Wir haben mit Studierenden über ihre Zukunftsängste geredet

"Ich sehe mich dann irgendwie immer in einem ganz anderen Berufsfeld, meistens an der Hoferkasse."

|
14 Juni 2016, 10:26am

Titelbild: Michael Kowalczyk | CC 2.0

"Und, was willst du mit deinem Studium später machen?" Jeder Geistes- und Sozialwissenschafter kennt diesen Satz. Er ist bei vielen Studenten ein gefürchteter Alltagsbegleiter und eigentlich nur zu ertragen, wenn man tatsächlich einen Plan für sein restliches Leben hat—oder zumindest Alkohol in greifbarer Nähe ist. Die Menschen, die ihn aussprechen, schauen dabei meist mitleidig und besorgt. Es handelt sich auch nicht um einen reinen Ausdruck von Interesse, es ist eher die höfliche Art, jemandem zu sagen: "Bei deiner Studienwahl solltest du besser wissen, was du tust. Sonst wirst du später als arbeitsloser Katzenfan enden und mit Ende 20 wieder bei deiner Mama wohnen."

So unangenehm diese Frage auch ist, in der heutigen Zeit hat sie durchaus ihre Berechtigung. Die Zahl der arbeitslosen Akademiker steigt seit Jahren kontinuierlich, ein Gegentrend ist nicht in Sicht. Was werden die zukünftigen Anthropologen, Soziologen oder Psychologen also wirklich machen?

Die schöne Vorstellung, einfach irgendwas studieren zu können und danach auf jeden Fall einen Job zu bekommen, bleibt genau das: eine Vorstellung. Die Realität gestaltet sich da schwieriger. Wie fühlt es sich an, Jahre seines Lebens mit einer Ausbildung zu verbringen, die vielleicht am Ende des Tages zumindest arbeitsmarkttechnisch wertlos ist? Wir haben mit Studenten geredet und sie gefragt, welche Jobchancen sie sich ausrechnen und ob sie Angst vor der Zukunft haben. Die Antwort war meistens: "Angst habe ich schon, aber irgendwas wird sich schon ergeben." Die Studienwahl nachträglich ändern würden die wenigsten.

Woran liegt das? Die Soziologin Mag. Anna Wanka, die sich unter anderem intensiv mit der Generation Y beschäftigt, sagt dazu: "Diese Generation hinterfragt ständig ihre Pläne und ihre Lebenssituation. Dadurch fällt es ihr schwerer, langfristige Pläne zu schmieden—sie will sich nicht festlegen." Ein Nachteil müsse das allerdings nicht sein. Dadurch entstünde auch eine gewisse Flexibilität. Allerdings, so Wanka, würden die Vertreter dieser Altersgruppe auch dazu neigen, Verantwortung abzulehnen. Überhaupt gehe es der Generation Y eher um Selbstverwirklichung als um Jobsicherheit. "Zu einem Kollektiv, wie zum Beispiel einer Firma, etwas beizutragen, ist ihnen weniger wichtig als in sich selber zu investieren", sagt Anna Wanka.

Hier also unsere Interviews mit Studierenden über Zukunftsangst, Jobchancen, Idealismus und Falafelbuden.

Pedro, 24, Kultur- und Sozialanthropologie

Ich habe mich aus einem ganz profanen Grund für dieses Studium entschieden. Ich wollte etwas machen, das wie Soziologie ist, nur mit weniger Mathematik. Jobtechnisch gesehen schätze ich meine Chance auf null Prozent. Ich habe leider keinen Führerschein, das heißt ich kann auch nicht Taxifahrer werden. Generell kann man als KSA-Studierender schon spannende Berufe ausüben, zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit oder in der internationalen Politik. Aber dafür müsste man schon ziemlich gut drauf sein, was ich leider nicht bin. Ich bin eher so ein gemächlicher Durchschnittsstudent.

Ich mache mir aber jetzt keine Sorgen in Bezug auf meine ökonomische Sicherheit, sondern denke mir eher: jetzt habe ich noch die Chance, Grundsteine für mein späteres Leben zu legen. Wenn ich Astronaut oder Künstler werden will, kann ich das jetzt noch machen, aber bald nicht mehr. Ich habe also eher Angst im Studententrab stecken zu bleiben und irgendwann mit 40 ÖVP Wähler zu sein und eine Midlife Crisis zu bekommen.

