anfangen, dann ist wieder Schwiegertochter gesucht-Zeit. Zum mittlerweile elften Mal will Vera Int-Veen liebenswerte bis gruselige Junggesellen (und ihre Mütter) an die Frau bringen. Auch wenn die Quoten zuletzt ungewohnt schwach ausfielen: Es gibt immer noch Millionen Menschen, die von unangenehmen Dates und exzentrischen Schwiegermüttern nicht genug bekommen können.

Und deswegen ist sie jetzt wieder da, die Vera, mit einem Sack voller neuer, noch irrwitzigerer Alliterationen. Im beigen Hosenanzug tritt sie in eine Kulisse, die aussieht wie der herbstliche Fiebertraum einer Etsy-Shop-Inhaberin und kündigt Kandidat Nummer Eins an: Martin, 45, lebt im "rasanten Ruhrpott", ist hauptberufliches Wolfgang-Petry-Double und kennt sich trotz hoher Groupie-Dichte bei seinen Auftritten "gar nicht aus mit diesen ganzen Flirt-Sachen". Das unterstreicht er mit verzweifelten Handgesten, die all jene von uns ganz tief drin berühren dürften, die sich ihre Tinder-Dates mittlerweile nicht einmal mehr schön trinken können.


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Wenn schon alleine alt werden, dann zumindest so glamourös wie die "elegante Edeltraud". Martins Mutter ist schon nach wenigen Minuten Sendezeit eine absolute Ikone. Die 81-Jährige probiert erst dramatisch Hüte vor dem Spiegel an, um anschließend in einem unfassbaren Outfit (orangene Flokati-Jacke, Blume im Haar, dicke goldene Ohrringe, lilanes, seitlich geknotetes Halstuch, sehr viel Rouge) die Einsamkeit ihres glücklosen Sohnes zu relativieren: "Das ist ja kein Problem, Martin. Frauen gibt es wie Sand am Meer." Das ist grundlegend richtig, nur, eine wie Edeltraud zu finden, wird wahrscheinlich eher schwer.

Auch Oliver, 20, aus der "stattlichen Südpfalz", lebt noch bei seiner Mutter und scheint damit überaus zufrieden. Der "treuherzige Tierfreund" und "natürliche Niethosen-Träger" wird damit eingeführt, dass er wie ein aufziehbarer Plastiksoldat zwischen Weinstöcken auf die Kamera zu marschiert. Eigentlich ist er aber ein ganz anschmiegsamer Typ, backt gerne und weiß trotz anhaltendem Liebespechs: "Es ist auf jeden Fall etwas anderes, mit seinem Hasen zu kuscheln als mit seiner Freundin." Schließlich könne man mit der "viel mehr machen". Vera bringt zum Kaffeekränzchen mit "leckerem Langohrkuchen" leider nur einen Brief mit. Die Bewerberin hat allerdings auch einen Hasen und heißt genauso wie seine Mutter (Kathrin), es kann also "nur gut werden", wie die 41-Jährige anmerkt. Und das wird es dann tatsächlich auch noch.

Kevins Mutter Beate weiß, was gut ist: Alkohol | Foto: MG RTL D

Erst einmal geht es aber zum Zwei-Meter-Mann Kevin, 27. Der "hochgewachsene Hundebesitzer" hat einiges zu bieten, erklärt Vera – eine Playstation 4 zum Beispiel. Vor allem aber eine Mutter, die bei der Partnersuche ihres Sohnes nichts mehr dem Zufall überlassen möchte. "Mach' mal die ganze Flasche rein. Dann bleiben die Mädels, dann klappt das", erklärt sie Kevin, als der fragt, wie viel Rum er in den Kuchenteig kippen soll. Dass RTL keine Probleme damit hat, auch stark alkoholisierte Menschen vorzuführen, hatte schließlich spätestens Jan Böhmermann mit seinem #verafake bewiesen.

"Zurück im rasanten Ruhrpott schlendert das dynamische Duo Martin und Edeltraud" derweil zum Friseur ihres Vertrauens, um sich einer Aktivität zu widmen, die dankenswerterweise ohne Date-Rape-Anklänge auskommt: Sie lassen sich gemeinschaftlich die Dauerwelle auffrischen und singen Vera Int-Veen dabei ein sehr schiefes Ständchen. Das goldene Freundschaftsbändchen für das potentiell skurrilste Gespann der Staffel bekommen trotzdem andere.

