Popkultur

Steve-O raucht mit uns Schamhaare und spricht über seine Karriere

Außerdem hat uns der 'Jackass'-Star von seinen Ängsten und Hoffnungen erzählt und angeblich 13 Jahre alten Urin von sich selber auf Drogen getestet.

von Joe Bish
09 Dezember 2016, 5:00am

Steve-O bläst mir Schamhaar-Rauch ins Gesicht, nachdem er sich eine frisch rasierte Schrittfrisur-Locke zwischen seinen kleinen und Ringfinger steckte, von seinem entnervten Tourmanager anzünden ließ und dann einmal kräftig an seiner Faust zog. Der beißende Geruch von verbranntem Haar verursacht bei mir direkt Kopfschmerzen.

Ein Fan hat Steve-O auf diese Idee gebracht—aber eigentlich sollte er dabei Gras rauchen. Steve-O nimmt jedoch keine Drogen mehr und deshalb müssen es eben Schamhaare tun. Er überlässt mir sein Handy und bittet mich darum, ihn für Snapchat zu filmen. Er will das Verlangen der Fans befriedigen. In ein paar Stunden wird er auf die Bühne gehen, um das Comedy-Stunt-Spektakel aufzuführen, mit dem er gerade durch Europa tourt.

Die Show ist dabei ein Mischmasch aus Geschichten, Anekdoten und seichten Witzen. Die Erzählungen von gebrochenen Knochen und Verhaftungen werden durch Balanceakte, nackte Haut und Zuschauerinteraktionen aufgelockert. Diese Art der Unterhaltung ist an sich sehr klassisch und steht damit im krassen Gegensatz zu Steve-Os ständiger Präsenz in den sozialen Medien.

"Meine Social-Media-Accounts sind mir definitiv sehr wichtig und ich will ständig mehr Follower bekommen", erklärt er mir. "Darüber denke ich fast schon zu viel nach. Weißt du, wenn ich versuche, immer auf dem Laufenden zu bleiben, dann kommt es mir manchmal so vor, als würde ich ins Leere rennen. Wie schaffe ich es, mein öffentliches Bild aufrechtzuerhalten?"

Dieses Bild von Steve-O ist zumindest theoretisch recht einfach zu verstehen. Stephen Glover—so sein richtiger Name—gehört zu den drei wohl bekanntesten Mitgliedern der Jackass-Crew—neben dem Strippenzieher Johnny Knoxville und dem alternden Problemkind Bam Margera. Er war jedoch mit Abstand der Extremste der Gruppe, denn er hat sich immer bereitwillig den Risiken der Stunts ausgesetzt, sich mit Freude erniedrigt und sich auch gerne mal mit Scheiße, Pisse sowie Kotze eingeschmiert. Diese extreme Persönlichkeit legt Steve-O hinter verschlossenen Türen jedoch schnell ab.

Nach einem langen und gefährlichen Tanz mit Alkohol und Drogen ist Steve-O inzwischen nämlich vollkommen trocken und clean. Und er glaubt, dass diese Tatsache sowie die damit einhergehenden Umstände seine Fans enttäuschen könnten.

"Die Leute, die mich immer noch für den Verrückten von Jackass halten, stellen sich meine Freizeit bestimmt anders vor", meint er. "Sie würden bestimmt sagen: 'Wow, wie langweilig!' [lacht] Aber das ist schon OK. Ich führe ein Doppelleben, keine Frage. Privat bin ich viel verantwortungsbewusster und achte mehr auf meine Gesundheit. Mir haben schon viele Leute gesagt, dass ich viel netter bin, als sie erwartet hatten. Irgendwie stört mich das schon ein bisschen. Man geht immer davon aus, dass ich ein richtiges Arschloch bin. Das beunruhigt mich. Vielleicht sollte ich versuchen, netter rüberzukommen."

"Wir haben unser Glück schon ziemlich herausgefordert. Ich kann mir zum Beispiel kaum anschauen, wie Knoxville einem Bullen gegenübersteht."

Diese Aussage überrascht mich, denn bei all den aufgezeichneten Eskapaden wirkt Steve-O nie wie ein unfreundlicher "Bösewicht". Nein, er ist immer gut drauf—der typische Kifferfreund mit der einzigartigen Lache. Durch die traurigen Augen und das strahlende Lächeln verleiht dieses Lache Steve-Os Gesicht einen gleichzeitig komischen und tragischen Glanz. Diese Zwiegespaltenheit lässt sich allerdings leicht erkennen, denn wenn Steve-O nicht gerade seine eigenen Schamhaare raucht, ist er nachdenklich und wählt seine Worte mit Bedacht. So etwas kann man von einem 42-Jährigen, der schon viel erlebt hat, auch irgendwie erwarten. Man vergisst jedoch schnell, dass er und der Rest der Jackass-Crew keine ungestümen Skateboard-Kids mehr sind, denn sie verhalten sich zum Großteil noch so. Einige von ihnen sehnen sich nach dieser glücklicheren Zeit zurück. Steve-O denkt da allerdings anders.