Ich habe mir schon überlegt mich am ganzen Körper zu tätowieren, um mich präventiv vor einem langweiligen Bürojob zu schützen. Generell verdränge ich meine Ängste aber einfach. Ich lebe jetzt halt den "Dumm-aber-glücklich-Lifestyle" und suche die Schönheit im Moment. Sollte ich allerdings wirklich keinen Job finden, werde ich eine Falafel Bude mit dem Namen "Schlalafelland" eröffnen. Bitte klaut mir jetzt aber nicht diesen Namen.

"Wer sich entmutigen lässt, hat momentan auf dieser Welt keine Chance."


Viktoria, 24, Soziologie

Ich studiere Soziologie, weil mich die gesellschaftlichen Strukturen interessieren, vor allem in Bezug auf Randgruppen. Mit diesem Studium kann man nur leider nicht viel anfangen. Nach dem Bachelor hatte ich lange Angst, später mal vor dem Nichts zu stehen. Eigentlich beschäftigt mich das auch heute noch tagtäglich. Es fragt auch ständig jeder, was man damit machen will. Das fühlt sich so an, als würde man irgendwo schweben und nicht Fuß fassen können.

Vor allem wenn man schon während der Ausbildung damit konfrontiert wird, dass die Jobchancen nicht gut sind und dass man am besten noch ein Studium machen sollte, oder halt den Master. Sehr viele Leute machen Geisteswissenschaften und der Jobmarkt ist nicht gerade der größte. Man hat schon Zukunftsängste, auf jeden Fall. Sollte ich nach dem Studium wirklich nichts finden, würde ich weiterhin als Kellnerin arbeiten, bis ich ein gescheites Jobangebot bekomme. Oder ein soziales Jahr im Ausland machen. Trotz allem muss ich sagen, dass ich es wieder machen würde. Es ist super interessant.

Patrick, 23, Wirtschaft

Wirtschaft studiere ich aus Interesse, denn meine Jobchancen schätze ich beschissen ein, um es wörtlich auszudrücken. Die Leute wollen immer Qualifikationen haben, die es nicht gibt. Man kann nicht studieren und nebenbei zehn Jahre Berufserfahrung sammeln, das funktioniert nicht. Ich werde schon irgendwas in der Branche bekommen, aber ob es etwas sein wird, dass mich wirklich interessiert ist von unendlich vielen Determinanten abhängig. Zukunftsängste lege ich mir erst zu, wenn ich den Titel habe. Zurzeit verdränge ich und das funktioniert relativ reibungslos.

Ich denke, ich werde schon irgendwo unterkommen, die EU hat schließlich 28 Mitgliedsstaaten. Da wird sich schon jemand finden, der meine Arbeitskraft in Anspruch nehmen will. Generell glaub ich, dass man sich bei der heutigen Wirtschaftslage nicht entmutigen lassen darf. Mut ist etwas, das man zum Studium braucht und in der Arbeitswelt erst recht. Wer sich entmutigen lässt, hat momentan auf dieser Welt keine Chance.

Gabriel, 24, Komparatistik

Zuerst habe ich den Bachelor in Publizistik gemacht. Das war schon die richtige Richtung, aber noch nicht ganz das Wahre. Deshalb habe ich mich für den Master in "Vergleichender Literaturwissenschaft" entschieden. Ich habe schon manchmal Angst vor der Zukunft und denke mir: "Was machst du eigentlich?" Dagegen hilft allerdings Alkohol recht gut.

Alle, die nicht trinken, sollten das Mal probieren—aber bitte nicht übertreiben! Denn Jobchancen rechne ich mir wirklich keine aus, echt nicht. Vermutlich werde ich halt mal zuerst irgendeinen Job machen und dann für immer im Prekariat verbleiben, aber dafür halt etwas tun, das Spaß macht.

"Nach der Matura wird man einfach in die Welt geworfen."