Engel-Liebhaber Heiko ist nämlich wieder dabei und steht nach wie vor auf Kartenlegen, überirdische Astralwesen und das Auspendeln wichtiger Entscheidungen. Vor Jahren schon hatte er über die Sendung die ganz große Liebe gefunden und vor laufenden Kameras einen Schwangerschaftstest in ein Wasserglas mit dem Urin seiner Freundin getunkt. Trotz des gemeinsamem Kindes haben sich die Wege allerdings getrennt und der 43-Jährige ist bereits seit längerem wieder auf der Suche – dieses Mal zusammen mit seinem jüngeren Bruder Guido. Gerade haben es sich die beiden Brüder auf ihrer "lauschigen Lieblingsdecke" vor dem Plattenbau bequem gemacht, da taucht auch schon Mutter Sigrid auf. Und: "Die kokette Katzenliebhaberin kommt nicht mit leeren Händen!", erklärt Vera aus dem Off.

Guido und Heiko suchen nach der großen Liebe. Mit wem ist erstmal nicht so wichtig | Foto: MG RTL D

Als wäre herkömmlicher Sextourismus nicht schon gruselig genug, hat sie einen "Reiseführer für eine spirituelle Liebesreise" dabei, mit dessen Hilfe die beiden Junggesellen ihre Traumfrauen laut Reisebroschüre zwischen visionsanregenden Steingräbern und Dornröschenschlössern finden sollen. Um ganz sicher zu gehen, kommt Vera vorher allerdings mit einem alten VW-Bus voller Peace-Zeichen vorbeigefahren und bringt schon einmal drei Frauen mit.

Sowohl die "gut ausgestattete Altenpflegerin" Susanne als auch die "colorierte Kassiererin" Anke haben sich bei Guido beworben. Nur die 43-jährige Alexandra, die zu dramatischer Mittelaltermusik und im Hexenkostüm vorgestellt wird, kann sich vorstellen, auch mit Heiko intim zu werden. Zumindest theoretisch, Mutter Sigrid ist nämlich alles andere überzeugt: "Bei Alexandra bekomme ich eine Gänsehaut und eiskalte Hände. Warum? Das kann ich noch nicht sagen." Drei Frauen, zwei ungefickte Typen und ihre Mutter in einem VW Bus: Die Reisegruppe "Engelmobil" klingt schon jetzt nach einem ziemlichen Albtraum.

Die anderen Kandidaten lernen die Herzensdamen in der ersten Folge nicht mehr kennen. Nur Oliver hat noch das Glück, seine komplett in verschiedene Pinkschattierungen gekleidete Kathrin am Bahnhof abholen zu dürfen. Dort kann er sie auch das erste und letzte Mal bei ihrem richtigen Vornamen nennen, seine Mutter beschließt nämlich recht schnell und resolut, dass es unmöglich zwei Frauen mit demselben Vornamen in ihrem Haushalt geben könne. Die 17-jährige "Tutti", denn so heißt sie jetzt, nimmt es gelassen und wendet sich mit ihrem 20-jährigen Verehrer am Couchtisch schnell wichtigeren Dingen zu. Der gemeinsamen Zukunftsplanung zum Beispiel, inklusive Kinder. Mutter Kathrin ist fassungslos und scheint sich schon jetzt an die Zeiten zurückzusehnen, wo sie mit der Sexualität ihres Sohnes nur in der Form klebriger Herrensocken konfrontiert war. Das könnte – neben Edeltrauds exzentrischen Outfits und dem esoterischen Bang-Bus von Heiko und Guido – die interessanteste Storyline für die elfte Staffel Schwiegertochter gesucht werden.

In Zeiten allgemeiner Trash-TV-Müdigkeit ist das Schöne an der Kuppelshow gerade die komplett fehlende Erotik. Statt Brüsten gibt es Kuchen, statt überinszenierter Bitch-Fights und Macho-Posen gibt es Kuscheltiere mit Namen und passiv-aggressive Mütter. Und irgendwie ist das realistischer, als es alle Strand-Ibiza-Nacktmodel-Dating-Sendungen je sein könnten. Wir haben dich vermisst, Schwiegertochter gesucht, trotz all der absolut gerechtfertigten Kritik an dir. Und wir schalten auch nächste Woche wieder ein. Wenn Oliver und Tutti am mütterlichen Küchentisch Kondome auf Bananen rollen müssen und Kevins Mutter nicht verraten will, welches mysteriöse Gebräu sie den Bewerberinnen für ihren Sohn verabreicht. Gewagte Prognose: Wahrscheinlich ist Rum enthalten.

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