"So etwas hatte es zuvor nie gegeben und so etwas wird meiner Meinung nach auch nie wieder existieren. Ich fände es falsch, das Ganze bis in alle Ewigkeiten fortführen zu wollen", erklärt er. "Wir haben unser Glück schon ziemlich herausgefordert. Ich kann mir zum Beispiel kaum anschauen, wie Knoxville einem Bullen gegenübersteht. In den Filmen sieht man auch, wie ich das nicht gut finde. Gleichzeitig kann ich selbst nicht wirklich rechtfertigen, warum ich so viel mit Haien mache. Die Gefahr ist da ja genauso groß. Wir haben das Maximum langsam ausgereizt. Wenn Knoxville bei seinen Bullen-Stunts im Rollstuhl landen würde, dann wäre das richtig erschütternd. Andererseits wäre ein Jackass-Film, in dem er nichts mit Bullen macht, eine Riesenenttäuschung."

Steve-O will aber nicht nur vermeiden, dass sich seine Freunde schwer verletzen (dieses Verantwortungsgefühl kommt wohl mit dem Alter), sondern findet auch, dass eine Jackass-Reunion Gift für seine persönliche Karriere wäre. "Ich will eigentlich gar nicht, dass es noch einen weiteren Jackass-Film gibt, weil ich so hart dafür gearbeitet habe, mir selbst eine Karriere aufzubauen und für die Zeit nach Jackass auszusorgen. Das will ich mir jetzt nicht kaputtmachen", sagt er. "Ich würde die Jungs aber auch niemals im Stich lassen."

Vor dem Interview präsentiert mir Steve-O eine zerbeulte Plastikflasche, die eine bräunlich-gelbe Flüssigkeit enthält. Dabei handelt es sich um Steve-Os Urin—was auch sonst? Bei der Show in London hat ein Fan ihm die Flasche überreicht und der Inhalt ist angeblich 13 Jahre alt. Und was stellt man am besten mit 13 Jahre alter Pisse an? Man testet sie natürlich auf Drogen.

In freudiger Erwartung öffnet Steve-O das Drogentest-Kit und gießt den Urin vorsichtig in einen Becher. Ein Kumpel filmt die ganze Prozedur. "Wenn das hier wirklich meine Pisse ist, dann sind da definitiv Drogen drin", sagt Steve-O. Leider ist das Ergebnis negativ und der Entertainer ist sichtlich enttäuscht. Er glaubt, seine Zuschauer enttäuscht zu haben, weil seine 13 Jahre alte Ausscheidung keine Spuren von Kokain und Marihuana enthält.

"Weißt du, ich habe schon immer nach Aufmerksamkeit gegiert", erklärt er mir. "Schon in meiner Kindheit hieß es immer 'Schau her, schau her!'. Das war fast schon unverhältnismäßig. Die Vorstellung von Ruhm und Bekanntheit fand ich unglaublich anziehend, weil die ganzen Promis so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie sie wollen! Deshalb hat mich das Ganze schon immer gereizt und ich strebe so vehement danach."

Wie viele Menschen, die sich nach Aufmerksamkeit (und im weiteren Sinne nach Liebe) sehnen, macht sich auch Steve-O bezüglich seines Erfolgs Sorgen und fragt sich, wie er sich noch weiterentwickeln kann und ob er überhaupt noch ankommt. So hält er mit seinen Ängsten bezüglich eines Films, den er drehen will, auch nicht hinterm Berg.

"Vielleicht bin ich nicht berühmt genug, um einen eigenen Film zu machen. Vielleicht erreiche ich damit nichts und mir bleibt ein höheres Level des Erfolgs verwehrt", sagt er. "Vielleicht gibt es dieses höhere Level für mich auch gar nicht. Vielleicht geht es für mich einfach so weiter und irgendwann ist alles, was ich derzeit genieße, einfach vorbei. Manchmal denke ich darüber nach, mich zur Ruhe zu setzen, aber ich weiß genau, dass mir dann die Decke auf den Kopf fallen würde. Ich will kein endgültiges Ziel erreichen. Ich will aktiv bleiben und immer nach etwas Höherem streben. Ich will nicht ankommen."

Aber selbst wenn ihm größere Erfolge verwehrt bleiben, werden Steve-Os größte Fans ihm wohl immer die Treue halten. Er bedeutet ihnen nämlich mehr, als sie ihm. Er ist zu einer Art Sprachrohr für die Außenseiter geworden, die ihr Umfeld mit allen Mitteln erfreuen wollen. Steve-Os Publikum besteht vor allem aus Erwachsenen, die sich die Tage ihrer Jugend zurückwünschen, in denen sie sich nach der Schule im Park besoffen und sinnlos Bäume umgetreten haben. Erwachsene, die eigentlich ihre Fürze vor der Kamera anzünden wollen, stattdessen aber einem Routinejob nachgehen müssen. Steve-O lebt ihren Traum, denn er raucht immer noch Schamhaare und testet immer noch abgestandenen Urin auf Drogen. Diese Beständigkeit hat ihn vom blödelnden Schulfreund zum vertrauten Kumpel aus alten Tagen werden lassen. Und genau das ist gerade in der heutigen Zeit unglaublich beruhigend.