Linda, 22, Bildungswissenschaft

Ich habe mit BiWi angefangen, weil ich eigentlich den Lehrgang in "Tiergestützter Therapie" machen wollte und man dafür eine soziale Ausbildung braucht. Da habe ich mir gedacht: "Hey, BiWi, voll sozial." Mittlerweile möchte ich den Lehrgang gar nicht mehr machen, studiere aber immer noch BiWi. Jobtechnisch sieht es mit diesem Studium schlecht aus, sehr schlecht. Ich glaube ein Bachelor in BiWi ist wie ein Bachelor in Philosophie. Also ich rechne damit, dass ich noch Zusatzausbildungen machen muss, für die ich auch Geld hernehmen muss, um einen Job zu finden. Das ist ein bisschen ein Teufelskreis.

Ich brauche Geld, um Ausbildungen zu machen, um später einen Job zu finden—aber dafür müsste ich jetzt einen Job haben, finde aber keinen. Das ist ein Problem und macht mir Angst. Ich sehe mich dann irgendwie immer in einem ganz anderen Berufsfeld, meistens an der Hoferkasse. Gott sei Dank habe ich Eltern, die mich noch ein bisschen finanzieren können, aber ich will auch nicht mein Leben lang von ihnen abhängig sein. Ich hoffe, ich weiß bald, in welche Richtung es mich verschlägt und dann werde ich halt dort weiter machen und, wenn alles gut geht, einen Job finden.

Prinzipiell finde ich, jeder sollte das studieren, worauf er Lust hat, ich finde nämlich, dass mich das Studieren menschlich wachsen hat lassen. Aber man muss nebenbei einfach nach Chancen Ausschau halten und die dann auch ergreifen. Einfach schauen, dass man sich irgendwie durchwurschtelt.

Sophie, 25, Umwelt- und Bioressourcenmanagement

Entschieden habe ich mich für dieses Fach, weil ich mich gerne für die Umwelt und eine nachhaltige Entwicklung engagieren möchte. Ich würde gerne irgendwas zur Verbesserung der Umweltsituation beitragen. Allerdings weiß ich, dass ich sicher länger nach einem Job suchen muss. Wir sind halt keine Spezialisten, aber ich bin engagiert und flexibel, also werde ich schon irgendwas finden. Es fühlt sich schon schlecht an, wenn man weiß, dass der Jobeinstieg schwierig wird. Ich habe öfter mein Studium in Frage gestellt und mich gefragt, was ich überhaupt gemacht habe.

Man ist natürlich unsicher und manchmal hat man dann in Sachen Selbstbewusstsein ein bisschen zu hadern, weil es auch schwierig ist, Menschen zu erklären, warum man dieses Fach studiert. Ich erinnere mich dann selbst daran, warum ich es mache und versuche mir meine Stärken vor Augen zu führen. Gleichzeitig rede ich mit Leuten, die in dem Bereich tätig sind und versuche mir Meinungen einzuholen. Also reden, sich vernetzten und einfach nach vorne schauen.

Sarah, 25, Austrian Studies

Ich komme aus einer Familie von Wirtschaftern, es war daher ziemlich schwierig, dieses Studium wirklich durchzuziehen. Meine Mutter hat mich am Anfang jede Woche angerufen und gefragt, ob ich nicht doch "etwas Gescheites" studieren will. Das war schon desillusionierend. Mit Austrian Studies hat man auch wirklich schlechte Jobchancen. Der Kulturbereich wird nicht mehr so gefördert und Österreich ist jetzt auch nicht das relevanteste Land, global gesehen, im Literatursektor.

Aber auch auf der Uni wird einem schon vermittelt, dass man mit diesem Studium eigentlich keine Chancen auf einen Job hat. Da habe ich mir schon gedacht: "Scheiße." Ich würde es aber trotzdem nochmal studieren, weil es ein unglaublich schönes Studium war, aber vielleicht nicht mehr als Hauptfach, sondern nebenbei als Hobby. Ich glaube halt, das sind Probleme bei denen man schon viel früher ansetzten müsste.

Nach der Matura wird man einfach in die Welt geworfen, zu einem Zeitpunkt, wo man noch überhaupt keine Ahnung hat. Man hört natürlich auch nicht darauf, was einem die Eltern sagen. Der Realitätscheck kommt dann erst, wenn man in der "Quarterlife-Crisis" steht und sich denkt: "Scheiße, vielleicht hätte ich doch auf die Mama hören sollen."

Titelbild: Michael Kowalczyk | Flickr | CC 2.0